E R S T E S  B U C H  /  DIE VERBRECHEN DES DON JUANS

T E I L   I   /   D A S  A C T I O N - T E A M

 

KAPITEL  4

D I E  S T A D T  I M   M E E R

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

25. Der Balkan-Express

26. Die Postmeisterin

27. Das klassische Trio

28. Der blaue Abend

29. Gemma la Nera

30. Der tödliche Blick

 

 

Venedig... Die Stadt der Träumer,
Narren und welken Blüten, selbst noch
im Ruin die mystische und zauberhafte,
melancholische und lebenslustige Stadt
der zerstörten Palazzos, verwitterten
Kirchen und überfluteten Piazzas, die
Stadt der versunkenen Gärten und verkommenen
Menschen, die stinkende, schlafende, träumende
- die tragische Stadt der Ruinen.
 (Nach einer alten Kulturgeschichte)

 

25. DER BALKAN-EXPRESS

Bukarest erwartete sie mit Chaos, Lärm und Streß und pausenlos wiederholten Begrüßungen. In allen möglichen Sprachen hieß man sie auf dem bestsortierten Kinderstrich der Welt willkommen. Da in den letzten Stunden die Sonnenaktivität nachgelassen hatte, flog man nun wieder lustig durch die Lüfte, und Bukarester Airport hatte ein enormes Aufkommen an Passagieren zu verarbeiten, denn die Bummsbomber aus der ganzen Welt waren in wahren Schwärmen in Anflug und landeten nacheinander.

Die schlauen Rumänen nämlich hatten aus der Kindersegen-Not eine Tugend gemacht und ähnlich Brasil und Philippinen im vorigen Jahrhundert, sich auf die Ausbeutung der Pädophilen durch Kinderprostitution spezialisierten. Das Geschäft boomte dermaßen, daß bald sowohl die Freier wie auch die Hurenkinder aus aller Welt hier zu finden waren, so daß es in der übrigen Welt kaum noch Kinderprostitution gab und das kleine, relativ stabile Reich der Rumänen regelrecht florierte. Dieses Wirtschaftswunder vollbrachte Dimitria Vulvaescu, eine Porno-Diva, die Anfang des Jahrhunderts als zwölfjährige in Italien ihre erste Pornos drehte, dort nebenbei von Ilona Staller Chicolina das Handwerk der Politik lernte, dann zurück nach Rumänien ging und das Land rettete. Mit dem Wahlslogan `Unsere Kinder sind unsere Zukunft!` gelang es ihr die Macht an sich zu reißen. Entgegen der Befürchtungen aber, begab sie sich dann sofort daran, ihr Wahlversprechen zu erfüllen und den Kindern die versprochene Prosperität zu geben. Sie legalisierte Kinderprostitution, verwandelte das Land in einen einzigen Kinder-Puff, und beauftragte die besten Werbeagenturen von der Madison Avenue mit den PR-Angelogenheiten. Bald wurde Bukarest für die Pädophile das, was früher Bangkok für männliche und Jamaika für weibliche Sex-Touristen waren. Kein Wunder, daß die dankbaren Rumänen ihre Retterin bald nur noch `Rumänische Jeanne d'Arc` nannten... DJ wollte nur noch weg von hier.

Das war auch nicht schwierig, denn nun funktionierte der Luftverkehr, also benutzte DJ nicht die, von `Hells-Travell` ausgearbeitete Route über Balaton, sondern flog mit McGuates direkt nach Frankfurt. Sam dem entgegen, entschloß sich, die Linie und Diligence doch zu verschmähen und mit einer Walküre der MEU-Armee, nach Triest zu fliegen, von wo er leicht Venedig erreichen konnte. Er flog lieber mit der Walküre, weil das Flug und Diligence doch Alltag waren. In einer Kriegsmaschine im Einsatz flog man eben nicht gerade jeden Tag.

Die Walküre war eine verkommene Maschine, die einzig was es der Waffen anging tadellos in Schuß gehalten wurde, während sie ansonsten so aussah, als würde sie allein das fliegerische Können ihres Computers in der Luft halten. Die Boys von der Crew nannten sie liebevoll `Balkan-Express`, wohl weil es darin tatsächlich so chaotisch wie im legendären Zug gleichen Namens zuging, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Balkan mit Europa verband. Abgesehen von einem Zwischenfall verlief der Flug ruhig, und da es am Bord besten bosnischen, serbischen und slawonischen Schliwowitz gab, sowie Grappa, Calvados und Cognac Kistenweise, auch sehr angenehm für Sam. Bei dem Zwischenfall handelte es sich um einen Hilferuf, den die Maschine von einem Grenzfort bekam, der von den Molosser angegriffen wurde.

Diese Molosser waren ein von jenen seltsamen Völkchen, die damals beinahe tagtäglich entstanden, kurzer oder länger existierten, um dann im gleichen Nichts zu verschwinden, aus dem sie auch auftauchten. Eigentlich wäre es richtiger von einem größeren Stamm zu reden, denn es gab kaum zehntausend von ihnen. Sie siedelten in dem Gebiet, das auch die Heimat der antiken, ilirischen Molosser-Stammes war, doch nannte sich das moderne Volk so nach ihren Kampfhunden, einer Zurückzüchtung der originalen Molosser-Hunde, die einem Gen-Designer um die Jahrtausendwende gelang. Nachdem er einige dieser schreckenerregenden Bestien produziert hatte, wurde er von seinem Assistenten getötet, einem begeisterten Kampfhundezüchter, der das Geheimnis der nachgezüchteten Molosser allein besitzen wollte. Mit noch einigen Kollegen aus dem Kampfhundeverein `Bullenbeißer`, die allesamt ihre Ferien gerne auf der kroatischen Adriaküste verbrachten, zog er in die Schluchten des Balkans, in die, durch die lange Panbalkan-Kriege entvölkerte Gebiete. Dank ihrer schrecklichen Hunde gelang es den Kameraden schnell, die alteinsässige Bevölkerung zu unterjochen und sich als Adel aufzuzwingen. Damit etablierte sich die Gruppe der Hundezüchter als ein unabhängiger Stamm, der vom Raub lebte.

Jene neugezüchteten Molosser wurden von dem Gen-Designer mit allerlei Schikanen ausgestattet, die den ursprünglichen Hunden fehlten. Unter anderen besaßen diese Neukreationen einige Gensequenzen aus dem Genpool des Pferdes, was den neuen Hunden neben einer rasanten Schnelligkeit auch eine Schulterhöhe von Einmetervierzig verlieh. Der Stamm benutzte diese schreckenerregenden Bestien als Reittiere und als Kampfgefährten.

Und nun überfiel eine Gruppe dieser räuberischen Meute eine Grenzfestung der MEU; sicher haben sie es auf die modernen Waffen abgesehen. So wich die waffenstrotzende Walküre von der Route ab und griff in das Gefecht ein. Als der Hubschrauber an Ort und Stelle erschien, war die Schlacht im vollen Gange. Mit den Boden-Boden-Raketen hatten die Molosser bereits Breschen in die Festungsanlage geschlagen, ritten nun um die Festung herum, wie einst Indianer um die Wagenburg der Siedler, auf einen geeigneten Augenblick zum Stürmen wartend. Sowohl Reiter wie ihre Reitkampfhunde waren mit dem, überaus leichten, praktisch aber undurchdringlichen Schuppenpanzer aus Kevlar-Light(c) geschützt, und trotz des Feuers aus allen Rohren, das die Verteidiger leisteten, schloß sich der tödliche Kreis aus brutalen Reitkampfhunden und blutgierigen, beutelusternen Molosser immer enger um sie.

Als nun die kampfstarke Walküre wie eine wütende Riesenhornisse über den Köpfen der Belagerer aufbrummte, und den ohnehin ohrenbetäubende Schlachtlärm in ein infernalisches Brüllen verwandelte, änderte sich das Bild schnell.

`¡Santiago y e los ellos!` brüllte der Bordschütze, der ein Spanier war und sich des traditionellen Kampfrufes der Konquistadoren erinnerte: `Santiago, schlägt sie!`. Er saß am Waffencomputer: unter dem Hubschrauber jagten zornige Blitze los, schlugen ein, schleuderten wahre Fontanen aus Gesteinsbrocken, Teilen der menschlichen und tierischen Körper und Kunststoffpanzerung hoch, und selbst noch in der Maschine roch es nach verbranntem Menschenfleisch. Lautlose Mikrowellenkanonen rissen grässlich Löcher in die Landschaft hinein. Wo sie trafen verwandelte sich die Vegetation in den kochenden, matschigen, grünen Brei, und die lebenden Wesen in aufgedunsene oder zerplatzte Kadaver.

Der Kampf dauerte nur einige Minuten. Dann war der Belagerungsring gesprengt, die Reste der Angreifer befanden sich in der schäbigen, feigen Flucht und fetzten mit ihren Hunden über Stock und Stein in Richtung dichtbewachsenen, dunkelsmaragdenen Berge. Der Hubschrauber verfolgte sie nicht; man jagte ihnen nur einige Raketen und Strahlungsbündel nach, bog dann ab und flog seine Patrouille weiter.

Nach dem Kampf feierte die Hubschrauberbesatzung den Sieg. Man soff ausgiebig, wobei freilich auch Sam öfters auf Sieg und tapfere Krieger zuprostete.

Noch am gleichen Abend befand sich Sam in Venedig. Er war zwar frisch besoffen, aber immer noch gut auf den Beinen und auch sein Verstand funktionierte prächtig. Am Flughafen nahm er ein Antigrav-Taxi und liess sich in die Stadt zum Hotel Palace Bonvecchiati bringen. Das Hotel hatte ihm DJ empfohlen. Das läge zwar weder am Markusplatz noch am Canale Grande, sondern etwas abseits, wäre jedoch ein gediegenes, edles Haus, meinte DJ.

