E R S T E S  B U C H  /  DIE VERBRECHEN DES DON JUANS

T E I L   I   /   D A S  A C T I O N - T E A M

 

KAPITEL  1

ALBERGO DEL ELEFANTE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11. Das antike Relais

12. Die Reisegesellschaften

13. Die Privatreisenden

14. Don Juan

15. Der gute Rat

16. Die Abreise

 

 

 

11. DAS ANTIKE RELAIS

 

Wieder einmal fand im Winter davor der allwinterliche Skirummel wegen des Schneemangels nicht statt. Die Wintersportorte registrierten wiederholt `die herbeste Saison seit Methusalem` (wie das ihr Sprecher sagte). Mancher Schlauberger unter den Wissis behauptete, die Berge wollten sich einfach regenerieren, darum lassen sie mittels ihrer Immunsysteme keinen Schneefall zu. Damit sollte der schändliche Parasit Ski-Laffe und sein Häschen sozusagen `trockengelegt` werden. Die besonders boshaften Wissis meinten sogar, wenn es sein muss werden die Berge diese Rosskur so lange fortsetzen, bis die Menschheit auf eine vernünftige, den Gebirgen zuträgliche, Anzahl schrumpfte, oder bis sie das Skifahren verlernte.

Im Jahr 2030 aber kam es dann im Sommer, es war gerade Ende August, Anfang September, zu einem saumäßigen Wettersturz. Besonders in den Alpen schneite es fürchterlich. Übrigens waren die Schneefälle damals etwas einzigartig spektakuläres, weil der Schnee von den, in die Atmosphäre eingelagerten Chemikalien und Giftstoffen, rosarot, knallgelb, hellgrün oder schimmerndblau wurde. Die todkranke Welt präsentierte sich in Form eines Märchens und einer Phantasie; möglicherweise wollte sie mit diesen übermutigen Farben nur den Menschen zeigen, was sie an ihr verlieren.

Und unter jenen ungeheuren Schneemassen wurden in einem vergessenen Albergo auf der italienischen Seite des Mt. Cenis die Passagiere dreier Antigravdiligencen - zweier Linienkutschen und einer Privatmaschine - buchstäblich begraben.

Der Albergo war eigentlich nur ein antikes Relais. Begründet zu der Zeit des Hannibals Alpenüberquerung lag es während der ganzen Periode des Auto-Massentourismus in seiner Abgeschiedenheit unbenutzt herum; der Verkehr lief damals ausschließlich über die gut ausgebauten Autobahnen, und dort gab es glas- und chromblitzende Motels mit allem erdenklichen Komfort. Mit dem Zusammenbruch der Zivilisation und mit Aufkommen der Antigravfahrzeuge aber, wurde das Relais auf einem der höchsten Alpenpässe wieder in Betrieb genommen, weil einige LEDs, wie man die Langstrecken-Express-Diligencen abgekürzt nannte, die keine Straßen brauchten, in seiner Nähe den direkten Weg über die Alpen nahmen. Bei der Notwendigkeit nutzten diese Linien die alte Absteige als einigermaßen bequeme Raststation.

Solche Antigravitationfahrzeuge, man nannte sie salopp Antigravs, baute man seit es den Ingenieuren des GUTEN STERNS die Konstruktion der Antigravitationsmagnete gelang, also seit gut Dutzend Jahren. Sobald man den Trick raus hatte, explodierte der Bau von solchen Fahrzeugen noch viel schlimmer, als der Autobau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In nur fünf Jahren gelang es der Menschheit das Auto total zu vergessen, denn alle stiegen auf Antigrav um, und das Auto wurde zum Relikt der Nostalgie und ein Kultobjekt der Off-Road-Fanatiker.

Das war kein Wunder, denn die Antigravs waren überaus praktisch, da sie überhaupt keine Verkehrswege brauchten. Einzig waren sie in einer Hinsicht noch viel schlimmer als die Autos, denn ihre Antigrav-Magnete hatten einen horrenden Energieverbrauch. Trotzdem baute man sie immer größer. Manche Liniendiligencen etwa waren wahre Monster von neunzig Meter Länge, fünfundzwanzig Meter breit, und in der Regel mit drei Decks, wovon das Mitteldeck den Passagieren vorbehalten war. Im Unterdeck beförderten die Fahrzeuge das Frachtgut und am oberen, offenen Deck, die Privatfahrzeuge der Passagiere.

Obwohl sich diese Linien mit dem stolzen Attribut `Express` schmückten, waren sie keinesfalls übermäßig schnell, denn die Antigrav-Apparatur verbrauchte den Großteil der Leistung der mächtigen Allesfressermotoren, so daß der Rest gerade noch ausreichte, diese Monsterfahrzeuge auf knapp sechzig Stundenkilometer zu beschleunigen. So brauchte man auf der längsten europäischen Linie, die von St. Petersburg über Moskau, Berlin und Paris nach Lisabon führte, gut vier Tage, auf der längsten interkontinentalen Verbindung, von London nach Peking, knappe zwei Wochen.

Wie gesagt war das Relais nur eine einigermaßen bequeme Reisestation. Zwar war es notdürftig mit den so genannten Segnungen der Hochzivilisation ausgerüstet, verfügte also sowohl über den Supraleitertransformator, der es mit dem Strom aus den Atomkraftwerken versorgte, die BIG BLUE und GUTER STERN gemeinsam in den Wüsten Sibiriens betrieben, wie auch über alle standarisierte Satelliten-Anschlüsse für Kommunikation. Das Gebäude selbst erinnerte jedoch eher an eine riesige Kate aus Stein. Es war niedrig und länglich, gut hundert mal vierzig Meter, mit engen, kleinen Fensteröffnungen in der Bodennähe, was bedeutete, daß die Räume unter der Erde lagen.

Eigentlich bestand die Anlage aus einem einzigen Raum. Hannibals Pioniere hatten sie vor beinahe zweieinhalbtausend Jahren als Elefantenstall gebaut, damit die grossen Kampftiere nach dem beschwerlichen Aufstieg zum Alpenpass in bequemen Stall rasten können, bevor sie sich bergab nach Piemont und in schwere Schlachten begeben. Davon trug das Establishment seinen unalpinen Namen. In der Candlelight-Bar der Absteige gab es in einer Glasvitrine einen Elefantenhaufen zu sehen; einen abnormen Brocken von versteinertem Kot, den angeblich einer von Hannibals Elefanten fallen ließ. Das Schaustück galt als Markenzeichen des Hauses und stellte den Albergo und das, was man darin erwarten durfte, ziemlich perfekt dar.

Betrat man durch das überdimensionierte Tor an der Stirnseite den Raum, sah man in der Mitte des riesigen Saales einen massiven, gut sechzig Meter langen Tisch, der allen Gästen des Relais gleichzeitig Platz zum Essen bot. Links des Einganges wurde gekocht, während die gegenüberliegende Seite eine lange Reihe offener Kabinen bot: Latrinen und Duschen. An den beiden Längsseiten gab es Schlafpritschen.

Man kochte also, aß, schlief, badete und verrichtete die Notdurft in einem einzigen Raum und beinahe vor aller Augen - sowohl jene Kabinen wie die Schlafpritschen konnten nur durch Vorhänge aus Kunststoff ein bißchen Privatatmosphäre gewährleisten. Selbst die Familie des Wirtes lebte in der Ecke rechts des Eingangs mit den Gästen zusammen. Außer dem Wirt gab es noch seine ungeheuer fette, flußpferdartig aussehende Frau, zwei schwachsinnige Söhne und eine zehnjährige Hure von Tochter, die es wahrhaft zu bunt mit den Gästen trieb. Der kleine Satansbraten pflegte sich nämlich nachts zu irgendeinem ahnungslosen und schlafenden Gast unter die Bettdecke zu verkriechen, und sich dort von ihren Eltern finden zu lassen. Dann gab es schrecklichen Zeter und Mordio in der Absteige, und kein Gast fand eher Schlaf, bis mindestens ein Goldecu in die Taschen des Wirtes wanderte und die Ehre seines `kleinen Lieblings` wiederherstellte.

