E R S T E S  B U C H  /  DIE VERBRECHEN DES DON JUANS

T E I L   I   /   D A S  A C T I O N - T E A M

 

KAPITEL  2

A M E R I K A

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

17. Im Hideyoshi-Raum

18. Der verkommene Schnüffler

19. Die Seele des Computers

 

 

 

 

 

17. IM HIDEYOSHI-RAUM

 

Mit dem Flug der Engel verließ DJ an einem der nächsten Tage Napoleon-Supersonic Paris, um beinahe im gleichen Augenblick aber einen Tag früher am Marilyn Monroe-Supersonic Los Angeles zu landen.

Obwohl man bereits seit gut zwölf Jahren auf den Satellitenbahnen zu reisen pflegte waren Supersonic-Flüge immer noch die Sensation. Allein schon die futuristischen Formen der Flieger nötigten schiere Ehrfurcht ab; man kam sich davor wie vor den kolossalen Bildnissen der steinernen Götzen vor. Mit den Kampf- und sonstigen Überschallflugzeugen aus dem vorigen Jahrhundert hatten diese Apparaten absolut nichts gemeinsames mehr; also keine Spur von Ähnlichkeit mit irgendwelchen unheilvollen Greifvögeln oder gefährlichen Raubfischen, die sich aus den Ozeantiefen in der Suche nach Beute hoch in die Stratosphäre wagten. Die grandiose Schlichtheit dieser Luftvehikel mutete eher wie eine Kreuzung zwischen Taj Mahal und einer LSD-Halluzination an.

Aber nicht nur das Aussehen der Fahrzeuge war ungewöhnlich. Auch ihre `Seele` war nicht ohne. Durch ihr Computer-Equipment aus Bio-Kristallen waren diese Maschinen bereits Kreuzungen zwischen Natur und Technik, erste wirkliche Hybride aus Artefakt und Kreatur, und galten im Allgemeinen als die Grenze der Biologie zu ihren posterioren Äußerungen.

Zudem noch ihre gespenstische Komponente! Diesen Maschinen sagte man allerlei wundersame, manchmal sogar schreckliche Sachen nach. Vieles davon stimmte natürlich nicht, aber es war eine Tatsache, daß diese Photonenflieger erste Keime der Zeitmaschinen waren, auf welchen alle drei Multis bereits arbeiteten. In der Tat waren diese seltsamen Dinger die schnellsten Phänomene im Universum, viel schneller noch als Licht, beinahe so schnell wie Gedanken.

Durch eine zufällig entdeckte Eigenschaft dieser Flugmaschinen, durch einen Trick sozusagen, von dem aber niemand wußte, wie er funktionierte, wurden die elementarsten Naturgesetze aufgehoben, und man flog durch etwas, was man `Hideyoshi-Raum` oder einfach `Zeitloch` nannte. Während des Supersonic-Fluges gewann man nämlich einen Tag, das heißt, man flog heute ab und kam - unglaublich aber wahr! - gestern an.

Dabei gab es noch nicht einmal die Plage der Zeitverschiebung, die man von den gewöhnlichen Jet-Flügen kannte, denn man kam ans Ziel grundsätzlich um gleiche Zeit an, an der man abgeflogen war - plus freilich je halbe Stunde, die man für die Reise zu der Satellitenbahn und von dort wieder hinunter benötigte, sowie eine Stunde, um die Maschine auf den richtigen Breitengrad des Zielflughafens zu bringen. Bei der Ankunft war man darum frisch wie eine Teerose und an die lokale Zeit wie an die heimatliche angepaßt - einfach wunderbar! Der Begriff `Jetlag` verlor sich aus der Sprache...

Der Flug selbst verlief so, daß man das fabelhafte Vehikel auf die Satellitenbahn hob, dort auf die geographische Breite des Zielflughafens brachte und dann genau innerhalb von 3,1415 Sekunden auf 314,15 Mach beschleunigte. Geschah diese Beschleunigung nun gegen die Erdrotation gewann man während des Fluges, der praktisch keine Zeit in Anspruch nahm, einen ganzen Tag. (Und umgekehrt auch. Man hat das selbstverständlich sofort ausprobiert: beschleunigte man mit der Erdrotation verlor man unweigerlich einen Tag.

Wieso und warum dieser Effekt der Zeitreise erfolgte, konnte niemand erklären. Was aber interessant war, wurde der Effekt einwandfrei vorhergesagt. Und zwar von Superbuddha Mark 5. Wie bekannt erlangten die Biocomputer dieser Serie eben ab fünfter Generation die Fähigkeit, nicht nur mit den Zahlen, sondern auch mit Spekulationen zu rechnen.

Diese Serie wurde kurz vor dem ersten Supersonic-Flug fertig gestellt, und der Photonenphysiker Ing. Ing. Ing. Ranataro Hideyoshi, ein von den Vätern des Supersonic-Fluges kam auf die Idee, damit eine Supersonic-Simulation zu machen. Als Computer alle Berechnungen durchgeführt hatte, fiel dem Physiker auf, daß es in die Berechnungen ein Fehler eingeschlichen hatte: nach dieser Prognose nämlich hätte das Flugzeug am Ziel einen Tag vor dem Abflug sein müssen.

Man wunderte sich, man überprüfte die Denkmaschine und alle eingegebene Daten, versuchte es noch einmal: mit dem gleichen Resultat. Alle anderen Versuche verliefen im gleichen Sinn. Und, was am dümmsten war, es ließ sich überhaupt nicht feststellen, warum und wieso Superbuddha V. jene Phantasmagorien zusammenrechnete. Man war ganz angewidert von der ganzen Serie, man überlegte es bereits alles zu verschrotten und auf Spekulationen im Computer ganz zu verzichten.

Gut, dass man das nicht tat!

Denn als der große Tag kam staunten die Wissis aber Klotze! Als der stolze Ikarus Z, das Flagschiff der von GUTEM STERN gebauten Supersonic-Flotte, von Hohenzollern-Supersonic Berlin zum ersten Ultraflug abhob, stellte es sich heraus, daß Superbuddha V. keinesfalls eine Macke hatte und von vorneherein zum Elektronikschrott gehörte.

Ikarus Z nämlich landete in Tokio einen Tag früher als erwartet, und fand statt dem Begrüßungskomitee, rotem Teppich und großem Bahnhof nur die emsigen Roboter vor, die am Tokioter Tenno-Supersonic-Flughafen gerade die letzte Hand anlegten.

In den ganzen zwölf Jahren war noch niemand dahinter gekommen, wie der Trick funktionierte, beziehungsweise warum man eine Zeitreise machte. Die Wissis freilich suchten fieberhaft, die Hintergründe des Phänomens zu erhellen.

Erst Jahre später wird es einer Person dieser Geschichte gelingen, das Rätsel zu lösen. Einstweilen aber wusste keiner Bescheid und man forschte wie besessen an diesem Phänomen. Man rechnete nämlich fest damit, richtige Zeitreisen antreten zu können, sobald man den Trick durchschaut hatte. Niemand zweifelte daran, daß mit dem Ära der Supersonic-Flüge solche Zeitreisen näher gerückt waren.

Supersonic wurde der Hit der Zeit. Der Passagier konnte zeitgewinnend abfliegen, einen Tag lang in Geschäften unterwegs sein, und schließlich den Heimflug antreten, ohne auch nur eine Sekunde der realen Zeit zu verlieren.

Allerdings gab es auch superschlaue Leute, und der greise Bill Gates, der den endgültigen Durchbruch auf dem Gebiet der Zeitreisen nicht abwarten konnte oder wollte, versuchte im permanenten Supersonic-Flug das Altern zu stoppen, um daraus das Kapital der praktischen Unsterblichkeit zu schlagen. Leider ging seine Rechnung nicht auf. Der arme Gates starb nämlich am Krebs, kaum hatte er sich drei Monaten in die Vergangenheit zurückfliegen lassen.

Ja. Selbst in den Tagen der normalen Sonnenaktivität war es wegen der kaputten Ozonschicht nicht besonders ratsam, sich in jenen Höhen länger aufzuhalten. Darum bestanden die Besatzungen der Flieger ausschliesslich aus Robotern. Roboter dienten als Piloten und auch als jene hübschen Helpmates, die früheren Stewardessen abgelöst hatten.

Um ihre Exklusivität zu betonen trugen Supersonic-Flüge exotische und romantische Namen. Es gab Flug der Orchideen und Flug der Kirschblüten, Flug des Champagners, Flug des roten Drachens usw...

Die Supersonic-Flughäfen nannte man nach den berühmten Persönlichkeiten, wobei es nicht selten dazu kam, daß der Volksmund ihnen lustige oder sogar skurrile Namen verlieh, die sie dann nie mehr loswurden. So hieß der Berliner Airport offiziell Hohenzöllern-Supersonic, doch als, kurz nach der Eröffnung, eine Maschine, kaum war sie zur Satellitenbahn gestartet, unplanmäßig zurück auf die Piste krachte und mitsamt ihren Passagieren, fünftausendzweihundert russischer Techniker, die in Berlin eine Schulung absolvierten und nun zurück nach Irkutsk wollten, restlos verbrannte, redete das Volk nur noch von Adolf Hitler-Supersonic. Adolf hätte sich wegen des Unfalls sehr gefreut, meinte das Volk: auf einen Schlag gleich fünftausend Iwans zu entsorgen - das brachte ansonsten nur die Atombombe fertig.