Sam hatte zwar keine Ahnung, was DJ mit gediegenes und edles Haus meinte, entschloss sich aber doch, DJs Rat anzunehmen.

Als er dann aber, kaum hatte er sich einquartiert, in die Hotelbar einkehrte, begriff Sam, was DJ mit gediegen und edel meinte. Da in der Hotelbar der Gäste-Querschnitt des betreffenden Hauses anzutreffen ist, und diese Klientel auf den ersten Blick des erfahrenen Schnüfflers als Halbwelt aus den Oberchargen der Russenmafia und Jakuza-Banden, aus amerikanischen Schiebern und ukrainischen Uranhändlern, sowie Politikern, die hier ihre Geschäfte mit der Mafia abschließen wollten, einige so genannte Stars und entsprechende Damenwelt bestand, so war Sam auf den ersten Blick klar, was DJ so edel nennt.

Einige der Gäste kannte Sam sogar, meist aus den Schwarzen Chroniken der Medien freilich. Der ukrainische Uranschieber da, der sich gleich mit 3 waschechten venezianischen Kurtisanen vergnügte, war neulich in den Nachrichten zu sehen. In seinem Auftrag holten die so genannten Tschernobyl-Ratten stark verstrahlte Teile aus dem kaputten Mailer heraus. Man hatte in den als Sarkophag bekannten Schutzmantel der Todesruine Löcher eingeschlagen. Menschen, die vor Armut und Hunger lebensmüde geworden sind, gingen durch diese Löcher direkt in das Höllenfeuer des Atoms hinein. Sie hatten zwar Kevlarpanzerung, und die schützte in der Tat vor der Strahlung, doch nur in einem gewissem Maß und äusserst begrenzt. Jedenfalls war die Todesrate unter den Tschernobyl-Ratten mörderisch, obwohl sie sich in der Hölle der extrem harten Strahlung nur zwei – bis drei Minuten aufhielten. Sie sammelten in ihre Bleibehälter einige Brocken des stark verstrahlten Materials, und lieferten diese tickenden Zeitbomben an diesen Uranschieber da, der sie dann in der ganze Welt verhökerte, meist freilich an die Terroristen, die sich damit ihre schmutzigen Bomben bastelten, gerne aber auch an Privatpersonen, die jemanden auf (un)feine Art loswerden, oder sich einfach an jemanden rächen wollten.

Nun, vielleicht war die Atmosphäre im Hotel nicht mehr so ganz edel, wie sie beim DJs letzten Aufenthalt in Venedig war, sie war aber immer noch sehr gediegen, denn auch – und vor allem! – als Obermafioso legte man damals viel Wert auf einen gediegenen, soliden, wohlhabenden Auftritt. So platzte Sams lockere Erscheinung wie eine Bombe in die Hotelbar. Er nahm freilich weder seinen Bogart-Hut ab, noch legte seinen Trenchcoat weg, trug zudem sein ewiges Nylonhemd mit einer Krawatten-Attrappe und seinen Trevira-Anzug, der längst seine Seele und seine Form aufgegeben hatte und so richtig amerikanisch, also wie ein nasser Sack an ihm herunterhing. Mit seiner geliebten Camel im Mund setzte sich Sam an die Bar und schnauzte den Barman an, ohne sich irgendwie groß bewusst zu sein, dass er der Gegenstand aller Blicke war - besonders der Frauenblicke.

Und kaum paar Minuten da, schon blieb die erste am Hocker neben ihm hängen, dann kam eine zweite hinzu. Bald waren fast alle Damen aus der Bar um Sam versammelt und lauschten erheitert und entzückt der Schilderung seiner Reise mit dem Balkan-Express.

 

 

 

 

 

26. DIE POSTMEISTERIN

 

Sam hielte nichts von Dichtern und noch weniger von ihren Liedern, und doch bekam er selbst dichterische Empfindungen als er am nächsten Morgen aus dem Fenster seines Hotelzimmers diese Stadt vor sich sah. Denn die Stadt hatte Magie und selbst von dem schweren Zerfall betroffen noch viel Schönheit anzubieten. Das Schicksal der Stadt hatte ja selbst die Schönheit einer klassischen Tragödie. Im gedämpften Licht des Frühherbstes lag die `Stadt ohne Straßen` wie ein nackter, ertrunkener Kadaver da. Das Meer hatte die Erdgeschosse der Häuser überflutet; die Reste den Gebäuden spiegelten sich in dunkelgrauen Gewässern wie in einem ungewissen Abgrund.

Um die Häuser vor dem Ruin und Zerfall und Auflösung im brackigen, unangenehm riechenden Gewässern zu schützen, hatte man sie in Korsetts aus Eisengerüsten eingezwängt, wodurch ein Eindruck der Körper entstand, die ihre Skelette außen tragen. Dunklen Leichen ähnlich glitten Schwarze Gondeln durch den lichten Morgennebel. Lautlos. Das ölige Wasser bot Reflexe der Lichter des aufkommenden Tages an, die an den Widerschein der Höllenfeuer erinnerten. Sam hatte noch nie so etwas Düsteres gesehen.

Er verblieb trotzdem nicht lange in den Impressionen der Rührung stecken. Er hatte eine Aufgabe und er konzentrierte sich darauf. Der Fall begann ihn wirklich zu interessieren. Zunächst wegen der Herausforderung, natürlich. Das ist selten, sich an eine Spur heran zu machen, die bereits ein halbes Menschenleben zurückliegt. Mehr noch aber begann ihn die Sache zu interessieren, seitdem es möglich war, dass die Karte von DJ selbst geschrieben wurde. Sam kam nicht umhin sich zu fragen, was hinter der ganzen Geschichte tatsächlich steht.

Dazu war er auch in einer richtigen Zwickmühle. Als erfahrener Schnüffler kannte er natürlich Menschen und wusste nur allzu gut, dass man absolut keinem vertrauen darf. Und doch war ihm bei DJ unmöglich irgendwelche Zweifel zu hegen, der war so eine ehrliche Haut, die über alle Zweifel erhaben war. Nicht nur, wie die superreiche Leute so sind, die so reich sind, dass sie sich erlauben können, ehrlich und offen zu sein. Mehr noch zeigte jede Bewegung DJ und jedes Wort von ihm einen Menschen mit einem festen Charakter, der zudem weit von jeder Niedrigkeit war. Sam spürte so etwas, nicht zufällig war er ein Top-Schnüffler: er hatte gute Nase für Menschen. Einmal hatte ihn ein Mensch hinters Licht geführt und unheimlich wehgetan; damals schwör Sam, dass ihm das niemals mehr passieren wird. Und in der Tat passierte ihm das niemals mehr. Aus einem einleuchtenden Grund allerdings: Sam vertraute keinem mehr. Aber nun, mit DJ, da war die Sache anders, da spürte Sam vom ersten Augenblick an, dass er diesem Menschen vertrauen kann, vielmehr vertrauen muss, weil auch die Sache, um die es hier ging, einen ganz anderen Sinn hatte, als DJ das sah – einen höheren Sinn. Darum war Sam auch in der Sache mit der Handschrift auf der Karte eher bereit, in einen wundersamen Zufall zu glauben (eigentlich natürlich in irgendeine Intrige und böse Schicksalsfalle), als in irgendeine verrückte, oder sogar krumme Geschichte DJs. Also ging Sam geradezu ungeduldig ans Werk.

Um die uralte Spur aufzunehmen hatte er sich eine extrem unorthodoxe Methode ausgedacht, die DJ so verrückt anmutete, daß er, als Sam ihm davon erzählte, sogar glaubte, Sam könnte damit Erfolg haben. In den verrückten Zeiten seien eben die verrücktesten Methoden gefragt... Noch während der Reise hatte sich Sam von McGuates alle Informationen über Venedig Tag besorgen lassen, die an dem Tag in Venedig herrschte, als die Karte an DJ abgeschickt wurde. Besonders interessierten ihn die detaillierte Wetterberichte über die Witterung, Temperaturen, Windverhältnisse. McGuates plünderte für ihn die geheimsten Dateien der Welt um möglich auch an kleinste Information zu kommen - auch die kleinste Information kann entscheidend sein, das wusste Sam bereits aus den Anfängen seiner Praxis. Was es lokaler Begebenheiten anging, da ließ sich Sam die lokale Zeitungen vom Tag danach übersetzen, aus welchen er interessante Details über die Geschehnisse an jenem Tag erfuhr. Sam hatte nämlich vor, jenen Tag so getreulich als Multimedia zu rekonstruieren, daß er damit bei den Leuten aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins die Erinnerung auch noch an jene Gesichter hervorholen konnte, die sie damals, vor Jahrzehnten, nur flüchtig sahen.

Als Sam aus Wetterberichten, Originalfotos und einigen Videoaufnahmen jenes Tages die damalige Wetterlage treulich rekonstruiert hatte, wurde er noch besseren Mutes: an jenem Tag herrschte in der Lagunenstadt ein wahrhaft erinnerungswürdiges Wetter. An den Kanälen war es finster wie im Teufelsarsch, weil die schweren, schwarzen Wolken mit den Bäuchen über den Boden fegten; es hagelte heftig und das Eisregen fror an den Straßen, Brücken und Gondeln. Die Stadt bekam eine morbide Schönheit der Verwünschung, die sich einer sterbenden Stadt wahrhaft ziemte. Venedig sah wie aus Kristall gemacht aus, als würde die Stadt über Nacht von einem bösartigen aber phantasievollen Zauberer im Muranoglas nachgebildet. Das war bestimmt ein Wetter, an das sich ein jeder erinnern wurde. Sam schimpfte wüst vor Freude und trank übermütig eine Sanza-Tequila nach den anderen.