Bedenke man noch die fast ausnahmslos weiblichen Bediensteten, die sich in ihrer Freizeit meist unter dem großen Tisch aufhielten, wo sie auch schliefen, so bekommt man eine ziemlich getreue Vorstellung von dem Albergo.

Raue Zustände waren das, doch das störte niemanden, keiner der Gäste nahm einen Anstoß daran. Zu der Zeit hatten sich alle bereits angewöhnt, die Ansprüche ans Leben sehr niedrig zu halten.

 

 

 

 

 

 

12. DIE REISEGESELLSCHAFTEN

 

Eine Diligence kam vom London. Außer einem CNN-Team und einigen Buisnissmen brachte sie auch einen üblen Haufen belgischer Neonazis mit, 90 stramme Söldner in voller Kampfausrüstung, die zu irgendeiner Front im Nahen Osten aufgebrochen waren. Sie wurden von einem Sechzehnjährigen befehligt. Der war Sohn eines War-Lords, hatte bereits den Rang eines Oberstleutnants und hielte seine Männer in der strengsten Zucht: trotz des Unwetters exerzierte er jeden Tag mit ihnen mindestens zehn Stunden lang im wilden Schneegestöber und übermannshohen Schneewehen. Manchmal veranstalteten sie in der Schlucht hinterm Albergo ihre Schießübungen und ballerten wie wild. Als Echo auf ihre Schießerei hörte man das apokalyptische Brüllen der bunten Schneemassen, die in Form von tödlichen aber äußerst ästhetischen Lawinen in die idyllischen, schneeeingebetteten Täler hinabstürzten.

Die Jungs vom Fernsehen waren die lustigsten Gäste im Albergo. Am liebsten berichteten sie von den Gesellschaftsskandalen. Außer dem Reporter, der pausenlos recherchierte und darum mit allen im Albergo zechte, gehörte auch ein Kameramann zum Team. Der war ein derb-vorlauter, möchtegerne witziger Bursche, der von falscher Liebenswürdigkeit triefte und hinter den Rücken der anderen gerne über sie spottete. Dieser Schwerenöter und große Maxe war stets von einer unerträglich guten Laune und man sah ihm herumlungern, immer mit dem gleichen, frechen Liedchen an den Lippen, einem Popsong aus dem vorigen Jahrhundert:

          Elstree! Remember me!
          Now I am working for the BBC...

Weiter war noch ein Tonmann mit von der Partie, der sich unter den Söldner beliebt machte, weil er ihre Waffenelektronik durchcheckte und in Ordnung brachte, sowie ein `Mädchen für alles`, wobei dieses `alles` durchaus wortwörtlich zu verstehen war: das kleine, blasse, rachitische und armselige Ding umsorgte tagsüber das Team und nachts stand es, besser gesagt lag es, breitbeinig oder mit dem aufgerissenen Mund allen drei Männer zur Verfügung - die ganze Nacht durch hörte man sein penetrantes Liebesgestöhne; man fragte sich unwillkürlich, wann diese Miniaturschlampe überhaupt zu Ruhe kam. Der Kameramann nannte sie unverblümt `Floh`, und in der Tat hatte sie etwas von einem Ungeziefer an sich.

Die Buisnissmen ackerten auf ihren Arcos bis zu sechzehn Stunden täglich und standen unter enormen Stress, dem sie dadurch zu entgehen suchten, indem sie die Arbeit und Spaß geschickt miteinander verbanden. Sie schufteten nämlich ausschließlich in der Candlelight-Bar, zechten dort wüst und amüsierten sich ausgelassen mit den anwesenden Frauenzimmern, vor allem mit den jüngeren weiblichen Bediensteten des Albergo, die hier eine hübsche Gelegenheit bekamen, sich etwas dazuverdienen, und den Hostessen der Diligencen, die einem kleinen Nebenverdienst auch nicht abgeneigt waren.

Auch die Privatkutsche kam aus dem Norden. Sie brachte einen hohen Politioso mit. Der war wirklich eine majestätische Persönlichkeit in seiner Berufsuniform aus Frack und Zylinder, die neuerdings unter den Politiosi wieder in Mode kamen; mit solcher Kleidung suchten die Politiosi bei dem Publikum einen Eindruck von Seriosität zu schinden.

Der Politioso war von seiner, ausschließlich weiblichen Begleitung umsorgt. Außer drei berufsmäßigen Geliebten gab es da noch zwei Sekretärinnen, die notfalls auch als Konkubinen dienten, denn der Politioso hatte einen enormen Frauenverschleiß - Macht macht potent! pflegte er zu prahlen -, sowie zehn schwer bewaffneten Leibwächterinnen, die auch der Reihe nach die Schlafpritsche mit ihm teilten.

Die Politbagage hielte sich für etwas Besonderes und Besseres und meistens abseits. Mit den übrigen Gästen wollten sie nichts zu tun haben; selbst das Essen nahmen sie am Ende des langen Tisches ein, durch einige leere Stühle von den anderen getrennt. Der CNN-Reporter wusste freilich bestens Bescheid über den Spitzenpolitioso. Der hieß Dr. Kutzmutz, was freilich denkbar ungeeigneter Name für einen Berufsbetrüger war. Und dieser Dr. Kutzmutz war bei seiner Partei in Deutschland endgültig in Ungnade gefallen; darauf brannte er mit der geheimen Portokasse der Partei durch und befand sich gerade unterwegs nach Afrika, wo ihm von einem skurrilen Staat am unteren Sambesi der Präsidentenposten angeboten wurde.

Das war nämlich so, daß sich die, am laufenden Band neu entstandenen Staaten in der 3. Welt, gerne die Politiosi aus den großen Demokratien als Herrscher mit Diktatorvollmacht holten. Man hoffte dort, diese Profis können jede Staatskrise schnell und gründlich sanieren, doch die arbeiteten nur für sich und versauten endgültig das Land, das sie zwecks Rettung holte. Dr. Kutzmutz hatte also die typische Karriere eines modernen Macht-Managers gemacht.

Die zweite Liniendiligence kam aus Mailand und hatte Paris als Ziel. Sie hatte nur wenige Passagiere, doch war das nicht weniger bunt zusammen gewürfelter Haufen. In der ersten Klasse fuhr unter anderen als Mittelpunkt einer Fünfergesellschaft Signora Laura mit, eine leibhaftige venezianische Kurtisane. Sie war bereits gut über zwanzig, bereits etwas näher an dreißig, um Wahrheit zu sagen, also eigentlich jenseits der Grenze erfolgreicher Huren, erzielte aber dank ihrer großen Erfahrung dennoch ansehnliche Preise für ihre Dienstbereitschaft. Sie fuhr mit einem ganzen Stab zusammen, den sich ein modernes Sidschi (Abkürzung von Callgirl, CG, übliche Bimbo-Bezeichnung für erfolgreiche Hure) einfach leisten musste, um überhaupt als seriös zu gelten. Als ihre Managerin fungierte ihre Mutter, Pressesprecherin und Werbeberaterin war ihre Tante, und ihre zerbrechliche Großmutter diente ihr als Schneiderin, Kosmetikerin, Masseuse und Zofe. Sie alle waren ihrerzeit selbst erfolgreiche Huren, die sich aber schon vor Jahren aus dem aktiven Dienst zurückgezogen hatten und höchstens noch am Greisinnen-Strich von Venedig einen Freier fanden. Der Reporter wußte zu berichten, Signora Lauras Mutter diente in den 90-er Jahren letzten Jahrhunderts als achtjähriges Kind den Gelüsten des damaligen Papstes.