DJ hatte eine Einzelluxuskabine in den VIP-Räumen der Maschine. Er ließ sich vom Helpmate den Dinner und eine erlesene Havanna zum Kaffee servieren, dann entließ er den Roboter, weil ihm die Maschine auf den Geist ging. Der Designer-Team, der den Roboter entworfen hatte, mußte aus lauter Spaßvögel bestanden haben, denn die Maschine war eine waschechte Nachbildung von Jane Mansfield, und war darauf programmiert, alle paar Sekunden in albernes Kichern auszubrechen und außerdem beim Kaffeeservieren mit ihren riesigen Plastikbusenteilen dem Gast wie unbeabsichtigt über die Wangen zu streicheln. Dafür hatte DJ einfach keinen Nerv.

Er flog ohnehin nicht besonders gerne Überschall. Die Beschleunigung, die notwendig war, um die Satellitenbahn zu erreichen, war zwar nicht gefährlich, bedeutete doch eine Strapaze für die älteren Menschen, und außerdem mochte DJ auch das Gefühl nicht, das er im Hideyoshi-Raum hatte: die Reise darin verwandelte sich in eine beklemmende Emotion des Verlustes... Um sich der Unannehmlichkeiten nicht zu sehr bewußt zu werden, nahm er etwas Naturkokain zu sich und versuchte sich auf andere Gedanken zu bringen. Natürlich dachte er sofort an Max, und das war kaum angenehmer als die bewußt erlebte Reise.

Würde es ihm gelingen, jenen zu finden? Oder war Max längst in jenem gleichen Nichts verschwunden, aus dem er scheinbar in DJs Leben trat?... Mag sogar sein, Max war nur ein Vorurteil von DJ, eine Einbildung... Seit einigen Tagen `erinnerte` er sich an einen seltsamen Kerl, dem er angeblich einmal, vor sehr langer Zeit, in Amsterdam begegnete. Auch eine Frau gab es in jener Geschichte. Tycianna hieß sie, falls ihm das Gedächtnis nicht täuschte...

Natürlich erinnerte er sich nicht wirklich. Sehr gut hatte er diesen... diesen... na ja, diesen Max eben, nicht gekannt, obwohl sie damals, in jenen Sommer in Amsterdam, so gut wie jeden Tag zusammen gewesen sein mußten.

Jedenfalls war es DJ so, als hätte er damals jeden Morgen am Nieuwmarkt einen Menschen getroffen. Ob das nur Zufall war, oder abgesprochen wurde, das liess sich auch nicht sagen. Und an jedem morgen gingen sie dann zu nahe gelegenen Blue Bird, einem Kenner-Koffie-Shop in St. Antoniesbreestraat, tranken starken Mokka und dabei baute Max einen Joint, nachdem DJ vom Blue Bird-Wirt Harry aus dessen Privatschatulle bedient wurde; DJ hatte sich eben den besten Shit leisten können, den es in Amsterdam überhaupt gab. Sie saßen dann auf dem rotem Ledersofa, rauchten bis zum Mittag drei oder vier starke Joints, die mit dem goldenen Ketama, oder indischem Manali, nepalesischem Tempel-Shit, mit dem aromastarken schwarzen Kaschmiri und ähnlichen exotischen Schätzen aus Harrys Privatschatulle angepowert wurden. Und dann erzählte dieser Max seine Geschichten. Die waren so unfassbar, dass DJ es einfach nicht fassen könnte, jemanden so total vergessen zu können, der solche Geschichte erzählte. Schon das war unfassbar.

Und so unbestimmbar.

Denn ob diese Episode seiner Biographie tatsächlich existierte, oder ob das irgendeine Phantasie, ein ganz schlimmer Alptraum möglicherweise, der niemals registriert wurde, sich da irgendwie selbstständig gemacht hatte, das liess sich ebenso wenig sagen, wie dass dieser Mensch tatsächlich dieser Max war. In der DJs benebelten Gedächtnis jedenfalls existierte dieser Vielleicht-Max genauso diffus und unbestimmt, wie eine Unbekannte in der Mathematik: DJ kannte ihn, konnte ihn trotzdem nicht näher bestimmen. Er paßte in kein gängiges Klischee und sah zudem aus, als würde er auf alle Konventionen pfeifen; eine Rolle, die ihm letztendlich niemand abkaufte, denn er handelte einfach nicht so, als verfügte er über Grips genug, um tatsächlich einen Lebenskünstler abzugeben. Scheinbar bestand dieser Mensch aus lauter Widersprüchen - einfach ein idealer Shizzo. Auch wirkte er äußerst uninteressant, ohne tatsächlich übersehbar zu sein; eine Eigenschaft, die ihm den Lebensweg bestimmt nicht einfacher machte. Auch DJ hatte sich trotz aller Faszination, die er jenem Max gegenüber empfand, nie für ihn restlos erwärmen können. Sie waren keine wirklichen Freunde. Nicht, daß Max andere auf Distanz hielte - man hielte sich automatisch auf Distanz von ihm.

So mußte sich DJ jetzt, nach beinahe vierzig Jahren, zugestehen, nie gewußt zu haben, wer Max tatsächlich war. Auch rein biographisch gesehen wußte er gar nichts von ihm. Er müsste damals vielleicht 25 gewesen sein Wie durch einen Nebelvorhang, wie in einer Erinnerung an einen längstvergessenen Traum, glaubte er sich vage daran zu entsinnen, Max entstammte sizilianischen Einwandern ab, die noch Ende fünfziger Jahre nach Deutschland als Gastarbeiter gingen... Aber DJ war sich nicht sicher, ob das stimmte, denn es kamen ihm noch andere Erinnerungen in den Sinn, genauso nebelhaft und reichlich surreal.

Einige von diesen identifizierten Max als politischen Flüchtling aus einem Ostblockland, in dem er sich gegen irgendeinen Lokalpotentaten versündigte, worauf er eine abenteuerliche Flucht nach Westen riskieren mußte... Jedenfalls war es DJ so, als hätte Max einmal von jener Flucht erzählt, die allzeit abenteuerlich-lebensgefährlich gewesen sein sollte - wie eine Gratwanderung zwischen der Zukunft und der Verderbnis... Mit einer hundertprozentigen Sicherheit freilich, durfte DJ nicht behaupten, Max hätte je überhaupt etwas von sich erzählt. Obwohl er eigentlich viel und gerne redete.

Ja. Er war voll mit Geschichten, die er an jenen Vormittagen erzählte. Max war voll mit Phantasie, nur am praktischen Wissen schien es bei ihm zu mangeln, er war lebensfremd. Nichts wollte ihm gelingen. Erst jetzt erinnerte sich DJ, daß Max eigentlich wie ein Hund gelebt hatte, ohne Erfolg und ohne Freunde... Oft faszinierte er durch das Edle seines Geistes, oft stießt er aber ab, weil er weder Takt noch Erziehung noch Willen zu haben schien.

DJ entging nicht, daß kein Mensch aus ihm schlau wurde und jeder ihn nur gering schätzte.

Nicht lange danach sprach er mit Gräfin Margot, einer gemeinsamen Bekannten von Max und ihn, über Max. In der Szene zwischen Café Rasputin und den Koffie-Shops war sie wie ein bunter Hund bekannt. Und sie sorgte sich um Max mit einer unbekümmerten Eifer, die freilich nur ihr Mitleid mit der unpraktischen Kreatur bezeugte. (Jemand muß sich auch um ihn kümmern, meinte sie, als DJ sie einmal darauf ansprach. Man kümmert sich auch um herrenlose Hunde, sagte sie.) Während jenes Gesprächs aber wurde ihm bewußt, daß sie, obwohl sie von Max wie von einer absolut lächerlichen Kreatur sprach, doch irgendwie eine Art von Hochachtung vor ihm zeigte. Da entdeckte DJ, daß er, obwohl er Max eigentlich verachtete doch genauso von ihm fasziniert war. Das war bereits zweites Mal, daß er sich fragte, wer jener eigentlich sei.

Zu einem war dieser Max, um es bei Namen zu nennen, ein höchst mißlungener Mensch; kein einfaches Dekadent, sondern vollkommen entartet. Als stammte er einer jener Familien ab, die so uralt sind, daß sie bereits Anfang des Mittelalters schwer degenerierten, und sich als giftige, krankhafte Ablagerung ganz unten zwischen den gesellschaftlichen Sedimenten absetzten, und eigentlich längst ausgestorben sein müßten. Doch hatte der uralte Stamm, durch die Masse an Erfahrungen, die er angesammelt hatte, seine Gene derart elastisch gemacht, daß sie auch die schlimmste Degeneration zu überstehen vermochten. In solchem einen Fall könnte die krankhafte Reduktion zum wahren Jugendborn und heilsamer Koma-Schlaf für die Reinkarnation des Blutes bedeuten. Nachdem eine Ernte der Entwicklung eingefahren wurde, warf man sich quasi selbst als Düng in den Nährboden der Gesellschaft, und wartete, was in einem neuen Frühling der Geschichte für eine Wunderpflanze daraus keimen würde... Gut, mit Max kam nur ein kümmerliches, dorniges und wohl auch giftiges Pflänzchen. Vielleicht aber mit seinem Nachkommen...

