DIE ARBEIT

 UND DIE ALTERNATIVEN

 

Die immer neuen Arbeitslosen und endloses Palaver, das man um das sogenannte `Arbeitslosenproblem` masohistisch-vergnüglich veranstaltet, bringt es immer wieder knallhart ans Licht: weder die Gesellschaft im Allgemeinen, noch die Politik im Speziellen haben auch eine Spur von irgendwelchen - sichtbaren - Konzepten für die zukünftige Entwicklung. Dabei ist unsere Zukunft schon da; wir reden bereits seit Jahrzehnten quasi von nichts anderem als darüber, wie wir Alternativen und ein neues Denken benötigen.

Das sollte eigentlich kein Problem sein. Unsres Denken funktioniert prächtig und hat keine Schwierigkeiten, sich an die höheren Sphären anzupassen - unsere Erfolge auf dem Gebiet der Technologie sprechen Bände darüber. Dass das gleiche Denken in anderen Relationen keine solche Effizienz entwickelt, daran sind andere Faktoren beteiligt. Als Forscher ist man durch keine präventiv aufgestellte Regeln begrenzt, darf somit seiner Phantasie freien Lauf lassen. Mit dem Denken ist das nunmal so: erst nachdem die Phantasie etwas erfasst, das heisst aufgestellt hatte, beginnt das Denken seine Arbeit, mittels Logik die Orientierungssysteme zu entwickeln. Und das bedeutet, ein neues Denken kann nur dort entstehen, wo die Phantasie neue Räume erschlossen hatte. Die Phantasie der Forscher hatte uns die Welten der Quanten und der Relativität eröffnet (Heisenberg hatte diese Wege der Phantasie in der Suche nach der Gestalt des Atoms ganz toll beschrieben), darum entsteht jetzt in der Wissenschaft ein Denken, das die Welt abnehmend kausal und zunehmend komplex betrachtet.

Anders auf dem rein gesellschaftlichen Gebiet. Da hat schon ein Künstler, der sich in seinem Schaffen gegen die heiligen Kühe der Gesellschaft versündigt, absolut Null zu lachen. Und selbst jene Wissenschaftler und Geistesarbeiter, die auf dem rein gesellschaftlichen Gebiet forschen, und hier neue Ideen zu implizieren suchen, dürfen froh sein, wenn man sie deswegen nur auslacht. Man könnte hier eine Legion von Namen als Beispiele aufführen: von südafrikanischem Psychiater David Cooper, der die sogenannte Antipsychiatrie erfand, über den deutschen Richter Neskovic, der sich weigerte, Cannabiskonsumenten zu verfolgen, bis zum Fall des Bremer Soziologen Rüdiger Lautmann, der die Pädophilen in Schutz nahm... Sie alle würden als unseriös, ja, wie Lautmann, als beinahe kriminell abgestempelt, obwohl sie nur mit der Phantasie den Problemen der Gesellschaft beizukommen suchten. Man wundere sich also nicht, dass es uns zum Verrecken nicht gelingen will, neue Überlebensdynamismen zu konstruieren.

Auf den gestrigen, vorgestrigen ja zum Teil antiken Werten aufgebaute Denkkonstruktionen, die sich diese Gesellschaft in ihren Überlebenspraktiken bedient, erlauben nicht die geringste Abweichung von der vorgegebenen `Ideallinie` der Gesellschaft, verhindern somit jegliche Vorstösse in noch unbekannte Dimensionen, die wir anderseits suchen müssen, weil wir morgen nur noch dort überleben können. In unserer Ökonische eines emsigen Arbeitstieres, in der wir heute bereits nur mit Ach und Krach und mit Mühe und Not und Zeter und Mordio überleben, haben wir morgen Null Chance; da werden wir von den `Wesen` verdrängt, die auf diese Nische wesentlich besser angepasst sind als wir - gemeint sind unsere kybernetischen Apparaturen. Das ist kein schnödes Theorisieren, das ist der Lauf der Dinge!

Das Dilemma der Gesellschaft zwingt uns also geradezu, das Problem anders anzufassen. Anders heisst, mit keinen abgelutschten politischen Massnahmen. Die greifen nicht mehr, denn die Politik hatte sich leider nicht bemüht, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten, agiert darum immer noch mit den politischen Instrumenten des Industriezeitalters, also im Gestern. Wir brauchen jene gleiche, uneingeschränkte Phantasie, welche die Forscher bemühen dürfen. Damit könnten wir zunächst einmal versuchen, eine Ahnung der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung zu erhaschen.

