Lindbergh und Messner

Auch Lindbergh war ein Überwinder der Schwere, auch er brachte eine Übertat zustande, doch gehört diese noch eindeutig in die Kategorie Homo Sapiens Sapiens. Seine Grosstat war nur eine Tat der Technik, die sich gerade begab, Übertechnik zu werden. Ohne seines Flugzeugs hätte Lindbergh nicht viel ausrichten können. Einzig, was er eigentlich tat, war, sich eine lange Zeitspanne wach zu halten. Aber das ist kein Kunsstück! Den Schlaf zu besiegen, das verstand man bereits in der Antike. Schon Gilgamesh beherrschte im Ansatz die Technik.

Messner stellte jedoch ganz willkürlich die Organismusfunktionen um, bezweckte somit wohl die erste vollwertig übermenschliche Tat der Geschichte.

DER ÜBERWINDER DER SCHWERE

 oder

Wer die Nemesis flachlegt

Um Neuland zu entdecken ist es notwendig, sich auch seelisch in die Dimensionen zu begeben, wo man von (fast) keiner menschlichen Regung erreicht werden kann. Der Geist ist ein seltsamer Reisender und erträgt keinen Ballast, weil er schweben möchte und zum höheren Sphären strebt. Je weniger Ballast, um so höher, erhöhter, der Geist, um so näher an die nächste Dimension, an der Zukunft...

Das darf man dann als boden- und sonstwie ständiger Mensch auch `heiliger Wahn` nennen. Doch solche Wertung ist nur unten, am Boden, wichtig: in der gegebenen Dimension ist das absolut belanglos.

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Der Nachfolger des alten Sapiens wird sich der genetischen Vorgaben so gut es eben geht, befreien müssen, befreien wird, da sie nicht mehr rein zum Überleben notwendig sind, und anderseits ein jedes Höheres nur auf der Basis des aufgegebenen Niedrigen möglich ist. Darum wird dieser neue Mensch ein superiores Wesen werden.

Natürlich erscheint die Behauptung, man könnte sich einmal genetischen Vorgaben entziehen, an sich lächerlich, doch das war/ist (schon) immer (noch) das Kreuz mit dem Menschsein. Hätte man nämlich dem Ururmenschen, dem angehenden Erectus, klar zu machen versuchen, dass man sich durch eine Zunahme an Gehirnsubstanz etwas vorstellen kann, was es noch nicht gibt, und es dann nach jener Vorstellung auch zu erschaffen vermag, hätte sich jener Lauser nur uninteressiert am Hintern gekratzt, weil er es ohnehin nie begriffen hätte. Die gleiche geistige Barriere trennt den Sapiens von der Vorstellung, ein biologisches Wesen kann dermassen radikal die Nabelschnur trennen, die ihn mit der Mutter Natur verbindet. Dieses Unvermögen ist die gleiche wie beim Urmensch: man begreift die Notwendigkeit des Schrittes nicht.

Die ganze Bewegung strebt zum höheren, komplexeren, autarkeren. Klar war bisher die Sache rein von der Natur gesteuert, darum war die Notwendigkeit der genetischen Steuerung ebenso unleugbar, wie die einer gesellschaftlichen Lenkung. Doch wir befinden uns nun an der Schwelle, wo die Schöpfung bereit wird, die ersten Phänomene in eine absolute Autarkie von sich zu entlassen: die Kybernetik befindet sich eindeutig an der Schwelle der Verselbständigung, und da ihr rein artifizielle Konstruktion zugrunde liegt, so hat sie mit der bisherigen Schöpfung nur die Geburtslokation sowie Funktionen, die notgedrungen die bisherige Schöpfung imitieren, sonst aber überhaupt nichts mehr gemeinsam.

Und will nun der Mensch die Sache noch unter Kontrolle behalten, so wird er sich mit der Welt selbst wandeln müssen: da die Neue Welt selbst über den biologischen Vorgaben entsteht, so wird der Mensch selbst die biologischen Verbindungen kappen müssen (wenigstens die der rein geistigen Art), um überhaupt einen Zutritt zu ihr und eine Zuflucht darin zu finden.

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Beschäftigen wir uns hier kurz mit dem Mut zum Risiko

Warum hatten Juden trotz aller Unbill und Pogrome dermassen viele geistige, soziale und politische Revolutionäre? Warum sind sie so vorzügliche Künstler und Denker und Wissenschaftler gewesen? Und warum haben sie seitdem sie in der relativen Sicherheit ihrer Kibbuzen leben nur einen Ephraim Kishon und Eis am Stiel und sonst nur Hagana und Mossad und Terror der politischen Zwänge hervorgebracht?