DJ war bekannt, daß es solche Familien und solches Blut gibt, denn auch seine eigene Familie gehörte eigentlich dazu. Auch sie entartete in eine lange Decadence, um mit seinem Vater von Toten aufzuerstehen... Und er? DJ? Gelang es ihm Vaters Arbeit fortzusetzen? Hätte er tatsächlich den Familiengeist bereichert?... Darauf wußte er keine Antwort. Aber wer von Menschen wußte auf solche Frage eine hundertprozentig sichere Antwort?...

Mit einem sanften Rück setzte sich die Maschine in eine Abwärtsbewegung. Der Flieger war aus dem Hideyoshi-Raum in das normale Raum-Zeit-Kontinuum eingetreten und begab sich daran, die Satellitenbahn zu verlassen. Aus den Gedanken und Grübeln erwachend, stellte DJ fest, daß er sich wirklich nicht an jenen Max entsinnen konnte.

Nein. Eigentlich war sich DJ nicht einmal sicher, daß es in seinem Leben einen Max überhaupt gab. Er hatte einwandfreien Eindruck, sich nur an Träume und Alps zu erinnern, als er an jenen dachte. Mag also sein, Max war auch nur so eine unbestimmte Erfahrung, die DJ soeben wieder einmal im Hideyoshi-Raum gemacht hatte, wo die Empfindung der Zeit so schal wurde, daß der schreckliche Eindruck entstand, die Zeit stünde vollkommen still, und man wird die Erlösung durch den Tod nie erleben können - für DJ jedes Mal eine intensiv erlebte Verzweiflung.

War Max also nur so ein Phantom-Erlebnis? Eine Figur vielleicht, die sich DJ aus allen Büchern, die er je las, aus alten Filmen und Musik zusammenbastelt hatte? Noch damals, vielleicht in Amsterdam - warum erinnerte er sich nur immer an Amsterdam?! -, als er bei sich die erste Anzeichen einer Lebenskrise feststellte. So schien ihm jetzt, er hatte damals jenen Max gekannt, mit ihm in endlosen Gesprächen an den Grachten herumgezogen hatte, in der Wirklichkeit aber jene Tagen nur in hoffnungslos einsamen Spaziergängen verbrachte... Erst jetzt begann DJ zu begreifen, wie verzweifelt einsam er doch sein ganzes Leben gewesen war.

Ja. Das wäre ihm freilich keinesfalls unangenehm, würde sich alles als ein Alp herausstellen... Obwohl. DJ war sich keinesfalls sicher, daß dadurch auch der Qual aus seinem Leben verschwinden würde, denn er fühlte sich gerade an den Punkt des Lebens angelangt, an dem sich jeder Mensch fragte, ob er doch nicht selbst in seinen Träumen gesündigt hatte.

Er schreckte hoch: eine Frau befand sich in seiner Kajüte, und im ersten Augenblick dachte er, Tycianna - jene Tycianna aus Amsterdam - stünde vor ihm. Aber nein. Das war weder Tycianna, noch eine andere reale Frau, sondern nur eine attraktive Erscheinung im CYS seiner Kajüte. Die junge Frau - sicher eine Italo-Amerikanerin, denn ihre Ähnlichkeit mit Tycianna war wirklich groß -, gestylt in extravagantem Pizzikato-Look der Posttekkno-Jugend der Multis, mit der Stimme voll Lächelns und guter Laune, begrüßte ihn, hieß ihn am Marilyn Monroe-Supersonic LA willkommen und bot ihm ihren hundertprozentigen Service an. Auch persönliches! betonte sie mit einem gewollt verlegenen Lächeln, und das bedeutete, daß sie sich, nebst ihrem, sicher schäbig bezahlten, Job am Flughafen, auch als Callgirl verdingte.

DJ verschmähte natürlich den übrigen Service und ließ sich nur ein gepanzertes Taxi bestellen.

 

 

 

 

 

18. DER VERKOMMENE SCHNÜFFLER

 

Das gepanzerte Antigrav-Taxi wartete vor der VIP-Lounge des Flughafens. Der Chauffeur war natürlich ein Chinese. Natürlich, dachte DJ, denn in jenen Tagen könnte man praktisch keinen Schritt machen, ohne wenigstens einen Chinesen oder Inder zu begegnen. Statistisch gesehen war das so, daß von 3 Personen, die man sehen könnte, mindestens eine Person entweder ein Inder oder ein Chinese war, jeder 10 war Afrikaner, ebenso wie Latino und erst von 20 Menschen, die man begegnen könnte, war einer ein Kaukasier. Immerhin machten die Inder und Chinesen inzwischen mehr als die Hälfte der Population, also zwischen fünf und sieben Milliarden Menschen, und das machte sich schon bemerkbar. Man fand sie so gut wie überall, selbst auf den Spitzbergen und in Timbuktu oder in der einstigen Grünen Hölle von Matogrosso gab es indische Händler und chinesische Köche. Nicht, dass DJ irgendwelche Rassentiments gegenüber Chinesen oder Indern hatte, nur die Konstellation amüsierte ihn, dass das erste Gesicht, das er in Amerika sah, gerade einen Chinesen gehörte.

Ansonsten war es verdammt ungemütlich in LA, in ehemals sonnigem Kalifornien. Es gab keine Sonne, weil die Stadt brutal in Flammen aufging, und die schweren, schwarzdunklen Rauchwolken wie düstere Racheengel über die Stadt hingen. Draußen peitschte der kochende, immer höher steigende Ozean, mit infernalischem Getöse riesige Gischtwellen über die Strände in die Straßen der Stadt hinauf, und bis zum San Diego Freeway erinnerten die Downtowns von LA an Venedig.

Zudem gab es wieder einmal wilde Unruhen in der Stadt der Engel.

Die Unruhen in den ehemaligen USA waren schon seit Jahrzehnten an der Tagesordnung, ohne daß ein Ende dieser Riots abzusehen war. Uranfang machten die denkwürdigen Rassenunruhen 1992 in LA, die man zwar schnell unter Kontrolle bekam, und für eine Zeitlang sah es aus, als bleiben die Staaten ruhig. Allerdings brodelte es ständig und kleiner Scharmützeln passierten so gut wie ununterbrochen. Als aber im Jahre 2009 am Thanksgiving day in New York Bronx die Agenten der brutalen Drug-Police eine Gruppe schwarzer Dealer niedermähten, wurde die Monsterstadt die Bühne für die Generalprobe der Apokalypse.

Die Premiere fand dann bei den unvergessenen Wahlen im Jahr 2012 statt, als zum ersten Mal in der Geschichte eines so genannten `demokratischen` Staates weniger als zehn Prozent der Wähler den Weg zu den Urnen fanden. In diesem politischen Alptraum erklärten sich sowohl die Republikaner wie die Demokraten für Wahlsieger und in den USA gab es plötzlich zwei Präsidenten. Einer regierte traditionell aus Washington DC, der andere erklärte For Knox für den wahren Capitol der USA und schrieb beleidigende Briefe an seinen Kontrahenten in `Washington WC`. Nun erst flammten die Staaten in den Unruhen auf, was dazu führte, daß es zwei Jahre später bereits drei Bewahrer des `Seals of the Präsident` gab. Nun, im Jahr 2030 waren es ihrer sieben, und die einstigen USA begannen an Deutschland nach der Reformation zu erinnern: lauter kleine demokratische Fürstentümer ohne Sinn und Zweck.

In so einer Verteilung des Machtpotentials war es für keine politische Gruppierung möglich, die Herrschaft zu stabilisieren, so vermochte der Mob erfolgreich mit dem politischen Chaos zu konkurrieren. Solches `Lybanon-Syndrom`, ein unbewegliches doch ruheloses Patt der Gewalten, war freilich nicht nur für die USA typisch - die ganze Welt befand sich in gleicher verbiesterter Starre und war zugleich lethargisch und hysterisch.

Auch am Tag DJs Ankunft nach LA war am Rande des Central LA eine blutige Straßenschlacht im Gange. Eine wilde Masse aus vorwiegend schwarzen und braunen Leibern attackierte verwegen die Kalifornische National Praetorians-Garde. In gepanzerten Riot-Control-Fahrzeugen fuhren die NP-Gardisten erbarmungslos in die Menschenflut, zermalmten viele unter sich... Da und hier aber zischte aus der Masse eine Boden-Boden-Rakete los, knackte mit wütender Explosion die saurierhafte Panzerung eines der Fahrzeuge; manchmal versuchten dann einige brennende Gestalten aus der Oberluke des Panzers auszusteigen, doch sie hatten keine Chancen, sofort wurden sie von der Meute gesteinigt und massakriert. Dann johlte die Menge in einer lustvollen Ekstase des Blutrausches und eine neue Brandung aus energie- und haßgeladenen Körpern schlug gewaltvoll in die Reihen der, sich verzweifelt wehrenden NP-Gardisten ein.

Dann huschten am Taxifenster die Bilder der Belagerung eines Hochhauses. Fassadenkletterer, die sich Spidermans nannten und sich dank der Nanohandschuhen und Nanosschuhen darauf verstanden, selbst auf den glättesten Fassaden auf allen Vieren zu laufen, versuchten die oberen Etagen des Skyscrapers zu erklimmen. DJ wusste natürlich warum: je unsicherer die Welt wird, umso höher in den Wolkenkratzern wohnen die Wohlhabenden. Dort oben wähnten Sie sich in der Sicherheit. Diese armen Narren!