Und in der Tat funktionierte die Methode einwandfrei. Als Sam am gleichen Abend mit DJ interkommunizierte, um sich für den nächsten Tag nach Frankfurt anzumelden, könnte er berichten, dass er den Job in Venedig erledigt hatte, ja sogar, dass er bereits eine klitzekleine Andeutung einer vagen Spur vorweisen kann.

Zunächst ging es für Sam natürlich darum, das Postamt zu finden, in dem die Karte abgestempelt war. Das ruhte freilich schon längst in den Fluten der Adria, doch in der Postdirektion erfuhr Sam, daß eine gewisse Signora Fuicci damals das besagte Postamt leitete. Im Sozialamt der Stadt schließlich, wo er massiv schmierte, bekam er die aktuelle Adresse der Postmeisterin und besuchte sie noch am gleichen Nachmittag.

Signora Fuicci lebte in einer erbärmlichen Dachkammer in Santa Sofia, praktisch inmitten der Fluten. Die Kammer war so elend klein, dass der kleine Esstisch an der Decke des Zimmers hing; um eine kleine Bewegungsfreiheit zu haben, durfte er nicht im Raum stehen bleiben. Auch ansonsten gab es im Raum kaum Möbel. Nur ein kleiner Ölofen, an dem offensichtlich auch gekocht wurde, stand da unterm kleinen Fensterchen, auf der Wand ein kleines Schränkchen, und auch einige Klamotten hingen herum. Geschlafen wurde offensichtlich am Boden: eine Matratze lehnte an der Wand.

Der Raum wurde durch eine Öllampe beleuchtet und so düster, dass Sam beinahe eine Gestalt übersah, die in der dunkelsten Ecke des engen Raums vor sich hinkauerte Sie war kaum sichtbar, verriet sich nur durch fiebriges Leuchten der Augen, wie Andeutung eines Teufels. Das muss der Lebensgefährte von Signora Fuicci sein, kombinierte Sam als er den Mann sah, der da in einer abgetragenen Uniform auf einem Rollstuhl saß, der Uniform nach ein Veteran der faschistischen Lega Lombarda ein Invalide der Heimatkriege, die der Norden in Jahren 2012-13 gegen Mezzogiorno führte. Die alte Postmeisterin hegte und pflegte ihn und hatte ihn für den Rest des Lebens am Buckel. Seine beiden Beine waren knapp unterm Gesäß abgetrennt, so dass er praktisch hilflos war und sich von seiner Lebensgefährtin lückenlos bedienen ließ. Er schikanierte die alte Frau zusätzlich, indem er sie zwang, sich auf dem Greisinnen-Strich zu prostituieren, um das Geld für seinen Schnaps und Tabak zu verdienen.

Dieser Strich, übrigens, war eine typische venezianische Morbidität, wo sich lauter Omas feilboten; keine jünger als sechzig, alle in lächerlich wirkende Reizwäsche eingehüllt. Mit dieser Einrichtung, mit diesem Bordell unter freiem Himmel, das jenseits jeglicher Sünde lag, erblühte Venedig noch einmal zu einer einmaligen Touristenattraktion. Wie in Bukarest überwiegend mittelalterliche bis greise Touristen als Besucher des Kinderstriches zu sehen waren, so war Venedig von jüngeren Touristen überflutet. Besonders die unsichere, pickelübersäte, spätpubertäre Jünglingsgestalten pilgerten gerne in diese `Mekka des, schon altersbedingt verdorbenen Fleisches` (O-Ton eines Werbeprospektes der venezianischen Fremdenverkehrsorganisation), um die eigene Oma zu vergewaltigen (wie das die Tiefenpsychologen in Gesprächen mit den Freiern an jenem Strich herausfanden). Die Alten wurden wahrhaft mit den kolossalsten Perversionen konfrontiert, und die Networks berichteten gerne live von dem Greisinnen-Strich.

Ohne zunächst den Zweck seines Besuches zu verraten erzählte Sam der Alten von dem Wetter, das an jenem Tag herrschte. Signora Fuicci kam grade von der Straße. Sie war hundemüde und enttäuscht, denn sie hatte kaum etwas eingenommen: die Konkurrenz auf dem Strich war mörderisch und die Preise im Keller. Sie hörte sich Sam nur deshalb an, weil sie sich vorstellen konnte, daß der seltsam angezogene aber offensichtlich wohlhabende Fremder, nicht zu ihr kam, um sich über das Wetter zu unterhalten. Mit anderen Worten, sie witterte das Geld hinter dem Besuch. Genauso wie ihr Lega-Veteran, der in seinem Rollstuhl in der Ecke saß und sich offensichtlich fieberhaft überlegte, wie er die Situation ausnützen könnte. Als es Sam aber gelang, durch eine kurze Multimedia-Show auf dem Arco die Erinnerung der Greisin an jenen Tag wachzurufen, vergaß sie das Geld. Ihr Gesicht erhellte sich.

`Ja! Ich weiß! Ich weiß, welchen Tag du meinst!` rief sie. Sie duzte ihn natürlich. Wie alle zivilisierte Menschen sprachen sie ja Bimbo, und in der Sprache gab es nur `du`: `An dem Tag war es so kalt, daß die Tauben gefroren vom Himmel fielen, und die Armen aßen diese Tauben. Sie behaupteten, die Vögel seien nicht gefroren, sondern gebraten, und die schicke ihnen der Herr, der sich ihres Hungers erbarmte. Man sperrte sie in die Irrenhäuser ein. Offiziell hieß es, sie waren verrückt, man munkelte aber, sie seien vor Hunger verrückt geworden. Jedenfalls nahmen die Milizionäre der Lega jeden, der Tauben aß, mit ins Irrenhaus. Sogar einige unvorsichtige Touris nahmen sie mit, die sich leichtsinnigerweise in den Restaurants gebratene Tauben servieren ließen...`

Sam nickte beiläufig, er wollte nicht zeigen, wie sehr er sich freute. Dieses Detail mit Tauben wollte er als nächstes bringen, hätte sich die Signora Fuicci nicht jenes Tages erinnert. Aber sie tat es einwandfrei, was sie mit dieser Geschichte von den Tauben und Armen hundertprozentig bewies. Sie erinnerte sich sogar der Touris, die wegen gebratener Tauben hopsgenommen wurden. Wegen der Sache gab es sogar diplomatische Probleme. McGuates hatte viele solche Details aus den Geheimdateien der CIA, amerikanischen Außenministeriums, NASA, und bei sonstigen Behörden zusammengetragen. Was es Signora Fuicci anging, Sam vermutete, von den verhafteten Touris hatte ihr schneidiger Bräutigam, der junge Lega-Milizionär erzählt (vielleicht hatte er sogar selbst die Touris verhaftet) der nun da in Form dieses elenden Wracks herumstänkerte.

`Non dica niente a lui!` krächzte plötzlich die Stimme des Invaliden. Er saß angespannt in seiner dunklen Ecke. Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit wie zwei bösartige Glühwürmchen, die sich in einem Totenschädel in der Düsternis einer Gruft eingenistet hatten. Offensichtlich hatte er fieberhaft nachgedacht und nun zur Erkenntnis gekommen, daß ihm das Anliegen des Fremden von Nutzen sein könnte:

`Sag ihm nichts!` keifte er:

`Wenn er etwas wissen will, so soll er mir zuerst das Geld für Schnaps und Tabak geben.` keifte er weiter. Sein Leid hatte ihn offensichtlich nicht weicher und menschlicher, aber noch verbitterter und boshafter gemacht, als er das schon bei den Lega Miliz war.

Vielleicht aus der Solidarität mit ihrem Lebensgefährten, möglicherweise aber aus Angst vor ihm, schwieg die Frau. Sam verstand zwar kein Italienisch, aber er war ein erstklassiger Detektiv und verstand trotzdem jedes Wort, was der Invalide sagte. Er überlegte: Signora Fuicci hatte sich einwandfrei an den Tag erinnert, also durfte er ihr ruhig eine Belohnung versprechen. Das konnte sich natürlich leicht als Fehler erweisen. Mag nämlich sein, sie `erinnert` sich dann an etwas, was überhaupt nie passierte, nur um an die Belohnung zu kommen; manches Wunderliches fällt den Menschen wegen des Geldes ein.

`Eine Belohnung ist selbstverständlich drin.` sagte er gleichgültig: `Die Höhe richtet sich nach dem Wert der Information. Bezahlt wird ohnehin später. Erst kommt die Arbeit, dann die Bezahlung. Was es Geldes angeht, es ist genug da.`

Um die Phantasie der Greisin hoch zu kitzeln holte er eine Handvoll Goldeuros heraus. Der goldene Schein wertete das schäbige Wohnloch auf, erhellte zugleich die Gier auf den verlebten, ansonsten nur leer-dumpfen Gesichtern der beiden Alten.

`So! Und nun weiter!` Sam packte entschlossen die Goldstücke wieder ein, schaute die Frau an: `An jenem Tag, es mußte kurz vor elf Uhr Vormittag gewesen sein, kam ein junger Mann zu dir ins Postamt... Erinnerst du dich?... Da setzte gerade ein Hagelsturm ein und an der Ecke vor der Post wurden zwei Kinder, die nicht rechtzeitig einen sicheren Unterschlupf fanden, von den übergroßen Hagelgeschossen glatt gesteinigt.`

`Ja! Ich erinnere mich!` rief Signora Fuicci. Sie lachte glücklich mit ihrem fast zahnlosen Mund. Man sah ihr an, daß sie sich keinesfalls nur wegen der Belohnung freue, sondern wegen des schönes Spiels, das der Fremde, der Bimbo mit einem unmöglichen Akzent sprach, mit ihr spielte: `Kaum hatte es hageln aufgehört, kam er hinein. Er sah so unglücklich aus und litt bestimmt große Not.