Machen wir also einen Versuch, mit der Phantasie wenigstens den Ansatz eines Zugangs zu den neuen Räumen zu erschliessen. Um die Sache nicht unnötig zu komplizieren wählen wir nur ein Aspekt der Existenz aus. Wählen wir etwas wichtiges, bleiben wir bei der Arbeit, die mitsamt dem Horror der Überpopulation und der Umweltzerstörung ein von unseren schlimmsten Problemen darstellt. Versuchen wir sie sozusagen alternativ zu erfassen. Durch herkömmliche Optik gesehen war sie ein Garant der Existenz. In der Regel war es so, dass ohne Arbeit kein Auskommen war.

Schauen wir uns nun die Situation an, in der sich die Arbeit heute befindet. Da haben wir eine rekordverdächtige Arbeitslosigkeit, die, sowohl offen wie versteckt, immer höher wird. Dabei wächst anderseits die Produktivität (mit einer effizienteren Organisation der Verteilung könnten wir - theoretisch - bald die allerschlimmste Not aus der Welt schaffen). Warum immer wenige Arbeitskräfte immer höhere Produktivität aufweisen ist klar: Automatisation, CAD, CAM und Roboter sind daran `schuldig`. Das Problem der immer höheren Arbeitslosigkeit aber, das bleibt. Zwar können wir einen Teil der überflüssigen Arbeitskräfte zunächst in den Serviceberufen und im sogenannten `Umweltschutz` unterbringen, doch ist das freilich keine Lösung des Problems: sobald die Roboter den Gleichgewichtssinn finden und die interne Energieversorgung solcher Maschinen gelöst ist - und ein Durchbruch auf dem Gebiet ist sozusagen stündlich zu erwarten -, werden sie uns erfolgreich und rücksichtslos auch aus diesen Arbeitsnischen verdrängen. Die (produktive) Arbeitskraft Mensch ergibt als Konkurrenz zur Arbeitskraft Roboter eine äusserst lächerliche Figur - da ist der Mensch hoffnungslos unterlegen.

Was uns verbleibt wären die kreativen Berufe. Hier gibt es aber das Problem des Schutzes der Arbeit. Unsere Technologie erlaubt uns unbegrenztes Kopieren der Produkte in beinahe Originalqualität. Ob Filme, Bücher, Computerprogramme, CDs, oder Designerkreationen und Markenartikel - das Urheberrecht verliert durch die Hochtechnik jedenfalls seinen Sinn. Das bedeutet dann auch, dass solche Arbeit genauso ihren (bisherigen) Sinn (als Broterwerb) verliert.

(Hier ist es notwendig anzumerken, dass die Sinnlosigkeit des Urheberrechts kein Beinbruch bedeutet in einer Gesellschaft, die ohnehin früher oder später gezwungen sein wird, die Produktionsmittel als Allgemeineigentum zu betrachten.)

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Bereits aus diesen zwei Problemaspekten der Arbeit wird es deutlich: unsere technologische Entwicklung zwingt uns geradezu, die Arbeit aufzugeben; die Arbeit im überkommenen Sinn des Wortes - Arbeit als Broterwerb, als Überlebensgarant, als Mittel zum Zweck.

Diese Entwicklung ist in der Industrienationen bereits im Ansatz zu beobachten. Da sind die Arbeitskräfte, die schon von den Robotern verdrängt und `ausgemustert` wurden, auf die Erträge der ganzen Gesellschaft angewiesen: auf Sozialhilfe, Arbeitslosenunterstützung, Frührente. Hier entwickelt sich bereits auch eine neue Ethik, die schnell zu keiner besonderen Honorierung der Arbeit führen könnte: der (noch) Arbeitende, ist auf seinen (Arbeits)-Platz (in der Gesellschaft) stolz, und zwar nicht nur, weil er mehr Geld hat, sondern, und zunehmend mehr, auf seine aktive Funktion in der Gesellschaft, in der die Arbeit nicht mehr so selbstverständlich ist. Würde man noch die verbliebene Arbeit weiter gerechter verteilen (durch die Verkürzung der Arbeitszeit zum Beispiel) so hätte man bereits eine `Ehre-statt-Geld`-Basis, auf der sich eine zukünftige, klassenlose, multilaterale Gesellschaft wohlfeil entwickeln könnte.