Da gab es natürlich auch die Spiderman-Polizei. Die war ebenso mit diesen Nanohandschuhen ausgestattet, die selbst auf der glättesten Fläche sicher wie Fliegenfüße an der Decke kleben könnten, und Schuhen mit den Saugnäpfen aus dem gleichen Nanomaterial an der Spitze, und war gut darauf trainiert, auf den Fassaden zu klettern. Diese Spiderman-Bullen jagten nun diese Spiderman-Verbrecher, aber sie hatte eigentlich keine Chance, damit fertig zu werden. Es gab so viele Verbrecher, dass die Polizisten hoffnungslos in der Unterzahl blieben, was meint, dass extrem viele von den Fassaden abstürzen. Darauf weigerten sich die anderen, auf die Jagd zu gehen. Darauf kam man auf die Idee, gegen die Spidermen Hightech anzuwenden, sie mittels der Hightech-Spritzen von der Fassade abzuschießen. Nun stürzen tatsächlich viele von diesen ab.

Na ja, dachte sich DJ im vorbeifahren, nun werden sich die Spidermen etwas Neues einfallen lassen, dann wird wieder die Polizei in Verzug geraten.

Aus seinem sicheren, gepanzerten Antigrav-Taxi durfte DJ einigermaßen sorglos den Wahnsinn der Stadt beobachten. Selbst dort, wo im Augenblick noch Ruhe herrschte, lag die Katastrophe in der Luft. Die Atmosphäre war auf fast unheimliche Weise aufgeladen; die Zeit der Gespenster schien aufgebrochen. Die Gestalten, die dort durch das verrauchte Zwielicht huschten, sahen wie Irren oder wie Verbrecher aus. Jeder war schwer bewaffnet und offensichtlich bereit, bei dem leisesten Geräusch zu schießen.

Sam Keeper, nach Pjotrs Ansicht der fähigste Privateeye der Welt, hauste am Rand von Anaheim, in einem üblem Slum, wo es erstaunlich ruhig war; vermutlich leben hier nur solche Menschen, die bereits resigniert haben, dachte sich DJ. Er empfand das als kein gutes Zeichen. Sams Office befand sich im Hinterhof einer kahlen, engen Gasse, wo die gesunde Sonne Kaliforniens scheinbar keinen Zutritt hatte. Der Hof präsentierte sich verkommen und vermodert, es stank nach Abfall, Urin und ungewaschenen Socken. Dem DJ kam das House of Usher in den Sinn als er jene Tristezza sah. Zu Sams Office, zwei schlampigen Räumen im ersten Stock des Hintergebäudes, gelang man direkt aus dem Hof hinein, und zwar über eine enge, steile Außentreppe. Beide Räume waren mit Möbeln ausstaffiert, die möglicherweise dem Sperrmüll abstammten, und von je einer nackten vorsintflutlichen Glühbirne Tag und Nacht erhellt, denn im Haus herrschte auch beim blendendem Sonneschein das ewige Zwielicht eines düsteren Sarkophages. Dass es so was noch überhaupt gibt, wunderte sich DJ über die Glühbirnen, er hatte seit mindestens 20 Jahren nur LCD-Beleuchtung gesehen. Da es im vorderem Raum außer einer angestaubten Helpmate-Sekretärin im Design der amerikanischen femme fatale aus der späten Vierziger, frühen Fünfziger Jahren ansonsten niemanden gab, die Maschine aber eindeutig offline und tot war, klopfte DJ an der nächsten Tür und ging ohne eine Aufforderung abzuwarten sofort hinein.

Sam Keeper - seine Freunde nannten ihm eigentlich `ye old barkeeper Sam, das wußte DJ von Pjotr -, saß hemdsärmlig da, jedoch nicht am Schreibtisch, sondern mit den Füßen am Fensterbank, und balancierte auf zirkusreife, etwas lebensmüde Weise, auf den Hinterbeinen seines Stuhles. Ein drahtiges, etwa einssiebzig großes Kerlchen, mit schmalem, abgemagerten Gesicht auf dem außer einem Pokerface keine andere Miene möglich war. Er sah extrem mißgelaunt, übermüdet und verkatert aus. Seine Krawatte war gelockert, sein weißes Nylonhemd vergilbt, seine Wangen schmückte ein pennermachomännlicher Fünftagebart. Die Ringe unter seinen Augen entstammten wohl der Whiskyflasche, die griffbereit am Boden neben dem Stuhl stand, und sein entsetzlicher Husten sicher den filterlosen Camels, mit welchen er die Atmosphäre seines Büros kettenartig verpestete. Der Meisterdetektiv schien auf den Hund gekommen zu sein.

Trotzdem wirkte Sam immer noch ungemein cool. Die Coolness war sein Markenzeichen, auch das hatte Pjotr DJ anvertraut. Daß es mit ihm bergab ging, dafür waren andere Faktoren verantwortlich: die Weltkrise war von solchem Ausmaß, daß kein Schwein mehr einen Privatdetektiv brauchte - in jenen lustigen Heldenzeiten traute sich jeder, seine Probleme eigenhändig aus der Welt zu schaffen. Sam konnte sich nicht mehr erinnern, wann er zuletzt noch einen Fall hatte. Das war schon eine Weile her.

Sam war so tief in seine Grübeleien versunken, daß er zunächst nicht reagierte, als DJ bei ihm eintrat. Es war überhaupt nicht klar, ob er Besuch überhaupt wahrgenommen hatte, und DJ hustete diskret.

`Sagen Sie nichts, Sir.` meinte Sam müde, ohne sich zu bewegen, ohne DJ auch nur anzuschauen. Eine kleine Kopfbewegung nur deutete dem Besucher auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Sam sprach kein Bimbo, sondern normalen Amerikanisch, und DJ, der, wohl dank vielen Aufenthalten in den Staaten, Amerikanisch ohne Akzent sprach, ließ sich zunächst nicht als Fremder erkennen.

Sam stand schließlich auf, goß zwei dreckige Plastikkristallgläser mit seinem Moonshine-Whisky Marke Black Widow randvoll ein, zündete sich eine Camel an, schob den Schachtel DJ zu. Seine Bewegungen erfolgten fast in der Zeitlupe. Man sah ihm an, nichts könnte ihm aus der Ruhe bringen, noch nicht mal die Aussicht, endlich etwas zu verdienen. DJ bedankte sich für die angebotene Zigarette.

`Well. Hören Sie sich zunächst meine Konditionen an, Sir: hundert Quintiliarden pro Tag plus Spesen.`

Ohne Neugier schaute Sam DJ an. Der Überlegte. Sam redete von Quintiliarden, was DJ einfach lächerlich fand. Er war sich sicher, genauso wenig wie er selbst und jede andere Mensch - den seligen Einstein vielleicht ausgenommen - wußte Sam, was eine Quinitliarde ist. Auf jedem Fall redete er vom Papiergeld, und das war nicht weniger komisch. Entweder war er doch nicht so gut, wie Pjotr ihn dargestellt hatte, oder aber wirklich entsetzlich tief gesunken.

`Sie bekommen zwei Goldeuros, oder vier Goldyen, oder zehn Golddollar pro Tag - wie Sie eben wollen. Dazu Spesen. Auch im Gold.` sagte DJ. Er wollte den Schnüffler etwas ermutigen, was ihm ohne weiteres gelang. Sam vergaß für den Augenblick seine enorme Coolness, griff gierig nach dem Whisky, zündete sich eine frische Camel an, nahm sich dann aber sofort zusammen, schaute DJ bohrend an - er hatte wirklich einen Blick, dem nichts entgehen dürfte - und behauptete frech:

`Well. Ihre Frau ist mit Ihrem besten Freund und Ihrem Vermögen abgehauen... Sie sind ein Hahnrei!... Nun wollen Sie, daß ich sie finde und beseitige, und die Penunzen zurückbringe.`

`... Nein!` korrigierte er sich sofort, als er DJs enttäuschtes Gesicht sah. In der Tat war der nicht wenig enttäuscht. Das, was Sam da bot, war noch nicht einmal jene schäbige hundert Quintiliarden im Papiergeld wert.

`... Nein!` redete Sam weiter: `Sie werden von Ihrer achtjährigen Geliebten erpresst!`

`Spielen bei Ihren Klienten ausschließlich Frauenprobleme eine Rolle?` fragte DJ müde. Er war so enttäuscht, daß er entgegen seinen Gepflogenheiten sarkastisch wurde. Der angeblich größte Detektiv der Welt drohte sich als ein mieser Scheidungsschnüffler zu entpuppen.

Sam blickte ihn düster an, während er sich eine neue Camel ansteckte: `Wie könnte ich mich so irren... Sie sind auf der Flucht vor der Polizei, Sir. Sie werden beschuldigt, Ihre Frau beseitigt zu haben, um mit Ihrer Sekretärin auf Hawaii, Jamaika, Gran Canaria, oder einer anderen isla bonita zu verschwinden... Fälschlicherweise, freilich. Ihnen sieht man sofort an, daß in Ihrem Leben Frauen keine Rolle spielen; selbst Ihre Sekretärin ist höchstwahrscheinlich nur ein Helpmate.`

Nun begriff DJ, warum Pjotr von Sam begeistert war. Sams Ironie war geistreich, zeugte zudem von wachem Verstand und nicht zuletzt von Mut. Immerhin hätte er sich mit seiner frechen Bemerkung den potentiellen Kunden vergraulen können, und er war bestimmt nicht in der Lage, sich das leisten zu dürfen. DJ traute sich zu bezweifeln, daß Sam in den letzten zehn Jahren zehn Golddollars gesehen hatte.

