E R S T E S  B U C H  /  DIE VERBRECHEN DES DON JUANS

T E I L   I   /   D A S  A C T I O N - T E A M

 

KAPITEL  3

B A C K  T O  T H E  R O O T S

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

20. Mit `Hell’s Travell` nach Europa

21. Hogh Wind To Jamaica

22. Die Rätselhafte Handschrift

23. Das schöne Gespenst der Vergangenheit

24. Kiffi the Rasta

 

 

 

 

20. MIT `HELL’S-TRAVELL` NACH EUROPA

 

Am nächsten Tag vereinbarten DJ und McGuates die Einzelheiten ihrer Zusammenarbeit. Eigentlich gab es McGuates extrem eigensinnig, eben ein echter Kindskopf, und wollte unter keinem Umstand in DJs Dienste treten. Sicher wollte er mitkommen und seinen Teil bei der Suche beitragen, wollte aber partout keine Bezahlung dafür haben. Er selbst wäre ohnehin geradezu unanständig reich - mit zwölf bereits jede Menge Millionen in Goldwährung gemacht, wo gibt es schon so was!... Außerdem wäre ihm die Chance, in einer sicheren Reisegruppe in der Welt herumzukommen, Honorar genug. DJ widersprach ihm nicht, der kleine Bösewicht wiegte schon abschätzend eine Holländerschnitte in der Hand... Er erreichte aber wenigstens, daß der Zwerg während der Suche sein Gast blieb.

Zu DJs Verdruß, der nun ungeduldig die Suche anfangen wollte, war aber etwas passiert, was damals alle paar Nasenlängen passierte: die geschundene, aufgeblähte Sonne, hatte in der Nacht wieder einmal ihre schaurige Horroraktivität verstärkt, und bombardierte ihre Planetenfamilie und kosmische Nachbarn mit der pathologischen Bosheit eines kaputten Atommailers und wahren Wolken überaus harter Strahlung. An das Fliegen, ans Jetten über allen Wolken und supersonische Reisen auf der Satellitenbahn war wieder einmal nicht zu denken; und zwar für kürzere oder auch längere Zeit - wie es der Sonne eben belieb. Besonders gefährlich waren die Reisen im Supersonic. Eine Maschine, die sich einmal während eines solchen Sonnen-Hurrikans hoch in die Stratosphäre wagte, erbrachte Beweis: nach der Landung fand man die Passagiere, immerhin acht Tausend Menschen, nicht nur tot, sondern auch lecker und schmackhaft gegrillt. Das Volksmund nannte ja diese fliegenden Phantomgebilden liebevoll `Mikrowellenöfchen`. Nicht von ungefähr. Auch während der normalen Sonnenaktivität war die Rate der Krebserkrankungen unter gewöhnlichen Piloten und Hostessen unanständig hoch. Und reiste man im Supersonic, dann müsste man schon erste Klasse reisen, da die Kabinen der ersten Klasse mit überaus wirksamen Schildern aus Magnetfeldern geschützt wurden, die immens viel Energie benötigten (darum kostete die Erste Klasse in Supersonic gut hundert Mal so viel, wie die Touristenklasse). Was es der grossen Passagierkabinen anging, sie waren weder technisch noch finanziell zu schützen. Inoffiziell war es bekannt, dass von fünf Supersonic-Passagieren zwei garantiert innerhalb eines Jahres am Krebs erkrankten.

Aber wenigstens während der verstärkten Sonnenaktivität entschloss man sich dazu, lieber nicht zu fliegen. Seit dem es keine Ozonschicht mehr um den Globus gab, und der Himmel statt blau nur noch grün leuchtete, war es ohnehin ratsam, auch bei den ruhigeren Sonnenwinden die Luftreisen, selbst die im Helikopter, auf das allernotwendigste Maß zu reduzieren.

Somit aber ergab sich für DJ ein echtes Problem, sich und seine beiden Begleiter nach Europa zu verfrachten. Als Lösung kamen nur zwei, eigentlich drei, Alternativen in Frage. Entweder einen verwegenen Buschpiloten anzuheuern, dem die Sonnensturme nicht eines müdes Lächelns wert waren, der sie dann nachts, als die Horrorstrahlung am geringsten war, nach Europa bringen würde; oder aber auf die transozeanische Antigrav-Diligencen auszuweichen. Allerdings hatten diese letzteren mehr Nachteile als Afrika Staaten, wie das eine beliebte Redewendung aus jenen Tagen ausdrückte, und DJ schauderte davor, sich da einzuschiffen. Da die Antigravs verhältnismäßig billig waren, pflegte damit allerlei unkoscheres Volk zu reisen, das anscheinend nur auf die Reise ging, um sich ununterbrochen mit der billigen Alkoholika voll laufen zu lassen. Wie alle anderen Fährschiffe waren auch die transatlantischen Diligencen für ihre niedrige Alkoholpreise berüchtigt. Darum gab es einen regelrechten Sauftourismus: man buchte eine transantlantik Reise hin und zurück, um möglichst die ganze Zeit schwer besoffen zu sein. Am Ende der Reise hatte man dann trotz der Reisekosten weniger ausgegeben, als hätte man zu Hause ganze zwei Wochen ununterbrochen gesoffen. Die transatlantischen Diligencen waren in der Tat voll mit Alkoholleichen. Ein Chronist beschreibt in seinem Blog die Situation während einer Atlantiküberquerung wie folgt:

`Die Bars der Fähre machten erst auf, als die Landungsbrücke weg war. Nun dauerte es keine halbe Stunde bis die Fähre den Hudson hinunter und an der Freiheitsstatue vorbei zum Atlantik gelangte, aber bereits da hingen die ersten besoffenen Säcke an der Reling und kotzten sich die Seele aus dem Leibe, während die frische Brise, die vom Ozean landeinwärts wehte ihre Kotze ihnen über die Fresse verteilte.`

Außerdem waren die Diligencen wirklich langsam - immerhin dauerte eine Atlantik-Überquerung beinahe fünf Tage -, Verpflegung war miserabel, von einem wirklichen Komfort hätte keine Rede sein können, und jede Diligence wurde im Schnitt 0,72 Mal während einer Reise von den Zöllnern, Coast Guard, Hochseepatrouillen der UNO und anderen, mehr oder minder (il)legalen Piraten überfallen und ausgeplündert.

Es war wahrhaft kein Honigschlecken, damit zu reisen.

Die dritte Alternative wäre natürlich die vernünftigste gewesen. Notfalls hätte sich DJ an einen Freund wenden können, Prodring Edmund Branco, einen Manager von GUTER STERN. Der hätte sicher einen Rat gewusst, sicher hatten die Manager der Multis schwer gepanzerte Flieger, weil sie oft als Krisenmanager auch in den Zeiten unterwegs sein müssten, wo man auf die widrigen klimatischen Umstände keine Rücksicht nehmen dürfte. Allerdings war es dem DJ doch lieber, nicht so viele Umstände aus sich zu machen, also entschloß er sich nach einiger Beratung mit seinen zwei Begleitern für die Buschpilot-Version.

Sam, der jede Menge Leute kannte, hatte dann auch sofort einen reichlich skurrilen Reiseagenten an der Hand. Sein Reisebüro hieß ziemlich schickimicki `Hell's Travell` - vielleicht war Nomen auch hier der Omen, wer weiß, dachte sich DJ. Jedenfalls kontaktierte man ihn im CyS, und der Reisemanager wußte tatsächlich den Rat. Übrigens trat Hell natürlich wie ein Höllenfürst auf, schwarz-rot gekleidet und mit einem brennenden Dreizack in der Hand (wobei der Dreizack natürlich nur in einem Laserfeuer brannte; das war damals ein beliebtes Kinderspaß, brennendes Spielzeug zu haben), aber er war fachlich auf der Höhe und für DJ zählte eben das. Er brauchte Spezialisten, um seine Probleme zu lösen.

Ja, meinte Hell. Es gäbe in der Tat einige Preisbrecher- und Interessenfluge, die auch während der höchsten Sonnenaktivität noch durch die brennende Stratosphäre düsen. Das sind die so genannten `Suicide-Lines`. Eine zwar gefährliche aber bequeme Möglichkeit nach Europa zu gelangen. Allerdings wird man unter diesen Umständen etwas improvisieren müssen, es wird kaum möglich, die Reise am Stück zu machen.

Also bekamen sie vom Hell eine Reiseroute zusammengestellt. Zuerst fliegen sie mit Hubschrauber nach Corpus Christi. Von dort können sie mit den Drogenschmugglern nach Jamaika gelangen. Ab da wäre es verhältnismäßig einfach. Von Kingston fliegt nämlich eine obskure Privatlinie regelmäßig Bengasi an... Sozialistischer `Allah-liebt-dich`-Emirat Libyen, der seit bereits länger als einem halben Jahrhundert von der übrigen Welt und Staatengemeinschaft hartnäckig und stur boykottiert wird, lockte manche Pleitegeier-Luftlinie mit kostenlosem Sprit, das Land anzufliegen...

In Bengasi wußte der gewiefte Reise-Makler einen Buschpiloten zu empfehlen, der mit seiner uralten Galaxy die Wüstensheiks Nordafrikas regelmäßig zu Kinderstrich-Besuchen nach Bukarest fliegt. Somit wären sie bereits in Bukarest. Nur einen Sprung von Frankfurt entfernt. Aber auch für diesen letzten Teil der Reise wußte der Travell-Agent eine sichere Verbindung. Die fuhr über Balaton, der immer noch ein gern besuchter Urlaubsort war. Der Generalgouverneur von Pannonien garantierte durch seine Truppen einigermaßen sichere Zustände an der ungarischen Riviera, und man erhole sich gerne in jener ruhigen Atmosphäre dort. Darum flogen im Auftrag dieses pannonischen Diktators kleinere Charterfluge überall in Europa. Man müßte also nur einen Urlaub auf Balaton buchen, hinfliegen, und anstelle der Rückreise den Flug nach Frankfurt antreten. Das lasse sich leicht arrangieren. Man buche nur einen Vollpension-Einmonaturlaub, wovon man allerdings nur Halbpension bezahlen muß, falls der Weiterflug nach Frankfurt sofort, also ohne Aufenthalt am Balaton, erfolgt.

DJ besprach sich kurz mit seinen Reisegenossen. Sam wollte unbedingt zuerst nach Venedig, um zu sehen, ob es da noch eine Spur des Gesuchten gäbe. Dem McGuates war alles egal, er nagte an seinen Fingernägeln und wähnte schon in diesen Vorbereitungen, Abenteuer zu erleben, womit er freilich nicht so Unrecht hatte. Also wurde beschlossen, daß DJ und McGuates von Bukarest nach Frankfurt reisen, während Sam allein Venedig ansteuern sollte. Auch für diese Eventualität hatte Hell eine sichere Verbindung. Ungefähr zwischen Bukarest und Venedig verlief damals die Südlimes der zivilisierten Europa, die Südgrenze der MEU, die berüchtigte Balkan-Krajina, auf der es sich schon seit der Trennung des Römischen Imperiums so gut wie jeden Tag Ärger, Stress und Massenmorde gab. Auf der Strecke flogen die Walküren-Kampfhubschrauber der MEU regelmäßige Patrouillen. Bei Vorsprache und Schmiere an richtigen Stellen, würden sie bestimmt einen Passagier mitnehmen wollen.

DJ hörte sich das alles an und verstand, warum McGuates schon hier in Abenteuer schwelgte. Es war ja auch ein Bißchen zu viel Aufwand für eine gewöhnliche Atlantik-Überquerung. Doch so war das eben in jener Zeit mit den Reisen: trotz der Top-Technik waren die Reisewege noch um einiges komplizierter und genauso unsicher wie die des Mittelalters. McGuates aber freute sich kindisch, was für starke Abenteuer er noch erleben sollte.

Doch nicht nur darum freute sich der kleine Professor. DJ wird erst später begreifen, warum der Kleine eigentlich von der Reise so angetan war. Er verabscheute Amerika und schämte sich, ein Amerikaner zu sein, und zürnte seinem Uropa, der aus Schotland in die Staaten einwanderte. Nun freute sich McGuates, endlich zurück in seine wahre Heimat zu kehren, nach Europa, zu seinen Wurzeln.

Übrigens ging auch McGuates leichten Herzens von zu Hause weg.

Von der Mutter verabschiedete er sich kaum, und die schien auch mehr durch den Abschied von Sam bekümmert, als durch den von ihrem Sohn.

 

 

 

 

 

21. `HIGH WIND` TO JAMAICA

 

Weil der Abschied McGuates von seiner Mutter so beiläufig ausfiel erinnerte sich DJ wider an seine Suche. Eigentlich erinnerte er sich einer Diskussion, die er damals in Amsterdam mit jenem Max führte. Der behauptete da, dass die Familie ein Auslaufmodel des menschlichen Zusammenlebens und so gut wie tot. Damals hätte DJ fast gelacht, wegen des Geredes. Wie so oft als er Max wirrem Geschwätz zuhörte. Jetzt aber, den Abschied McGuates von seiner Mutter beobachtend, begriff DJ, schon sehr oft solche Szenen beobachtet zu haben, die unmissverständlich auf die beschädigte oder überhaupt nicht vorhandene familiäre Bindungen hindeuten.

War Max damals in Recht mit seiner Zukunftsvision einer Gesellschaft ohne Familie? War Max sogar mit allem im Recht, was er damals erzählte, und was DJ damals so idiotisch und dämlich vorkam?

Diesmal aber verlor sich DJ nicht im langen Grübeln, denn die Reisevorbereitungen nahmen ihn ganz in Anspruch, und dann ging es bereits am späten Nachmittag mit dem schnellen Turbo-Helikopter von LA nach Corpus Christi. Ein Weg, kaum länger als ein Augenblick, eine kurze Strecke von kaum 3000 Kilometer. Sie flogen über Phoenix nach Ciudad Juárez, wo sie die Grenze zu Freistaat Texas überquerten. Da ergab sich auch die einzige Störung des ganzen Fluges. Gleich nach der Grenze wurden sie von den Kampfhubschraubern der texanischen Border-Patrol abgefangen und zur Landung gezwungen, obwohl ihr Hubschrauber anstandslos angemeldet war und alle Lizenzen hatte, Texas überfliegen zu dürfen. Das geschah unterm Vorwand der Überprüfung der Passagiere, aber DJ wusste natürlich, dass man da nur den legalen Wegelagerern in die Hände fiel, die abkassieren wollen. Also liess er Sam gutes Geld an den Obermacker der Border-Patrol überbringen, und dieser Freikauf funktionierte: kaum waren sie gelandet, schon sind sie wieder in der Luft gewesen um weiter nach Corps Christi zu fliegen. Sam machte ein saures Gesicht und murmelte etwas von den Hundesöhnen, während McGuates von diesem Postkutschen-Überfall, wie er die Episode nannte, total begeistert war. Er machte sich sogar einen Spaß daraus, sich in die private ePost von Seiner Texanischen Majestät George W III. einzuhacken und ihm unterm `eilt` und `sehr wichtig` einen kurzen Bericht darüber zu machen, was seine Border-Patrol da gerade kassiert hatte, und die Majestät zu fragen, ob er davon seinen Anteil bekommen hatte.