Giovanetta, meine Helferin, meinte später, als er weg war, daß sein Unglück kein Wunder wäre: er hatte ein Gesicht, das die Frauen nicht mögen... Ich sah auch seine Augen. Möglicherweise hatte er die ganze Nacht durchgeweint, denn sie waren schlimm rot; beinahe so rot wie deine... Haha!`

Sie lachte auf Sam zeigend. Auch ihr Invalide erzwang sich ein boshaft klingendes Lachen.

`Warte!` Sam hob gebieterisch die Hand. Das Lachen hörte sofort auf; die beiden waren sklavisch erzogen und befolgen jedes Gebot mit einer sklavischen Unterwürfigkeit. Sam hatte sich in alten Fotoarchiven im alten, guten Internet einige Fotos besorgt, auf welchen Menschen abgebildet waren, die dem angeblichen DJs Freund ähnelten. Nun zeigte er diese Fotos zusammen mit dem Originalfoto: ob Signora Fuicci auf einem dieser Fotos jenen jungen Mann erkennen könnte?

Die Alte besah sich die Fotos. Sie brauchte nicht lange, um den Mann zu identifizieren. Sobald sie zu dem Foto kam, das den angeblichen DJ Freund zeigte, war sie sich sicher: das ist der Mann! Obwohl das Ereignis so weit zurücklag blieb es deutlich in ihrer Erinnerung, meinte sie, er sah ja auch sehr seltsam aus. Er hielte sich so, als ob schäme er sich. Er war so unsicher. Und so linkisch.

Bingo! dachte Sam. Es gab keine Zweifel, Signora erinnerte sich der richtigen Begebenheit. Das war auch offensichtlich der Mensch, den auch DJ beschrieben hatte. Das sprach also eindeutig dafür, dass auf der Karte nicht die Handschrift von DJ war.

`Hatte er vielleicht angedeutet, wohin er wollte?` fragte er weiter. Die Alte dachte kurz nach.

`Nein!` sagte sie schließlich: `Aber er war sehr stolz. Und er schien sich seiner Armut zu schämen, denn er wandte sich von mir weg, als er aus seiner Geldbörse das Geld für Porto nahm. Ich sah trotzdem, daß er darin fast kein Geld hatte... Haha... Er redete überhaupt nicht. Er wollte nur eine Briefmarke haben. Er sprach aber gut Italienisch, obwohl es ihm anzusehen war, dass er ein Fremder ist.`

Sie dachte weiter nach. Dann fiel ihr noch etwas Lustiges ein: Giovanetta hatte gemeint, der sähe wie einer aus, der zur Fremdenlegion wolle. Sie sah sogar auf dem Aufkleber seiner Reisetasche, daß er nach Marseille wollte... Haha... Sicher wollte er aus verschmähter Liebe in die Fremdenlegion eintreten...

Sam nickte. Seine Methode erwies sich als überaus ergiebig. Er hatte mehr erfahren, als er sich eigentlich erhofft hatte. Sogar das mit der Fremdenlegion war durchaus denkbar. Sehr sogar. Er nahm einen Goldeuro und warf ihn auf den Tisch, doch als er das Gesicht der Alten sah, warf er noch ein Goldstück hinzu. Sie hatte es sich redlich verdient. Außerdem hatte ihn DJ angewiesen, auf den Kosten nicht zu sparen.

Dann verließ er die armselige Wohnstätte.

 

 

 

 

 

27. DAS KLASSISCHE TRIO

 

Als Sam im ersten Zwielicht des Abends das Haus verließ achtete er auf jene drei Männer nicht, die in einem Lieferboot direkt vor dem Haus saßen.

Die Drei jedenfalls beobachteten seinen Abgang mit unverkennbarem Interesse, und sobald er sich über die Pontonbrücke entfernt hatte ginge die drei Typen ins Haus hinein.

Die Tür von Signoras Fuiccis Wohnung traten sie einfach ein; ohne zu klingeln, ohne anzuklopfen. Darauf hätte es weder für den Invaliden noch für seine Greisinnen-Strich-Veteranin einen Zweifel geben können, wer diese Besucher waren. Sie beide wußten schon, daß ihr Schicksal besiegt war, nur weigerten sie sich, wie alle Dummkopfe und Feiglinge, die klare Erkenntnis als unabwendbare Tatsache zu akzeptieren. Na ja, vielleicht hofften sie im allerersten Augenblick, es wären nur simple Einbrecher.

Aber die Drei waren wirklich nicht zu verkennen. Das war ein so genanntes `Klassische Trio` der PoPo.

PoPo war Bimbo-Abkürzung für Politische Polizei. Das Pressionsapparat das nach dem Vorbild der Gestapo organisiert war, funktionierte nun nicht nur in allen Nachfolgestaaten der EU, sondern auch in jedem anderen unzähliger Weltstaaten. Sie wurde als eine demokratische Einrichtung dargestellt und kämpfte, sozusagen im Auftrag des Volkes, mit unvorstellbaren, zähen Rohheit einen aussichtslosen Kampf gegen das Volk, das sich um die Entpolitisierung der Gesellschaft bemühte.

So ein `Klassisches Trio` war eine übliche Operationseinheit der PoPo. Sie bestand aus einem `Brutalo`, dem die Physik des Geschäftes oblag und der bereits durch seine bloße Erscheinung seiner Aufgabe eine Ehre machte. Da er bei sich eine unvorstellbare Menge verschiedenster Marterwerkzeuge trug wurde er vom Volk auch `Harpo` genannt. Ebenso wie Harpo von den Marx-Brothers, könnte er aus seinem ledernen Trenchcoat alles Mögliche herauszaubern, sogar Motorsägen und Presslufthämmer. Weiter war da ein `Zyniker` dabei, der nach Bedarf auch den `wohlmeinenden Kumpel` spielte und vom Volk darum auch `Schleimiger Ritchie` genannt wurde, sowie ein Intellektueller, den das Volk `Professor` nannte. In der Tat rekrutierten sich meiste dieser `Professoren` unter ehemaligen Gymnasiallehrern, die durch Zerfall der Schulsysteme eben andere Aufgaben im Beamtenapparat übernehmen mußten. Und da sie bereits durch ihre Ausbildung darauf dressiert waren, den Geist ihrer Schüler intellektuell zu vergewaltigen, verwendete man sie gerne als Kopfe solcher infernalischen Trios. Alle drei waren sie natürlich psychologisch geschult und als absolute Folterspezialisten ausgebildet. Sie griffen ihre Opfer von drei Seiten an und jeder auf seine spezielle Weise, und sie hatten immer Erfolg. Sie betrieben freilich keine simple Gehirnwäsche; mit solchen Kleinigkeiten pflegten sie sich nicht die Finger schmutzig zu machen. Sie begnügten sich damit, die Hirne ihrer Opfer mit der ätzenden Säure des rohen, brachialischen Schreckens zu überschütten. Diese zersetzte die zerebralen Strukturen im Nu und in den gemarterten, vergewaltigten Köpfen blieb wie eine bittere Essenz des Denkens nur ein Gerüst aus den, für das Trio wichtigen, Informationen übrig.

Bei Signora Fuicci und ihrem Lega-Veteranen hatten es die Drei nicht nötig, irgendwelche spezielle Methoden anzuwenden. Als die Tür mit lautem Krachen aufflog, wurden die beiden Alten ohnehin totenbleich - eben wie es alle Sünder angesichts des Jüngsten Gerichtes zu werden pflegen. Allzu eindringlich waren die Gerüchte über die Vorgehungsweise der PoPo; allzu deutlich in der Erinnerung die Fernsehreportage über ihre Gräueltaten und ihre massakrierten Opfer. Außerdem wußte der Veteran aus Erfahrung gut, worum es nun ginge. Er selbst gehörte ja lange zu der uniformierten Polizei der Lega Lombarda und erinnerte sich sicher noch einiges. Auch war ihm bekannt, daß die uniformierte Polizisten im Vergleich mit ihren zivilen Kollegen nur Weisenknaben und, sozusagen, Menschenfreunde waren. Also holte er, sobald er die drei Recken sah, schleunigst seine Lega-Zertifikate hervor, sein Soldbuch, einige Fotos, die ihn als Lega-Milizionär zeigten, und sogar einen niedrigen Orden, den er für irgendeine Gemeinheit bekam, die er während seines Dienstes beging. Er hoffte, seine ehemalige Zugehörigkeit zu Lega würde ihn retten. Dieser alte, senile, dumme Narr!

Darum schaute ihn der Brutalo nur einmal düster an. Der Invalide begriff, hielte sofort inne.

`Aber wieso?` sagte der Professor mit einem freundlichen Lächeln zu Invaliden: `Das ist überhaupt nicht nötig. Wir wissen ja, daß sie tadellose, unbescholtene, staatsloyale Bürger seid... Wir wollen ihnen auch nichts tun. Wir brauchen einige Infos, die ihr uns sicher gerne geben werdet.`

`Ja. Was ich fragen wollte!` knurrte ihm der Brutalo ins Gerede und holte aus der Hosentasche eine einfache Zange hervor; eine ganz normale Zange, mit der man für gewöhnlich die schief eingeschlagenen Nägel wieder auszureißen pflegt: `Hast du zufällig noch einen Zahn im Mund? Einen eigenen, meine ich?`

`Ja, ja!` rief der Schleimige Ritschi und gab sich schmierig heiter: `Falls der dich im Mund stört, kann ihn mein Freund schnell entfernen. Er tut das gerne und absolut unkompliziert. Ohne Betäubung und ähnlichen Firlefanz.` sagte er zu Signora Fuicci.