So lange die Gesellschaft nicht genug für alle hatte, so war es klugerweise ratsam, wenn der Einzelne danach strebte, möglich viel zu besitzen. Sobald es aber der Gesellschaft gelingt, für alle genug bereitzustellen (und dieser Zustand wäre mit der Automatisation der Arbeit, sowie Kreation einer klugen Populationspolitik immer wahrscheinlicher), so wäre das Streben nach dem persönlichen Besitz nicht nur unnotwendig, sondern sogar als ein Anzeichen der Rückständigkeit deutbar, als eine Schrulle jedenfalls.

Nun ist die Arbeit in ihrem überkommenen Sinn aber noch mehr gewesen. Sie war schlichtweg der Sinn des Lebens. Besonders gerne blickte man auf ein arbeitsreiches Leben zurück, denn in unserer bisherigen Existenz hatte so ein Leben den grössten Sinn.

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In neuen Dimensionen verliert die Arbeit auch diese Bedeutung. Die Arbeit, die wir bisher kannten - und somit nicht minder ihr Sinn -, ist für uns Vergangenheit. Die neuen Sklaven, über welche die Menschheit zunehmend verfügt, werden nämlich Allgemeineigentum werden müssen und für alle Arbeiten. Die multilaterale Gesellschaft, die im Schutz der aufkeimenden Noosphäre entsteht, tritt eindeutig das Erbe der ganzen Menschheit an. Da stecken genauso die Früchte der Arbeit der europäischen Denker und der amerikanischen Erfinder drin, wie der Fleiss der japanischen Arbeiter, Blut, Schweiss und Tränen der einstigen Sklaven und die Reichtümer der Kolonien. Die ganze Menschheit baute an der Noosphäre, also gehört sie auch der ganzen Menschheit. (Und gerade aus diesem Grund des Allgemeineigentums wird es unmöglich dieses Erbe zu verwalten, solange es nicht allen gehört; das darf man ruhig als eine Warnung auffassen.) Das bedeutet, dass in irgendeiner näher oder ferner, auf jedem Fall aber einer sehr baldigen Zukunft, kein Mensch mehr produktiv arbeiten wird - eine absolute Sinnlosigkeit des Lebens kündigt sich hier an. Das ist eine Gefahr, die man eigentlich weitaus höher als alle anderen einschätzen sollte.

Das heisst, als Resümee und alternativ gedacht: es geht nicht darum, sich um jeden Preis neue Arbeitsplätze ausdenken und die Menschen auch weiterhin auf die Arbeit im überkommenen Sinn zu fixieren. Die produktive Arbeit ist passe, weil sie sinnlos geworden ist, weil uns die Roboter hier in jeder Beziehung haushoch überlegen sind; darum verlieren auch unsere Existenzen langsam jeglichen Sinn. (Gier, Aggressionen und Chaos haben durchwegs auch in dieser Sinnlosigkeit ihre Wurzeln!) Um eine neue `Beschäftigung`, einen neuen Sinn des Lebens zu finden, das ist die - alternative - (Übergangs)Arbeit, mit der sich der Mensch nun zunehmend abgeben muss.

Das ist dann auch bereits ungefähr die Formel für ein `alternatives Denken`: es geht nicht darum, sich neue Anwendungsmöglichkeiten des Alten auszudenken, sondern das Alte allmählich auszumustern und durch zweckmässigere Konstruktionen zu ersetzen.

Um das aber zu erreichen benötigen wir viel Phantasie. Jene gleiche Phantasie, die unsere Forscher angewendet hatten, um uns die Unfassbarkeiten zu erschliessen, die uns diese unfassbare Probleme beschert haben. Das heisst aber auch, dass wir, um diese Phantasie überhaupt entwickeln zu können, die gleichen geistigen Voraussetzungen brauchen, wie sie auch die Forscher haben - eine absolute Gedankenfreiheit.

Hinter dieser Ausführung verbergen sich einige Konsequenzen. Die sind wohl unumgänglich. Die bange Frage bezüglich dieser Konsequenzen betrifft nun unsere Vernunft und unsere Herzen, unsere Klugheit und unseren Mut. Aber wenigstens auf diesem Feld sollen wir unseren Robotern überlegen sein.

 

 

 

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