Sie flogen nicht direkt nach Corps Christi, sondern nach Port Aransas, dem berühmten Piratenhafen aus dem 18. Jahrhundert, wo Jean Lafite und anderen berüchtigten karibischen Buccaneers beheimatet gewesen sind. Auch jetzt diente der Hafen so einer Art von Piraterie, da war nämlich der Hauptstutzpunkt der Drogenschmuggler, über Port Aransas wurden gut 60 Prozent aller Drogen eingeführt, die in Nordamerika verkauft wurden. Darum war Port Aransas damals wohl die reichste Kommune der Welt.

Da wartete also die jamaikanische Schmuggleryacht `High Wind`` auf sie, um sie nach Jamaika zu bringen.

Von einstigem Port Aransas, so wie Jean Lafite und andere Piraten den Hafen kannten, einer Stadt, die an den niedrigen Sandbänken erbaut wurde, die der Küste vorlagerten, war natürlich in den herrschenden klimatischen Verhältnissen nichts geblieben. Allerdings gab es da eine neue Stadt, die an den hohen Pylonen erbaut wurde, die tief in den Sandbänken steckten, eine eigentümliche Pfahlsiedlung wie aus der Steinzeit obwohl natürlich mit allen Schikanen der Hochzivilisation ausgestattet. Das war schon eine richtige Staat, also nicht nur Wohn- und Geschäftshäuser und Verwaltungsgebäuden, sondern auch Strassen, Freeways, und Parks und Kinderspielplätze, alles auf den riesigen Platten aus absolut resistenten Hartplastik aufgebaut, die auf Pylonen aus gleichen, unverwüstlichen tausendjährigen Material steckten.

Mittels ausgeklügelten Programmen und sinniger Vorrichtungen regulierte diese moderne Pfahlsiedlung mit Hilfe des Meeres seine Höhe. Stieg das Meer, so hob sich die ganze Stadt mit ihm, fiel der Pegel so sank die Stadt ebenso. Sie blieb stets auf gleicher Höhe überm Wasser, und das sah immer so aus, als küsse das Meer die Füße der Stadt. Die Siedlung war natürlich für die Reichen errichtet. Dank ihrer Lage, weit im Meer liegend, dürften sich die Bewohner dieser seltsamen Stadt (fast allesamt Drogenhändler oder sonst irgendwie in Drogengeschäften tätig) einer hohen Sicherheit erfreuen. Zwar versuchte der randalierende und zerstörerische Mob schon einige Male die Stadt anzugreifen, doch die war unerreichbar, weil sie sich einen eigenen Verteidigungssatelliten leistete. Diese Waffe war in der stationären Bahn geparkt und baute bei eventueller Gefahr einen Ring aus tödlichen Laserstrahlen um die Stadt: die Strahlen fielen so eng nebeneinander, dass da niemand gut durchschlüpfen könnte.

Diese Stadtanlage entwickelte sich seit ihrer Einweihung zu keiner kleinen touristischen Attraktion. Und vor allem McGuates bereute in seiner übertrieben kindischen Art, dass es gerade kein Gezeitenwechsel ist, damit er das schöne Bild der sich hebenden und senkenden Stadt betrachten könnte. Er beruhigte sich aber, als DJ meinte, dass der Vorgang wohl ebenso wenig mit bloßem Auge zu beobachten ist, wie die Gezeiten, wo das Wasser steigt, obwohl man es nicht steigen sieht. Später, auf der Yacht, schauten sich McGuates und DJ dann die Zeitraffer-Aufnahmen des unvorstellbaren Ereignisses, wo eine ganze Stadt auf dem Wasser zu schweben scheint.

Die jamaikanische Yacht trug ungeniert die Hochheitszeichen des ISLAND-Multi (ein stilisiertes Ganja-Blatt auf einer gelben Sonne, die auf einem grünen Himmel schien), obwohl sie dadurch als ein Drogenfahrzeug ausgewiesen wurde. Immerhin war der Freistaat Texas wegen seines Drogenfaschismus berüchtigt. Die Justiz-Statistik des Freistaates für das Jahr 2028 wies stolz 427 Hinrichtungen wegen Drogendelikten auf. Die Drogenverfolgung aber wurde damals alleine aus pragmatischen Gründen praktiziert: man verhaftete die Drogendealer und –schmuggler, gestattete aber ihnen sich frei zu kaufen. Die hingerichteten `Verbrecher` wurden grundsätzlich aus politischem Kalkül getötet. Allerdings wurden von den Drogenverfolgungsmaßnahmen nur die kleinen Drogengeschäftsleute betroffen, die keine guten Amigos hatten. ISLAND-Multi aber hatte überall in der Welt gute Amigos.

Auch der damalige Kaiser von Texas, Louisiana & Georgia Georg W. III. hatte einen guten Anteil an dem Umsatz aus den Drogengeschäften, also interessierte sich die Drogenpolizei, die zufällig gerade bei der Ankunft der Gruppe an der Yacht vorbeifuhr, kein bisschen für die Rastas, die am Deck in der nun erträglicher Hitze des späten Nachmittages saßen und ihre riesigen Joints schmauchten. Die Drogenpolizei hatte nicht die Aufgabe, Geschäfte zu stören, sondern nur die kleine Dealer und Endverbraucher zu jagen, sie zu stressen und vergewaltigen: das Leben, so wie die Macht es brauchte, dürfte nicht zur Ruhe und Besinnung kommen, darum machen die Mächtigen diesen ungeheuren Stress.

Geschäfte aber, die dürfte man natürlich nicht stören.

Das war ein fauler Sonntagnachmittag und die Hafenstadt war für jene Zeit und ganz besonders für Amerika ganz ungewöhnlich ruhig. Auf der Strasse gab es keine üblichen Massen, das war ein Sonntagnachmittag wie man ihn im 20. Jahrhundert erlebte, wo die Erwachsene noch ihre Siesta halten, und die Kinder schon bei der Nachmittagsvorstellung im Kino hocken. Es war richtig idyllisch und DJ ging mit seinen Begleitern durch diese Idylle an Bord. Aber trotz dieser Ruhe (oder eben wegen ihr?) bekam er auf dem Bootssteg plötzlich wieder einen seiner Panik-Anfälle. Diesmal aber begriff er, dass er eigentlich unter einer Ahnung litt; er wusste mit Sicherheit, er wird niemals mehr in die Staaten zurückkehren. So blieb er am Gateway stehen und blickte zurück. Plötzlich kam ihm wieder ein von seinen Gesprächen mit diesem phantomhaften Max in den Sinn. Dieser hatte behauptet, die USA wäre zu groß und verschieden, um als Gesamtheit akzeptiert zu werden, darum mögen die Menschen eigentlich nur die Teilaspekte der Staaten. Im geographischen Sinn mögen manche die mondäne Ostküste, andere wiederum die saloppe und zukunftsorientierte Westküste, die dritten den konventionellen Herz von Amerika, ziemlich in Mitte zwischen zwei Ozeanen. DJ wusste sofort, was Max meinte. Er selbst fand den amerikanischen Süden überaus faszinierend; sein Amerika war New Orleans.

Aber diese Hafenstrasse, die er jetzt vor Augen hatte, diese Hightech-Szenerie, die hatte mit dem einstigen Süden nichts mehr gemeinsam. Das war eine Stadt, wie sie in diesen Hightech-Zeiten überall in der Welt hätte stehen können. Nur die Musik aus einer Hafenkneipe, die hier draußen am Kai tönte, war eine richtige Südstaaten-Melodie im Country-Look, die sich im Beweinen des Verlustes erging:

      Wo bist du hingegangen, aus Louisiana, oh Susanna?
      Du gingst mit `nem Typen mit massig viel Pipen,
      Doch an diesem Mann, an dem war gar nichts dran,
      Er war ein Spieler und ein Dealer – dir gefiel er…

Nach jedem Refrain nahmen die Geigen ein trotziges Solo auf und umwebten diese traurigen Worte mit einem spöttischen und schelmischen Schleier aus Musik, so als lachen die Geigen über den Schmerz. Nein, begriff DJ, diese Melodie beweinte den Verlust nicht, sie bespottete ihn, in etwa so, wie Max über die Dinge lachte, die dem DJ damals noch so heilig waren. Vielleicht hatte DJ ihn deshalb gehasst, oder verachtet, oder beides… Jedenfalls wurde es ihm jetzt wieder so zumute, als hätte er diesem uncharmanten Spötter etwas ganz schlimmes angetan. Und dieses Lied, was er da hörte, erinnerte ihn plötzlich an jene Tat. Er hatte damals diesem Max seine Freundin ausgespannt, Tycianna. Er tat das nicht, weil die Frau ihn tatsächlich interessierte… Er tat das nur, weil er wusste, dass jener, mit seinen komischen Ansichten, sicher schwer leiden muss, wenn die Freundin ihm weglief.

Wo bist du hingegangen, aus Louisiana, Tycianna?...

Mit einer entschlossenen Bewegung riß sich DJ von diesem Horror der nur erahnten Erinnerungen weg. Vielleicht mit schamroten Wangen folgte er Sam und McGuates an Bord, wo sie von Besatzung begrüßt wurden. Es sind im Ganzen ihr fünf gewesen, drei Frauen und zwei Männer. Alles Rastas wie aus dem Bilderbuch, mit Dreadlocks und den auffällig bunten Kleidern, die unter den Islandiern, wie sich die Mitglieder des ISLAND-Multis nannten, schon üblich waren. Alles gutgelaunten, und heiteren Menschen. DJ fiel auf, wie sich die weibliche Besatzung sofort entschlossen um Sam kümmerte. Er spürte McGuates Ellenbogen auf seinem Bein. Als er zu dem Kleinen hinunter blickte, zeigte dieser mit dem viel sagenden Blick auf Sam inmitten der Frauen und lachte dreckig. Der Kleine hatte echt eine extrem verdorbene Phantasie. Sie beide, DJ und McGuates, müssten mit den Matrosen Vorlieb nehmen, die sie mit der Yacht und ihrer Besatzung bekannt machten.

Die Besatzung der Schmuggleryacht hatte keinen richtigen Kapitän, weil die eigentliche Arbeit eines Kapitäns von dem Bordcomputer erledigt wurde. Die Besatzung sah sich nur als Team an und trat so auf. Egal ob sie an den Waffen übten, oder ihre Reggae-Musik machten, alles wurde in einem eingespielten Teamwork gemacht.

Ihre Schmuggleryacht, war ein von jenen schnellen Schiffen, die im Auftrag des jamaikanischen ISLAND-Multi die Welt mit den Drogen versorgten. Drogen waren ein Monopol, auf das ISLAND viel Wert legte. In jenen Zeiten, als man sich der Politik entsagte, wußten die Islandier, daß sie den anderen Multis in Sache Hochtechnik nicht gewachsen seien. Man mußte also ein Gebiet der Betätigung finden, wo man mit jenen konkurrieren könnte. Da die ganze karibische und speziell die Rasta-Kultur aber auf Ganja begründet und Jamaika schon immer ein Umschlagplatz für Koka-Derivate war, gab sich ISLAND schlau darauf, die Drogenmärkte der Welt unter Kontrolle zu bringen. Das gelang auch vortrefflich, so daß ISLAND außer Drogen, Tourismus und Kultur, der Welt nichts anderes anzubieten hatte. Selbst die meisten seiner wenigen Industriebetriebe waren auf die Produktion der synthetischen Drogen spezialisiert. Die paar Hightechunternehmen waren mehr so eine Art von Alibi-Firmen, allerdings wurden ihre Entwicklungen hochgeschätzt. Und trotz dieser gewissen Einseitigkeit war ISLAND eine richtig blühende Gesellschaft, mit einem Lebensstandard, der sich von jenen der anderen Multis in so gut wie nichts unterschied.

Obwohl die `unchristlichen Drogen` in den ehemaligen USA von staatswegen immer noch hysterisch verfolgt und erbittert bekämpft wurden und alle Coast Guards wilde Jagden auf die Rauschgiftverbrechermafiaschmuggler veranstalten, und außerdem auch die gewöhnlichen Kaper-Piraten gerne die Drogenschmugglerschiffe aufbrachten (weil da die Beute meistens überaus fett war), gab es während der Überfahrt nach Jamaika keine Probleme und bis auf einen kleinen Zwischenfall keine aufregende Abenteuer zu bestehen. Die Drogenpiraten, wie sich die Schmuggler selbst nannten, waren außerordentlich auf der Hut.

Ihr superschneller Katamaran war in der Tat ein Wunderwerk der Hochtechnik. Es war ein Windjammer, und hatte doch keinen Leinwand anzubieten. Der Segler verfügte über je einen Turbinenmast an jedem Rumpf. Das Herz dieser schlanken, dreißig Meter langen Masten mit etwa zwei Meter Durchmesser, war eine leichte Turbine, auf die durch einen von oben nach unten durchgehenden Schlitz im Mast der Wind zugeführt wurde. Wind trieb die Turbine an, und diese die Schiffsschrauben. Anderes also als mit Segeln konnte man mit diesem Antrieb stur gegen den Wind halten, denn woher der Wind auch kam, so trieb er die Schrauben an. Und der Bordcomputer sorgte freilich darum, dass die Turbinen stets im besten Winkel zum Wind ausgerichtet blieben.

Auf dem Brückenaufbau, der beide Rümpfe miteinander verband, gab es noch eine bäuchige Spinnaker-Turbine Diese Turbine wurde Spinnaker genannt, weil sie beim Turbinen-Segeln die gleiche Rolle spielte, die der Spinnaker-Segel an den klassischen Segelbooten hatte. Sie war etwas niedriger, darum aber wesentlich voluminöser als die beiden Rumpfmasten. Sie brauchte zwar stärkeren Wind, hätte sie ihn, dann machte man mit ihr eine irre Fahrt. Außerdem lud diese Turbine die Bordakkus, die bei eventueller Windstille das Boot trotzdem vorwärts brachten. Diese Turbinen sind ein Verkaufshit des ISLANDS gewesen. Ihr Geheimnis war sowohl die Konstruktion wie die Materialien der Turbinenschaufeln, die bei dem leisesten Hauch ansprangen und gute Arbeit leisteten. Jedenfalls erreichte das Boot damit bei steiferen Brisen glatt seine 40 Meilen, mit Spinnaker-Turbine sogar 50.