`Aber nein!` lächelte jetzt der Professor äußerst liebenswürdig und beruhigend Signora Fuicci an: `Seine Scherze! Also so was! Ich sage Ihnen, Signora! Immer pflegt er zu scherzen! Dieser Lümmel!... Ach, liebe Signora Fuicci, bitte erzählen Sie uns etwas über Ihren Besuch. Über den Mann, der soeben bei Ihnen war. Den im Trenchcoat und mit dem komischen Hut auf dem Kopf meine ich... Was wollte er von Ihnen eigentlich?`

Noch eher Signora Fuicci aber auch den Mund aufmachen könnte blickte der Professor den Schleimigen Ritschi an:

`Also siehst du? Sie redet sowieso. Wozu also deine dummen Scherze?`

Als Signora Fuicci und ihr Veteran alles über den seltsamen Fremden erzählten, der ihnen einige Minuten des sagenhaften und beglückenden Reichtums von zwei Goldeuro beschert hatte, bevor die Katastrophe über sie hereinbrach, wurden sie von dem Professor eindringlich gebeten, niemanden auch ein Sterbenswörtchen über den Fremden zu erzählen, und freilich auch über das Interesse nicht, das PoPo an ihm zeigte. Natürlich versprachen Signora und Veteran alles. Sie taten es vollmundig und hoch und heilig, mit überzeugend ausgestreckten Schwörfingern, doch wollte der Professor trotzdem auf die Nummer Sicher gehen, so gab er dem Brutalo einen Zeichen. Dieser holte aus seinem Ledermantel einen altmodischen Bolzenschußgerät, einen ganz ordinären Schlachtschußapparat, hervor, einen von der Sorte, die man früher in den Schlachthöfen benutzte, um damit das Vieh zu erlegen, und er streckte die beiden Alten damit nieder. Sauber in die Stirn. Es kam kein bisschen Blut heraus.

Jetzt kam es aber ans Licht, daß sich das Trio nur nach draußen als eine homogene Einheit präsentierte. In seinem Inneren war es genauso kaputt, verfault und uneinig, wie das System, dem es diente. Denn als es ans Teilen jener zwei Goldeuros ging, die man am Tisch fand, noch warm von den bewundernden, eben verloschenen Blicken der beiden Greisen, da zerstritten sich die Drei. Der Brutalo wurde wirklich brutal und der Zyniker geiferte Häme und Gift, aber der Professor steckte trotzdem seelenruhig ein Goldstück ein und riet den beiden, das andere brüderlich unter sich aufzuteilen.

`Ich bin der Intellektuelle hier.` sagte er spitz: `Ich habe den meisten Grips und bin von uns dreien der qualifizierteste Betrüger.`

In der Tat war er klug. Hätte er sich beide Goldstücke einverleibt, hätten ihm seine Kollegen bei dem Vorgesetzten verpfiffen, und er wäre beide Goldstücke los. Indem er den beiden das andere Goldstück überließ, behielte er garantiert seins.

 

 

 

 

 

28. DER BLAUE ABEND

 

Von einer Motorgondel ließ sich Sam zum Markusplatz bringen, erklomm dort den Ponton, der auf dem überfluteten Platz montiert war, ging zu der Hängebrücke, über die er zu seinem Hotel gelingen wollte. Gerade aber als er die Hängebrücke betrat, rannte er beinahe eine kleine, dunkle Gestalt über den Haufen. Ein Mädchen, ein Kind, in schweren, tiefblauen Cape mit Kapuze eingehüllt, weichte ihm in letztem Augenblick aus. Im Vorbeigehen streifte ihn der Mantelschoß, der wie ein Harpyenflügel um die Gestalt im Wind flatterte. Für einen Augenblick bekam Sam das Gesicht des Kindes unter der Kapuze zu sehen, im ersten Augenblick dachte er, es hatte einen Schlangennest unter der Kapuze, dann wurde ihm klar, dass das ihr Haar ist, dicke, dunkle Strähnen, die sich schlangenähnlich um das Gesicht bewegten. Und dann ihre Augen: sie brannten sich wild und verachtungsvoll in sein Gesicht; diese Augen waren wie zwei dunkle Laserfeuer, bohrten ihm fast Löcher in die Stirn - schon war die seltsame Gestalt an ihm vorbei...

Vor dem wilden Blick erzitterte Sam regelrecht. Er schaute dem schrecklichen Kind nach. Die Kleine ging gerade an einem Haufen von einigen hunderten chinesischen Touristen vorbei, die ob ihres schrecklichen Blickes in richtige Panik der Herde gerieten, und so erschrocken und hektisch zurückwichen, dass etliche von ihnen über Pontongeländer gingen und in die stinkende, matschige Lagune fielen. Wider schüttelte sich Sam vor unfaßbaren Gewalt die das Mädchen herausstrahlte: wo dieses Kind vorbeizog, da wuchs wahrhaft kein Gras mehr. Er schüttelte wieder den Kopf, einfach unvorstellbar diese ungeheure Wirkung des kleinen Persönchens.

Den ganzen Abend ging das merkwürdige Kind nicht aus Sams Kopf. Als er von der Postmeisterin herauskam, hatte er vor, sofort nach Frankfurt aufzubrechen, um sich DJ und McGuates anzuschließen, doch nach dieser Begegnung war es ihm nicht nach reisen zumute, eher nach einer wilden Besäufnis. Während er zum Hotel lief sah er das Kind in jedem Schatten um sich herum und hatte dabei ganz dumme Gedanken. Das Kind hatte einen Atem, der voll mit Mystik war; kalt und unheimlich, von einer ungeahnten Gefährlichkeit. Sam überlegte, ob er da möglicherweise einen neuen Robi-Prototyp begegnet hatte, einen noch geheim gehaltenen voll einsatzfähigen Androiden, von dem man damals viel sprach... Jedenfalls fühlte sich Sam nach jener Begegnung überhaupt nicht mehr so wohl, wie es nach seinem Erfolg bei der Postmeisterin zu erwarten war. In der Nacht besoff er sich besonders gründlich.

Als er ins Hotel kam fragte an der Rezeption nicht nach dem Flug, sondern eilte wortlos auf sein Zimmer. Es hatte nicht mal Lust, sich in die Hotelbar hinzuhocken, um die blasierten, ewiggeilen Ladies aus der Schieber-, Gangster- und Politioso-Szene mit seinem rauen Charme anzumachen. Ganz entgegen seinen Gepflogenheiten verbrachte er den Abend allein auf seinem Zimmer. Nachdem er kurz mit DJ kommuniziert hatte ließ er sich einige Flaschen Sanza-Tequila bringen, den er seit dem er in DJs Dienst stand anstelle seines früheren Fusels trank, setzte sich nun auf dem Stuhl vor dem Fenster, die Füße auf die Fensterbank, trank so, auf den Hinterbeinen des Stuhles balancierend, direkt aus der Flasche, rauchte seine Ketten und blickte in die Nacht der sterbenden Stadt hinaus. Immer noch hatte er jene komische Empfindungen, die von der Begegnung mit dem unheimlichen Kind entstammten, und in seinem Herz herrschte eine undurchdringliche Finsternis. Seine Seele schien zu einem Klumpen aus weichem Eis geworden zu sein, der spürbar weh tat...

Er trank immer mehr, mußte aber trotzdem an das kleine Mädchen denken, an ein anderes kleines Mädchen, das er einst, weit, weit weg, im alten, guten Kentucky hinter sich ließ...

Als er damals, erst sechszehnjährig, auf Hobo machte, um aus dem lehmigen Kaff genannt Franklin, Kansas, abzuhauen, stand eine süßschlanke Gestalt wie ein Zuckerstange in der Landschaft und schaute zu, wie er den, sich langsam in Bewegung setzenden Güterzug zu erklimmen suchte, ohne vom Zugpersonal erwischt zu werden. Als er endlich sicher am Zug war, blickte er sich um. Da riß jene Gestalt den Arm hoch und winkte. Nur einmal winkte sie und das sah ganz kläglich, ja erbärmlich aus, dieses Winken, denn das Mädchen war so klein und dünn und mager. Sam winkte natürlich nicht zurück. Er saß an der offenen Tür des Waggons und blickte in die vorbeiziehende Landschaft, und als er die reifen Weizenfelder sah, die im abendlichen Wind sanft hin und her wogten, da mußte er wieder an das Mädchen denken und an ihr Haar. Trotzdem bereute er nicht, ihr nicht in Antwort zurückgewunken zu haben. Warum hätte er das auch tun sollen? Er liebte sie nicht mehr; er haßte sie nur und verachtete, und er wußte, er wurde nun für immer und ewig alle Frauen nur noch hassen...

In jener Nacht schlief er nicht. Wach lag er auf dem harten Waggonboden und dachte an die Tage zurück, die seiner Abreise aus Franklin vorangingen. Da waren schon etliche Jahre vergangen, seitdem sein Vater von der Explosion zerfetzt wurde, bei der das örtliche Werk von Dow Chemical mit der halben Ortschaft in die Luft flog. Ob das Tatsächlich ein Terroranschlag von Al Kaida war, wie die Dow Chemical das behauptete, oder nur Schlamperei zwecks Gewinnoptimierung, das wurde niemals geklärt. Jedenfalls verwandelte sich seine Mutter danach in ein albern-verrücktes Luder, schleppte ständig neue Onkels an und setzte alljährlich neue Bastarde in die Welt, bis sie schließlich vom Amtswegen zwangssterilisiert wurde, wonach sie alle Lebenslust verlor. Da hatte er nur noch seine kleine Moe, die so sanft und still war, daß sie beinahe unsichtbar wirkte und rein wie eine Heilige. Sie waren seit ihrer Kindheit Freunde. Sie war zwei Jahre jünger als er, und er erinnerte sich noch, wie oft er, fünfjährig, dem kleinen dünnen Mädchen, das ihm überall wie ein kleines Hündchen folgte, die Rotznase geputzt hatte. Bereits damals wußte er, sie wurden einmal heiraten und zusammen Franklin verlassen, und er wurde ihr die Welt schenken.