Signora Laura hatte auch ihre Tochter Maddalena mit. Die war ein feingliedriges, dunkelblasses Ding von cherubinischer Schönheit, mit großen, flammenddunklen Augen und Gesichtszügen aus mattrosa Alabaster. Sie war noch nicht zehn und ihr Körper verlor soeben die rein kindliche Formen um sich in jene knabenhafte Jungfräulichkeit zu verwandeln, die so viele pädophil veranlagte Männer rasend vor Begierde mache. Ihr war die gleiche Laufbahn vorbestimmt, die ihre Mutter und Omas und Tante, und wohl auch alle andere weibliche Mitglieder ihrer Familie seit unzähligen Generationen einschlugen. Eben aus diesem Grund wurde sie nun von der Mutter nordwärts geschleppt. Es war nämlich allgemein bekannt, daß in den, immer noch schweinisch reichen transalpinen Gefilden, die Preise für eine primanotte, besonders wenn es sich um ein Début-Auftritt einer angehenden Hure handelte, um ein Vielfaches die Summen übertrafen, die man für den Akt im Süden erzielen konnte. Jedenfalls hüteten die alten Huren den Nachwuchs wie wahre Drachen und sie ließen keine männliche Gestalt in die Nähe des Kindes.

In der ersten Klasse der gleichen Kutsche reisten noch zwei Padres und zwei Privatreisenden mit.

Die Padres schwiegen schon während der Fahrt und auch im Albergo gingen sie allen aus dem Weg. Sie saßen meist in der dunkelsten Ecke der Candlelight-Bar ohne etwas zu konsumieren, und nur bei den Mahlzeiten ließen sie sich am Tisch sehen. In ihren modernen Klerikerornaten sahen sie beinahe aus wie die Mitglieder des seriösen Sgt Peppers Lonely Hards Clubs aus - jedenfalls schienen die popigroten Klamotten der Pfaffen dem gleichen Designer zu entstammen, der auch die Clubuniformen kreierte.

(Sgt Peppers Lonely Hards Club war, übrigens, eine Bewegung der Multi-Jugend, die es auf höhere Lebensformen abgesehen hatte. Sie pflegten absolute Individualität, was mit jenem `lonely hards` ausgedrückt wurde, doch zu ihrem gemeinsamen Festivals zogen sie phantastische Uniformen an, die sie sich dann bei der Schlussveranstaltung von dem Leib zerrten und nackt einer riesigen Massenorgie hergaben.)

Die beiden bemühten sich, den Eindruck zu erwecken, sie wären Legaten, die mit einer Botschaft an den Nördlichen Papst unterwegs nach Island seien, doch verriet das Gesicht des Älteren jedem Menschen- und Lebenskenner, daß er sich auf seinem Lebensweg einzig von dumpfen Trieben und quälenden Begierden hin und her stießen ließ. Sein blutjunger, ernsthafter Begleiter, schien ihm treu ergeben zu sein. Der Reporter behauptete, sie wären mitnichten päpstliche Emissäre. Wer schicke heute noch, in unserer Zeit der interdirekten Kommunikation, irgendwelche Botschafter weg?! fragte er und gab sich sofort selbst die Antwort: selbst die Politik kennt keine Diplomatie mehr seitdem die UNO alle multilaterale Angelegenheiten an sich übernahm. Also sind die Beiden schlichtweg Klosterflüchtlinge. Man hat sie wegen Sodomie aus ihrer Kirche anathemisiert. Nun sind sie unterwegs, um in irgendeiner liberalen Schwulenabtei jenseits der Alpen eine Zuflucht für ihre sündige und unnatürliche Liebe zu finden.

Die Privatreisenden schließlich, zwei ältere Herren, einer bereits über sechzig, der andere bestimmt schon nah an siebzig, waren weder irgendwie auffällig noch besonders interessant. Im Albergo hatten sie die Schlafpritschen nebeneinander belegt und auch den Tag verbrachten sie ausschließlich zusammen. Sie saßen am großen Tisch und spielten Schach. Sie spielten aber nicht den, vor einigen Jahren von einem Brain-Trust des GROSSEN BUDDHA entwickelten Raumschach, der dreidimensional im CyS gespielt wurde und dermaßen kompliziert war, daß man ihn nur unter Assistenz der leistungsfähigen Computer bewältigen konnte, sondern den ganz gewöhnlichen, altmodischen Schach, den sie auf einem offensichtlich äußerst kostbaren, antiken Reisespielbrett aufstellten. Sie hockten sich einfach hin und vertrieben sich die Zeit mit allerlei Strategien und Taktiken. Manchmal aber saßen sie nur da und unterhielten sich miteinander.

Im Albergo bemächtigte sich Politioso der Kurtisane, ihrer Begleitung, ihrer Tochter... Besonders eingehend kümmerte er sich um das Pretty Baby. Er wandte sich zunächst protokollgemäß an die Managerin der Huren-Truppe und lud die Gesellschaft zum Abendessen an seinen, abgesonderten Teil des Tisches ein. Die Hurenmeute fand sich durch die Einladung ungeheuer geehrt: selbst zu der Zeit noch nötigte das einstig hohe Ansehen der Politik den einfacher strukturierten Geistern mordsmäßig viel Respekt ab. Für die Kurtisane und ihren Staat bedeutete es also eine hohe Auszeichnung, vor allen Augen mit Dr. Kutzmutz speisen zu dürfen.

Signor Laura verlor nun vollends den Kopf, erlaubte sogar dem Politioso, noch in derselben Nacht Maddalena zu entjungfern. Der Kerl ging wie ein waschechter Enkel Machiavellis ans Werk, also äußerst pragmatisch, was letztendlich nur brutal bedeutete: irgendwann in der Nacht schreckte das ganze Establishment auf, als die Kleine am Spieß aufschrie.

Der Reporter freilich, wußte auch hierüber bestens Bescheid. Der Politioso hatte der Venezianerin nicht nur ansehnliche finanzielle Abfindung in Form von tausend Goldeuros, zehn Rentenkupons des GUTEN STERNS und einer Finca auf Mallorca versprochen, sondern auch den Zutritt zu den höchsten Kreisen der Politik. In der Wahrheit, behauptete der Reporter, dachte Dr. Kutzmutz nicht daran, sein Wort zu halten. Mehr noch! Er benutzte die Venezianerin sogar, indem er sie an die Buisnissmen verkuppelte und den Hurenlohn selbst einstrich.

`Typisch Politioso!` raunte sein Kameramann. Aber vielleicht war er nur neidisch; man sah ihm deutlich an: er wäre gerne selbst so ein ausgekochtes Schlitzohr, Macker und Kaliber wie jener.

 

 

 

 

 

13. DIE PRIVATREISENDEN

 

Der Wirt, ein ausgesprochener Prol, ließ auf allen dreien 3-D-Kristallnebel-HD-Bildschirmen der Herberge ausschließlich Globo-Programme laufen; jene ätzende Mischung aus Telenovelas und Werbung, die von diesem größten Privatsender der Welt nur und allein für die niedrigsten Volksschichten ausgestrahlt wurden. Rührend-schlüpfrige Geschichten, blutige Krimis und Zombiesadogewalt wurden da von den brutal-erotischen Kunstwerbespots unterbrochen und mit jener fiesen Einzelbildwerbung durchwanzt, und das war ein Opium, das unerbittlich zuerst die Seelen vergiftete, nach Dosissteigerung verlangte, um in dem fortgeschrittenen Stadium jede menschliche Regung bei den eifrigen Konsumenten abzutöten. Solche Channel-Junkies waren leicht zu erkennen, da sie sich wie im Trance bewegten und nur in den Schlagworten der Werbung kommunizierten.

Einer der beiden Privatreisenden, ein Fan des CNN-Channels `I Spy, Agent and Sheriff`, gewöhnte sich darum, an jedem Nachmittag, nach einigen absolvierten Schachpartien, sich auf seine Schlafpritsche zurückzuziehen, um sich vor dem Abendessen auf seinem Arco einige seiner Lieblingssendungen reinzuziehen - wie man das damals modern ausdrückte.

Sein Schachpartner schaltete dann auch den eigenen Arco ein. Einmal täglich sah er sich ganz gerne die berühmt-berüchtigte WKKG(Wahnsinn kennt keine Grenzen)-Newsline an. Diese Nachrichtensendung wurde im RTL, den zweitgrößten Privatprogramm der Welt, sechs Mal täglich ausgestrahlt und enorm erfolgreich. Das war bereits daraus ersichtlich, daß sie nicht nach jeder Nachricht durch übliche drei Werbespots unterbrochen, sondern en block ausgestrahlt wurde, eingebetet in zwei Werbeblocks - wie das in alten, guten Zeiten des Dampffernsehens noch üblich war.