Die Bewaffnung der `High Wind` übertraf in der Kampfstärke die der Yamamotos Armada beim Überfall auf Pearl Harbor um einiges. Wie ein junger Kriegsgott strotzte das superschnelle Boot von Feuerkraft. Nebst Unzahl von Raketen und Laserwaffen verfügte es auch über Mikrowellenkanonen, die wahrhaft den letzten Schrei der Waffenbaukunst bedeuteten. Dadurch war es nicht nur jedem Kaper-Piratenschiff haushoch überlegen, sondern auch für meiste Coast Guard-Boote wie ein Wünschtraum unerreichbar. Die, an seinen Rümpfen aufgemalte Symbole der erlegten Feinden bezeugten das: drei Dutzend Polizei- und Kaper-Schiffe, drei Flugzeuge und achtzehn Kampfhubschrauber. Am Ende dieser Fahrt sollte noch ein Zeichen dazu kommen: ein erlegtes U-Boot.

Gesteuert wurde das Schiff ohne das menschliche Zutun von einem Super Cray der neuesten Generation, mittels Radar, Sonar und Satellitennavigation. Radar sagte dem Rechner was sich vor und um das Schiff befand, Sonar informierte ihn ob genug Wasser unterm Kiel ist und seine Ziele fand er mittels GPS.

Der Compi steuerte das Schiff selbst bei Gefechten selbstständig, denn seine Radare erfaßten die anfliegenden Raketen und Granaten, und der schlaue Rechner wich ihnen mit schlafwandlerischer Sicherheit aus. Zudem spielte das elektronische Arbeitsvieh vorzüglich den Raumschach und war spaßhalber mit der ganzen Encyclopedia Britannica, Shakespeare Complete und einer vorzüglichen, sechzigbändigen Geschichte der Philosophie gefüttert, gab sich darum schrecklich gebildet und etwas hochnäsig. Er meinte, im Gegensatz zu meisten Menschen, hätte er wenigstens etwas, auf was er sich einbilden könnte, denn er konnte zugleich die Leistung der Windturbinen optimieren, die Abwehr steuern, Raumschach spielen und eine Konversation führen. Und das alles, während er zugleich durch die gemeinen Untiefen um das Falsche Kap Antonio zwischen Kuba und Haiti steuerte - eine Aufgabe immerhin, die selbst die erfahrensten Piloten schwere Denkarbeit kostete, sagte er angeberisch. Selbst McGuates, die solche Eigenarten des Computers geradezu liebte, mußte zugeben, daß die Maschine doch etwas zu hochnäsig programmiert wurde. Aber da diese tolle Denkmaschine jegliches Kopfzerbrechen um das Boot entbehrlich machte - man gab ihr nur die Zielposition und Ankunftsdaten ein, dann durfte man sich auf die faule Haut legen, absolut sicher, um die gewünschte Zeit am Zielort zu sein -, übte sich die Besatzung, solange sie nicht ihre Piratenballaden in Reggae und Calypso spielten und sangen, manchmal an den Waffen, ansonsten kifften sie nur.

Und natürlich kiffte auch der kleine Professor sofort mit. Als DJ sich darüber Sorgen machte, und den kleinen Professor bat, doch ein Bißchen kürzer zu treten und nicht unbedingt an jedem Joint zu nuckeln, der ihm angeboten wird, beruhigten ihn die Rastas: bei ihnen reift nunmehr die dritte Generation heran, wo bereits die Kinder kiffen – und die Rastas sind weder ausgestorben, noch verblödet noch sonst was, sondern ganz im Gegenteil immer besser drauf. Also liess der kleine Professor keinen Joint mehr aus. Später behauptete er, nun mache ihm das Computering erst richtigen, tierischen Spaß.

Man lief sofort aus, weil die Besatzung nur auf sie gewartet hatte. Wo sich die Gelegenheit bot, nahm die Schmuggleryacht auch die Passagiere mit. Nicht wegen des Verdienstes, man verdiente ohnehin sehr gut mit Ganja und Naturcocain, vielmehr, weil man Menschen in Verlegenheit helfen wollen. Meiste Passagiere sind dann auch Leute aus irgendwelchem Underground gewesen, Großdealer, die Zoff mit der DEA bekamen, oder sogar politisch missliebige Personen, die auf der Flucht von PoPo (Bimbo-Ausdruck für Politische Polizei) und anderen Geheimdiensten waren. Einige Male hatten sie dabei mit Hells-Travell zu tun, weil Hell eine Anlaufstelle für Verfolgten war. Diesmal hatte er ihnen eben DJ, Sam und McGuates vermittelt.

So fuhren sie los. Bei der durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von etwa 40 Meilen, dürfte die Reise nach Montego Bay nicht ganze drei Tage dauern.

Sie sahen auch am Horizont einige Schiffe, die ebenso gut der Coast Guard wie den Karibischen Piraten gehören könnten, niemand aber griff sie an. Vermutlich, weil die `High Wind` ihre Hochheitszeichen, die sie als Schmugglerfahrzeug auswiesen, so stolz offen trug, wussten sowohl die Piraten wie die Coast Guard dass das ein hoffnungsloses Unterfangen wäre, diesen Schiff zu verfolgen.

Am Abend dann, während sich McGuates mit dem System der Bootssteuerung und Abwehrlenkung beschäftigte, traf Sam in der nicht übermäßig gut sortierten Bar des Bootes mit einer Flasche Sanza-Tequila und Bordcomputer die erste Vorbereitungen für die Suche, wobei er natürlich mit der weiblichen Besatzung herummachte. Das heisst, die Mädchen belagerten ihn regelrecht; DJ, selbst ein mehr als exzellent eingeübter Bellami, musste zugeben, dass die Leichtigkeit, mit der Sam die Weiber (wie er sie unverblümt nannte) um sich sammelte, nicht zu übertreffen war. Die beiden männlichen Rastas hatten sich mit ihren Gitarren an der Veranda hinter der Brücke niederlassen und sangen ihre Piratenlieder. DJ war alleine, und es war ihm auch recht so. Nun könnte er seinen düsteren Gedanken nachhingen, ohne sich irgendwie verstellen zu müssen. Er ging hinaus. Er besah sich an der Steuerbord-Reling den prachtvollen karibischen Sonnenuntergang an. Die Sonne ging zwischen den lang gestreckten düsteren Stratocumulusen unter. Sie war so von Wolken bedeckt, dass es eigentlich schon längst dunkel war. Das Meer hatte die Farbe der dunkelblauen Tinte eingenommen, man sah eigentlich nur Schwarz, das hier und da von den leuchtenden Spüren der Fische erhellt wurde, die sich zu nah an die Oberfläche wagten.

Und die beiden Rastas sangen vom Heck des Bootes, als wollten sie eine musikalische Untermalung zu diesem düsteren, aber trotzdem kein Bisschen erschreckenden Sonnenuntergang liefern.

        Sad to say, I'm on my way
        I don't be back for many a day.
        My heard is down, my head ist turning around,
        I had to leave a little girl in Kingston-Town.

Nun hatte DJ schon ohnehin einen schlimmen Seelenpein, durch die wehmütige und sehnsuchtsvolle Ballade wurde der Schmerz noch verstärkt, und als dann noch auch die Sonne, die zwischen den Wolken im Golf von Mexiko verschwand, die Meeresoberfläche berührte und jene Wolkenhaufen von unten erleuchtete, wurde es ihm ganz elend zumute: der Sonnenuntergang sah nun wie eine Atombomben-Explosion aus: halb hinter den Wolken versteckt bildete die Sonne einen schrecklichen, blutroten Pilz in der Stratosphäre. Da hatte DJ eine Vision, vielmehr sah er diese Reise in die Erinnerungen, wie ein Abgrund vor sich. Er war zwar alt genug, sich nicht mehr vor dem Leben und seinen Überraschungen zu ängstigen, und doch schauderte es ihn vor dem, was aus diesem unklaren, düsteren Abgrund auf ihn zukommt. Eigentlich war ihm so, als würde diese sonnige Atombombenexplosion sein bisheriges Selbstverständnis zerstören.

Fast fluchtartig verließ er die Reling. Er wollte sich nicht weiter quälen, er ging schlafen.

Die Kabinen der Passagiere befanden sich am hinteren Teil der Verbindungsbrücke des Katamarans. Anstelle der Hinterwand hatten sie dicke Glasscheiben, und da die Kabinen ganz nah am Wasser lagen, könnte es bei dem lebhaften Seegang, den sie gerade hatten, passieren, dass das ganze Fenster ins Meer eintauchte und dann gab es draußen im Meer neugierige Fische zu bestaunen, die von draußen hineinglotzten. Das war eigentlich keine Kabine, sondern mehr so ein fahrendes Aquarium.

Lange sass DJ beim ausgemachten Licht im Bett und betrachtete das Schauspiel jenseits des Fensters, sie fuhren durch ein Meer von milchigen Medusen, deren endlosen Tentakeln wie Spermaspuren im Wasserdunkel matt leuchteten. Später kamen ganze Schwärme kleinere Fische vorbei, die übermütig an der Glasscheibe klebten, und das sah so aus, als wollen tausende der Fischmünder DJ küssen. Dann begleitete sogar ein ausgewachsener Weißer Hai das Schiff, aber das hätte auch nur ein Traum sein können, denn da schlief DJ bereits.

Am nächsten Tag erlebten sie einen Zwischenfall, der die ansonsten monotone Reise etwas spannender machte.

Das war am späten Nachmittag, sie befanden sich schon im Yucatan Kanal, hatten also bereits Kuba am Backbord voraus am Horizont, da wurden sie tatsächlich von den Piraten überfallen. Allerdings von den ganz fiesen.

An sich trauten sich die Piraten wie gesagt `High Wind` nicht anzugreifen. Man sah sie öfters am Horizont, wie sie Reißaus nahmen, sobald sie eine offizielle Schmuggelyacht von ISLAND-Multi erkannten, sie wussten alle, dass mit der Islandiern nicht zu spaßen ist, und hielten sich in der sicherer Entfernung.

Diesmal aber handelte es sich um keine gewöhnlichen Piraten, sondern um die so genannten Kubanischen Staatspiraten, die so hießen, weil sie im Staatsauftrag Kapernfahrten machten. Und da sie von der Staat unterstützt wurden, und über alle technische Möglichkeiten verfügten, hatten sie sich eine besondere Form der Piraterie einfallen lassen, sie praktizierten nämlich Unterwasserpiraterie, und eben das machte sie so verdammt gefährlich.

Und ihre Masche war so richtig fies. Die griffen nämlich mit den U-Booten an, schlichen sich unbemerkt unter die Beute, rissen dort mittels ihren Unterwasserlaser den Schiffsrumpf auf einigen Quadratmetern auf, so urplötzlich dass das Schiff im Nu vollief, wobei die Besatzung und die eventuelle Passagiere unweigerlich ertränkten. Das Schiff sank aber nicht am Meeresboden, denn die Kubanischen Staatspiraten hatten darunter bereits ein Netz ausgebreitet, das mit Luftsäcken versehen war, die dann wie auf Kommando mit Druckluft aufgeblasen wurden, und das Schiff ganz sicher auffingen. Nun brauchten die Staatspiraten das Schiff nur bis in ihre Basis schleppen, dort in Trockendock zu bugsieren, und schon hatten sie ihre Beute gemacht. Und sie überfielen besonders gerne jamaikanische Schmugglerschiffe, weil sie auf ihre Drogenladungen abgesehen haben. Die erbeuteten Drogen wurden dann in der ganzen Welt von der so genannten Kubanischen Mafia angeboten.

Allerdings hatten die Kubaner mit der `High Wind` schlimm Pech gehabt, da müssten sie eine herbe Enttäuschung hinnehmen, die sie sogar das Leben kostete. `High Wind` war wie gesagt der letzte Schrei der Hochtechnik, so war sie nicht nur vor den Gefahren auf dem Wasser und in der Luft abgesichert, sondern auch vor jenen der submarinen Natur. Nicht mal diese fiesen Staatspiraten also hatten eine Chance. DJ und seine Begleiter bekamen jetzt eine Gelegenheit sich davon zu überzeugen.

Zunächst erfasste das Echolot des Navigationscomputers alle Bewegungen unter dem Schiff, die nicht natürlich waren. Fische oder Schildkröten oder Meeressäuger wurden ignoriert, doch eventuelle submarine Artefakten wurden sofort erfasst und in dem Fall schlug der Rechner Alarm. So auch diesmal. Auffällig war einzig, dass der Alarm nur optisch, nicht aber akustisch gegeben würde. Man sah aber die Besatzung, zu der Brücke zu eilen. Auch DJ und McGuates ging ihnen nach, Sam war schon da. Da drin war die Besatzung vor dem Navigationsrechner versammelt und besah sich die Live-Aufnahmen einer Unterwasserkamera an, die offensichtlich irgendwo an ihrem Rumpf befestigt war. Die Aufnahmen zeigten im Zwielicht unter dem Schiff nur undeutlich ein länglicher Gegenstand, offensichtlich ein kleineres U-Boot, wie man sie ansonsten für die Unterwasserjagd auf Terroristen baute. Das kleine Boot kam sachte näher, man sah an seinem Bug das Auge einer Kamera und riesige Saugnäpfe, mit welchen sich das Boot offensichtlich am Rumpf ihres Schiffes festzusaugen gedachte.

`Ja, mach es nur!` rief eine Frau und die übrige Besatzung lachte erheitert. DJ war gespannt, was nun passieren wurde.

Es passierte eigentlich nicht viel. Kaum hatten die Saugnäpfe des U-Bootes den Rumpf der Yacht berührt – plötzlich kochte das Wasser unter dem Schiff, an den Stellen, wo die Saugnäpfe Kontakt mit dem Schiff hatten sprühten Funken, die Saugnäpfe schmelzen, sie hafteten nicht mehr, das U-Boot löste sich vom Schiff, blieb zurück, versank langsam in der Tiefe, verlor sich aus der Reichweite der Kamera.

`Was war das?` rief McGuates.

`Kubanische Staatspiraten.` erklärte ihm einer der Rastas. Er erzählte was es so mit dem Staatspiraten an sich hat.

`Und was ist da passiert, als sie angedockt hatten?`

`Sie bekamen einen Starkstromstoss. Die untere Schale unserer Rumpfe ist mit einem supraleiterfähigen Material beschichtet, damit kann man starke Stromstösse auslösen, die hatten vermutlich alle im U-Boot umgebracht, hatten dazu ihre Navigationsgeräte und sonstige Bordelektronik ausser Betrieb gesetzt, was zwangsläufig dazu führte, dass das Boot versank.