Alles schien sich tatsächlich in diese Richtung zu entwickeln, bis Moe sich zu verändern anfing und gar zu viel an ihr zum Rätsel wurde. Da begann er ihr nachzuschleichen; er war ganz gut darin, das Schnüffeln lag ihm irgendwie im Blut. Eines Abends fand er sie im Hinterhof des örtlichen Motels, es mit einem Handelsreisenden treiben - gleich neben den Mülltonen, pfui Deibel!... Er schaute den beiden zu, vergaß darob zu atmen, erstickte fast. Als der Reisende aber seine Hosen zumachte und Moe einige Scheine in die Hand drückte, könnte Sam es nicht mehr auszuhalten: er sprang aus seinem Versteck heraus.

Zuerst schickte er den Handelsreisenden mit einem klassischen upercut zum Boden, obwohl der ein erwachsener Mann war und beinahe zweimal so viel wog wie Sam. Dann spuckte er Moe vor die Füße - und rannte weg. Er mußte wegrennen, er wollte nicht, daß sie seine Tränen sieht. Aber seitdem hatte er nie mehr geweint; weder wegen einer Frau noch sonst.

In jenen paar Tagen, die er noch in Franklin blieb, beachtete er Moe überhaupt nicht, obwohl sie es einzurichten verstand, pausenlos in seiner Nähe zu sein; so als wäre sie zu seinem zweiten Schatten geworden. Und selbst nach so vielen Jahren, nach all der Zeit, nachts, als er aus manchem tiefen und traumlosen, schrecklichen Schlaf des Alkoholikers erwachte, konnte er beinahe wetten, Moe wäre bei ihm im Zimmer: sie steht im Dunkeln, neben seinem Bett, ist still und unbeweglich, und einzig ihr Duft, ein Parfümgemischt aus den Ausdünstungen der Angst und Verzweiflung, verrät ihre Anwesenheit...

Sobald er aber dann zu sich kam, begriff er, daß das sein eigener Geruch war.

Als sich damals eine Gelegenheit ergab, redete sie auf ihn ein; versuchte ihm allerlei zu erklären, ihn zu überzeugen. er wußte, wie krank ihr Vater war. Der mußte seine Medikamente haben, sonst würde er nicht mehr lange machen. Und die Medizin sei so teuer.

Sam wußte das. Er wußte auch, daß auch Moes Familie wie fast alle in Franklin nach der Explosion bei Dow, von dem städtischen Sozialfond lebte. Er wußte natürlich auch, wie krank ihr Vater war - wer war damals nicht krank von jenen, die früher bei Dow gearbeitet hatten?...

`Wann hast du damit angefangen?` fragte er hart.

`Vor zwei Jahren. Das war damals, als mein Vater wieder Rückfall hatte und er neue Medizin brauchte... Da hatte mich meine Mutter zum ersten Mal zum Motel gebracht.`

`Aber du warst nicht zwölf damals!` schrie Sam. Er mußte sich ganz doll fest zusammennehmen, um nicht wie ein Wilder auf sie einzuschlagen. Frauen zu schlagen, das war bei ihm nicht drin. Damals... Damals glaubte er noch, nur die Männer, die sich nicht trauen auf andere Männer einzuschlagen, schlagen auf die Frauen ein... Aber es gibt Worte, die mehr weh tun als Schläge.

`Ja... Aber ich habe es nur für seine Medizin gemacht...` hauchte Moe ganz leise, schluchzte dann hörbar.

`Fast...` flüsterte sie weiter. Ihre Stimme stockte, als legte sie eine schmachvolle Beichte ab. Sie war bleich vor Scham, sie zitterte vor Anstrengung, ihm das alles zu erklären.

`Nur einmal...` flüsterte sie: `... nur einmal hatte ich das Geld dazu verwendet, dir das Zeiss-Fernglas zu kaufen, das du so gerne haben wolltest...`

Nun stockte auch Sams Atem. Zu seinem Elend kam er sich nun als ein richtiger Trottel vor. Als sie ihm zum letzten Geburtstag das Glas schenkte, hatte er ihr ohne weiteres geglaubt, ihr Großvater, der nach dem Weltkrieg in Deutschland stationiert war, hatte das Glas mitgebracht. Wie hätte er bloß so dumm und naiv sein können!

Nun verabscheute er Moe wegen all dieser Lügen und Verstellungen noch mehr, obwohl sie so klein und so bleich war, daß sie wie ein kleines Kind wirkte. Sie strahlte ein endloses Elend aus, ihre Verzweiflung war wie ein leiser, verhaltener Hilferuf. Trotz seines Zorns konnte sich Sam kaum noch davon abhalten, sie in die Arme zu nehmen und sich mit ihr zusammen satt auszuweinen.

Doch männlich schluckte er seine kleine Schwäche - diese lächerliche Anwandlung vom Mitgefühl mit einer Hure - hinunter.

`Du bist eine Hure und ein böses Weibsbild! Eine Lügnerin bist du! Hörst du, Hure!`

`Ja... das bin ich wohl...` sagte sie, weinte aber dabei bereits hemmungslos, denn sie wußte nun, da war nichts mehr zu machen. Weinen ging sie weg.

`Pfui!` schrie Sam im ohnmächtigen Zorn und spuckte ihr nach.

Am nächsten Abend verließ er die Stadt. Davor aber hatte er Moes beste Freundin besucht, und sie über seine Absichten unterrichtet.

Entgegen seinem ersten Entschluß aber, schaffte er es nicht, das Fernglas wegzuwerfen; das nahm er mit. Das hatte er immer bei sich, bis zu dem Tag.

Warum wollte er es bloß nicht wegwerfen? Dann könnte er vielleicht aufhören, an Moe zu denken.

 

 

 

 

 

29. GEMMA LA NERA

 

Das kleine Mädchen, das Sam beinahe umgeworfen hatte, hieß Gemma la Nera. Gemma war freilich kein Androide, doch sie war auf jedem Fall ein Prototyp; ein von jenen Gespenster-Geschöpfen also, die damals die Erde in hellen, besser gesagt in dunklen Scharen bewohnten - ein Übergangswesen. Ein Kind, das mit seinen Eltern nichts mehr viel gemeinsam hatte.

Bereits mit dem Ausbruch des neuen Jahrtausends befand sich die Menschheit im Zustand des tollsten Zerfalls. Von dem Stamm der christlichen Zivilisation, die sich im Jahrhunderten davor der ganzen Welt als einzig gültige Kultur- und Moralnorm aufzwang, gingen nun Geäste ab: größere und kleinere Gruppen, die ihre eigene Bräuche und Lebensstille, ihre eigene Kultur und sonstige Überlebensmechanismen entwickelten, die mit solchen Äußerungen des Stammes kaum noch etwas gemeinsames hatten. In der Jugendszene war diese Tendenz bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu beobachten; erst aber nach Ablauf des Jahrtausends wurde sie wahrhaft akut. Nun begannen solche Gruppierungen der Jugendszene ihrerseits zu zerfallen, innerhalb dieser Gruppen bildeten sich noch kleiner Grüppchen, die eigene Vorstellungen, einige Philosophie und eigene Ziele hatten. Der Zerfall setzte sich fort, so bildeten sich immer kleinere Grüppchen, bis schließlich die ganze Jugendszene eine Tendenz zum Einzelgängertum entwickelte. Jetzt zeigte es sich, daß solche `Auswüchse` keinesfalls nur sporadische Launen der zivilisationsmüden und von der schäbigen Demokraten-Politik angewiderten Jugendlichen gewesen sind. Vielmehr wurde es deutlich, daß junge Menschen nur wieder einmal bessere Antennen für die Anforderungen der Zeit hatten. Denn die ersten Jahren und Jahrzehnten des neuen Millenniums bedingten in der ganzen Gesellschaft eine solche Polypolarisation und einen drastischen Abkehr von den sozialen Ideen, so begann man schließlich zu ahnen, daß hinter dem Zerfall der bisherigen Strukturen etwas anderes steckte, etwas höheres möglicherweise; ein `Plan` der Schöpfung vielleicht, die eben auf diese Weise die endgültige Individualisierung der Gesellschaft einzuleiten suchte, um die Individuen zu härten und für jene Aufgaben zu stählern, welchen die, in den sozialen Organisationen lebende Menschen nicht gewachsen waren. Nach dem Scheitern und Zusammenbruch der Zivilisation wurde es jedenfalls klar, daß sich die Menschheit von den christlich-sozialen Utopias endgültig verabschieden mußte - jene waren eindeutig gegen die menschliche Natur, und die lasse sich vielleicht für kürzere oder längere Zeit verleugnen, setze sich aber früher oder später doch durch, meist in Form von Heuchelei.

Nichts war so dazu geeignet, den Menschen unzufrieden und kaputt zu machen, wie eben das Christentum vermischt mit nebulösen sozialen Lehren; am Ende wußte keiner mehr, wo sein Platz in der Gesellschaft war - der Zerfall solch einer blauäugig organisierten Gesellschaft war vorprogrammiert.