Nur der Tod ist sicher! heisst es, das kann man (eben anhand des obigen Beispieles) auch im umgekehrten Sinn auslegen und Sicherheit als tödlich erkennen. Vor allem für den Geist, der nur durch Abenteuer (= Risiko) zu seiner vollen Entfaltung und Effizienz kommt. Mit anderen Worten, solange die Juden um das nackte Leben nachgrübeln müssten, arbeiteten ihre Hirne mit der grösstmöglichen Effizienz. Seitdem ihre Leben aber fett und faul und behaglich wie Gottes Manna geworden sind, so sind auch ihre Hirne faul und behaglich und amerikanisch (= des höheren Denkens unfähig) geworden.

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Abenteuer ist ein aussergewöhnliches, vielfach erregendes Erlebnis, das durchaus mit Wagnis verbunden ist. Wagnis ist jenes Risiko, die dem Geist bei seiner Entfaltung strukturell behilflich ist. Aussergewöhnlich bedeutet etwas, was noch nicht erlebt war, also keine Realität besitzt, also nur mit Phantasie zu ergründen ist.

Am praktischen Beispiel ist das besser einsehbar:

Als sich Reinhold Messner, den man cool als schöpferischer, genialer Bergsteiger-Künstler bezeichnen muss (und als solchen als eine Brücke zum Neuen, höheren Menschen!), seine denkwürdigen Achttausender-Besteigungen ohne Sauerstoff wagte, spielte er den Vorgang zunächst in seiner Phantasie abertausende Male durch – musste er, sonst war der Vorgang nicht zu planen. Und da er dabei über die Dinge nachdenken müsste, über die kein Mensch vor ihm nachgedacht hatte, so befand er sich auf einem geistigen Neuland – er entwickelte somit das Denken, dieses absolute Instrument des höheren Individuums. Und da er diese neue Gedanken ausschliesslich um das Durchkalkullieren von Risiko kreieren musste, wird sowohl die aussergewöhnliche Rolle des Risikos im Denken klar gegeben, wie auch der Antwort auf der Frage gefunden, warum der Mensch zum Hypermoron wurde. Das eine bedingte das Andere und umgekehrt. Weil er sich durch sein Denken auf das Neuland begab, wurde der Mensch zum Aussenseiter der Natur und je mehr er zum Aussenseiter wurde um so weiter ins Neuland musste er vordringen. Diese Gleichung ergibt sich aus Lamarcks Postulat der Anpassung an die Umwelt, wobei sich diese Anpassung progressiv von der natürlichen entfernen musste, da auch die Umwelt des göttlichen Hypermorons und hartnäckigen Widersacher der Nemesis, eben unter dem Einfluss, unter dem Zwang der schlauen, lückenlosen Anpassung, immer künstlicher und der Natur besser angepasst wurde. Dann wurde sie sogar so gut angepasst, dass sie, diese künstliche Natur, nach und nach besser (= funktioneller, perfekter) wurde als das Vorbild.

Man wagte sich also so weit vor, dass die Natur infolge ihrer Begrenztheit (ihrer Mickrigkeit, ihrer Schäbigkeit sozusagen) bald nicht mehr ausreichte und durch eine künstliche und daher endlose, sozusagen ewig lange, Schöpfung ersetzt werden musste.

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Hierbei auch etwas absolut erfreuliches und erbauliches:

Ein kleines Abfallprodukt dieser Umwandlung ist die Autarkie von der Nemesis. Die wohl attraktivste und aufregendste Göttin war bereits in ihrer Urdomäne, in der natürlichen Schöpfung, durch kluge Züge zu narren - immerhin ist sie eine Frau (und eine Blondine zudem! und nicht zufällig nahm sie gerne die Gestalt einer Gans an!). Odysseus narrte sie sozusagen an laufendem Band. Etwa als er seinen Mitfahrern die Ohren mit dem Wachs verstopft und sich selbst auf den Mast binden lässt, um dem Gesang der Sirenen zu lauschen. In der Kybernetik nun wird sie ja absolut nichts zu sagen haben, weil ihr weder die Strukturen noch die Funktionsweise noch die Gepflogenheiten noch sonstwas in der künstlichen Welt geläufig sind. Die höhere Welt ist ihr ein Irrgarten, schlimmer als Labyrinth und ein Buch mit siebenundsiebzig Siegeln.

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Am Beispiel Messner bietet sich hier noch eine gute Gelegenheit, auf die bereits angesprochene Befreiung vom genetischen Diktat näher einzugehen. Zunächst erscheint es nur aberwitzig, auch im Traum darauf zu hoffen, ein Meister und Gebieter seiner Gene und Triebe zu werden, doch ist die Sache an sich und im obigen Sinn Lamarcks` wesentlich simpler. Die Auswirkung der Gene ergibt die Physiologie des Wesen, und diese ist wie hinreichend bekannt nach belieben zu manipulieren. Man kann sie entweder von aussen beeinflussen, indem man dem Stoffwechsel bestimmte Substanzen zuführt, oder (besser, da wirklich autark) von innen, indem man die genetischen Vorgaben rein willentlich überbrückt, kurzschliesst.