`Nicht nur das Boot.` meinte McGuates schadenfroh, der von der Brücke nach hinten schaute. Auch DJ blickte hinaus: ihr Schiff zog hinter sich eine Spur von toten Fischen nach und die weiße Bäuche der toten Tiere schimmerten blendend im rötlichen Meer während sich die Sonne zu Neige senkte.

Ja, schlimme Zeiten sind das, dachte sich DJ. Wohin man auch schaut, überall nur Raub, Mord und Zerstörung. Also, bei den Urmenschen hätte es nicht schlimmer abgehen können.

Spät am Abend saß er im Salon und unterhielte sich mit Bordcomputer über die Geschichte Karibiks. Allerdings war das eine ziemlich monotone Unterhaltung. Sobald DJ seine Meinung über irgendetwas äußerte, forschte die Maschine in ihrer praktisch unbegrenzter Gedächtnis nach eventuellen, bereits früher geäußerten Meinungen, die sich mit der geäußerten Meinung deckten oder ihr widersprechen (je nachdem was der Zufallsgenerator des Rechners wollte) und trug sie vor. DJ fand, daß alles, was man so über das selbstständige Denken der Maschine erzählt, nur quatsch war.

`Ja.` sagte McGuates, der sich inzwischen dazugesetzt hatte. Der Gnom schien zu ahnen, was DJ dachte, denn dieser hatte seine Meinung nicht offen geäußert...

`Das ist immer noch nur die alte, gute, mechanische Intelligenz.` meinte er weiter: `Aber das ist trotzdem keine simple Affen-Intelligenz mehr. Das ist kein Pithecanthropus Kyberneticus mehr, was der UNIVAC eindeutig war, auch kein Computer Habilis wie die legendären Geräte von Commodore und Atari, oder Computer Erectus wie die PCs von IBM und Apple. Das ist nunmehr schon ein richtiger Neandertaler, was wir da haben. Aber ich habe schon eine Idee, wie ich den Neandertaler in den richtigen Sapiens verwandeln kann. Ich kann das machen, ja ich.`

Ihm zuhörend, musste sich DJ wundern: sobald McGuates begann über Kybernetik zu reden, verwandelte er sich in einen reifen Wissenschaftler ohne auch den kleinsten Anflug von kindischem Benehmen, was er ansonsten, in den ganz gewöhnlichen Alltagssituationen zu sein pflegte: ein ganz dummer Junge.

Der gluckste fast vor Begeisterung mit seiner eigener Geschichte:

`Bemerken Sie das Herr Graf? Um die menschliche Intelligenz von Pithecanthropus bis zum Neandertaler zu entwickeln hatte es etliche Zigmillionen von Jahren gebraucht. Von dem UNIVAC bis zu diesem Super Cray sind eben achtzig Jahre vergangen, und wenn ich noch vielleicht 20 Jahre brauche, um dem Computer das Bewusstsein zu geben, wird die künstliche Intelligenz in nur 100 Jahren die Entwicklung durchmachen, die in der Natur vielleicht hundert Millionen Jahren gedauert hatte. In einer Millionstel der Zeit also. Ich bin einfach effizienter als Gott.` grinste der eingebildete Knirps.

Er erzählte weiter von dem Mystiker, der ihn auf seine Überlegungen brachte. Dieser erkannte die Noosphäre als Gesamtheit der menschlichen Erfahrungen und menschlichen Wissens und sah den Computer als sichtbarer Ausgangsknoten der Noosphäre, damit sich der Mensch dieser Noosphäre bedienen kann.

`Darauf hatte ich eine Idee.` grinste McGuates noch eingebildeter: `Ich dachte, wenn Computer so ein Ausgangspunkt ist, dann heisst das, dass ich durch den Computer direkt in diese Noosphäre hinein gelangen kann. Stellen Sie sich das vor, Herr Graf: ich kann direkt in den Computer hineingelangen, ich muss nur noch ein bisschen über das Problem nachdenken, ich schaffe das schon.`

DJ lächelte noch milde in sich hinein, angesichts der vielen `ich`, welche McGuates benutzte, dann döste er irgendwann in seinem bequemen Klubsessel ein. Er träumte mal zu Abwechslung einmal keinen Alptraum. Er träumte, er unterhielte sich mit Max, das heisst, Max erzählte eben über das Thema, was gerade von McGuates angesprochen wurde, über die Möglichkeiten, persönlich die Noosphäre zu betreten.

`Computer ist der sichtbare Ausgangsknoten der Noosphäre.` sagte Max und DJ schreckt auf: es graute der Morgen, die Jamaikanische Küste war in Sicht, und die `High Wind` steuerte Montego Bay an.

Computer ist der sichtbare Ausgangsknoten der Noosphäre. Hat das eben nicht vorhin McGuates gesagt?

 

 

 

 

 

22. DIE RÄTSELHAFTE HANDSCHRIFT

 

Sie wurden von der Besatzung der `High Wind` ganz großartig verabschiedet, besonders die drei Ragis (Bimbo für `Rastagirls`) verabschiedeten Sam besonders großartig. Sie bekamen jeder eine Schachtel Jamaikanischer Pralinen geschenkt, das war natürlich bester jamaikanischer Ganja, der mittels spezieller sehr aufwendigen Hightech-Verfahren so hart gepresst wurde, dass diese Form von Marihuana die Konsistenz des Haschisch annahm. Dann sollten sie sich noch in Gästebuch der Yacht eintragen, und DJ blätterte einige Seiten zurück. Die `High Wind` hatte schon viele Gäste, manche berühmte Namen sogar. DJ fand sich irgendwie durch die Tatsache beehrt, dass der letzte Passagier vor ihnen der berühmte anarchistische Führer Joachim Bullenpest war.

Joachim Bullenpest war eine wahre Legende jener Zeit, so eine Art von zeitgeistigem Robin Hood.

Früher hieß er Joaquino Perdicio und war ein Mann der Kirche. Der junge Priester erlebte in seiner ersten Pfarre irgendwo in Südamerika einen richtigen hochprozentigen Alptraum, als eine verrückte Soldateska unterm Vorwand, die Rauschgiftverbrechermafia zu bekämpfen, seine Gemeinde, allesamt Kokabauern, in die Pfarrkirche einschloss, diese mit ordentlich Benzin begoss und anzündete.

Der Pfarrer, Don Joaquino, wurde von seinem Bischof derweil mit einer auswärtigen Aufgabe betraut. Als er zurückkam war die Soldateska bereits abgezogen, doch die Kirche brannte lustig vor sich hin, man hörte sogar noch Schreie aus den Flammen. Don Joaquino hatte sich mit Rückkehr beeilt, vielleicht war er durch eine unklare Ahnung getrieben. Als er den Rauch über dem Dorf sah, rannte er. Dann sah er, dass die Kirche brennt. Er versuchte noch die verrammelte Tür der Kirche aufzubekommen, dabei zog er sich schreckliche Verbrennungen zu, seine ganze linke Gesichtshälfte wurde verkohlt, mitsamt linkem Auge und linkem Ohr, er verbrannte sich die Hände bis auf die Knochen… Dann musste er doch weichen, vor dem Feuer aus der Hölle. So verbrannt kniete er stundenlang am Boden vor seiner Kirche und starrte in die Flammen, als würde er zum ersten Mal im Leben die Welt ganz deutlich sehen.

Später, das Feuer war schon längst erloschen, es war schon Nacht, stand er auf und ging durch noch lodernde Glut zum steinernem Kreuz, der früher am Altar stand, nun aber in der heissen Asche des Glaubens lag. Don Joaquino hob seine verkohlte Soutane hoch, machte die Hosen auf und pinkelte auf den Kreuz, der unter diesem Strahl der Verachtung vor Scham zischte. Dann ging Don Joaquino, der da bereits kein Don Joaquino mehr war, weg.

Die Leute aus der Nachbarsgemeinde fanden ihm am nächsten Morgen halb tot auf der Strasse liegen und brachten ihn in den nahen Kloster, wo er von barmherzigen Schwestern gesund gepflegt wurde. Als er genas, vergewaltigte er einige von ihnen und verließ das Kloster. Er sollte niemals mehr eine kirchliche Einrichtung betreten.

Kurz danach verschwand Don Joaquinos Bischof von der Bildfläche. Don Joaquino selbst, der sich jetzt Joachim Bullenpest nannte, weil er fand, dass der Name so richtig schön anarchistisch klingt, hatte den Bischof entführt. Und nicht nur entführt, er hatte ihn auch gefoltert. Und zwar so effektiv, dass der Bischof alles sagte, was Joachim nur wissen wollte.

Der Vorfall mit Don Joaquinos Kirche fand als ein Abschreckendes Beispiel für die Koka-Bauer und auf Initiative des Verbandes der nordamerikanischen Whiskey-Wirtschaft statt. Der Verband fand, dass Whisky-Konsum stagniert, weil das Volk viel lieber Kokain haben wollte, und um wenigstens irgendwie die Geschäfte zu stören, bat man den Kriegsminister dort, ein Bisschen Rambazamba unter den Koka-Campesinos zu machen. Dieser, ein Intimus von besagtem Bischof, beriet sich mit diesem, bot ihm natürlich auch gute Dollars an, so heckten sie den Plan aus, der zum Brand in Don Joaquinos Kirche führte.

Nun wusste Joachim Bullenpest genug. Zuerst musste ihm der Bischof sein ganzes Geld überlassen, das er auf dem Konto hatte, dann musste er sterben. Als Joachim Bullenpest den feisten Hals des Bischofs durchschnitt, dachte er an siebenundzwanzig Kinder, die in der Kirche verbrannten. Eine Woche Später wurde der Kriegsminister erschossen. Er wurde mit einem Dumdum-Geschoss getroffen und sein Kopf explodierte. Es war ein leichtes, ihn zu erschießen, da er in Verkleidung und sozusagen inkognito zu seiner Geliebten unterwegs, also auch ohne Leibwächter war. Von dieser Gewohnheit des Herrn Ministers wusste Joachim Bullenpest natürlich aus der so genannten `Lebensbeichte` des Bischofs.

Dann sind die Amis an der Reihe gewesen.

Ab da verschrieb sich Joachim Bullenpest dem Kampf gegen System. Er führte ihn, indem er Weltweit amerikanische Botschafter und Konsule und sonstige Würdenträger und Stars und Promis entführte, um mit den Geiseln bestimmte Forderungen erpressen zu können. Er wurde von allen Ami-Geheimdiensten gejagt, wurde dann irgendwo in Afrika von der israelischen Hagana erwischt und an die Amis ausgeliefert, die ihm atomisieren wollten und ihn bereits im Todestrakt hielten. Doch, gerade vor zwei-drei Wochen gelang ihm eine spektakuläre Flucht. Wie DJ jetzt erführ, wurde die mit der Hilfe der Drogensyndikate organisiert. Man fingierte einen militärischen Überfall auf den Jail, um dann mit einem absolut lautlosen Brennzellen-Hubschrauber aufzutauchen, ein Kommando auf dem Dach des Gebäudes auszusetzen, das mit Hightech-Gerätschaften ausgerüstet war. Das Kommando war den Wachen hoffnungslos überlegen. Die Männer metzelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte, kämpften sich zu der Zelle des Anarchisten und befreiten ihn. Dann wurde er von Hell´s-Travel mit den jamaikanischen Drogenpiraten, eben mit der `High Wind` ausser Land geschmuggelt. Im Gästebuch der Yacht sinnierte er darüber, dass er mit dem schönen Schiff nun Amerika verlässt, um sehr bald zurück zu kommen, denn Amerika brauche ihn.

América me necesita! schrieb er in seinem stolzen Spanisch.

Zufalle gibt’s, dachte sich DJ und schrieb in das Gestebucht ein paar Worte über Zufall, als Salz des Lebens, der ihn und seine Freunde auf das schöne Boot geführt habe.

Dann übergab er das Schreibgerät an Sam.

Als sich auch McGuates eingetragen hatte, gingen sie vom Bord. Am Kai wartete eine kleine Taxi-Diligence auf sie, um sie nach Kingston zu bringen..

Sie drei sind die einzigen Passagiere der Mietdiligence gewesen. Diese wurde von einem alten Mann gesteuert, einen richtigen Greis eigentlich, der seltsamerweise absolut nichts von der jamaikanischen Heiterkeit auf dem Gesicht und überhaupt kein Reggae im Blut hatte. Er schien zu trauern, aber nicht so, als weinte er etwas Verlorenem nach, sondern mehr so in der Art einer stillen und beständigen Trauer, die nur eine längst akzeptierte Endlosverzweiflung ist.

`Well, der scheint viel nachgedacht zu haben in seinem Leben.` meinte Sam, als der schwarze Schwager sich in seine Pilotenkanzel zurückgezogen hatte und die Diligence die Fahrt aufnahm. DJ wusste, was Sam meinte, das möchte auch gut zutreffen, allerdings hatte DJ ein ganz anderes Empfinden. Als er den düsteren, greisen Fährmann sah, jene dürre, traurige Gestalt, die so finster und grämlich neben seinem Vehikel stand und auf Passagiere wartete, begriff DJ, was an dem fürchterlichen Charon so fürchterlich war: der Herr über die Hades-Fähre musste ungefähr so ausgeschaut haben, wie der alte Schwarze da. Sogar der schwarze Umhang, den der alte Neger trug, sah wie der Schifferkittel, den Charon auf den attischen Gräbervasen trägt.

Und eben diese starke Trauer war das schreckliche an Charon. Jeder, der zum Acheron gelangte und solche Trauer vor sich sah, wusste sich endgültig tot. Nunmehr war alles vorbei.

DJ hatte sich übrigens oft mit Charon auseinander gesetzt. Da er selbst aus der Bestattungsbranche kam, war er auch so etwas, wie ein Fährmann des Todes.

Die Diligence hatte nur einen einzigen Raum, Pilotenkanzel nicht mitgerechnet. Ein Salon, mit großen Panoramafenstern, mit einem breiten Ledersofa im Fond und mit Sofas an den Seitenwänden. An der Wand der Pilotenkanzel, also auf der Stirn des Passagierraums befand sich tatsächlich ein funktionsfähiger Kamin – sic! – aus einem unheimlich dunklen Marmor. In der Glut der Subtropen sah der Ofen richtig deplaziert aus und das Vehikel eindeutig `overdressed`.

Auf der Diligence gab es keine Hostessen, ja noch nicht mal irgendwelche Help-Mates, man müsste ohne jegliche Bedienung auskommen. Wollte man Kaffe, so müsste man zum Büffet neben dem Kamin gehen und sich seinen Kaffee selbst brühen. Auf der anderen Seite des Kamins befand sich ein Kühlschrank mit Getränken, Früchten und abgepackten belegten Broten. Das war die ganze Verpflegung. Allerdings würde die Reise auch kaum paar Stunden dauern.