In diesen neuen Formen nun gab es immer weniger eingestammten Äußerungen, auf die man aus früheren Gesellschaften gewöhnt war. Sie bauten auf keinen Autoritäten - weder auf anerkannten oder aufgezwungenen -, es gab also keine Führung-Untergebene-Relation, und es gab noch viel weniger irgendwelcher Sozialfunktionen darin: diejenigen, die auf eventuelle Hilfe angewiesen waren, hatten in solchen Strukturen nichts zu suchen. Das war, auf eine ganz bestimmte Weise, selbst in der Multi-Gesellschaften der Fall, die zwar äußerste materielle Fürsorge, keinesfalls aber eine seelische Zuflucht boten, was bereits an den fehlenden Gesetzgebung in den rein zivilen Bereichen sichtbar war.

Auch die Lingam-Religion war eigentlich nicht das, was mit Begriff Religion definiert ist, keine (Wieder)Zusammenführung von Menschen, denn Lingam hatte als eine Religion der (körperlichen) Liebe klar einen starken Schlag zur Zweisamkeit, wo es schon auch leichter möglich ist, die Individualität auszuleben. So bereitete sich Lingam auf rein individuellem Weg. Schon lingam-erfahrene Ältere verführten die Jugendlichen, ja selbst Kinder, erzählten ihnen über den Sinn des Lingams und von der absoluten Notwendigkeit einer Populationskontrolle, erzogen sie zu dieser Reinen Liebe, wie die Lingams den Oralverkehr nannten, betrieben eigentliche eine knallharte Aufklärung über die neue sexuelle Hygiene. Aber auch da blieb alles streng auf persönlichen, individuellem Level laufen, ebenso wie in den Ashrams des Lingams, wo man zwar wie in einen lockeren Kloster lebte, doch bezog sich die Gemeinschaft auf rein spirituelle und organisatorische Dinge, an sich blieb man auch da auf sich selbst gestellt. Man hatte eben endlich begriffen, dass jeder Mensch so sein muss, wie er ist.

Unter solchen Umständen war das kein Wunder, daß es immer mehr reinster Einzelgänger gab; absolute Einzelkämpfer, die nur auf sich selbst angewiesen waren, und sich weder auf jemanden verlassen konnten noch dies wollten. Diejenige, die solches Leben bewußt und mit Absicht betrieben, nannten sich Solitärs. Es gab aber noch andere solchen, die ihren Weg noch nie fanden. Sie fristeten dann ihre eigenbrötlerischen Existenzen als eine bloße Trotzreaktion auf verlogene und verlorene Gesellschaft, bis sie durch diese oder jene Laune des Schicksals eine Initiation durchlebten und fortan als Solitärs kämpften.

Solche eine Einzelgängerin war Gemma la Nera. Wäre sie einem Solitär begegnet, so hätte sie bestimmt sofort ihren Lebensweg erkannt. Nun aber war sie bereits zehn Jahre alt, und wähnte sich verloren. Dabei hatte sie noch einen wichtigen Lebensweg vor sich, von dem sie aber noch nichts ahnte, obwohl sie sich manchmal im Traum als eine dunkle Lichtgestalt zu sehen pflegte. Im Augenblick suchte sie verzweifelt nach einem neuen Onkel.

Gemma la Nera entstammte einer der ältesten Patrizierfamilien Venedigs. Nicht wenige ihrer Urahnen waren Dogen dieser blendenden Stadt. Ihre Großmutter wußte ihr zu erzählen, sie wäre eine Ur-ur-urenkelin Casanovas. Sie war eine wildschöne kindliche Erscheinung und an ihrem hochmütigen Aussehen war es leicht zu erkennen, daß viele ihrer Ahninnen als Hexen verbrannt wurden.

Ihr Gesicht war schmal und länglich, von einer beinahe perfekten Symmetrie, und die tiefen Schatten unter hohen Backenknochen verliehen ihr einen Hauch von Gespenstischen. Dieser Effekt wurde noch von ihren Augen verstärkt. Sie waren von einem so tiefen Blau, daß ihr Leuchten, so fiebrig es auch war, doch dunkel und tief anmutete. Das Dunkle ihrer Erscheinung wurde durch ihr Haar abgerundet und vervollständigt, das schwarzblau war, von beinahe gleicher Farbe wie ihre Augen, und ihr in dicken, schlangenähnlichen Strähnen die Schultern bedeckte und den Rücken hinabfiel - ein richtiges Haupt der Medusa. Einzig lebendig-farbige an ihr waren ihre grossen, starken, fleischigen, wollüstigen Lippen, karmesinrot und ungemein voll; einzig weiße an ihrer nachtdunkel Gestalt ihre Zähne: klein und rund wie Perlen, bis auf zwei Eckzähne, die etwas länger waren und spitz zuliefen. Als sie redete oder lachte sah man diese Vampir-Gebilden sofort, und dann ahnte man, warum die Frauen aus Gemmas Sippe so oft der Hexerei beschuldigt wurden.

Obwohl Gemma, ihrem Alter gemäß, eine sehr kindliche Erscheinung war, so war ihr Körper selbst für jene Zeiten der frühreifen Kinder eigentümlich stark entwickelt. Ihre Formen hatten einen dunklen Schimmer der kostbaren Patina und dufteten sogar mit dem sündigen Aroma der Nacht. Ihre ausgeprägten Rundungen muteten wie lunare Landschaften: sie sahen so unberührt aus. Dabei war Gemma la Nera beileibe nicht so unberührt, wie sie aussah. Darum dürfte man annehmen, daß es in ihrer Sippe auch einige Marketenderinnen und Huren und grosse Venezianische Kurtisanen gab. Gemmas Benehmen, ihr Lauf, ihre Bewegungen und ihre Haltung, all das war von einer Vulgarität, die bei den Männern ungemein sündige Gedanken weckte.

Allerdings war Gemma la Nera zu der Zeit überhaupt nicht gut auf irgendwelche Männer zu sprechen und obwohl in ihren tiefblauen Augen schon ein Anflug eins Schlafzimmerausdruckes flammte (den bekamen die Kids damals bereits als Säuglinge, die den ganzen lieben Tag vor der Glotze saßen und sich mit der Zeit die Mimik, die Redewendungen und sonstiges Benehmen aneigneten), so pflegte sie die Männer doch mit dermaßen kalter Verachtung anzublicken, daß die Armen sowohl rasend vor Begierde wie zugleich enorm verängstigt wurden. Und jede arme Wicht, den Gemma la Nera einmal so anschaute, wurde anschließend wild und brutal, ging nach Hause, verprügelte da bestialisch seine Frau, Schwester oder Mutter, zerschlug das Familienporzellan, verfiel in lebensgefährliche Melancholie, aß nichts mehr und starb nach einer Zeitlang, apathisch und qualvoll wie an einer rätselhaften Krankheit. Obwohl also gerade zehn und ein paar Zerquetschten, hatte Gemma la Nera bereits mehr Männer am Gewissen, als irgendeine mittelprächtige Epidemie. Sie hatte sogar bereits direkt gemordet. Sie hatte Zio umgebracht, ihren ersten Onkel.

Sie war kaum sechs als sie Zio begegnete. Sie wurde zum Einkaufen geschickt, hatte aber nicht genug Geld mit, und er legte für sie jene paar Billiarden Lira hin, die sie noch brauchte. Einige Tage später traf sie ihn wieder und er kaufte ihr ein Eis. Drittes Mal las er sie von der Straße auf und nahm sie in seine Wohnung mit, wo er sie mit gegrillten Hünchen, Cremetorte und Orangensaft bewirtete - absolute Kostbarkeiten, die Gemmas Augen zwar einige Male sahen, die sie aber noch nie kostete.

Mit der Zeit wurde es klar, daß Zio ein Priester war, ein Prophet des Lingams. Viele solche Männer und Frauen handelten damals in der Welt im gleichen Sinn, verführten verwahrloste Kinder, klärten sie durch Beispiel und Erziehung über das Geschlechtsleben auf und erzogen sie zu Lingam-Glauben, alles in den verzweifelten Bemühungen, die Flut der Geburten, die wie ein Tsunami über die Menschheit fegte, irgendwie unterbinden zu können. Sie wurden nicht nur von dem Staat, sondern auch vom Volk selbst mit einem zornigen Verachtung und seltener Brutalität als Kinderschänder, perverse Schweine und Bestien verfolgt, wurden trotzdem immer mehr, je tiefer der Lingam in die Massen verankert wurde. Die Parallele zum Christentum in seiner frühesten Phase drängte sich dabei geradezu auf.

So erzog Zio Gemma dazu, Lingam, den heiligen Phallus, zu verehren, brachte ihr die Gebete bei, die natürlich nichts anderes gewesen sind, als Einweisungen in die Empfängnisverhütung, sexuelle Hygiene, aber auch erotische Kniffe, lehrte sie den Riten. Gemma wurde eine eifrige Gläubige dieses mystischen Glaubens, dessen Metaphysik sie damals zwar noch nicht verstand, dessen Praktiken sie aber entzückten und ihr sehr wohl zusagten. Das waren einmalig schöne Jahren mit Zio, doch dann wurde sie von ihm verraten, und sie rächte sich und wurde zu Mörderin.

Sie war da bereits acht und bekam einen Busen. Gleichzeitig bekam sie den Eindruck, Zio veränderte sich ihr gegenüber, er sprach bereits davon, daß ihre Andachte zu zwei nun vorbei sein werden. Er hatte ihr alles beigebracht, was sie nötig hatte zu wissen, alles, was er selbst wusste, bald wird sie sich weiter selbst um ihren Weg kümmern müssen. Wenn sie will, kann er sie in einen Mädchen-Ashram unterbringen. Er hatte sogar schon mit der Leiterin gesprochen…

Als Gemma dann noch zufällig sah, wie er auf der Straße ein kleines, etwa fünfjähriges Mädchen ansprach, wurde sie rettungslos verzweifelt. An jenem Abend, als er nach ihrem Abendgebet in der Badewanne lag, schaltete Gemma den Föhn ein und warf ihn ins Wasser. Ohne sich noch umzuschauen tatstete sie sich aus der nun dunklen Wohnung hinaus und schloß die Tür hinter sich zu.