Diese Newsline war wirklich etwas Besonderes und ein Schmankerl für jeden Genießer. Eine slumerprobte Meute von Jungjournalisten hatte sich da die Nachrichtenredaktion erobert, und giftete nun aus dieser durch Erfolg abgesicherten Medien-Ökonische gegen die große Hure Zivilisation, bespuckte alle Heiligtümer der wissenschaftlichen Demokratie und zog mit einer provozierenden Respektlosigkeit alles vermeintlich Höhere in den entlarvenden Dreck der Lächerlichkeit. Diese News waren wilde Revolutionsproklamationen, unverhohlene Aufruhr-Werbung, Volksaufhetzung, nihilistischen Feten und geistige Molotowcoctails, aber nichtsdestoweniger skalpellscharfe Analysen des Zeitgeistes; alles in einem horrenden Chaos aus Karambolagen, Krieg, Kataklysmen und sonstigen Katastrophen präsentiert, das die konvulsiven Zuckungen der Endzeit so getreu nachmachte, daß selbst das abgebrühteste Publikum beim Konsum dieser apokalyptischen Monstershow blaß vor Schrecken zu werden pflegte.

Die Redaktion präsentierte sich nach draußen als anonymes, kompaktes Kollektiv unter dem nostalgisch angehauchten Namen `Monty Python's Flying Circus 2.0`, und einzig die drei Moderatorinnen ragten als Individuen aus der Basisgruppe hervor. Besonders berühmt und Star der Gruppe war Wanda the Fish, eine blutjunge, sündhaft schöne Japano-Kreolin, die prinzipiell nackt, auf einem Sofa liegen auftrat, und sich, während sie die News darbrachte und kommentierte, von einem abgerichteten schwarzen Panther a tergo penetrieren ließ. Sie war enorm intelligent und ihre Live-Interviews waren berüchtigt, und nicht nur das Volk, die Prols und der Mob, selbst die abgefeimtesten Politiosi pflegten sie respektvoll `Miss Haifisch` zu nennen.

Als abgestandener beinahe Siebzigjähriger, der jener Reisende aber war, durfte man sich freilich selbst die monströseste TV-Show anschauen, ohne dabei Angst und Unbehagen oder sogar schlechtes Gewissen zu empfinden. Als ein Mensch in dem Alter hatte man die interessanteste Zeiten der Weltgeschichte in ihrer vollen Länge bewußt erlebt, hatte bereits so viel gesehen, daß einem nichts mehr zu schockieren vermochte. Selbst die Besprechung eines neuen Geschichtsbuches, die Wanda the Fish zwischen ihren ekstatischen Zuckungen und Seufzern extra maliziös brachte (es ging darum, daß nach einer neuen, erst vor Kurzem entdeckten Qumran-Rolle, der alte Jahwe die Jungfrau Maria mitnichten so sünden- und problemlos schwängerte, wie das behauptet wurde, sondern sie im Gegenteil schamlos und brutal vergewaltigte, und das Thema machte der Kreolin besonders viel Spaß), erzeugte auf dem Gesicht jenes Reisenden nur ein mildes Lächeln, obwohl er spanischer Abstammung war und im christlichen Glauben erzogen wurde.

Die Newsline war dann vorbei. Eine blödsinnig aussehende, altmodische `Sechspack-Werbefamilie` aus Großeltern, Eltern und zwei Kids erschien im CyS und ulkte erbärmlich

          `Oma, Opa, Eltern, Kind,
          alle lieben Steak vom Rind!`...

Der Reisende befiel dem Gerät, sich auszuschalten, nahm eine kleine Prise Naturkokains zu sich, ging anschließend auf eine Gedankenreise. Sein Gesicht und vor allem seine Stirn bedeckten sich mit jenem typischen Netz von Falten und Schatten, die eine tiefe geistige Tätigkeit verrieten.

Offensichtlich aber waren seine Gedanken von weniger erfreulicher Art, denn die hellen Partien auf seinem Gesicht traten zurück und ein düsterer Schatten beherrschte nun sein, zwar überaus mildes doch trotzdem zur Melancholie neigendes Antlitz. Wohl eben wegen dieses düsteren Touchs, der seiner Erscheinung beiwohnte, wußte der Reporter auch über ihn manche Geschichte zu kolportieren. Sie alle gingen in etwa darauf hinaus, daß der Alte von Erinnerung auf irgendeine schreckliche Sünde durch die Welt getrieben wird, nach einer Erlösung suchend, die er bestimmt nie finden kann, weil die Verfehlungen solcher Natur durch nichts zu sühnen seien... So hörte sich das an, und, was am schlimmsten war, stimmte das in der Tendenz mit der Realität überein. In der Tat schleppte Don Juan, so hieß der Reisende, eine quälende Erinnerung an eine nicht näher bestimmbare Sünde mit sich herum, einer Verfehlung, an die er sich nicht par tout nicht erinnern könnte, die aber trotzdem alle seine Gedanken beherrschte, und in mancher schlaflosen Nacht erhellte sich sein Gesicht von der Schamröte als er an diese undefinierbare und trotzdem so offensichtlich unwürdige Tat dachte.

 

 

 

 

 

14. DON JUAN

 

Don Juan Fulko Ramwold Graf Gozo y Braganza sah ansonsten nicht so aus, als wäre er auf schäbige öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, sondern wie ein Mann, der sich glatt seine Privatkutsche, sogar Privathubschrauber, ja selbst eigenen Supersonic leisten könnte; möglicherweise hatte er seine Gründe, in einer Liniendiligence zu reisen.

Vielleicht war er ein Multiman, der einen Teil seines sechsmonatigen Jahresurlaubs als ein gefährliches aber aufregendes Abenteuer verbringen wollte. Möglicherweise war er ein Eisenbahn-Fan. Diese fuhren nämlich gerne mit den Liniendiligencen, weil solche Fahrten jenen in der Eisenbahn am nahesten kamen. Jedenfalls war DJ, wie ihn seine Freunde nannten, angezogen und ausgestattet wie ein Multiman. Als Reisegepäck hatte er wertvolle Schalenkoffer aus auf natürlichem Wege bearbeiteten Naturmaterialien der Luxusmarke Ni-po-pon. Desgleichen seine Kleider: er war ausschließlich in Baumwolle, Leinen, Seide und Leder eingekleidet, ohne auch nur eine Spur von Kunststoff. Alles Sachen aus Paris, New York oder Tokio.

Er kleidete sich auch sehr modern, leicht sah man ihm den alten Dandy an; etwas jugendlich angehaucht, wie das damals die Mode war, etwas Nostalgie im Stil der späten achtzigen Jahre, also in etwa so, wie sich die Multimen auf der Reise zu kleiden pflegten. Er trug bequeme, weite Bundfaltenhosen in beige, braun odermoosgrün, wollene, dunkelgrüne, langarmige Polo-Hemden, saloppen etwas dunkleren Sakkos, an welchen er, wie das eben Ende vorigen Jahrtausends die Mode war, die Ärmel umgeschlagen hatte sowie solide und teuere Maßschuhe. Nicht aber nur solche Äußerlichkeiten zeugten von seinem Wohlhaben. Er besaß Kreditchips aller drei Großmultis, und zwar ausnahmslos die Platin-Chips, die keinerlei Begrenzung kannten und in jeder Situation bares Geld wert waren.