McGuates hatte sich mit seinem Equipment am weitest möglich von DJ und Sam niederlassen, er wollte seine Ruhe haben, er wollte Arbeiten.

Sam schaute sich lange im Kühlschrank um, suchte offensichtlich nach irgendetwas, was sich hier nicht befand, denn er seufzte schwer, suchte dann in seiner Tasche, holte eine Flasche Sanza-Tequila heraus, seufzte noch mal. DJ wusste warum die Seufzer. Das war wohl die letzte von sechs Flaschen, die sich Sam in LA besorgt hatte, bevor sie mit Hubschrauber die Stadt verließen. Eine wurde während des Fluges geleert, vier weitere während der fahrt mit der `High Wind`, nun verblieb noch diese eine. Wohl war die als eiserne Reserve gedacht, doch Sam hatte Pech, die letzten 3 Tage mit den Rastafaris verbracht zu haben, wo es keinen oder kaum Alkohol gab, so war seine Reserve verbraucht, und er machte sich Sorgen, dass es in Kingston und während des Fluges nicht anders sein wird. Dann saß er natürlich ganz übel am Trockenen.

Und bei Sam wäre das vermutlich tragisch, denn DJ hegte den leisen Verdacht, dass Sam ohne Alk überhaupt nicht auf die Beine kommen könnte. Hatte er aber genug Alkohol im Blut, dann funktionierte er tipptopp – geradezu fabelhaft.

Was er eben da, in jenem Augenblick, auch eindrucksvoll bewies.

Well, er nahm ordentlich den Mund mit dem Schnaps voll, redet dann mit einer Stimme, die DJ irgendwie komisch vorkam, das war nicht der Ton, mit dem sich Sam für gewöhnlich verständigte. Erst als DJ begriff, worum es ging, begriff er auch, warum Sam so sprach: ihm war es peinlich, DJ auf die Sache anzusprechen.

`Well, Sir, hätten Sie irgendein Schriftstück bei sich, das mit Ihrer Hand geschrieben ist? Das werde ich mir gerne ansehen. Oder könnten Sie, bitte, auf einem Blatt ein paar Worte schreiben?` redete er. Erst da fiel DJ auf, dass Sam schon seit dem sie im Hafen die `High Wind` verlassen haben, eindeutig in tiefem Nachdenken war. Offensichtlich kombinierte er etwas, DJ sah ihn sogar einige male auf die Postkarte schauen, die er zusammen mit beiden Photos bei sich trug.

DJ fand den Wunsch als nicht ungewöhnlich. Ihm war schon klar, dass Sam nach irgendeiner Spur suchte. Einzig irritierte ihn Sams Stimme, die nicht wie gewöhnt eigenwillig und trotzig klang, sondern fast devot.

DJ erinnerte sich nun, dass er in Paris, während er im Hotel auf seine Supersonic-Reise nach LA wartete, aus irgendeiner Marotte heraus tatsächlich eine Botschaft, die er an den Prodring Edmund Branco abschickte, ganz unzeitgemäß zuerst auf dem Papier skizziert hatte, vermutlich nur deshalb, weil es in der Suite auf dem Schreibtisch auch Schreibpapier befand. Die Zettel hatte er immer noch in seiner Mappe. Er fand das Blatt und gab ihn an Sam. Dieser betrachtete es eingehend, holte dann, DJ hatte das beinahe erwartet, auch die Karte heraus. Offensichtlich unterzog er die Schriften einer graphologischen Analyse, denn bald nahm er auch seine Laserlupe heraus, besah sich mal das Blatt mal die Karte. DJ fragte sich, was dabei herauskommen würde.

`Well, wollen Sie sich das mal anschauen, Sir, Mr. Graf.` sagte Sam und zeigte eine Stelle an der Karte und eine auf dem Blatt. Es handelte sich in beiden Fallen im Buchstabe `L`, und, DJ erkannte das auf den ersten Blick, sie sind vollkommen identisch gewesen, ein `L`, fast wie Druckbuschstabe ausgeführt, also ohne irgendwelche Schnörkelchen, nur zwei Striche, vertikal und darunter horizontal, wobei der untere Strich etwas schräg nach oben zeigte. Und nicht nur diese beiden `L`, die ganze Schrift war identisch. DJ konnte es nicht fassen. Das war eindeutig seine eigene Handschrift auf der Karte, wieso ist ihm das nicht früher aufgefallen?

`Nehmen Sie jetzt die Lupe, Sir. Sehen Sie sich damit den vertikalen Strich an. Der ist von oben nach unten ausgeführt, wobei nach unten die dicke des Striches abnimmt, was bedeutet, auch der Druck nimmt ab. Und mit Lupe ist es zu sehen, dass in beiden Fällen der Druck auf der gleichen Stelle abnimmt.`

`Stimmt. Verstehe, was Sie meinen.` murmelte DJ, der es echt nicht fassen könnte. Hatte er tatsächlich selbst diese Karte geschrieben?

Sam trug sich nach DJ in das Gästebuch der `High Wind`. Und ihm fiel sofort das Wort `Leben` im DJs Text auf. Das Wort befand sich auch auf der Karte, und Sam hatte die Form der Handschrift mit einer fotografischen Genauigkeit in sein Hirn eingespeichert. Um sicher zu gehen, hatte er sich noch mal die Karte angeschaut. Aber da gebe es eigentlich keinen Zweifel.

`Nein, da gibt es keine Zweifel. ` bestätigte DJ: `Das ist meine Handschrift.`

`Well, nicht unbedingt, Sir.` dachte Sam etwas weiter. Er hätte nämlich schon oft erlebt, dass selbst die besten Graphologen auch bei noch ähnlicheren Handschriften irren. Allerdings dürfen sie jetzt auch eine andere Möglichkeit nicht ausser Acht lassen: dass es überhaupt keinen Max gab. Vielleicht hatte Herr Graf, nur von langer Hand diesen Max vorbereitet. Auch das hatte Sam öfters in seiner Praxis gehabt, Leute, die nicht nur irgendwelche Geschichten erzählten, sondern auch jede Menge erstklassiger Beweise dafür lieferten, wo sich dann am Ende doch herausstellte, dass sowohl die Geschichte wie die Beweise nur Schall und Rauch gewesen sind.

Bei den letzten Sätzen vermied Sam DJs Blick zu begegnen. Da begriff DJ, warum Sams Stimme so seltsam klang.

`Well, das muss nicht so in diesem Fall sein, Sir, Mr. Graf, aber man muss auch damit rechnen und auch in diese Richtung recherchieren, Sir.`

`Ja, Auch mir ist das bekannt. Das nennt man Schizophrenie.` sagte DJ mit einem feinen Lächeln, das von Sam nicht missverstanden werden könnte, er wollte nicht, dass sich diese ehrliche, amerikanische Haut ausgelacht fühlt. Ihn amüsierte die Verlegenheit des Amerikaners, ihm, DJ, sagen zu müssen, dass er eventuell auch geisteskrank sein könnte.

Als ob er unangenehmes Thema beenden wollte, wandte sich Sam an McGuates: wie kommt der voran?

Dieser hatte, wie schon auf der Yacht nach irgendwelcher relevanten Information über den rätselhaften Max gesucht, die sich mittels weniger Infos finden ließen. Er arbeitete auf altmodische Art, also mit dem Bildschirm, Keyboard und Maus (die nun natürlich nicht mehr mit der Hand, sondern einfach mit dem Blick auf dem Bildschirm gelenkt wurde). Eigentlich war er noch nicht bei der Suche, zuerst wollte er geeignete Suchprogramme kreieren, mittels welcher sich aus dieser lächerlich wenig Informationen, die es gab, irgendetwas Weitergehendes herausfinden lasse. Nur so, blindlings nach irgendeinem Max zu hatte natürlich keinen Sinn, bei der bloßen Namenseingabe würde jede Suchmaschine wahre Myriaden von Informationen ausspucken; immerhin war Max schon seit Jahrtausenden ein überaus beliebter Name in Europa.

Darum hatte McGuates vor, zuerst Programme zu entwerfen, die auf das Anliegen ihrer Suche sozusagen maßgeschneidert sind – der Knirps sagte tatsächlich `unsere Suche`, was DJ in jener Situation überaus angenehm und aufbauend fand. Diese Programme wollte er auf der Basis der Programme von alten Meta-Suchmaschinen entwerfen, wobei er noch verschiedene Ahnungs-Parameter einbauen wollte.

`Die habe ich als ich nach der Seele des Computers suchte entworfen. Ich weiß, dass sie noch nicht funktionsfähig sind, ich habe schon tausende davon ausprobiert, aber sie sind noch nicht reif. Allerdings hoffe ich, dass ich sie unter bestimmten Umständen doch noch zum Funktionieren bringen kann.` hatte er am Abend zuvor DJ anvertraut.

`Es funktioniert immer noch nicht. Ich muss noch viel daran arbeiten. Ich kriege das schon hin. Ich bin sicher, dass ich es hinkriege, ich weiß das.` sagte McGuates jetzt, ohne Sam irgendwie richtig zu beachten.

Da Sam offenbar das Gespräch nicht fortsetzen wollte, widmete sich DJ der Landschaft jenseits des Panoramafensters. Die lenkte ihn auch von dieser neuen Situation, die sich jetzt aus dieser komischen Handschrift ergeben hatte. DJ wollte nicht daran denken, denn es war schon mehr als verwirrend zu wissen, dass es diesen Max vielleicht überhaupt nicht gab, an den er sich gerade begonnen hatte, richtig zu erinnern.

Zum Glück war die vorbeiziehende Landschaft betrachtenswert und brachte den Reisenden auf ganz andere Gedanken. Sie folgten ungefähr die Strecke der alten Eisenbahn zwischen Montego Bay und Kingston, die bereits im vorigen Jahrhundert aufgegeben wurde. Sie durchquerten Cockpit Country von West nach Ost, auch über die schroffen Berge und undurchdringlichen Dschungel in dem Land der Maroons. Maroons nannten sich die entlaufenen Sklaven, die sich von den mörderischen Zuckerplantagen abgesetzt, und in dieser unzugänglichen Gegend niederlassen hatten. Inzwischen waren sie bereits aus der Cockpit Country heraus, befanden sich in dem Quellgebiet von Rio Minho, in einer wilden Berglandschaft mit tiefen Taleinschnitten, alles mit einer subtropischen Üppigkeit bewachsen und beblühmt. Man sah Wasserfälle im Dschungel, die im Vorbeiflug kurz aufleuchten und sich fast ohne Übergang in vollerblühte Dracaenen an den sonnenüberfluteten Berghängen verwandelten.

Was an der Landschaft aber absolut einmalig war: sie war so intakt.

Diese vorbeiziehenden Passagen gaben DJ das Gefühl in eine Zeit zurückgekehrt zu haben, die er an sich bereits vergessen hatte. Die Landschaft mutete als eine Zeitinsel einer früheren Periode an, weil sie eine enorme Ruhe ausstrahlte, so wie sie DJ noch aus seiner Kindheit auf Gozo kannte. Wie eine Insel der Seligen lag Jamaika in der karibischen Sonne: eine Oase der Ruhe inmitten eines chaotischen Veitstanzes der übrigen Zivilisation. Nirgendwo sah man Spüren irgendwelcher Verwüstung, keine Zerstörungen, keine Brände. Zudem betrieben die Islandier die Aufforstung der Insel und überall sah man grün, grün, und noch mehr grün. Diese Aufforstung erfolgte natürlich nicht im Sinn vom Wirtschaftswald, man suchte vielmehr, einen planvollen Zufall ins Spiel zu bringen. Man schickte Hubschrauber über die Berge kreisen, sie hatten Mischungen aus verschiedensten Pflanzen und Bäumen am Bord, und liessen das hinunterrieseln. Dann bekamen die Samen noch den feinen Sprühregen nachgeschickt, und man wartete, was da passieren wird. Passieren tat jedenfalls viel, auf Jamaika gediehen bereits prachtvolle Urwälder, die hier und da von den Ganja- und Koka-Plantagen oder Anbauflächen des berühmten Jamaica Blue Mountain-Kaffee unterbrochen wurden, jedenfalls wog überall dieses zarte und prachtvolle Grün unter dem Passat.

Ja, Jamaika war so üppig und so lebendig, wie DJ seine früheste Kindheit in der Erinnerung hatte.

Aber das war nicht nur mit Jamaika so. In der Tat hatten es in den Zeiten des Umbruches die isolierten Lokationen noch am besten, und alle Multis suchten ihre Domänen möglichst auf Inseln oder anderen schwer zugänglichen Orten, so in den Tälern der Hochgebirge, oder in größeren Wüstenoasen zu unterbringen. Auch die Hauptzentrale des GUTEN STERNS befand sich auf den Kanarischen Inseln, die man den damaligen spanischen Potentaten für ein Heidengeld abkaufte und die seitdem als Hauptdomaine des GS diente. Man hatte die Domainen natürlich auch anderswo in der Welt, auf allen Kontinenten, aber das sind entweder unentbehrliche Nervenknotenpunkte des Multiorganismus gewesen, oder aber Produktionsbetriebe, die man aus Gründen der Rohstoff- und Energieversorgung, oder weil die Anlage eine enorme Umweltbelastung darstellte just dort platzieren müsste. Meistens war es so, dass die Besatzung dieser Domainen Wohnsitz auf Kanaren hatten, und nur ihre Arbeitsansätze auf Aussendomainen verbrachten.

BIG BLUE hatte eine seiner grössten Domänen in einer künstlichen Oase untergebracht, die inmitten der Mojawe-Wüste mit viel Aufwand und klimaverändernden Massnahmen aufgebaut war. Auch der GROSSE BUDDHA hatte in der Gobi seine Großdependance, die als eine künstliche Sphäre unter einer Kuppel von hundertfünfzig Kilometer Durchmesser ausgeführt wurde, unter der immer angenehmsten klimatischen Bedingungen herrschten.

Und natürlich bemühte man sich überall, die Lebensbedingungen möglichst angenehm zu gestalten, mit groß angelegten Programmen suchte man die Umgebung zu gestalten und der geschundenen Erde eine Genesungsoase zu verschaffen, wie eben hier, auf Jamaika.

Inzwischen hatte die Diligence Spanish Town passiert, und auf der Anzeigetafel über dem Kamin leuchtete die Information auf, dass die Zielankunft in sicht ist. Ihr schwarzer Charon, der sie hoffentlich aber zu einem neuen Leben fahren würde, liess sie wissen, dass sie in einigen Minuten Kingston erreichen werden.