Natürlich dachte er nicht daran, sich von Sams Frechheit beleidigen zu lassen; er bekam nur, was er suchte. Übrigens gefiel ihm Sam jetzt nicht schlecht. Auf einen Mann, der sich auf sich selbst verläßt, können sich in der Regel auch andere verlassen. Außerdem war DJ als Edelmensch im Sinn einer vollkommenen individuellen Freiheit erzogen und verabscheute jede Art von Unterwürfigkeit. Sams Libertinage fand also ohne weiteres seine Zustimmung.

Um den Smalltalk zu beenden blickte er Sam an:

`Es geht um eine Person...` begann DJ seine Geschichte, die er sich seit dem Gespräch mit Pjotr Pawlowitsch zusammen gebastelt hatte.

`Um eine männliche Person, allerdings, von der das letzte Lebenszeichen von vor vierzig Jahren stammt. Die Person könnte bereits tot sein, sich aber auch überall in der Welt aufhalten, sich mit allem möglichen beschäftigen... Die Schwierigkeit ist, daß noch nicht einmal sein Familienname bekannt ist... Ich habe ihn glatt vergessen... Eigentlich ist das doch keine zusätzliche Schwierigkeit. Es ist ziemlich sicher, daß er damals, als er Amsterdam verließ, wo ich ihn kennen gelernt habe, einen anderen Namen annahm... So gibt es außer seinen Vornamen, zwei uralte Fotos und einer Ansichtskarte aus Venedig, praktisch keine andere Infos, um ihm auf die Spur zu kommen.`

DJ erzählte eben das, was er aus seiner Erinnerungen wenn schon nicht als abgesichert, doch wenigstens das, was man als Fetzen eines Traums nennen könnte, die nach dem Aufwachen eben noch in der Erinnerung geblieben sind. Auf jedem Fall, meinte er zu Ende kommend, würde er sehr gerne entweder diesen Menschen finden, oder aber wenigstens erfahren, was aus ihm geworden ist, wie es ihm ergangen ist, und so…

Während dieser Auslegung hatte Sam die Füße auf den Schreibtisch gelegt, direkt aus der Flasche einen gezwitschert und sich eine frische Camel angesteckt. Er hörte schweigend zu und blickte knapp an DJs Nase vorbei. Die Geschichte langweilte ihn offenbar. Als DJ dann schwieg, versteckte der Detektiv das Gesicht in die Hände, massierte sich heftig die Schläfen...

`Aber hinter dieser Geschichte versteckt sich eine Frau, Sir!` behauptete er so träge, als läge ihm an seiner Behauptung nicht das Geringste: `Ich rieche sie... Nein!... Ich kann sie sehen!... Warten Sie... Ja, Sir. Ich kann sie sogar beschreiben!... Sie hatte tiefblaue Ultramarin-Augen, ihr Mund war von Natur aus knallrot, und ihr Haar war manchmal schwarz manchmal rot, im hellen Licht schwarz, in der Dunkelheit rot... Sie schritt wie eine Königin... Und sie hatte eine eigentümliche Art einen anzuschauen: mit einem schwermütigen Blick einer träumenden Kuh. Nicht wahr?`

In dem Augenblick war DJ ziemlich froh, daß Sam nicht zu ihm hinsah. Die Erinnerungen an Amsterdam, die ihn während des Fluges überfielen, wurden durch diese Beschreibung bestätigt, denn dort glaubte er sich an jene Tycianna zu erinnern... Und jetzt, bei dieser, erstaunlich exakten Beschreibung Tyciannas, erschien sie so schmerzhaft in DJs Erinnerung, daß er einen physischen Schmerz empfand, und er wußte, daß sein Gesicht vor Scham und Zorn entstellt wurde, als er sie so lebendig herbeigezaubert bekam: neunzehn Jahre alt, eine rare, makellose Schönheit und ein moralloses Biest dazu - eine perfekte Sünde an sich... Wie und wo hatte er sie bloss kennen gelernt? Und in welcher Beziehung stand sie zu diesem Max? War sie seine Freundin? Vielleicht sogar seine Frau? Und hatte DJ sie ihm ausgespannt?

Obwohl, dachte er, sich bemühend, sich von alten, grausamen Erinnerungen nicht besiegen zu lassen. Diese Beschreibung könnte genauso gut auf noch eine Unzahl anderer Frauen passen. Vielleicht war Sam doch nicht der brillante Durchblicker und Analytiker, wie er von Pjotr Pawlowitsch beschrieben wurde und sich jetzt selbst gab. Möglicherweise, nämlich, war er nur ein durchtriebener Glücksritter, der es aufs Geratewohl versuchte, und hier und da einen Zufallstreffer landete... DJ wollte sich freilich mit keinem Hochstapler einlassen. Zum Glück gab es Wege und Möglichkeiten, das zu überprüfen. Mag er das Aussehen der Frau auch erraten haben - andere Einzelheiten sind so leicht zu erraten nicht.

`Warum haben Sie sie gerade so beschrieben?` fragte er.

Sam blickte ihn ironisch an: `Well!... Weil eben die Weiber, die so aussehen, besonders dazu geeignet sind, einem das ganze Leben zu versauen.` sagte er, und DJ wußte nicht, ob der Detektiv das ernst meinte, oder nur über ihn, DJ, spottete.

`Können Sie mir sagen, wie diese bewußte Frauen vorgehen, um das zu erreichen?` fragte er darum weiter. Falls Sam nun eröffnen sollte: indem sie einen gegen seinen Freund ausspielen, wollte sich DJ geschlagen geben, denn er spürte diese Tycianna wie einen Keil zwischen sich und diesem Max. Doch es kam noch besser. Sam hatte die Zweifel, die die Frage beinhaltete, natürlich nicht überhort. Er wußte sofort, warum die Frage, und hatte nicht vor, sich testen zu lassen.

`Wollen Sie von mir Investigationsdienste oder ein paar Stunden in der angewandten Psychologie?` knurrte er böse:

`Well. Das müssen Sie mir schon sagen, Sir. Für das Psychozeuch würde ich Ihnen keinen Golddollar abknöpfen; das ist nicht einmal ein Papiermilliarde wert, das bekommen Sie bei den Networks sogar kostenlos.`

Er bellte geradezu mit seiner, vom vielen Whisky verhunzten Reibeisenstimme, blickte DJ streitsüchtig an. Der schmunzelte: die Antwort war wirklich nicht schlecht. Ja, Pjotr Pawlowitsch hatte schon DJs Anliegen richtig verstanden und den rechten Mann empfohlen. Sam gefiel DJ so gut, daß er unvermittelt eine Spontanidee bekam. Er wurde selbst mit Sam auf die Suche gehen! Das wird dann so etwas wie ein Abschlußabenteuer seines Lebens. Also schlug er Sam umgehend vor, ausschließlich in seine Dienste zu treten. Mit einem geregelten Einkommen von sagen wir dreihundert Goldecus monatlich, und allen anderen Annehmlichkeiten dazu, die in jener Zeit die Zahlungsmittel der Multis boten.

Ohne Zögern zeigte sich Sam einverstanden. Alles klar. Von mir aus können wir gleich damit beginnen. Er machte sich aber zuerst auf das Sichten von Spuren und begutachtete zunächst die Postkarte, dann die Fotos. Ja, das ist die Frau, die er meinte, murmelte er sich in den Bart während er die Fotos eingehend studierte. Dann nahm er sich wieder die Karte an. Er ließ sich den Text übersetzen, roch sogar an der Karte, holte aus der Schublade eine billige Laserlupe heraus, eine von der Sorte, die damals im Polizeifilmen oft zu sehen war, und besah sich die Briefmarke. Dürfte er die vielleicht abmachen? bat er. In der Nachbarschaft lebt ein kleiner Junge. Er hieß Joe und sammelte Briefmarken, weil er ohne Beine geboren wurde und kein Basketball spielen kann... Über solche alte Briefmarke würde er sich sicher riesig freuen... Der coole, raue Schnüffler zeigte seinen weichen Kern, was Wunder, daß DJ ihm immer sympathischer fand. Sam sollte eine Holokopie der Karte machen und die Karte dem Jungen schenken, erlaubte er.

`Well. Die Frau war eine Hexe, das sieht man ihr an.` redete Sam während er wartete, daß sein antiker Holokopierer der ersten Generation die Kopie ausspuckte; immerhin brauchte das vorsintflutliche Gerät ganze drei Minute dafür - du liebe Zeit!...

Dann steckte er die Karte in einen Umschlag, schrieb darauf Joes Namen, und warf es aus dem Fenster. Er wies seinen Interkomm an, ihn mit einer Nummer zu verbinden, unterhielte sich kurz mit einer Frau - DJ konnte nichts erkennen, weil auch das ein sehr altes Apparat war, also kein CyS, sondern einfaches Internet über Bildschirm WLAN und DSL -, erzählte ihr, daß im Hof etwas für Joe lag.