Und doch war DJ kein Multi-Angehöriger. Er entstammte dem ältesten europäischen Adel ab. Seine Ahnen mischten sowohl in der Reconquista wie auch schon in den Kreuzzügen mit, doch war das Geschlecht noch älter und edler: Fulko von Ramwold, nach dem alle erstgeborene Söhne der Familie genannt wurden, war einer der treuesten Recken Karl Martells. Irgendwann im Laufe der Kreuzzüge ließ sich einer DJs Ahnen, ein Templer der es zu einem größeren Vermögen gebracht hatte, auf Malta nieder; die kleine Insel Gozo wurde der Sitz und Besitz der Braganzas. Hier machte die Familie alle Wechselfälle der Geschichte mit, verlor schließlich das Vermögen, nicht aber das Ansehen, um sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit DJs Urgroßvater als Bestattungsunternehmen zu etablieren. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts florierte der Betrieb und die Familie wurde wieder wohlhabend, ja übermäßig reich.

Den Grundstein dieses Reichtums legte DJs Vater. Er war mit Leib und Seele ein Bestatter und schien außerdem über jene Geschäftsintuition verfügt zu haben, die den richtigen Wirtschaftshai auszeichnete. Diese Intuition ermöglicht solchen unter anderem, auch die zukünftige Entwicklung zu erahnen. Als drittes war er ein begeisterter Tüftler, dem es Spaß machte, sein Geschäft zu perfektionieren. Also `roch` er geradezu die schieren Unmassen an Leichen, die bald zu entsorgen sein werden, und tat fortan nichts, als den Betrieb zu vergrößern. Außerdem machte er sich Gedanken über die Rationalisierungsmöglichkeiten der Leichenentsorgung. Er sah nämlich voraus, daß bei dem erwarteten Kundschaftsansturm die herkömmliche Entsorgung im Ofen, unter der Erde oder als Seemannsgrab nicht ausreichen werden, las darauf alles über diesbezügliche Experimente, die man im 3. Reich machte, fand das alles - mit der nötigen Pietät - dumm und lächerlich. Nach einigem Nachdenken wurde er sich sicher, daß dem Problem nur noch mit Hightech, mit Computer und Gentechnik, beizukommen wäre. Darauf entwickelte er höchstpersönlich eine vollkommen neue Bestattungsmethode, ließ sie von einigen angeheuerten Wissis zur Serienreife bringen und patentierte sie vorsorglich weltweit.

Die Methode war Recycling pur. Der Staub wurde auf umweltschonende Weise auf kurzmöglichstem Weg direkt zurück in den Staub verwandelt; zu irgendwelcher Asche kam es erst gar nicht, denn nichts wurde verbrannt oder auf anderem profanen Weg entsorgt. Die Leichen wurden zunächst in eine, speziell zu dem Zweck entwickelte, äußerst aggressive Säure gelegt. Die zersetzte sie im Nu, dabei selbst zu einer nahrhaften Suppe werdend, auf die dann eine Bakterienzüchtung losgelassen wurde. Diese Bakterien waren reinste Artefakten, Klonen also, ein Produkt der menschlichen Phantasie, der von den Geningenieuren aus achtzehn verschiedenen Bakterienarten komponiert wurde, wobei bei dem Neubau nur die ganz bestimmten Eigenschaften der Stammbakterien übernommen wurden. Darum hatte die Neuzüchtung wahrhaft phänomenale Eigenschaften: sie vermehrten sich rasend schnell, wiesen (darum) einen abnormen Appetit auf, und waren nach der getanen Arbeit schnell, praktisch und umweltfreundlich zu entsorgen. Diese Bakterien fraßen die Leichensäuresuppe sozusagen im Nullkommanichts auf, um bei der Berührung mit der Luft sofort tot und staubtrocken zu werden. Der Clou der eleganten Sache war jedoch die Konsistenz dieser toten Bakterien: das war der reinste Humus, den man sich überhaupt vorstellen konnte und DJ verdiente sich bereits an dem nahrhaften Boden dumm und dämlich, den man besonders gewinnbringend in die von der Desertifikation betroffenen Gebiete Südeuropas verkaufte. Die wertvollen Enzyme, die während des Zersetzungsprozesses anfielen, warfen freilich noch mehr ab. Die eigentliche goldene Nase aber verdiente er sich natürlich an der Bestattung selbst.

Er hatte nämlich in den späten neunzigen Jahren, als die Epoche der Kämpfenden Völkerscharen angebrochen war, die vom Vater vererbte Methode auf den Markt gebracht. Dank dieser Innovation und schier unerschöpflichem Nachschub an Leichen wurde DJ der Friedhofstycoon und konkurrenzlos.

Ihm gelang es das Geschäft auf die ganze Welt auszudehnen. Allmählich schluckte er alle Rivalen, schließlich sogar die US-Firma `Sonnenfriedhof`, die Anfang des neuen Jahrtausends die Leichen mittels mächtigen Zeus-Z-Großraumraketen direkt in die Sonne zu entsorgen begann. Eben dieser Gegner bereitete eine Zeitlang DJs Managers ernsthaftes Kopfzerbrechen. Am Ende gewann er, eben dank der Einkünfte aus dem Enzyme- und Humusverkauf, doch das Rennen. Den `Sonnenfriedhof` schnappte er BIG BLUE direkt vor der Nase weg, und ab da gab es auf der Welt praktisch keine ordnungsgemäß entsorgte Leiche, an der DJ nicht seinen Obolus verdiente. Alle Multis ließen sich von ihm im Service entsorgen, desgleichen die UNO und alle noch funktionierende Staaten. DJ wurde so schweinisch reich, daß er sich selbst auf den Geist ging.

Schliesslich interessierte ihn das Geschäft nicht mehr, also verkaufte er 2021 seine Firma dem GUTEN STERN für ansehnliche Million Platineuros, was in etwa einer Billiarde der konventionellen Euros gleichkam, plus Aufenthaltsgarantie in den Strukturen des Multis, von der DJ noch keinen Gebrauch machte.

Im Grunde genommen verabscheute er den Reichtum. Es lag in seinem edlen Blut, das Geld als notwendiges Übel zu verachten und, dank der tausendjährigen Zucht seiner Rasse, war er in seinen Bedürfnissen ohnehin asketisch genügsam - nur was es seiner Ehre, seines Umganges und seines Äußeres anging war er ausgesprochen wählerisch und pingelig. Seinen enormen Reichtum empfand er mehr als Last und eine ungeheuere Verantwortung, der er sich öfters nicht gewachsen fühlte.

Außerdem machte ihm das Leben zunehmend weniger Spaß seit er die magische Grenze von fünfzig Jahren überschritten hatte, die im Leben eines jeden Menschen ein unbestimmtes, manchmal tief verborgenes, klammes Gefühl hinterlässt, denn sie bedeutet den endgültigen Abschied vom körperlichen Leben und kündigt die Existent des reinen Geistes an, der auf den Tod vorbereiten sollte. DJ fand nunmehr keinen Sinn in seiner Arbeit und noch viel weniger in seiner Existenz. Sein Name bedeutete freilich ein ganzes Programm: seit der frühesten Jugend war er Frauenliebling, Playboy und Salonlöwe. Diese Rolle wurde ihm durch seine edle Abstammung, Reichtum und Tycoon-Titel um einiges erleichtert. Seit dem vierzehnten Lebensjahr spielte er das Leben mit der Leichtigkeit eines Virtuosen. Er hatte alle Genüsse gekannt, alle Frauen geliebt; Frauen aller Rassen, aller Berufen, jeden Alters... Prinzessinnen gab es darunter und aufregende Exotenmodels, Frauen aus Polit-Kreisen und Töchter aus großen Familien, Weltstars des Films, Medien und Musik... Er hatte aber nie geheiratet...