 

 

 

 

 

23. DAS SCHÖNE GESPENST DER VERGANGENHEIT

 

Sie hatten eigentlich vor, sofort zum Flughafen zu fahren, denn der Flug sollte noch am gleichen Abend stattfinden. Doch noch bevor sie in Kingston ankamen bekam DJ Nachricht von Hell´s-Travel: das Flug findet erst am nächsten Abend statt. Der Grund für Verspätung könnte Hell nicht sagen, irgendein wichtiger Mensch hatte sich verspätet, oder musste irgendwo geflogen werden, jedenfalls findet der Abflug erst Morgen statt. Er hatte natürlich sofort vorgesorgt und hatte ihnen eine Suite in dem besten Hotel der Stadt, in dem Rasta Hilton, reserviert. Hell nahm an, das wäre dem Grafen recht. Hotel ist wirklich exzellent.

Na ja, eigentlich hatten sie es nicht eilig. Sie liessen sich zum Hotel bringen, nahmen auch zusammen in einem der vielen Restaurants des Hotels das Abendessen ein. Das hieß einfach `Rastaurant`, weil dort original Jamaikanische Küche angeboten wurde. Sie wurden von einem enorm steifen Roboter empfangen, der wie ein maître d' hôtel aufgemacht war. Er war wirklich gelungen programmiert, bekam vor schieren Steifheit kaum noch ein Wort heraus, so dass er nur noch mit einer schrecklich arroganten, nasalen Stimme und in extrem knappen Sätzen redete, wobei er seine Kameraugen knapp über den Kopf des Gesprächspartners hielte, was den Eindruck seiner abnormen Arroganz noch unterstrich.

Sam, der von den Robotern sowieso angeödet war, nannte den Roboter geradewegs `Steifi`, doch der Roboter liess sich nicht provozieren, sondern unterhielte sich mit Sam ebenso roboterhaft arrogant wie mit DJ und McGuates. Nach seiner Beratung entschlossen sich alle drei für die ganz traditionelle Variante des Menüs.

Als der Steifi die Bestellung aufnahm und an die Küche weiterleitete, gab er gemessen und würdevoll in seiner unermesslichen Steifheit ein Zeichen, worauf sechs Roboterkelner auftauchten, für jeden Gast zwei. Sie waren nicht so steif wie ihr Chef, sondern auf italienisch aufgemacht, ergaben also eine lustige Bande, die ihre Gäste hinterrücks auslachte, während sie sich ihnen gleichzeitig vor schierer Liebenswürdigkeit in die Hintern bohrten. DJ befürchtete angesichts solches menschlichen, allzumenschlichen Benehmens, die Dritte Schöpfung wird ebenso nervig ausfallen, wie die Zweite.

Egal, das Essen schmeckte wahrhaft wie Jamaika: heiss wie Sonne, nahrhaft wie Meer, duftend wie Dschungel, sehnsuchtsvoll wie Musik, sinnlich wie Liebe. Sie bekamen zuerst eine Pfeffersuppe vorgesetzt, dann die köstlichen, in Bier gegarten, Red Stripe Chicken, darauf folgte Run Dong, ein von Gourmets sehr geschätztes jamaikanisches Fischgericht, und als Krönung des Ganzen Spanferkel, gefüllt mit Reis, Paprika, gewürfelter Yamswurzel und Thymian, mit geraspelter Kokosnuss und Maismehl bestreut und dann ganz knusprig am Spieß gedreht. Als Abschluss gab es noch Mokka-Kuchen, die aus dem Blue Mountain-Kaffee gemacht wurden und Orchideen-Eis, der ein Modehit des Sommers 2030 war. Am Ende brachte der Steifi nun wieder höchstpersönlich Cognac und Zigarren und Joints zum inzwischen servierten Kaffee.

`Danke, Steifi!` dankte Sam als der maître ihm das Feuer für seine Zigarre gab, blies den Rauch direkt in die Augenlinsen des Roboters, und McGuates fiel beinahe von seinem Stuhl vor kindischem Lachen. Während Steifi Cognac einschenkte machten Sam und McGuates amerikanische Witze über ihn, ohne sich um seine Anwesenheit zu kümmern, was auf DJ makabre wirkte. Diese Witze müssten extrem komisch gewesen sein, weil der Professor vor schierem Lachen beinahe unter den Tisch rutschte, DJ aber bekam die Pointe nicht mit.

Aber dann begriff DJ, warum die beiden so lachen: denn nun wurde er sich sowohl des wohligen Gefühl des Hanf-Törns bewusst, wie der Tatsache, dass auch er Sams Witzen lachte, obwohl er sie eigentlich nicht verstand. Natürlich, sie waren alle drei schweinisch bekifft. Die Rastas pflegen ja alle ihre Speisen mit der Ganja zu würzen.

Und wie es DJ schien, nicht gerade zu knapp.

DJ hatte vorgehabt, nach dem Essen seinen Reisegenossen die Stadt zu zeigen, doch es stellte sich heraus, dass keiner der beiden sich dafür besonders interessierte. Sam hatte nur ein Interesse, sofort nach dem Essen in die Hotelbar zu verschwinden, und McGuates baute ebenso sofort sein Computer-Equipment auf. Als DJ ihm vorschlug, sich die Stadt anzuschauen, immerhin eine Stadt mit Geschichte, winkte der Kleine ab, er beschäftigt sich lieber mit Computer und schaut sich nebenbei auf dem Arco die 3-D-Onlinekameras von Jamaika und Kingston an. Ist gleich, als ob er dort war, ohne aber viel laufen zu müssen, sagte er, ohne zu bedenken, er hätte solche `Abenteuern` auch zu Hause im CyS `erleben` können. Aber DJ könnte es sich schon gut vorstellen, dass so ein Großkopf, wie ihn der kleine Professor hatte, auch für Beine eine grosse Last bedeutet und nicht gerade angenehm zu tragen war. DJ schaute auch in der Hotelbar hinein, mehr zu sehen, was Sam so macht, von vorneherein bewusst, dass man den Schnüffler inmitten eines Weiberpulkes finden würde. In der Tat hatte der einmalige Schwerenöter bereits einige rassige Rasta-Ladies um sich versammelt, plus eine Chinesin, die als Sängerin in jener Bar auftrat, und unterhielte sich prächtig, während er nebenbei Unmengen von Tequila-Sunset vertilgte und zusätzlich noch an seinem Arco arbeitete. Da seine beiden Reisegenossen also ganz gut untergebracht waren, ging DJ zu einem kleinen Spaziergang in die milde und duftende Nacht hinaus, die mit heißem Atem des Passats auf ihn wartete.

DJ war schon verschiedentlich auf Jamaika und in Kingston, kannte die Stadt aber nicht wirklich gut, wollte sich nicht auf seine Erinnerung verlassen, ging einfach auf gutes Glück irgendwo hin. Auf den belebten Strassen der Downtowns erinnerte das pulsierende Leben ein wenig an die früheren Zeiten, zeigte, dass sich in der Welt doch nicht alles noch so grundlegend verändert hatte. Das Leben, was da herrschte war genau gleich, wie im vorigen Jahrhundert. Mengen von Menschen, die sich nun, am Abend, nach dem die Hitze des Tages nachgelassen hatte und Passat angenehme Abkühlung brachte, auf den Strassen wie Fluten ausbreiteten, sind just die gleichen gewesen, die DJ von seinem ersten Besuch Jamaikas in Erinnerung hatte. Allerdings war alles vielleicht um eine Idee bunter, überzogener, unvorstellbarer, prachtvoller geworden – ein Beweis einer lebendigen, sich kraftvoll entwickelten Kultur. Die Kleider des Volkes waren geradezu phantastisch, sie gaben alle Stile und alle Moden der Weltgeschichte im Querschnitt wieder. Natürlich gab es am Meisten typische Rastakleider in den grellen Farben Jamaikas, denn auch die Touristen, die es hier natürlich en masse gab, kleideten sich gerne im lokalen Kolorit, wobei man auch nationale Vorlieben beobachten könnte: chinesische Touristen zum Beispiel, die man auf den Strassen öfters begegnete, immer in Pulks von bis zu ein paar Hundert Leute, trugen so gut wie alle jene wollene, grellfarbige Rastamützen, die sich zu einem eigentümlichen Symbol der Rastakultur entwickelt hatten. Sah man dann so einen riesigen Pulk von einigen Hunderten chinesischen Touris, die alle Rastamützen auf den Kopf hatten, hatte man vor sich ein richtiges wogendes Meer grell gefärbter Wolle, ein Tsunami aus Farben, der auf einen zurollte.

Nicht nur aber Menschen und Farben beherrschten die Strassen. Eine Unzahl der Düfte lag in der Luft und kitzelte in der Nase. Die kamen nicht nur von den Bergen mit dem Duft des Dschungels und Kaffee, oder von Meer her mit dem Duft des Salzes und Windes, vor allem der Duft des Essen aus der Garküchen, die in kleinen Holzbuden am Straßenrand untergebracht waren, und von jenen jamaikanischen Straßengrills aus aufgeschnittenen Ölfässern, explodierte richtig in der Nase und kitzelte angenehm den Gaumen. Obwohl DJ soeben zum Abend gegessen hatte, verspürte er allen wegen des Geruches den Appetit.

In den Grills wurde das rasend duftenden Holz der Guave und der Pimentholz zum Weißglut gebracht, und darauf Jerked Chicken und Jerked Pork gelegt, und die appetitanregenden Geruch des angebratenen Fleisches mischte sich mit der duftenden Aroma vom Grillholz, und scharfen Gerüchen der Saucen aus Thymian, Pfeffer und Piment und dem Duft des gerösteten Yams und des frischen Weißbrotes.

Dazu gab es natürlich überall Musik. Fast an jeder Straßenecke saßen die Musikers mit ihren Gitarren und Keyboards und Drums, anderswo spielte die Stealbandmusik, die Touris mischten sich mit den Einheimischen und Tanzten auf der Strasse Limbo. Durch diese so offensichtlich gutgelaunte Menge schlenderte DJ hinunter zur Uferstraße. Er erinnerte sich, wie es noch am Anfang des Jahrhunderts war, als alle Reiseführer die Touristen vor sehr hoher Kriminalität in Kingston, insbesondere in den Downtowns warnten. Jetzt, nach kaum zwanzig Jahren seit der Abschaffung des Staates und aufstellen von ISLAND-Multi, war nichts von irgendwelcher Gefahr zu spüren. Man könnte ebenso sorglos spazieren, wie noch am Anfang des 20. Jahrhunderts, als es in Kingston kaum Kriminalität gab.

Er ging die East Street hinunter, an der Bank Of Jamaica vorbei. Kaum war er am Meer, wurde er von der Musik angezogen, die aus einem Gartenlokal am Strand zu hören war. Eine Melodie, die er zunächst nicht identifizieren könnte, lockte regelrecht wie die Flöte des Schlangenbändigers, es war, als ob spielte man Reggae in einem Harem und auf orientalisch. Und als ob ihn diese Musik, sie war seltsam erotisch geladen, becircte, wie fast im Trance ging DJ über die Strasse und sah in einer kleinen Anlage am Strand einen Gartenlokal, einen Tanzlokal, oder was auch immer, jedenfalls tanzte man da auf der Terrasse, und jetzt beim Anblick des Tanzes erkannte DJ auch die Musik: RaBa war der Modetanz jener Jahre, so wie etwa Rock`n`Roll der Modetanz der 50-er und 60-er Jahre war. RaBa war der Bimboname des Tanzes, eine Abkürzung von Rasta-Bajadera. Das war so eine Art vom Bauchtanz, der stark an Lambada im Reggae-Takt erinnerte. Und hier am Strand, von den braunen Gestalten getanzt, alle in Weiß gekleidet, in der diskreten, fast nebligen LCD-Beleuchtung und von gelegentlichen farbigen Laserblitzen durchzogen, während der Passat das Blut heizte, mutete der Tanz wie eine choreographierte Gruppensex-Orgie an, wobei schon die Musik selbst unwiderstehlich erotisch war.

Und dann kochte DJs Blut plötzlich im Ernst, wie im Schock: er könnte seinen Augen nicht glauben, vielmehr war das, was er sah, absolut unglaublich. Er sah nämlich… er sah Tycianna… Die gleiche Tycianna, die ihn in den letzten Tagen und Monaten nicht aus dem Kopf ging, sobald er an Max dachte, musste er auch an sie denken.

Sobald sich seine Augen an das vernebelte Licht gewöhnt hatten, erkannt er sie: wie durch Nebel der Vergangenheit kam sie auf ihn zu. Sie war als einzige nicht in Weiß gekleidet. Sie trug ein schwarzes, eng anliegendes Kleid in Mini-Länge und freien Schultern, ein nichts von einem Kleidungsstück sozusagen. Sie war barfuss, und tanzte mit den jungen Rastas um die Wette, es gab keinen Zweifel, schon ihre Tanzbewegungen waren zu erkennen, das müsste Tycianna sein, das könnte nur Tycianna sein. DJ müsste zuerst zu sich kommen, müsste sich zusammennehmen, um dann besser hinsehen zu können; vielleicht hatte er sich da sogar die Augen gerieben. Aber auch der zweite Blick bestätigte nur den ersten, es hätte kein Zweifel geben können, die junge Frau, die da, bei diesem lasziven, richtig `unanständigen` Tanz, mitmachte war eindeutig Tycianna.

Es gibt nämlich untrügliche Bewegungen, an dem man Menschen erkennen kann, so wie eine Art von Fingerprints des Körpers. Am untrüglichsten sind die Menschen an ihren Paarungsbewegungen zu erkennen. Bei Frauen ist ausserdem eine auffällige Geste charakteristisch, mit der sie das Haar aus dem Gesicht entfernen. Da hat absolut jede Frau ihre eigene Bewegung, die zudem viel über ihr Charakter und ihre Seele, über ihre Motiven und Absichten, über sie selbst und ihre Möglichkeiten, ja ihren Schicksal aussagt.

Und Diese Frau da benutzte eindeutig Tyciannas Bewegung, um die Haare aus dem Gesicht zu nehmen. Die war nämlich unverkennbar: mit ausgestreckten 3 Mittelfinger der rechten Hand, ging sie von unten an den rechten Wange hoch, um als sie bei der Schläfe war die Haare weiter in Richtung Stirn zu sammeln, um dann mit einer scharfen Bewegung nach oben zu gehen und jetzt mit allen Fingern die reiche dicke schwarzrötliche Mähne weit in den Nacken zu werfen, wobei diese letzte Teil der Bewegung noch mit einer synchroner Bewegung des Kopfes begleitet wurde.