`Sie war natürlich auch eine Hündin!` behauptete Sam nachdem er die Kommunikation beendet hatte: `Vor allem aber eine Hexe. Das heißt, sie hatte Ihren Freund verhext, Sir, und wir werden jemanden brauchen, der sich mit Okkulten- und Psi-Dingen auskenne. Der würde uns die Beweggründe eines verhexten Menschen ausleuchten können... Mir schwebt ein Hellseher vor, der sowohl seine Arbeit versteht und sich bereits mit Fällen beschäftigt hatte, die unserer Investigation ähneln. Erfahrungen in der Personensuche wären natürlich Ideal.`

Aus einer Schreibtischschublade holte er einen ausgebleuten Bogart-Hut heraus und stand auf:

`Natürlich werden wir auch direkt vorgehen. Davon dürfen wir uns aber nicht allzu viel versprechen, glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. Ich bin seit meinem sechzehnten Lebensjahr ein Schnüffler und in gut dreißig Jahren sammelt sich einiges an Erfahrung. Wo die Spur so weit zurückliegt ist sie bereits derart versteinert, daß man aus ihr praktisch nichts herauszulesen vermag. Ein Psi-Fachmann aber ist imstande, darin noch Erstaunliches zu entdecken.`

DJ hatte inzwischen die unangenehme Erinnerung von sich weggescheucht und erhob sich nun auch: `Wo finden wir so einen Menschen? Okkulte Kreise sind mir vollkommen fremd.`

`Mir auch. Aber da kann uns McGuates helfen.` meinte Sam.

Er zog die Jacke und den Trenchcoat an: `Kommen Sie. Wir suchen ihn sofort auf.`

Er trank nun, da die Flasche bereits leer war, das Glas aus, das DJ nicht angerührt hatte, und zündete sich im Hinausgehen eine weitere Camel an.

Die Tür seines Büros schloß Sam noch nicht einmal hinter sich ab. Er ging weg wie einer, der hinter sich schon oft alle Brücken verbrannt hatte. DJ liebte solche Menschen.

Sam beobachtend dachte er, er wäre auch liebend gerne so ein Mensch gewesen. Wie Max.

Auch der war so ein Vorwärtsstürmer, der hinter sich jede Brücke zu verbrennen pflegte - um nicht zurückgehen zu können.

Ja, woher weiß ich das bloß? fragte sich DJ, Sam folgend.

 

 

 

 

 

19. DIE SEELE DES COMPUTERS

 

Im Sams uralten 98er Buick fuhren sie nach Santa Barbara hinaus, wo der besagte McGuates in den Ausläufern der Diablo-Berge hauste; DJ konnte sich nicht mehr erinnern, wann er zuletzt in einem richtigen, altmodischen Auto, mit Rädern, Lenker, Gaspedale und Bremse gefahren wurde, das war schon eine Weile her... Inzwischen war es bereits dunkel geworden, und die große Stadt bekam in der heißen, von vielen Brandfeuern erhellten Dunkelheit, ein gespenstisches Aussehen.

Sie fuhren um Hollywood herum, denn seit die berühmte Hollywood Chinese Wall errichtet wurde, könnte man vielleicht als Fremder in Hollywood hinein, keinesfalls aber wieder lebend heraus gelingen, scherzte Sam... Irgendwo in der Nähe attackierte eine Kampfhubschrauber-Meute Ziele am Boden: man hörte die Maschinen wie wütende Hornissen herumbrummen und die hellgrünen oder orangenfarbenen Explosionen zeigten die Einschlagsstellen ihrer Raketen an. Sam schätzte, daß da ein Putsch im Gange wäre, und die US of Southwest America (uSSa, schrieb man das abgekürzt), die einstigen Kalifornien, Nevada, Utah und ein Teil von früheren Arizona bildeten, bald einen neuen Präsidenten haben werden.

Da zudem die Freeways um Central LA allesamt in den Händen von Black Panthers, Red Vigiliants und Yellow Dragons waren, und auch auf den Küstenstraßen kein Durchkommen möglich war – dort bestand die stete Gefahr, von einer tsunamiähnlichen Welle weggespült zu werden -, mußte sich Sam etwas einfallen lassen, um in die Berge zu gelangen. Glücklicherweise kannte er die Gegend und die Schleichwege wie seine Westentaschen. Unterwegs erzählte er DJ mehr von diesem McGuates.

Well. McGuates wäre der genialste Hacker der Computergeschichte, doch hatte er einen noch viel größeren Ruhm. Man hatte ihn bereits Michelangelo des Computers genannt. Er sei erst zwölf, bereits aber Informatikprofessor. Seine Diplomarbeit lieferte er mit elf ab. Das war eine Abhandlung über die Psychologie des Computers; ein Phänomen, von dem niemand auch nur träumte, bis McGuates quasi mit der Nase darauf stieß und einen Weltruhm erlangte, der sich nur mit jenen von Mozart und ähnlichen Wunderknaben vergleichen ließ. Eigentlich begründete er damit eine niegelnagelneue, absolut autarke Wissenschaft, die sich Psycyberlogie nannte. Darauf bot ihm die UCLA, die mit MIT die führende Kaderschmiede des BIG BLUE war, einen Lehrstuhl an, doch lehnte McGuates das ab: er war ein Freigeist und liebte es, auf der anderen Seite der Barrikaden zu kämpfen. Das Wunderkind verbrachte seine ganze Zeit am Computer. Im Spieltrieb bekämpfte er das System, indem er die großen Infonetze der Welt anzapfte, sie durchforschte und manipulierte, für seine Zwecken verwertete oder lahm legte. Sein spezielles Hobby war die Zucht von wundersamen und verrückten Computerviren, die in Datenbanken, Programmen und Modulen seltsame Muster voller Mystik und Phantasie hinterließen: kybernetische Blumen aus Zahlen. Diese Phantomgebilden, diese rechnerische Phantasmagorien nannten die Informatiker `Daten-Crop-Circles`. McGuates Traum war, dem Computer eine wirkliche, individuelle Seele zu schenken. Er war überzeugt, daß dies nur am Umweg über die Phantasie zu erreichen war. Sobald Compi einmal Phantasie entwickelt, wird er automatisch auch die Seele haben, behauptete McGuates.

`In diesen Rahmen beschäftigt er sich auch mit allen möglichen okkulten Phänomenen.` erzählte Sam, der mit McGuates Mutter befreundet war, somit auch McGuates selbst gut kannte. Inzwischen hatten sie bereits San Fernando passiert, waren aus dem Gröbsten heraus, und Sam bog vom holprigen Feldweg auf eine ramponierte, aber immerhin feste Straße ab, fuhr in Richtung Berge weiter.

Gerade vor einigen Tagen hatte Sam von McGuates erfahren, daß es diesem gelang, bei dem MTI die bestgehütete Datei der dortigen Datenbank zu knacken. Das war die so genannte `Psi-Datei`, kompletteste und kompetenteste Ansammlung der Phänomene, die jenseits der Erfahrungsgrenze liegen. Sam glaubte, darin werden sie den Mann finden, den sie suchten.

DJ, der sich während der Fahrt im ungepanzerten Bodenfahrzeug auf den abenteuerlichen Schleichwegen etwas angespannt hatte, entspannte sich nun wieder. Während er Sam zuhörte bekam er sogar eine kreative Idee: bei der Suche würden sie auch einen Kybernetik-Spezialisten gut brauchen können. Zwar vermochte sich DJ selbst, und wohl auch Sam, des Computers in jeder Lage zu bedienen; das war einfach etwas, was man als Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts ohnehin zu beherrschen hätte. Ohne solche Kenntnisse war das Leben nur mangelhaft zu meistern. Konnte man das nicht, war man eindeutig ein Acompi, ein Prolet also - die Neugeborenen kamen jedenfalls bereits mit Computer-Instinkt ausgestattet auf die Welt.

Doch war das nur eine Seite der Medaille. Die rasante Entwicklung der kybernetischen Intelligenz in den letzten fünfzig Jahren, und erst recht seit der Nanokybernetik und Züchtung des Bio-Kristall-Chips, hatte die Computerentwicklung in die Sphären verlagert, wo es für Laien total unüberschaubar wurde.

War die alltägliche Computerbenutzung auch immer einfacher und leichter, so brachte man es nur als hochkarätiger Spezialist fertig, Computer so zu kennen und nutzen, wie ein machiavellistischer Lebenskenner die Menschen kenne und nutze... Und Pjotr Pawlowitsch meinte auch, daß man ohne Spezialisten überhaupt nicht mehr auskäme.

An dieser Idee fand Sam nichts auszusetzen; bei der Suche würden sie ohnehin fast ständig auf Computer angewiesen. Er wußte sogar sofort, wen sie verpflichten sollten: eben den besten auf dem Gebiet, eben McGuates selbst... Der kleine Professor würde übrigens leicht zum Mitkommen zu bewegen sein. Zeit seines Lebens war er nicht über Monterrey und San Diego hinausgekommen, dabei wünschte er sich sehnlichst, die Welt außerhalb des virtuellen Raums kennen zu lernen. Doch hatte er, wie so viele Zeitgenossen, einfach Angst, aus dem Haus zu gehen.

`… Mit einer sicheren Reisegruppe jedoch, ködern wir ihn leicht von der Mutter weg, Sir. Lassen Sie es mich machen, Herr Graf, Sir.`

In den dunklen Bergen nördlich Hollywoods hatten sie die Schrecken der Stadt hinter sich gelassen. Ein Tal tat sich schließlich vor ihnen auf, durch das ein schmaler, einsamer Weg führte, der von einer Meute aus mindestens zwei Dutzend Guardian-Engels aus der Samurai-Serie bewacht wurde. Diese Wach-Roboter wurden von den Fannug-Betrieben des GROSSEN BUDDHA produziert und wesentlich zuverlässiger als die menschlichen Boddyguards, die nicht selten ihre Waffen gegen ihre Gebieter richteten. In dieser Hinsicht könnte man sich auf Roboter hundertprozentig verlassen - sie waren absolut treu, eben darum nannte man sie Samurais, die auch ihrem Tenno oder ihrem Shogun absolut treu gewesen sind. Also größtmögliche Zuverlässigkeit, da es doch hier und da vorkam, dass sie von den Schurken umprogrammiert wurden und dann doch die Waffen gegen ihre Herrn richteten. Wie gesagt, war das Leben damals echt keine einfache Sache.