Einmal begann ihm das süße Leben zu langweilen, ja ermüden. Die schiere Weiblichkeit ging ihm auf die Nerven, ihr Geplapper wurde ihm zuwider. Immer öfter, immer früher zog er sich aus der Gesellschaft zurück. In der Einsamkeit fand er nun eine schmerzhafte Süße, die er in keinem weltlichen Genuß kennen gelernt hatte. Er erinnerte sich seines Interesses an der Philosophie. das ihn in seiner Jugend wie eine berauschende Obsession plagte, und beschäftigte sich fortan mit den wenigen bekannten Phantomen dieser Geisteswelt: Stirner, Campanella und Plotin wurden seine allabendliche Lektüre und seine beste Freunde. Ihre Worte waren Labsal in seiner geistigen Erschöpfung. Wahre Hilfe freilich war auch da nicht zu holen. Er saß im großen Saal des uralten Familienschloßes, hoch oben in der Wildnis der Pyrenäen, das bereits sein Vater zurück in den Familienbesitz brachte, und in dem sich DJ nun am liebsten aufhielte, saß frierend vor dem Kamin und bemerkte noch nicht einmal, daß er nur ins Feuer starrte, ohne an etwas zu denken. Sein Kopf fühlte sich nicht existent wegen der fehlenden, trotzdem aber quälenden Erinnerungen.

DJ wundert sich über die verschiedenste Ungereimheiten in der Erinnerung an seine Biographie. Die schien ihm wirklich sehr unvollkommen; es gab Lücken darin, die er sich nicht erklären konnte. Als wären bestimmte Lebensperioden durch irgendeine geheimnisvolle Macht aus seinem Hirn ausgelöscht. Andere Geschehnisse wiederum waren ihm merkwürdig lebhaft in der Erinnerung, obwohl sie scheinbar vollkommen unwichtig gewesen sind. DJ kam sich wie jemand vor, der in eine falsche Identität geschlüpft, sich aber auf neue Biographie sehr mangelhaft vorbereitet hatte.

Schließlich ertrug er den schrecklichen Zustand dieser tumben, unausgesprochenen Unruhe nicht mehr, und suchte er Dr. Fred U. Adler auf, einen alten Freund, der eine weltbekannte Kapazität in der modernen Hirn- und Seelenforschung war. Mittels hochleistungsfähigen Squids zapfte dieser DJs Gehirnströme an und ließ die Messung von einem Supercray auswerten. Es dauerte nur einige Minuten, dann spuckte der Computer als Resultat der Analyse einen Namen aus.

`Max!` sagte der Seelendoktor: `Kannst du mit dem Namen etwas anfangen? Es steht nämlich fest, daß deine Alpträume durch eben diesen Namen verursacht werden. Sagt dir der Name etwas?`

DJ, der bei der Nennung des Namens schlagartig erblasste, nickte nur. Zwar könnte er sich kaum erinnern, früher jemanden gekannt zu haben, der Max hieß, doch der bloße Klang dieses Namens verstärkte die Angst in seinen Eingeweiden und er hätte schreien können.

 

 

 

 

 

15. DER GUTE RAT

 

Im Gegensatz zum Krösus, der DJ war, schien sein Schachgegner arm wie eine Kirchenmaus zu sein. Dieser hieß Pjotr Pawlowitsch Sirotkin, war ein hochqualifizierter Plasmaphysiker und bereits seit dem endgültigen Zusammenbruch Russlands und ihrem Beitritt zur NEU auf der Suche nach einer neuen Anstellung - ein Fliegender Russe des Arbeitsmarktes, um es auf den Punkt zu bringen. Er war auch angezogen und ausgestattet wie ein typischer Wissi: tadellos aber unpraktisch und reichlich ärmlich. Sein Gesellschaftsanzug sah nicht gerade neu aus und seine ganze Erscheinung war so, daß DJ, der in seiner Jugend etwas Slawistik studiert hatte, auf den Gedanken kam, auch bei Pjotr war der Name ein Omen. Wie sich DJ erinnerte, bedeutete Sirota auf Russisch so etwas wie Armut.

Allerdings schien Pjotr doch noch eine Kleinigkeit zu besitzen, denn er hatte selbst einen Kreditchip des BIG BLUE mit. Kein Platinchip freilich, ja noch nicht einmal einen goldenen oder silbernen, sondern ganz gewöhnlichen Plastikding ohne Eigenanzeige, einen Chip also von der Sorte, die die Kassierer lieber dreimal in den Prüfmodul zu stecken pflegten, ehe sie ihn brummend und widerwillig annahmen. Mit dieser Bagatelle, mit diesem armseligen Nichts von einem Creditchip ging Pjotr aber dermaßen sorgfältig und sparsam um, daß sich der Plastikgegenstand in seinen Händen geradezu in eine Reliquie verwandelte; man hätte sich lebhaft vorstellen können, seine Ahnen behandelten einst die heiligen Ikonen mit solcher Andacht. Als DJ ihn am ersten Abend im Albergo zum Essen einlud, freute sich Pjotr so offensichtlich, daß es DJ den echten Spaß machte, ihn fortan mit jeder Mahlzeit zu verköstigen und auch die Rechnung für Pjotrs Getränke und andere Kleinigkeiten zu übernehmen. So musste Pjotr während der drei Tagen Aufenthalt im Albergo keine Catering-Hamburger von zweifelhaften Qualitäten zu sich zu nehmen, die zusammen mit albanischen Pommes und billigen chinesischem Bier, alternativ billige Cocalimo, die übliche Reiseverpflegung der Liniendiligencen waren, sondern könnte sich mit DJ an den sauteueren Vorräten des Herbergenwirtes laben.

Pjotr war einige Jahre jünger als DJ, aber ebenfalls sehr verklärt, vom Leben eines Besseren belehrt. Er war ein beachtlicher Gegner im Schach, noch mehr aber bewunderte DJ seinen rationellen Verstand und die, typisch wissenschaftliche Fähigkeit des analytischen Denkens, die in den Gesprächen der beiden Alten zutage kam. Der Physiker dachte in der allerbesten Manier der Atomwissenschaft über die philosophischen Probleme der Menschheit im Allgemeinen und der Gegenwart im Speziellen nach. Wie er das DJ anvertraute, arbeitete er an einer todsicheren Lösung der Humankrise. Er hatte die Situation analysiert, hatte sich bereits auch die Instrumenten erschaffen. Mit dem binomischen Lehrsatz lasse sich die Potenz der Krise einwandfrei errechnen, behauptete er. Weiß man einmal die, dann ist alles andere nur ein Klacks.

Der Russe war wirklich mit einer brillanten Logik beschenkt; vielleicht eben darum entschloß sich DJ, ihn um einen Rat zu bitten. Er hätte ein Problem, das ihm ganz schönes Kopfzerbrechen bereitete. Kurz erzählte er Pjotr, um was es sich handelte: er befand sich auf der Suche nach einem Freund... Nach einem Jugendfreund, allerdings, in der Tat für lange Jahren vergessen... Es gab so eine Geschichte, damals... In seiner Jugend... Die beendete die Freundschaft. Der Freund reiste ab, wurde seitdem nicht mehr gesehen. Nur eine Karte schickte er noch von unterwegs ab. Aus Venedig. Mit der Seufzerbrücke darauf... Noch makabrer war der Text der Karte. Ohne Anrede stand da der seltsame Satz: Vielleicht ist es notwendig, das Leben in die Hölle zu verwandeln, um herauszufinden, was es wert ist. Nach der Unterschrift, einem fast unleserlichen Zug aus drei Buchstaben, noch ein Postskriptum: Morgen werde ich meinen Rubikon überschreiten!

DJ holte eine kleine Ledermappe hervor, suchte darin nach der, in Durchsichtsfolie eingeschweißten, Karte, die er wohl sehr oft in den Händen hatte, denn die Folie zeigte bereits Abnutzungserscheinungen. Er gab die Karte an Pjotr, erzählte weiter. Ja, irgendwann dann, im Laufe der Jahren, durch seine emsige Tätigkeit abgelenkt, vergaß er den Freund. Neulich erst wurde er wieder an ihn erinnert, so suchte er im Krimskram aus jenen Tagen, fand die Karte und noch zwei Fotos - herzlich wenig Spur für eine ernsthafte Suche, freilich. Die gestaltete sich ohnehin äußerst schwierig, weil DJ selbst den Nachnamen des Freundes vergaß. Dabei sei ihm sehr viel daran gelegen, jenen zu finden. Zwei Wochen verbrachte er in Venedig. Nichts.