DJ könnte sich noch ganz genau an die Bewegung bei Tycianna erinnern. Vor seinen geistigen Augen erschien eine Szene aus Amsterdam: Flohmarkt am Waterlooplein. Da wühlte er mit Max bei einem Bukinisten in einem Haufen Krimskrams, alter Manuskripte, alter Notizbücher und solchen Zeug. Dann erhob er zufällig den Kopf und sah zu Tycianna hinüber, die für Flohmarkt eigentlich nicht viel übrig hatte, sich offensichtlich auch langweilte. Auf DJ und Max wartend, stand sie am Geländer der Gracht, der Wind wehte ihr ständig das Haar ins Gesicht, und sie nahm es immer wieder mit just gleicher Geste und mit gleicher Bewegung des Kopfes wieder weg.

Plötzlich aber vergaß DJ das Mädchen. Plötzlich wurde ihm jener Bukinist am Waterlooplein wichtiger. Um sich besser konzentrieren zu können schloss er sogar die Augen zu.

Ja, da, auf dem Stand, lagen auch sehr viele alte Postkarten und alte Photos herum; er sah sie gerade vor seinem geistigen Auge. Kann es also doch so sein, dass er seine Postkarte und seine Fotos gerade da, gerade an jenem Tag erworben hatte?... Die Handschrift daran war dann nur seiner Handschrift ähnlich, Sam sagte ja, dass es so was gibt… Aber auch diese Version mit der gekauften Karte war eigentlich nicht befriedigend, denn auch das würde heissen, dass es in seinem Leben überhaupt keinen Max gab.

Was dann heissen würde, dass es auch keine Tycianna gab.

Was dann heissen würde, auch dieses Mädchen gibt es eigentlich nicht. DJ machte die Augen auf.

Doch, das Mädchen gab es offensichtlich, sie tanzte und nahm mit tyciannischer Bewegungen die Haare aus dem Gesicht. Wie Tycianna, damals, in jenem Frühsommer in Amsterdam.

Aber nicht nur an dieser Bewegung war in dem Mädchen Tycianna zu erkennen. Auch der rötliche Stich ihrer üppig-schwarzen Mähne war ebenso unverkennbar, es hing von der Beleuchtung oder Kopfbewegung ab, ob Tyciannas Haare flammenrot oder nachtschwarz leuchteten, und genauso leuchtete das Haar des Mädchens mal schwarz und dunkel, mal rot und hell auf, manchmal in kurzen Staccato-Blitzen, wenn sie den Kopf beim Tanzen heftiger bewegte.

Aber vor allem ihre lasziven Bewegungen. Auch auf sie konnte er sich noch ganz gut erinnern. Obwohl er unverhältnismäßig viele Frauen liebte, so blieb doch diese oder jene wegen ihrer Paarungsrituale länger in dem Gedächtnis hängen. Und Tycianna war da absolut unvergesslich. Obwohl es natürlich auch absolut unmöglich war, dass dieses junge Mädchen Tycianna sein könnte; die müsste auch schon stark über 60 Jahre alt sein, sie war ja nur paar Jahre jünger als DJ.

Ohne dass er sich das bewusst wurde, war er schon bis zu der Treppe zum Strand gegangen und zum Lokal gekommen. Da blieb er gleich neben dem Terrasseneingang stehen. Der Tanz dauerte noch an und diese tyciannische Fata Morgana tanzte selbstvergessen, tanzte unermüdlich. Sie tanzte bis zu dem Augenblick, wo sie DJs Blick begegnete. Da wurde es offensichtlich, dass auch sie ihn kannte, jedenfalls lächelte sie ihm da sofort zu, hörte sogar auf zu tanzen und kam zu ihm – sie benahm sich so, als seien sie tatsächlich gute alte Freunde.

Aber natürlich wollte sie sich nur unterhalten und DJ begrüßen. Obwohl fast 70 wirkte DJ noch immer schwer auf Frauen, besonders an ganz junge Frauen. Sie stellte sich als Anita vor. Sie sprach selbstverständlich mit der nonchalanten Stimme Tyciannas, die so wirkte, als sei sie zu faul zum sprechen, obwohl sie recht viel redete. Ebenso wie diese Anita jetzt. Ob er ein Tourist sei? wollte sie wissen, wie ein Geschäftsmann sehe er überhaupt nicht aus, und ein Islandier ist er bestimmt auch nicht, oder?

Er sei einfach ein Reisender, stellte DJ fest, stellte sich auch vor, nur mit Vor- und Nachnamen freilich, nicht mit dem ganzen Namen. Juan von Braganza, dann wurde er wieder Baff, denn diese Anita stellt ihm just die gleiche Frage, wie Tycianna damals, als Max sie einender vorstellte:

`Dieses von, das bedeutet Adel, wie?` fragte sowohl damals Tycianna, wie jetzt diese Anita, sie hatten sogar beide gleiche Art zu lächeln und lachen, sie hoben dabei die Augenbrauen.

Eigentlich wollte DJ kein Süßholz raspeln, auch war er auf kein Abenteuer aus, aber bei der Anitas Wärme, die so an die Wärme Tycianna erinnerte, war es unmöglich, doch nicht zu flirten. Das Abend endete in Anitas Apartment in der nächsten Nachbarschaft. Sie liebten sich und Anita erzählte von sich. Er müsste sie überhaupt nicht ausfragen. Als ob sie wusste, wie begierig er ist zu erfahren, wer sie ist und woher sie kam, erzählte sie ihm zwischen 2 Liebesseancen, die sie hatten, so gut wie ihre komplette Biographie. Sie war Italienerin, Sizilianerin, besser gesagt. Ihre Mutter war eine Politikerin der EU und, später, der SEU. Sie lebte auf Sizilien, wo sie auch die Tochter zur Welt brachte. Sie hatte aber niemals geheiratet. Die Anita machte bei dem ISLAND-Multi eine Schulung. Sie wollte als Drogenberaterin für Kinder und Jugendliche arbeiten. Sie wäre überhaupt so froh, dass ihre Mutter ihr erlaubte, bereits als Kind den Jointrauch aus Mutters Mund einzuatmen. Sie hatte überhaupt eine sehr schöne Kindheit und Jugend, sie möchte dass alle Kinder lernen, mit den Drogen umzugehen.

Ja, ich weiß, sagte DJ.

`Nein. Woher weiß tu das?! rief Anita im Spiel, wie ärgerlich: `Das habe ich noch niemanden erzählt.`

`Ach, wir alte Menschen, weißt du es, wir können schon Gedanken lesen. besonders wenn es um junge Mädchen geht.`

Er wusste es in der Tat. Tycianna hatte damals gesagt, sie würde ihren Kindern bestimm sehr früh das Kiffen und Umgang damit beibringen.

`Du bist nicht alt, du bist erfahren.` sagte Anita und warf mit einer tyciannischen Kopfbewegung die Haare aus dem Gesicht. Sie benutzte keine Hand dazu, denn sie hatte die Hand nicht frei, sie streichelte DJ am Bauch und immer tiefer zu den Lenden hinab.

`Aber ich bin schon ein junges Mädchen. Und alle junge Mädchen sind gierig.` sagte sie und stöhnte volllustig als ihre Hand am Ziel ihrer Begierde war, und sie stöhnte wieder, um DJ zu animieren.

Von ihrer Großmutter erzählte sie nichts, und DJ traute sich nicht, Anita nach ihr zu fragen. Vielleicht hatte er Angst, sich dann an irgendetwas erinnern zu müssen, worauf er sich in jenen Augenblicken nicht erinnern wollte

Er blieb bei ihr nicht bis zu Morgen. Nachdem sie sich zum zweiten Mal liebten, bestellte er ein Taxi und liess sich ins Hotel bringen. Da es noch ziemlich früh war, ging er ins Bett, schlief tatsächlich ein.

Als er aber am nächsten Morgen aufwachte, könnte er nicht mehr sagen ob er dieser Anita tatsächlich begegnet ist, oder ob das ganze nur ein Drogen-Traum war. Er ging sogar wieder in die Stadt und versuchte das Strandlokal zu finden wo das alles passiert sein sollte. Wieder ging er die East Street hinunter, an der Bank Of Jamaica vorbei, als er aber am Meer war gab es da zwar eine Anlage, jedoch keinen Lokal zu sehen. Aber die ganze Lokation erschien ihm sowieso anders, als er sie in der Erinnerung hatte, er wusste tatsächlich nicht mehr, ob das genau da war. Und auch das grosse Mietshaus mit Anitas Apartment, das direkt an der Steilküste lag und wo sie aus dem Bett das Meer betrachten könnten, war jetzt, beim Tageslicht, unauffindbar.

Und am Nachmittag verließ er dann mit seinen Begleitern Kingston.

 

 

 

 

 

24. KIFFI THE RASTA

 

Am Nachmittag wurden sie von ihrer Flug-Gesellschaft abgeholt und es ging zum Norman Manley Airport, um kurz vor Sonnenuntergang in Richtung Osten abzufliegen. Die Farben und Düfte und Musik Jamaikas blieben unter ihnen in die verspielten Farben eines kanariengelben und grasgrünen und nachtschwarzen Sonnenuntergangs eingetaucht. Dann verschwand die Insel unter ihnen und der Himmel wurde ebenso ein schwarzes Loch, wie der Ozean unter ihnen und das Nichts vor und hinter ihnen: kein einziger Stern war da oben zu sehen, weil die Strahlung der wütenden Sonne alle Lichter des Alls verschluckte. Nur von den Satelliten geführt flogen sie durch ein Nichts.

Für DJ fühlte sich dieses Nichts richtig physisch an. Als ob in jenem dunklen Loch, das unter dem Flugzeug blieb, auch die letzten Spuren der Erinnerung an die letzte Nach verschwanden, könnte er sich an jene Anita, mit der er angeblich die Nacht verbracht hatte, kaum noch erinnern. Sie hatte sich nun ganz in Tycianna verwandelt, als er versuchte an Anita zu denken, dachte er an Tycianna, als er versuchte, sich ihres Lachens zu erinnern, erinnerte er sich Tyciannas Lachens. Und was noch viel schlimmer war: er könnte sich jetzt an überhaupt kein Wort ihres Gespräches mehr erinnern. Sie verblasste in seiner Erinnerung, sie verschwand vielmehr in jenem schwarzen Dunkel, das von allen Seiten das Flugzeug umhüllte. DJ war richtig froh, dass im Flieger ständig etwas los war, so wurde er ständig von diesen so unmöglich leeren Gedanken abgelenkt.

Das Flugzeug war ein heruntergekommener Airbus-Klipper A340, der gut seine dreißig Jahren am Buckel hatte, und, wie sein Käp'ten spottete, genug Flugstunden, um die Strecke Erde-Jupiter zurückzulegen. Der Käp'ten war ein Russe, ein ehemaliger Pilot der Aeroflot, ein alter Haudegen, der viel kiffte, gerne hurte und keine Memmen mochte. Sein Lieblingsausdruck war `ganzer Kerl`. Während des Fluges scherzte er in seiner männlichen Art über bordeigenes CyS mit seinen Passagieren und lachte am lautesten über seine grobgestrickte Witze. Am zweitlautesten lachte übrigens Sam. Selbst so ein Macho, wie der Käp’ten, verstand Sam natürlich solche Machowitze am besten.

In der ersten Klasse sind sie außer einem jungen Rasta die einzigen Passagiere des Fluges nach Bengasi gewesen. Und auch in der Touristenklasse gab es nur eine Handvoll Passagiere, die alle wie Desperados, Verbrecher und leichte Frauen ausschauten. Ausserdem war mindestens die Hälfte von ihnen Chinesen.

Was aber überraschte, weil nicht mehr selbstverständlich, sind die beiden Stewardessen in der Ersten Klasse gewesen. In der Tat keine Helpmates, keine Roboter-Hostessen also, wie das damals schon auch in der Ersten Klasse und bei den grössten Fluglinien durchwegs üblich war, sondern zwei lebendigen Rasta-Mädchen.

Die beiden Schönen aber sorgten sich, aber selbstredend, vorwiegend um Macho Sam. Sie trugen typische Rasta-Locken. Ihre durchsichtigen Uniformen waren wie weiße Wolken konzipiert. Verspielt und flirtend grollten sie Sam wegen seines Alkoholkonsums. In der Regel trank kein Islandier je Alkohol - selbst ihr Bier war alkoholfrei. Sie hatten auch kaum Vorrat von Alkohol am Bord, und was sie auch hatten war in klitzekleinen, sehr zierlichen 0,005 Liter Fläschchen portioniert. Diese aber trank Sam bis zu zwanzig in einer Minute, so hatten beide Hostessen die Hände voll zu tun, um zwischen der Pantry und Sam zu laufen, um ihn mit Nachschub zu versorgen. Das Beste daran war aber, daß Sam, soviel er auch trank, nie besoffen wurde, davon waren die Stewardessen offensichtlich total angetan und entzückt.

Quatsch! keifte McGuates, dieser kleine Giftzwerg und Nestbeschmutzer. Quatsch! sagte er: das kommt davon, daß Alkohol bereits so ein fester Bestandteil des Stoffwechsels eines Durchschnittsamerikaners sei, daß für diesen `Besoffensein` ein Normalzustand bedeutet...

`... Die Stewardessen sollten ihn erst einmal nüchtern erleben!` höhnte McGuates zu DJ: `Da würden sie ihr blaues Wunder erleben.`

`Wir sind im ganzen achtundvierzig Seelen an Bord. Das ist wenig, ich weiß. Aber wer außer ganzen Kerlen und hoffnungslos Verrückten fliegt schon bei dem schweinischen Sonnenwetter?` fragte Käp'ten, nachdem er `seine paar Passagiere` begrüßt hatte. Während der ganzen Reise wird er solche makabre Witze machen. Der junge Rasta hatte dafür, ebenso wie DJ, nur ein müdes Lächeln übrig. Der Rasta saß auf der anderen Seite des Ganges Parallel zu DJ, in der Sitzreihe vor dem DJ hatte sich McGuates bequem gemacht und vor dem Rasta Sam mit seinen beiden `Rastinnen` wie er die Stewardessen nannte. Diese drei hatten natürlich einen tollen Spaß und besonders die Mädchen starben beinahe vor lachen, obwohl Sam eigentlich weder etwas geistvolles noch etwas wirklich Lustiges sagte. Er brauchte aber nur der Blick zu erheben, und schon lachten die beiden Stewardessen, die regelrecht an ihm klebten, wie auf Kommando. Es war wirklich ziemlich laut in der Ersten Klasse, besonders wenn der Käp’ten dem Autopiloten den Kommando übergab und sich zu den Stewardessen und zum Sam hinstellte, mit dem er sich auf Anhieb prachtvoll verstand.