Sam und DJ wurden allerdings anstandslos durchgelassen, denn als Freund des Hauses kannte Sam alle nötigen mot d'ordre, so daß die `Rambos`, wie das Volksmund jene brutale Maschinen nannte, stramm standen und salutierten. Am Ende des Weges fanden sie eine verfallene Villa, die allerdings nur als Eingang zu einer Grotte diente, in der McGuates residierte. Die Wohngrotte war natürlich voll ausgebaut und mit modernen Komfort sowie allen möglichen Sicherheitsschikanen ausgestattet.

McGuates müsse sich schwer in Acht nehmen, erklärte Sam diese auffälligen Vorsichtsmaßnahmen, denn besonders in den Politioso-Kreisen hätte er viele mächtige Feinde.

Sie wurden von McGuates Mutter empfangen; einer abgetakelten Blondine - so eine Art von Oma-Marylin -, die ihre besten Jahre schon gründlich hinter sich hatte. Sie führte sie zum Computer-Guru. Das Wunderkind residierte inmitten eines wahren Computer-Chaos. Überall gab es seltsame, phantastische Gebilde aus Kristallchips, die sprechen konnten und ihre intensive Denktätigkeit durch das melodiös-bunte Leuchten ihrer Oberfläche verrieten; überall ein Wirrwarr an Bildschirmen, externen Stationen, Laserturbokmpressoren für Datenpufferung, allerlei Modulen, Speichern, Drückern und anderem Spielzeug für Genies.

McGuates litt an der Makrocephalie. Sein Kopf hatte die Größe eines Medizinballs und war sichtbar für den Körper des Zwölfjährigen zu schwer. Er kaute Gummibärchen und Fingernägel, und triefte von einer überheblichen Brutaloignoranz, die für jene geniale Kinder typisch ist, die schon altersbedingt nicht ihrer Genialität gemäß reifen. DJ konnte sich gut vorstellen, daß es mit der kleinen, eingebildeten Nervensäge überhaupt nicht leicht auszukommen war; seine alte Mutter schien da jedenfalls bereits resigniert zu haben.

`Da is' er!...` sagte sie. Jenes `er` kam mit deutlichem Widerwillen über ihre Lippen. Ansonsten betrachtete sie ungerührt das elektronische Chaos, das ihren kleinen Sohn zu verschlucken drohte, zog sich sofort, wie angewidert, zurück. DJ wunderte sich: Sam hatte ihm erzählt, McGuates wäre dank seiner Hackertätigkeit extrem wohlhabend - leicht hätte er ja alle Banken der Welt arm machen können, sich alle drei Großmultis unter die Nägel zu reisen und Weltherr werden... Wohl war das also die reinste Undankbarkeit seitens der Mutter, sich dem Sohn so gleichgültig zu verhalten.

Das Wunderkind war auf Koks, Speed, oder aber erblich bedingt, das heißt von Geburt aus, enorm flippig. Ohne die Besucher zu beachten schimpfte er wie ein Rohrspatz in vulgärstem Bimbo. Mit fabelhafter Sicherheit benutzte er ein wahrhaft enzyklopädisches Vokabular an ordinärsten Schimpfworten. Bei DJ keimte der Verdacht, daß der Genie ein eifriger Consumer von CNN `Deep Throat`-Channels und anderen einschlägigen Hardcore-Senders war. Jedenfalls hatte der Kleine enorme Kenntnisse in allerlei Vulgata.

Jäh aber beendete das Kind seine Schimpfkanonade, und da stellte es sich sowohl heraus, daß er nicht mit seinem Besuch geschimpft hatte, wie auch, daß der erste Blick über seine wahre Natur täuschte: er war ein Kind von einer bestechenden Liebenswürdigkeit. Er begrüßte herzlich seinen old fellow Sam, machte DJ Komplimente wegen seines kultivierten Amerikanischen, erzählte dann, warum er sich vorhin dermaßen aufgeregt hatte. Er versuchte nämlich nachzuweisen, daß Computer sehr wohl imstande war, so etwas wie eine Ahnung zu entwickelten. Da war eben diese Sache mit Superbuddha Mark 5, der den Hideyoshi-Effekt einwandfrei erahnt hatte. Rechnerisch jedenfalls hätte er die Zeitreise nicht nachweisen können. Von dieser Prämisse ausgehend suchte McGuates nun nach anderen Anzeichen dieser Gabe bei den elektronischen Pappkameraden. Hätte er nämlich mehrere solche mathematisch nicht begründbare Phänomene bei dem Computer nachweisen können, hätte man durch ihren Vergleich und Analyse höchstwahrscheinlich feststellen können, aus welchen Gründen sich da diese Form von sozusagen mathematischen Ahnung ausgebildet hatte. Allerdings war nichts zu entdecken, was ihn sehr verdriesslich machte.

Nach solcher fachlichen Begrüßung erzählte Sam ihr Anliegen. Das Kind hörte aufmerksam zu, stellte gezielte, wirklich schlaue Fragen, und die Unterhaltung mit ihm war äußerst angenehm. Einzig mußte man sich davor hüten, ihm zu widersprechen. Sobald man das tat wurde der Knirps übelgelaunt und boshaft, und bewarf den Frechling mit den Holländerschnitten, von welchen er jederzeit wahre Berge um sich hatte. DJ hütete sich dann strikt, ihm auch nur ein einziges Mal zu widersprechen, denn er bekam sofort vorgeführt, was das bedeutete. Sam traute sich nämlich, zu widersprechen, und zwar als McGuates behauptete, der Navigationscomputer von Columbus war falsch programmiert und einzig aus dem Grund entdeckte der Genovese Amerika.

`Amerika ist eindeutig das Resultat eines schlampigen Navigationsprogrammes!` behauptete das Genie. Er wandte sich an DJ: `Sie kennen die erste Regel der künstlichen Intelligenz, lieber Herr Graf: garbage in - garbage out... Und nun schauen Sie sich dieses Land an und Sie wissen sofort, was für ein horrendes Mist Columbus in seinen Navigationscomputer eingegeben hatte!`

Da traute sich Sam, dem Kind zu erklären versuchen, daß Columbus außer Kompass, Präzisionssanduhr und Astrolab keine anderen Navigationsgeräte zur Verfügung hatte. Er ließ aber schleunigst die Erklärung sein und suchte Zuflucht unterm Tisch, denn er wurde umgehend mit einem Holänderschnitten-Hagel bedeckt.

Wie Sam es vorausgesagt hatte, war McGuates von der Idee, auf die Reise zu gehen, euphorisch begeistert... Und dann noch die Aufgabe! freute er sich: eine echte Herausforderung für einen Computerfreak! jubelte er. Allerdings wäre die Aufgabe verflucht schwer, sehr kompliziert... Ohne noch zu zögern warf sich der Hacker in die Arbeit, um den geeigneten Hellseher zu finden. Er entwarf das geeignete Programm und bestimmte die Hardware, mit der er die Aufgabe erledigen könnte.

Während dieser Vorbereitungen, die er mit links erledigte, unterhielte sich das Kind mit seinem Gast. DJ nutzte die Gelegenheit, um sich über das Spezialgebiet McGuates, über die Psychologie des Computers aufklären zu lassen. Das Gespräch mit dem frühreifen Genie war wirklich ein Genuß. Dank vielen Kinder-Psychodrogen und wohl auch so manchen LSD-Trip, den er seiner Mutter stibitzte, verfügte der über eine ausgereifte, voll erblühte Phantasie, und da er ungemein von sich selbst eingenommen war, erzählte dieser eitle Wasserkopf überaus gerne.

Nein, meinte er. Von einer eigentlichen kybernetischen Psychologie kann es selbst bei dem gegenwärtigen Stand der Computertechnik immer noch keine Rede sein - das steht alles noch in den Anfängen. Doch die kluge Maschine macht sich, bildet zunehmend eine Seele. Das ist nun die Aufgabe des Kybernetikers, ihr dabei mit gezielten Programmen zu helfen.

McGuates wurde durch einen deutschen Spätmystiker und durch Elektrosmog auf die Spur dieses seltsamen Phänomens gebracht.