Und obwohl es anzunehmen sei, daß jene Rubikonüberschreitung mehr symbolisch gemeint war, fuhr DJ trotzdem zum Rubikon. Alles vergeblich. Niemand konnte ihm helfen. So wollte er nun nach Amsterdam. Dort hatte er damals den Freund kennen gelernt... Nach wie vor aber wußte er nicht, wie er vorgehen sollte, war ratlos...

`Vielleicht können Sie mir einen Tipp geben, was man da machen könnte, lieber Pjotr Pawlowitsch.` beendete DJ seine Geschichte, die in Ohren seines Gesprächspartner wohl wie eine Beichte geklungen haben musste, denn Pjotr vermied es geflissentlich, während des Zuhörens DJs Blick zu begegnen.

`Vorhin, als Sie mir die Möglichkeiten der Anwendung des binomischen Lehrsatzes im Krisenmanagement erklärt haben, waren Ihre analytische Fähigkeiten wirklich bewundernswert... Prost, Pjotr Pawlowitsch!` schickte er schnell nach, als er bemerkte, daß der alte Russe wegen der Belobigung verlegen würde. Indem er kleine Trinkpause einlegte gab er dem anderen die Gelegenheit, sich der Verlegenheit zu entledigen. In DJs Edelfamilie war der Takt eine streng hochgezüchtete Instinkthandlung.

Ja, meinte Pjotr als er absetzte und sich die Reste des alkoholfreien Good Star-Lagerbiers vom Mund wischte - wie DJ selbst trank er, sehr ungewöhnlich für einen Russen, kein Alkohol. Ja, meinte er, das war also vor gut vierzig Jahren, da könnte nur noch ein erfahrener Detektiv helfen; er würde sich also einen guten Detektiv engagieren. Wie gesagt, war Pjotr ein Fan des `I Spy usw…`-Channels. DJ lächelte milde.

Nein, sagte Pjotr als er das Lächeln sah. Die sind eben Spezialisten für solche Fälle. Die Theorie des modernen Managements besagt klar, Erfolg erreicht man nur, indem man sich auf jedem Gebiet der Spezialisten bedient und selbst den Überblick behält... Die private eyes aus Amerika seien übrigens die Besten.

Pjotr war ein netter Mensch, vom Leben bereits etwas zu sehr gebeutelt, und er sprach sehr beflissen, denn er wollte DJ unbedingt eine Gefälligkeit erweisen, um als nützlicher Zeitgenosse zu gelten. Und in der Tat konnte er DJ helfen, denn er stellte sich als ein absoluter Kenner der einschlägigen Szene heraus. Bald verlor er sich im Schwärmen über Raymond Chandler, Philippe Marlowe, Malteser Falken, Humphrey Bogart und E.G. Robinson - alles Begriffe aus der gestrigen Kultur der modernen Klassik, die dem DJ kaum etwas sagten, obwohl das die Kultur seiner Kindheit war. Aber Pjotr erzählte auch von Sam Keeper, dem berühmtesten Privatdetektiv der Epoche, der mit einigen bizarren Fällen den Weltruhm erlang. Und da horchte DJ auf.

Einer der Fälle, die Sam Keeper berühmt machten, wurde in den einschlägigen Kreisen als die `Katze und Kanarienvogel-Affäre` bekannt und ging als Kultgeschichte in die Annalen der Kriminalistik ein. Eine schrullige Filmdiva, die von der Welt bitter enttäuscht wurde aber als sehr wohlhabend starb, hinterließ ihr gigantisches Vermögen zu gleichen Teilen ihrem weißen Siamkater Charly, der äusserst muskulös war, darum `Muskelkater` genannt wurde, und ihrem blauen Wellensittich Tonto. Kurz darauf aber fand man auch den Piepmatz tot und Muskelkater Charly erbte nun alles. Allerdings hatte er Unglück im Glück, denn er wurde von den Behörden beschuldigt, den Vogel selbst getötet zu haben, um sich dadurch einen ungesetzlichen Vorteil der Bereicherung zu verschaffen. In den Staaten war damals schon überhaupt nicht ungewöhnlich, auch die Tiere von der menschlichen Gerechtigkeit verfolgen zu lassen. Die Pflegerin der verzweifelten Katze, die bereits im Todestrakt des County jails dem Atomenzerstäuber (der längst schon den Elektrischen Stuhl und Todesspritze und Gaskammer ersetzt hatte) entgegenschmachtete, engagierte aber Sam Keeper, um die Unschuld des Tieres zu beweisen. Sam gelang dies mit links. Er überprüfte die Polizeiaufnahmen des Tatortes und erkannte sofort, daß es bestimmt nicht die Katze diejenige war, die den Vogel tötete. Bekanntlich pflegen die Katzen, die von ihnen getötete Vögel aufzufressen - das ist ein Instinkt in ihnen und stärker noch als der selbstbewußteste Kater. Und da die Leiche des australischen Spatzes unversehrt geblieben war, bedeutete das, jemand anderer war der Mörder.

Sam fand natürlich schnell heraus, wer der wahre Übeltäter war: der Vormund der beiden Tiere, der mit seiner fiesen Untat darauf abzielte, beide Tiere los zu werden, und den Vermögen selbst einzusacken. Nun wanderte dieser Spitzbube selbst in die Todeszelle und Muskelkater-Charly lebte im Saus und Braus und erfreute sich eines langen Lebens.

`Wenn Sie wollen, lieber Don Juan, stelle ich Ihnen sofort eine Arco-Verbindung mit Sam her. Das dauert nur Sekunden. Höchstwahrscheinlich werden Sie sich nur auf seiner Memomaschine aufnehmen können, doch er ruft Sie dann bestimmt zurück.` bot Pjotr liebenswürdigerweise an.

DJ schüttelte den Kopf. Nein, meinte er, als er Pjotrs enttäuschtes Gesicht sah. Die Idee, sich Sam zu engagieren, finde er wirklich gut. Pjotr hatte ihm damit sozusagen gerettet, ohne diesen Vorschlag säße DJ aber ganz schön am Trockenen. Nur das mit der modernen Kommunikation; davon hielte DJ nichts. Er sei eben etwas altmodisch und bevorzuge die klassische, reale Form der Begegnung.

Kurz: er wird selbst nach LA aufbrechen, um Sam persönlich zu sprechen... Übrigens, noch einmal: für den guten Rat wäre er dem Pjotr sehr zum Dank verpflichtet. Prost, lieber Pjotr Pawlowitsch! Na sdrowje!...

Diesmal aber trank DJ, um die eigene Verlegenheit zu verbergen. Denn er hatte gerade gelogen, und da unter Edelmenschen jede Lüge eine Schwäche bedeutete, schämte er sich in der Tat. Nicht weil er so old fashionable war wollte er persönlich zum Detektiv. Er wußte eigentlich nicht, was er dem erzählen sollte, denn er war keinesfalls sicher, daß die Geschichte, die er gerade Pjotr erzählt hatte, tatsächlich stimmte.

Als Fred U. Adler ihm den Namen Max sagte, empfand DJ plötzlich ein tiefes Schuldgefühl und er schämte sich abgrundtief, ohne aber zu wissen, warum oder wieso. In den nächsten Tagen überprüfte er eingehend seine Erinnerung und sein Gewissen, fand aber keine Spur eines Vergehens gegenüber irgendeinem Max, ja noch mehr: er war sich überhaupt nicht bewußt, je einen Max gekannt zu haben. Das heißt, manchmal kam ihm dieses oder jenes Gesicht in den Sinn, das er irgendwann gesehen, den dazugehörigen Namen längst vergessen hatte; für einen kurzen Augenblick glaubte er dann, sich an diesen Max und die große Schuld, die er ihm gegenüber empfand, endlich erinnern zu können... Schon im nächsten Moment aber kamen ihm diverse Zweifel in die Richtigkeit jener Erinnerung und er wurde ratlos wie zuvor.