Der Junge Rasta liess sich von dem lautem Gespräch und fast ununterbrochenen Kichern der Mädchen nicht stören. Er hatte sich die Kopfhörer umgestülpt und hörte offenbar Musik, jedenfalls schaute er nicht auf den Monitor vor ihm, wo ein Bolywood-Musical über den Alexander den Grossen in Indien lief. Der Rasta sah aus als eine Mischung zwischen Bob Marley und Peter Tosh, jedenfalls hatte er prachtvolle Rastalocken, die am Hinterkopf fast bis zum Schultern hinab fielen, während auf den Schläfen und über Stirn alles kurz geschnitten war. Er trug aber keine Rastakleider sondern einen sehr modischen, sehr schicken Mook-Zweireiher. Diese neue Mode wurde als die Art der Kleider der kommenden Freizeitgesellschaft verstanden, in der auch die Business-Kleider eigentlich Freizeitkleider sein werden. Solche Anzüge, wie auch alle Mook-Kleider, trug man besonders gerne bei den Multis, wo man auf konventionelles Outfit immer noch viel Wert legte, es aber doch gerne etwas salopper und bequemer hatte. Diese Mode wurde in Italien kreiert, man nannte sie moda nuova technica liberta abgekürzt MONUTELI, oder auch Monuteli-Look, woraus im Bimbo dann Mook wurde.

Auch der schicke Mook-Zweireiher der jungen Rasta war aus angenehm weichen Nano-Seide geschneidert und gut weit geschnitten, so dass man darin volle Bewegungsfreiheit hatte, eben was man unter Mook verstand: fließende Formen, sehr bequem und extra kleidsam.

Die Hose des jungen Rasta war, zum Beispiel, in der Form der Trainingshosen ausgeführt, und es fehlte an ihr auch ein kleiner, mehr angedeuteter Bragetto nicht. Bragetto war der Name jener Schamkapseln auf den Hosen der Männer in der Mode des späten Mittelalters, welche damals manchmal recht groteske Formen hatten und nicht selten sogar mit einer oder mehreren Täschchen ausgestattet waren, wo der modebewusste Herr seine Kleinigkeiten aufbewahren könnte. Nun kam dieser Bragetto in den letzten Jahren besonders unter den Jugendlichen in Mode, wo man gerne die Jeans solchen Genitalschutz ausgestattete, kurioserweise selbst die Mädchenjeans. Jetzt übernahm scheinbar auch die konventionelle Mode diesen protzigen Detail an, obwohl natürlich wesentlich dezenter, als das der Fall in der Jugendmode war. So war dieser Bragetto mehr so angedeutet und hob sich auch farblich nicht von der Hose ab, wie das in der Mode der Jugend war, wo man in der Hinsicht absolut grelle Kontraste liebte. Dem DJ war Bragetto an den Mook-Kleidern bisher noch nicht aufgefallen, obwohl er ziemlich oft mit den Strategen und sonstigen Leuten von GUTER STERN zusammenkam, und diese trugen fast alle Mook-Anzüge.

Der Rasta saß da, hörte seine Musik und trommelte verhalten mit der Hand auf der Handlehne. Manchmal, besonders wenn der Käp’ten seine Witze erzählte, schaute er zu DJ herüber, als sich ihre Blicke dann trafen, lächelte der junge Mann offen und herzlich mit dem Porzellanweiß seiner Zähne DJ an.

`Kennen sie denn, liebe Passagiere?` amüsierte sich der Käp’ten und erzählte den neuesten Roboter-Witz:

Ein Roboter kommt in einem Eisenwahrengeschäft fragt die Verkäuferin, ob es Wellblech gibt.

`Ja, wofür denn?` erkündigt sich diese.

`Ach, meine Frau will sich einen Faltenrock schweißen.`

Wieder lachten Käp’ten und Sam am lautesten. Der junge Rasta zeigte wieder seine Porzellanzähne und DJ lächelte freundlich zurück. Bald kamen sie auch ins Gespräch. Der Rasta nahm den Kopfhörer weg und stellte sich DJ als Kiffi the Rasta vor. Er war gerade dabei, sein Cool runnings nach Äthiopien zu machen, erzählte er.

DJ wusste, dass Cool Runnings ein besonderes Ritual bei den Islandiern war, das sich aus dem Brauch der alten Rastafaris entwickelt hatte, einmal im Leben nach Afrika zu reisen. Diese Back to the roots-Reise wurde von den Mitgliedern von ISLAND übernommen, dessen Mitglieder sich praktisch alle als Rastas verstanden. So entwickelte sich das zu einer grossen Sache, wurde so etwas wie der frühere Hadj bei Muslimen, allerdings ohne irgendwelchen religiösen, um so aber mit einem stärkeren geistigen Bezug. Unter den Islandiern war das so etwas wie eine Initiation, darum hieß das eben Cool Runnings im Sinn von guter Reise (durchs Leben). Mit seinem Cool Runnings gab der Islandier quasi bekannt, für sein Leben nun alleine verantwortlich zu sein.

Und da DJ über diesen Brauch einiges wußte, fand er sich etwas verwundert. Ihm war nämlich bekannt, daß die Islandier ihr Cool Runnings in der Regel mit sechszehn Jahren, vielfach bereits mit vierzehn, nicht selten sogar mit zwölf machen, und dieser Kiffi war bestimmt bereits fünfundzwanzig, sogar nah an dreissig, also reichlich zu alt für eine Initiationsreise. Ausserdem hatte DJ den Eindruck, dass dieser Kiffi the Rasta auf Jamaika eine sehr wichtige Persönlichkeit ist, vielleicht war er sogar jener wichtige Mensch, der sich verspätet hatte, und auf den der Flug warten mußte. Das mit `wichtiger Persönlichkeit` war auch ziemlich merkwürdig. So viel DJ wusste, wurde bei dem ISLAND-Multi schon eine im Ansatz hierarchiefreie Gesellschaft praktiziert. Islandiern verstanden sich als ein Verband der selbstständigen Menschen, die sich per so genannte Web-Demokracy selbst regierten. Web-Demokracy bedeutete eigentlich eine Herrschaft des Rechners. Dabei ging es nur darum, über irgendwelche Vorgaben per Web-Voting abzustimmen. Diese Vorgaben kamen in Form von Fragebögen, die von dem Rechner ertüftelt sind und die von dem Rechner ausgewertet wurden. Gab es da keine absolute Zustimmung aller Islandier, analysierte der Rechner die Unstimmigkeiten, korrigierte den Fragebogen und gab ihn zur neuen Abstimmung an die Islandier. Diese Prozedur wurde so lange wiederholt, bis alle Islandier für die Vorgaben stimmten. Alle gemeinschaftlichen Angelegenheiten wurden ebenso per elektronische Abstimmung geregelt, so dass es sich ein Überbau aus irgendwelcher Politik oder sonstigen Hierarchie erübrigte.

Einzige Überbleibsel der einstigen Hierarchie sind die wichtigen Daten über die Geschäftspraktiken des ISLAND gewesen. Diese dürften nur von einer Handvoll Menschen in ihrer Ganzheit übersehen werden. Diese wurden Ras genannt, also Fürsten. Es gab zwölf von ihnen, und sie hatten in etwa den Rang, den die Strategen (wie sich die frühere Manager nun bei den Multis nannten, um ihre Machtpositionen auszudrücken) bei anderen Multis innehatten. Anders als die Multi-Strategen hatten die Ras aber keine richtige Machtposition, das war nur ein Titel ohne irgendwelche sonstige Machtbefugnisse. Sie wurden aus Vorsichtsmassnahmen gewählt, um die Vertriebswege und -methoden möglichst geheim zu halten, denn der Drogenkrieg war immer noch mörderisch und ISLAND verlor ständig enorme Werte und Menschen. Also wurde das so geregelt, dass alle Islandier, die sich mit bestimmten Geschäften befassten, natürlich den Zugang zu den Daten aus diesem Fach hatten, allerdings nicht zu den Daten aus anderen Fächern und Sparten. Nur der Zwölferrat, wie die offizielle Bezeichnung für das Gremium lautete, hatte Zugang zum gesamten Volumen des Multi-Geschäfts, doch es war ihnen so gut wie unmöglich, dieses Wissen zu missbrauchen, weil sie eben nur gemeinsam den Zugang zu diesen Daten hatten. Obwohl es natürlich auch solche Versuche gab. DJ könnte sich noch ganz vage an so eine Affäre erinnern, die vor einigen Jahren die Strukturen des jamaikanischen Multis erschüttert hatte. Weil einer der Ras einen ungeheuren Verrat begangen hatte.

Und wie DJ es nun beobachten könnte, genoss dieser Kiffi the Rasta scheinbar die gleiche Hochachtung bei der Bordbesatzung, die früher den Politikern oder anderen wichtigen Leuten entgegen gebracht wurde. So hatten die Stewardessen, trotzdem dass sie sich fast ununterbrochen wie zwei zauberhaften Satelliten um Sam, wie um eine Sonne, oder, besser gesagt, um einen Sonnenkönig drehten, stets ein Auge auf diesen Kiffi, und er brauchte nur den Kopf zu heben, und schon war eine bei ihm, um ihn nach den Wünschen zu fragen.

So kam es auch heraus, dass Kiffi the Rasta ein Musiker war. Sam sprach ihn nämlich auf seine Wichtigkeit an. Er scheint ein wichtiger Mensch bei ISLAND zu sein, wenn er sogar vom Pilot extra begrüßt wird.

`Ach, das ist nur wegen meiner Musik.` lachte dieser: `Ich habe bereits als Kind Reggae komponiert. Man hatte mich schon als Reggae-Mozart bezeichnet. So bin ich eben ein Pop-Star der lokalen Kultur.`

Und wegen seiner Musik wollte er sich auch zuerst auch ein bißchen in Europa umschauen, bevor er weiter nach Äthiopien reise - vorwiegend, um der Inspiration willen.

Er arbeitete nämlich daran, Zwölfton-Reggae zu kreieren, doch gelang ihm bisher nicht, die Lebensfreunde des Jamaika-Rhythmus in die sakralen Formen der Hohen Musik zu kleiden. Jetzt wollte er der alten Dame Europa einen Besuch abstatten und ihre Atmosphäre aus Düster und Gloria und Höheres Wesen auf sich einwirken zu lassen; mag sein, dann gelinge ihm das Kunststück, das ihm so vorschwebte.

Kiffi the Rasta beschäftigte sich mit der Musiktheorie und hatte sich viele Gedanken über das innere Wesen der Musik gemacht; es war ein Vergnügen ihm dabei zuzuhören.

Musik ist die einzige Kunst, die im materiellen Sinn nichts gibt, erzählte er. Die Literatur hat Bücher, die bildende Künste Gemälden und Skulpturen, Musik ist materiell nicht zu haben. Man kann zwar Noten von ihr besitzen, doch das ist nicht die Musik. Die Musik, die erklingt, die ist flüchtiger als Zeit. Aber das ist es ja eben: die Musik ist die Zeit... Musik ist nichts anderes als periodische Schwingungen... Die Zeit, wie sie rhythmisch pulsiert, wie sie lebt, frohlockt und leidet, die Zeit, wie sie vergeht...

`Diese Erinnerung an die vergangene Zeit, diese Trauer nach Verlorenen, ist das, was an der Musik schön und schrecklich ist. Nicht wahr, lieber Herr Graf? Sagt Ihnen nicht die Musik am tiefsten zu, die Sie an die ferne Verluste ihres Lebens erinnert?...`

`Ich darf Ihnen die freudige Mitteilung machen, liebe Passagiere, daß der Schadstoff-Ausstoß unserer vier Motoren bei zwei Tonnen pro Stunde beträgt.` meldete sich der Käp'ten über CyS.

Da Kiffi the Rasta ein überaus heiterer Mensch war, wohl ein Nebeneffekt der Unmengen von Jamaika-Gras, das er in Form von riesigen Joints genoß, und nicht minder dank der ständigen Späßen des Käp’tens, war der Flug nach Bengasi ausgesprochen kurzweilig. Als er sich am Bengasi-Airport von der Gruppe verabschiedete, meinte Kiffi the Rasta noch, ihm würde es überhaupt nicht wundern, falls er die Herrschaften wieder begegnet. DJ wollte ja nach Frankfurt und Sam nach Venedig, und sowohl ehemaliges Deutschland wie früheres Italien wären auch seine Ziele. Bis bald also! So verabschiedete sich Kiffi the Rasta von den Dreien.

`Ja. Das würde mich überhaupt nicht wundern, falls wir uns noch einmal begegnen. Bei dem Interesse, das er an uns gezeigt hatte.` sagte Sam und blickte skeptisch dem Rasta nach.

`Interesse? Wieso?` fragte DJ.

`Na ja. Vielleicht ist Ihnen das nicht aufgefallen, aber ich bin ein Spezialist für Verhöre. Und ich versichere Ihnen, der Knabe wollte sie ausfragen.` klärte ihn Sam auf:

`Wie viele Male hatte er die Verluste angesprochen, die Sie vor langer Zeit gemacht haben. Ich mußte sofort an Ihren Freund denken. Ausserdem würde es mich überhaupt nicht wundern, wenn sich der Flug eben wegen ihm verspätet hatte. Er muss schon ein sehr wichtiges Mitglied von ISLAND-Multi sein. McGuates hatte mir erzählt, er hätte den Zugang zu den dreifach Verschlüsselten Dateien, zu den nur die ISLAND-Strategen Zugang haben.`

McGuates großer Kopf brach fast vom heftigen Nicken ab:

`Ja, das habe ich selbst gesehen. Ich habe das gesehen. Ich…` bestätigte er.

DJ sagte nichts mehr, stellte keine weitere Fragen, obwohl er Sams Bedenken nicht nachvollziehen konnte. Aber er ahnte wieder einmal: das wird eine schreckliche Reise sein... Eine Reise, vor der die Feiglinge Reißaus nehmen und an der die Schwächlinge untergehen.

Zwei Tage später nahm sie der Buschpilot mit, der mit seiner Galaxy die Reichen und Neureichen Nordafrikas zum gut sortierten Kinderstrich von Bukarest verfrachtete. , Der ehemalige Truppentransporter hatte kaum weniger Jahre am Buckel als der Airbus, mit dem sie von Jamaika nach Afrika flogen, und war noch nicht mal für Passagiere umgebaut. Man flog spartanisch wie ein Soldat und selbst die Helpmates waren irgendwie spartanisch, sie könnten noch nicht einmal sprechen, sondern verständigten sich mit den Passagieren über die druckempfindliche Monitoren. Ganz erbärmlich, also. Kein Wunder, dass DJ der Eindruck hatte, alle Passagiere des Fluges wären deprimiert.

Alle? Nein, nicht alle. Einer freute sich überschwänglich als sie in Bukarest landeten. Das war natürlich McGuates. Er war endlich in Europa. In der Heimat seiner Ahnen, in seiner geistigen Heimat. Er war am Ort, wo seine Wurzeln waren.

`Yeepie!` schrie McGuates waschecht amerikanisch.

 

 

 

pfeil045

 

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