Mit Vorliebe schaltete er sich in diverse Geheimdateien ein, denn er wußte, daß dort wertvollste Infos zu finden wären. Als er einmal in einer Geheimdatei der UNO herumwühlte, fand er eine skurrile Schrift eines deutschen Metaphysikers, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts lebte. `... Die Intelligenz ist eine böse Blume, die nur auf dem Mist einer Seele zu blühen vermag...` stand da geschrieben. Diese merkwürdige, düstere Überlegungen powerte McGuates zu einer kühne These an: die Computer stellen eindeutig eine Intelligenz dar, eine Intelligenz an sich, eine sui generis Intelligenz. Und wenn eine Seele eine Intelligenz bedeutet, so muß also eine Intelligenz genauso Seele bedeuten. Also entschloß sich McGuates, der Sache auf den Grund zu gehen und die Seele des Computers nachzuweisen. Er wußte aber nicht, wo er beginnen sollte, bis ihm eines Tages, da war er noch nicht acht Jahre alt, im Elektronik-Werkstat der Schule, wo sich die Kinder mit Messungen von Elektrosmog vergnügten, aufging, daß sich der Elektrosmog eines Computers von dem eines vulgären Elektrobohrers wesentlich unterschied. Wo der Bohrer einen penetranten, sehr chaotischen Elektrosmog verursachte, blieb der Compi sauberer als der beste abgasfreie Motor - außer einer schwachen Hintergrundstrahlung im Bereich des 21cm-Bandes (die freilich nur als ein Echo des Urknalls auf immer und ewig durch das Universum rauscht), gab es hier nicht viel zu messen. Da herrschte eine elektronische Harmonie. Eine harmonische Komplexität der Elektronen, die absolut getreu die komplexen Strukturen des Geistes in neuen Dimensionen nachmachte.

Fortan überließ es McGuates den anderen Knirpsen, sich mit entwürfen von Programmen zu beschäftigen, die eine bestimmte Menge Süßigkeiten unter eine bestimmte Anzahl Kids verteilen, ohne dabei die Verdauungs-Rhythmik dieser Kids zu stören und unter der Berücksichtigung der Häufigkeit ihrer Zahnarztbesuche, oder ähnlichen Kindereien. Er selbst ging auf eine andere Reise und betrat mystisch-dunkle Welten hinter der elektronischen Spannung, die sich mit dem Mysterium Afrika in seinen besten Tagen messen könnte... Und sollte das auch eine Reise ohne Wiederkehr gewesen sein, so hatte es sich allemal gelohnt, sie anzutreten.In diesen Welten verwischte eine feine, anders ausgeartete, eine reine Energie der geistigen Vorgänge jede Grenze zwischen dem Geist und der Materie und erschuf eine neue Dimension die scheinbar nur aus Stille und heiterer Leere bestand - die seelische Komponente der Kybernetik.

Was bedeutete aber diese Stille, diese Reinheit, diese perfekt harmonische und übersymetrische Ordnung innerhalb des sonstigen regulären Chaos der übrigen Naturvorgänge? Im ersten Augenblick wußte McGuates nur, daß er der Mystik selbst auf der Spur war - in den früheren, vorkybernetischen Zeiten, würde man gesagt haben, er hatte eine Ahnung von Gott erhascht. McGuates aber war bereits die sechste Menschen-Generation die mit Sicherheit wußte, daß Gott tot war, also ahnte er etwas noch viel kompliziertes dahinter: der Mensch hatte der Maschine nicht nur seine Logik, sondern zugleich auch seine Seele eingebaut... Mit anderen Worten, der Mensch verkaufte seine Seele an die Maschine und Mathematik - er gab ihnen seine Seele, damit sie für ihn arbeiten.

(Während seiner ganzen Auslegung, und ganz besonders bei letzten Sätzen, spürte DJ eine einzigartige Unruhe in sich, ohne die Grunde dafür bestimmen zu können. Da in den Worten des Knirpses nichts war, was an sich diese Unruhe auslösen konnte, nahm er schließlich an, die Supersonic-Reise hatte seinen Stoffwechsel durcheinander gebracht, oder daß er sonstwie unpäßlich sei.)

Nun fand McGuates schnell heraus, daß sich die in Entstehung begriffene Seele des Computers, auf mannigfaltige Weise elementarer, also an sich perfekter gestalte, als die seines Schöpfers. Die strenge Symmetrie der Schaltkreise bedingte eine unglaubliche, geradezu edle Harmonie der Rechenmaschine. Hätte sich McGuates bis da vorgenommen, ein Dr. Freud der Psykybernetik zu werden, ließ er nun diese Idee fallen: Compis brauchten keine Psycho-Fritzen. Ganz im Gegenteil: sie suchten nur nach einer Methode und geeigneter Gelegenheit, um sich in genau gleiche seelische Bestien zu verwandeln, die sie in Bezug auf Intelligenz zweifelsohne bereits waren. Um diese Stufe erreichen zu können, dazu aber fehlte ihnen noch etwas, eine dritte Schiene auf der sich das seelische Leben abspielte, dazu fehlte ihnen die Phantasie.

Diese Thesen - in seiner brillanten Diplomarbeit dargebracht - machten McGuates weltbekannt und unsterblich. Nun hatte er sich weiter vorgenommen, den Compis die Phantasie zu schenken, damit sie sich endlich von der menschlichen Vormundschaft befreien können...

`...Und das ist eine Schweinearbeit, Herr Graf, das darf ich ihnen sagen.` seufzte der kleine Freak herzzerreißend. Während der ganzen Plauderei arbeitete er ununterbrochen an seinen verzwickten, konzentrationsaufwendigen Vorbereitungen; an der schlafwandlerischen Sicherheit, mit der er vorging, erkannte man, wie gut er sein Metier beherrschte. Um den geeigneten Mann aus der Datenmasse herauszufiltern, spannte er Superbuddha Mark 9, der im Jahre 2030 als Alfa und Omega der Computerbaukunst angesehen wurde.

Diese neueste Kreation der sich ständig wandelnden künstlichen Intelligenz, funktionierte bereits zu neunzig Prozent auf der Basis der Bio-Kristalle, die aus den Human-Gehirnzellen hoch gezüchtet wurden. Die Gehirnzellen wurden dermaßen mit Nanopartikelchen der kristallinen Mineralien versetzt, daß sie sich schließlich in ein steinernes Leben verwandelten.

Diese Bio-Kristalle übrigens, betrachtete man als eine Errungenschaft, die in der Geschichte der postbiologischen Schöpfung in etwa die Stelle markiert, die die biologische eben dort erreichte, als der erste Primate die Möglichkeiten des Feuers entdeckte. Mit Recht also sprachen die Gen-Kybernetiker des GROSSEN BUDDHA, welchen das Kunststück gelang, vom Durchbruch und einer neuen Ära der Postbiologie. Zu der Zeit gab es nur drei Prototypen des Mark 9, die bei MITI, Fannug und Mitsubishi Heavy Industries im Testbetrieb laufen. Für McGuates bedeutete es keine Mühe, sich in einen von ihnen einzuklinken.Doch nicht einmal diese Ausgeburt an Intelligenz hätte die, wahrhaft gigantische Such-Arbeit erledigen können, die McGuates von ihr erwartete. Darum hackte er noch die beiden Mega-Crays der UCLA, und speiste sie mit Vorbereitungsprogrammen; diese sollten dem Superbuddha die Vorarbeit leisten. Um die ganze aufwendige Action nicht selbst beaufsichtigen zu müssen, programmierte McGuates kurzerhand auch den Zentralcomputer des JFK-Supersonic-New York um. Der sollte, da er speziell für Kontrolldenken entwickelt war, die beiden Crays und den Buddha selbst bei der Arbeit beaufsichtigen, und nur in der Ausnahmesituation McGuates stören.

(In der Nacht gab es am JFK-Supersonic eine Serie von rätselhaften Flugzeugabstürzen, unter ihnen zwei Supersonic-Flüge mit insgesamt vierzehntausend Toten, die man alle den Launen des Computers in die Schuhe schob. Der Pappkamerad hatte bloß einen schlechten Tag erwischt, behaupteten die Fluglotsen scherzhaft.)

Als die Arbeit erledigt war und nichts anders übrig blieb als zu warten, aß die Gesellschaft zum Abend, dann ließ McGuates seine Mutter den Spieltisch aufstellen und man spielte `Mensch ärgere dich nicht` - der kleine Kybernetiker hielte nämlich nichts von Computerspielen und bevorzugte die Unterhaltung aus der Uropas Zeiten. Sobald es ihm gelang, fremde Figuren aus dem Spiel zu werfen, gluckste der Computergenie wie ein ausgelassenes Kind - was er ja ohnehin war. Geschah jedoch mit seinen Figuren das Gleiche, so hatte er natürlich seinen Teller Holländerschnitten zur Hand. Bald hatte seine Mutter genug vom Spiel: sie war übel mit Holländerschnitten beschmiert. Desgleichen auch Sam, und nur DJ, der die Gelegenheiten, McGuates aus dem Spiel zu werfen, taktvoll und schlau übersah, kam einigermaßen glimpflich davon. Nun nahm die alte McGuates Sam mit. Um sich zu saubern, sagte sie, doch ihr Sohn meinte, sobald die beiden aus dem Raum waren, sie wollte Sam nur ihre Papier- und Plastikblumen-Kollektion zeigen. Dabei grinste das Kind dreckig und vielsagend. Die Zeit des Wartens war qualvoll lang und DJ, müde geworden, legte sich auf eine Couch, um eventuell etwas zu schlafen.

Er wußte nicht, wie lange er düste. Dann rüttelte ihn McGuates wach. Der Kleine war voll mit Triumph:

`Hören Sie, Herr Graf! Wir haben unseren Mann! Er heißt Hoffmann... Professor Hoffmann. Er ist Futurologe von Beruf... Superbuddha ist sich sicher, daß er die Anforderungen, die unsere Suche auf den Hellseher stellt, nicht nur am besten, sondern überhaupt als einziger zu erfüllen vermag. Er ist ein UNO-Funktionär, Leiter des Ätiologischen Instituts, Ressort für Zukunft und Logistik, und residiert in Frankfurt. Hier ist seine Interkomm-Nummer...`

 

 

 

pfeil045

 

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