So liefen alle früheren Besteigungen der Himalaya-Riesen ausschliesslich unter Sauerstoffmasken; niemad kam auf die hybride Idee, sich gegen Gott/Natur zu versündigen, die Nemesis auf so schreckliche Weise herausfordern und über eine gewisse Grenzhöhe ohne Sauerstoff vordringen zu wollen, weil man zuverläsig wusste, was für Strafe solche Anmassung nach sich zieht: den Tod – die schöne und bleiche Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit ist unerbittlich.

Nun überlegt sich Messner im Ernst, ob man die magische Grenze eines Achttausenders doch noch ohne mitgeführten Sauerstoff überwinden könnte. Natürlich ist er sich des Risiko bewusst, und doch ist es der Wille des anmassenden Hypermorons stärker als die Vorgaben der Natur: irgendwann einmal ist es dann so weit: der Wille setzt sich gegen die Grenzen des Organischen und der Biologie, schiebt sie weiter weg oder achtlos beiseite, auf die Phantasie und Plan folgt nun die Tat... Und da die Tat geistig exzellent begründet war, so musste sich Nemesis geschlagen geben. So veränderten schliesslich und in der Konsequenz Messners Schritte die Menschheit an sich: heute trauen sich bereits turnschuhbewährten Trecking-Touris ohne Sauerstoffmasken zu den höchsten Gipfeln hinauf! – Messner hatte in der Tat die Menschheit verändert.

Und eben auf solche Weise wird es irgendwann einmal so weit sein, dass der Mensch seine eigene Genetik lückenlos im Schach halten wird.

Nun wird dieser dann nicht mehr `Mensch` heissen.

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Natürlich wird sich ein sozial geratener Mensch nie Gedanken über neue Überlebenstechniken machen. Wozu auch? Er ist ja in die bestehenden Strukturen derart gut eingebunden, dass es geradezu eine unverzeihliche Eselei wäre, würde er versuchen, diese Strukturen zu ändern. Darum ist bei solchen Menschen geradezu das Gegenteil zu beobachten: sie haben sogar Angst, ihre Überlebenstechniken an die veränderten Situationen anzupassen.

Diejenigen aber, die eine andere Lebensperspektive `erwischt` haben, darum die Existenz als mangelhaft und unvollkommen empfinden, die müssen geradezu die Gesellschaft beständig zum Wandeln zwingen. So kommt es dazu, dass unter diesem Druck auch jene Normalen gezwungen sind, ihre Techniken ständig neu anzupassen (auch das geschieht infolge Lamarcks Postulat der Anpassung an die Umwelt). Und das ist gut so, denn würden alle mit den Strukturen zufrieden sein, so würde man ewig an den, einst wegen ihrer blendenden Funktionalität festgesetzten Strukturen kleben bleiben, womit man eine retardierende, unter Umständen sogar tödliche Bewegung installieren würde.

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Ein Keim des Höheren geht nie im guten, gelungenen, durchsetzungsfähigen Biotop auf. Die Problemlosigkeit solches Biotops bedingt seine strenge Kontinuität. Erfolg ist nicht nur nachahmenswert, sondern auch extrem stur und starr (und darum auch intolerant! – Erfolg ist Faschismus an sich). Das meint, dass die Abweichungen in solchem Biotop innerhalb äusserst strengen Toleranzwerte liegen: sie sind minimal.

Das Höhere ist darum ein Resultat der Polarisation und Extremen. Die Götter sind, vor allem wo sie sich als schöpferisch (= [auch]zerstörerisch) betätigen, drastische, radikale - ja schreckliche! - Gestalten mit einem unglaublichen Aktionsradius – Drastik ist ohne Zweifel eine extrem breitgefächerte Palette innerhalb des Aktionsradius (= der Spezialisation) des jeweiligen Gottes.

Diese Ansicht der Götter ergibt sich schon aus ihrer Rolle. Sie müssen drastisch (= aussergewöhnlich) sein. Wären sie es nicht, wären sie einfach gewöhnlich, so wären sie keine Götter, sondern blosse Menschen.

In die Praxis übertragen: nicht der gelungene Mensch kann eine Anpassung an das Höhere vornehmen – er kann das überhaupt nicht, weil er keine Anlagen dafür besitzt; man darf behaupten, er ist ein extrem gelungenes Tier, eben aber darum einer Identifikation mit Höherem unfähig. Er versteht weder die Sache, noch die Notwendigkeit dieses Schrittes (wozu auch! ihm geht es gut!), noch wüsste er, wie er so was anstellen sollte; er ist ja nur der Nährboden der Entwicklung, sonst nichts, er trägt keinen Keim in sich, er hat keine Ideen, er ist die (bestialische) Routine an sich.

Das heisst auch: je gelungener eine Gesellschaft, um so enger ihre Toleranzwerte, um so brutaler ihre Intoleranz gegenüber allem Misslungenen. So wird sie ihre Aussenseiter radikal behandeln, was sie zu drastischen Persönlichkeiten machen wird, die zu drastischen Taten bereit sein werden.

 

 

 

 

 

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