Nicht einmal jene Karte aus Venedig brachte ihm etwas Gewissheit. Ebenso wenig die beiden Fotos. Was aber interessant war: so, wie er da den Namen Max hörte fiel ihm sofort die Karte ein, die er bestimmt seit Jahrzehnten nicht mehr in den Händen hielte. Er suchte nach ihr, fand sie auch, sie steckte mit den beiden Fotos in einem Umschlag zusammen, aber auch dadurch bekam er keine Gewissheit. Die Karte war da, der Text auch, Max Unterschrift, und auch PS fehlte nicht. Seltsamerweise aber war die Karte beschädigt; es war so, als hätte jemand mit einem scharfen Gegenstand den Namen des Empfängers und seine Anschrift herausgekratzt - lesbar war es allerdings nicht. DJ bat einen Freund, den er bei New Scotland Yard hatte, die Karte forensisch zu untersuchen, doch alle Bemühungen waren umsonst. Der Empfänger war nicht feststellbar, so wußte DJ nicht, ob er die Karte tatsächlich einmal bekam, oder ob er sie vielleicht vor langer Zeit, noch in seiner Jugend, auf irgendeinem Flohmarkt erworben hatte. Damals besuchte er gerne Flohmärkte in der Suche nach Kuriosa; mag sein, daß ihm der makabre Text der Karte auffiel und er sie deshalb erworben hatte.

Und auch die beiden Fotos hätten aus der gleichen Quelle stammen können, jedenfalls sagten sie ihn nichts. Auf beiden war das Gesicht einer Frau zu sehen, auf einem Foto allein, auf dem anderen mit einem jungen Man zusammen, der dem DJ ebenso unbekannt schien wie die Frau. Sie war schwarzhaarig, mit dunklem Teint und ebenso dunklen Augen, möglicherweise eine Spanierin, vielleicht Italienerin oder sogar Griechin. Vermutlich doch Italienerin, denn auf der Rückseite des Fotos, wo die Frau alleine war, stand ein Wort, vermutlich der Name der Frau: Tycianna. Die Handschrift war aber nicht von DJ.

Der Mann auf dem Bild war nicht genau zu erkennen, weil er den Kopf gesenkt hielte, aber seine ganze Haltung war ziemlich abweisend.

Jedenfalls wurde DJ nach diesem Fund noch unsicherer und ratloser.

Als ihm dann noch schlimmere und unverständlichere Sachen passierten, glaubte er manchmal den Verstand zu verlieren.

Er begann nämlich auch in sich selbst und seine eigene Biographie diverse Zweifel zu hegen: er wußte eindeutig nicht mehr, wer er war. Natürlich gab es keine Zweifel daran, er wäre DJ. Er lebte ja in den Familienschlößern, wurde öfters von dem Direktorium des Guten Sterns konsultiert, er war ein Rotary-Mitglied und Ehrendoktor der Universität von Salamanca, er war reich und hatte einflussreiche Freunde sowohl bei den Multis wie auch in der profanen Gesellschaft - in seine Identität könnte es also keine Zweifel geben. Und doch verzweifelte er nun in den Versuchen, sich an das eigene Leben zu erinnern. Er fühlte sich wie jemand, der einen Gedächtnisverlust erlitten hatte... Das heißt, er erinnerte sich an Verschiedenes, an viele seltsame Begebenheiten, doch war er sich nicht sicher, diese tatsächlich selbst erlebt zu heben. Manchmal dachte er, das wären nur Phantasmagorien, die er in schweren, schrecklichen Alpträumen zusammenphantasiert hatte, manchmal glaubte er, immer tiefer in Irrsinn abzugleiten.

Eigentlich war es ihm so, als wäre er jemand, der eine falsche Biographie benutze. Wie jene Maulwurfagenten etwa, die Schläfer, von den Geheimdiensten eines Landes dem Feind unterjubelt werden, dort normal und unauffällig leben und arbeiten, um eines Tages durch ein Signal erweckt und aktiviert zu werden. Nun war es DJ so, als wäre er soeben aktiviert worden, und da er nicht wußte wozu, empfand er jene schreckliche Schuldgefühle und Gewissensbisse. Nein. DJ wußte wirklich nicht, was er dem Detektiv erzählen sollte.

Es wäre am besten, ihm persönlich zu treffen, vielleicht ergibt sich aus persönlichem Gespräch diese oder jene brauchbare Spur... Na sdrowje, lieber Pjotr Pawlowitsch!

Prost!...

In eben diesem Augenblick ertönten die Fanfaren und auf den hauseigenen Bildschirmen des Albergo zeigte sich der Schwager einer Diligence und gab bekannt, daß sich die Wetterlage so weit stabilisieret hatte, um am nächsten Morgen den beiden Linien die Weiterfahrt zu ermöglichen. (Die Piloten der Diligencen, nannte man natürlich Schwager, da sie eben Diligencen lenkten.)

 DJ bestellte diesmal ein extra opulentes Abendessen, um sich bei Pjotr zu revanchieren. Außerdem ließ er auf Pjotrs Kreditchip zehn Goldeuros überweisen.

 

 

 

 

 

16. DIE ABREISE

 

Am nächsten Morgen fuhr zuerst die Diligence nach Rom weg.

Die Neonazi-Söldner hatten sich zum Abschied von anderen Gästen etwas Lustiges einfallen lassen. Auf dem oberen Lastdeck der Diligence hatten sie sich neben ihren Schützenpanzern zu einer Ehrenformation aufgestellt und schossen in dem Augenblick als die Diligence abhob einen donnernden Salut. Der wurde natürlich prompt vom Donner einer Lawine beantwortet, aber das machte nichts zur Sache. Andere Gäste des Albergos hatten sich zum Abschied draußen versammelt, selbst der Politioso mit seiner Begleitung und Signora Lauras Team waren draußen, und alle klatschten begeistert den Beifall.

Als nächste fuhr die Diligence nach Paris ab. Dr. Kutzmutz und die seinen hatten vor, erst gegen Mittag weiter zu fahren. Am Abend noch hatte der Reporter herumkolportiert, Dr. Kutzmutz wolle die kleine Maddalena in Afrika als politische Waffe einsetzen. Sie, zum Beispiel, seinen politischen Widersachern ins Bett zu legen, um sie damit erpressen zu können. Sobald die Kleine aber über sechzehn wird und ihre besten Hurenjahre hinter sich hätte, wird sie von dem Politioso erbarmungslos an die Kindermetzger verkauft... So erzählte der Reporter, ohne seine Quelle zu verraten.

Als DJ zu seiner Diligence ging begegnete er Maddalena. Das Kind war, wie das unter Pretty Babies so üblich, im popigen Stil der Jugendmode der frühen Siebziger angezogen, trug also knappen Minirock, Netzstrumpfe und niedliche Stiefelchen aus rotem Saffianleder, und unter der durchsichtigen Bluse aus Crêpe de Chine einen winzigen, ausgestopften BH - da sie noch keine Busenknospen hatte, die sie herzeigen könnte, sollte sie der Büstenhalter raffinierter feilbieten.

Ihre Blicke begegneten sich kurz. Ohne Scheu und auch ohne eine besondere Neugier sah diese kindliche Kurtisane den Alten an. Ihr Blick war tief und dunkel und bereits vom Leben gebrochen, doch vernahm DJ trotzdem noch einen wilden Blitz eines stolzen Hasses darin; einen von den Sorte, wie ihn die Frauen besitzen, die ihre Kindheit und ihre Seele verloren haben und dadurch vorbestimmt wurden, den Männern Ohnmacht, Schmerz und Verderbnis zu bringen.

Ja: einwandfrei erkannte der Frauenkenner DJ in ihr eine solche Frau, und das klamme Gefühl, das seit bereits einiger Zeit in seiner Brust herrschte, ergriff mit knochigen, eisigen Skelettfingern nach seinem Herz - wieder eine Ahnung von einer Erinnerung, die er sich nicht vergegenwärtigen konnte... Woran erinnerte ihn bloss der Blick dieses Kindes?

Der Politioso, dachte er an der kleinen Hure vorbeigehend, der sollte aufpassen, um nicht bald selbst als Sonntagsbraten der Kannibalen zu enden.

 

pfeil045

 

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