Seit jenem Tag lief sie wie eine verlorene Seele durch die versunkene Stadt und suchte einen neun Onkel, als wollte sie sich dadurch vor den Fluten retten. Manchmal dachte sie bereits, sie würde nie mehr einen neuen Onkel finden, und am Ende so unerbittlich ersaufen müssen, wie ihre verwunschene Heimatstadt.

 

 

 

 

 

30. DER TÖDLICHE BLICK

 

Am Morgen des Tages, als Sam ihr begegnete, war Gemma la Nera am verzweifeln. Seitdem ihre Großmutter, mit der sie eine klitzekleine Kammer eines überfluteten Palazzos bewohnte, nicht mehr auf den Greisinnen-Strich gehen konnte, lebten sie in einer paradiesischen Armut. Ihre Eltern kannte Gemma nicht. Ihre Mutter überhaupt nicht, und den Vater nur aus Großmutters Erzählungen. Er war ein Anarcho-Kämpfer, der mit seiner Gruppe aus dem Untergrund den Staat bekämpfte, und die Großmutter hatte ihn bereits seit Jahren weder gesehen noch von ihm gehört, als er einmal, bei Nacht und Nebel, bei ihr auftauchte, und ihr ein neugeborenes Mädchen brachte - ihre Enkelin. Wer die Mutter seiner Tochter war, hatte er nicht erzählt. Er übergab Gemma der Großmutter und verließ noch in der gleichen Nacht die Stadt, ohne je noch ein Lebenszeichen von sich zu geben.

Nun lebten die Großmutter und ihre Enkelin vollkommen auf sich gestellt. Bereits seit Monaten ernährten sie sich praktisch von dem, was Gemma la Nera stahl oder erbettelte, denn von dem, von der Sozialausschuß der Stadt ausgegebenen Fischmehlbrot, Sojafleisch und biotonischen Kartoffeln, konnte man nicht überleben. Also trieb sich Gemma unentwegt in der Stadt herum, immer in der Suche nach etwas Eßbaren, und das, was sie nach Hause brachte, war kümmervoll genug. Es gab einfach zu viele Bettler - die ganze Welt schien am Bettlerstab zu leben -, und was es des Stehlens anginge so fiel man nur allzu leicht in die Hände der Lega-Milizen, und die kannten kein Erbarmen, besonders mit jungen Mädchen nicht.

Bereits seit Tagen hatten sie nichts außer Fischmehlbrot zu essen, denn das begehrte Fleisch und die Kartoffeln aß man zuerst weg. Nun mußte Gemma etwas Eßbares organisieren, und da gab es nur einen Weg, der aber so schrecklich war, daß Gemma bereits bei dem Gedanken daran kotzübel wurde. Selbst die Stadt, die sie früher so liebte, machte ihr nun Angst. Venedig hatte sie nie anders als überflutet gesehen, mit Pontons, Hängebrücken und Häusern in Korsetts aus eisernen Gerüsten eingezwängt, die sie vor Einstürzen bewähren sollen, was sie aber nicht taten. Die Häuser stürzten oft ein; beinahe jeden Tag fiel so ein überflutetes und überlastetes Gebäude in sich zusammen und begrub Menschen unter sich. Früher hatte das bei Gemma keine Angst verursacht. Neuerdings jedoch fürchtete sie sich davor, mit der versinkenden Stadt auch selbst untergehen zu müssen. Jetzt haßte sie die Stadt, betrachtete sie als ihre Feindin und wünschte sich oft, sie zu verlassen. Gäbe es bloß die Großmutter nicht, wäre sie bereits über alle Berge! Aber die Verpflichtung, die sie der Alten gegenüber hatte, hielte sie in dieser verdammten Stadt.

Gemma mußte sich um sie sorgen.

Also blieb ihr an jenem Morgen nichts übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, und sich zum alten Reppin zu begeben; dem jüdischen Kaufmann aus der berühmt-berüchtigten Familie Shylock, der in der Nähe des überfluteten Markusplatzes, direkt am Canale Grande die größte und bestsortierte Feinkosthandlung Venedigs betrieb. Reppin agierte als der Vorsitzende der Sozialausschüsse der Stadt, die sich um die Arme und Bedürftige kümmern sollten, doch nicht darum ging Gemma zu ihm. Der Alte war nämlich ganz unsozial auf das Kinder- und Jungmädchenfleisch geil, und Gemma witterte hier eine Chance. Sozialausschüssen mißtraute sie ohnehin mit der Scharfsinnigkeit des gesunden Volksempfindens jener Zeit. Dann doch lieber der Lustmolch! entschied sie an jenem Morgen, als sie zwischen dem Wüstling und Beamten bangte. Mit dem Greis hatte sie nämlich bereits einmal, einige Wochen zuvor, eine positive Erfahrung gemacht, und sie hoffte wieder auf das gleiche Glück, obwohl sie zugleich wußte, daß das bloßes Wunschdenken war. Gemma war nicht von Gestern. Als Straßengöre jener brutalen Endzeit hatte sie das Leben in seinen brutalsten Formen kennen gelernt. Sie wußte also, was er von ihr wollte.

Sie hatte schon damals seinen Blick bemerkt. Da wollte sie in einem Anfall von tödlichem Übermut in seinem Laden eine Konserve stehlen. Als er plötzlich neben ihr auftauchte wähnte sie sich ertappt, in der Falle und verloren, der der alte Wüstling stand zwischen ihr und dem Ausgang. Als sich dann aber auf seinem Gesicht eines hundertjährigen Quasimodos eine widerliche Grimasse zeigte, begriff Gemma, daß der Alte ihr zulächelte. Ohne sich nun wirklich zu besinnen, fast ohne zu wissen, was sie tat, legte sie die Konserve nicht zurück, sondern ließ sie in ihrem Cape verschwinden, griff dann in den Regal und stopfte sich weitere Büchsen in die großen Innentaschen, die sie sich eben zwecks Stehlens in ihren Umhang eingenäht hatte. Reppins klitzekleine Rattenaugen glotzten sie weiter mit unverminderter Gier, und sie stopfte sich die Taschen mit den herrlichsten Konserven voll, denn sie ahnte, Reppin wurde sie ungeschoren davonziehen lassen. Als sie aus dem Laden rannte stand er nur da und blickte ihr nach. Seine Fratze war immer noch von jenem `Lächeln` verunstaltet, und Gemma wußte, was das bedeutete: er wußte, sie wurde wiederkommen, und er freute sich darauf. Gemma wußte auch, warum er sie ungeschoren davonließ: wohl hatte er an dem Tag schon eine kleinen Diebin erwischt, war für den Tag befriedigt, so wollte er sich Gemma für das nächste Mal aufsparen.

Zwölf Konserven stahl sie da, für einige Tagen durften Großmutter und Gemma das vermaledeite Fischmehlbrot vergessen und das angefaulte Gemüse auch, das Gemma manchmal auf dem Markt erbetteln konnte - sie ernährten sich von herrlichsten Rind- und Schweinefleisch-Konserven. Gemma hatte sogar drei große Gänseleber-Konserven erwischt und die Großmutter, die ganz ohne Zähne war, konnte sie nun einmal satt essen. Sie aß und aß und aß bis sie voll war, steckte sich dann den Finger in den Schlund, reiherte alles wieder aus, sich direkt vor die Füße, fraß dann weiter. Gemma schüttelte sich vor Lachen, weil sie das ungeheuer ulkig fand, obwohl sie die Bescherung mit der Kotze hatte, die sie selbst beseitigen mußte. Aber das war ihr da nicht wichtig. Sie wähnte sich im Schlaraffenland. Seit der Zeit mit Zio hatte sie keine solchen guten Sachen gegessen.

Doch die Herrlichkeiten wurden schnell verfüttert, wurden bald alle. Dann gab es zum Abend nur eine Thunfischkonserve, die sie anfangs beide verschmähten, und am nächsten Tag aßen sie zum Frühstück das alte, ranzige Fischmehlbrot wieder, zum nach Fisch riechenden und nach lauer Kuhpisse schmeckenden Tee. Die Großmutter tunkte das Brot in den Tee bis es weich wurde, saugte es dann aus; ohne Zähne hätte sie jenen steinharten Brocken anderswie nicht essen können. Gemma ängstigte sich sehr, eines Tages selbst ohne Zähne zu bleiben, obwohl ihr Gebiß ganz gesund war.

So ging sie, nach einigen Bangen und Überlegen, wieder zu Reppin. Oh, sie wußte genau, was sie tat, denn sie wußte auch, was er trieb. Nicht nur einmal hatte sie ihn sich ein ärmliches kleines Mädchen schnappen sehen. Er ging dann mit dem armen Ding, das er beim Stehlen erwischt hatte, durch eine Tür hinter der Konditorei-Abteilung, und sein Verkaufspersonal lachte sich dreckig und schief. Gemma war auch bekannt, was Reppin dort mit seinem Opfer trieb, und es war ihr ein Horror zu denken, daß er das Gleiche auch mit ihr anstellen könnte. Obwohl sie als Lingam-Gläubige den Blowjob als Andacht auffasste, war es ihr unvorstellbar, ihn am Reppin zu verrichten. Das kam ihr wie eine Sünde vor. Also betete sie zu Großem Lingam, Reppin hätte an dem Tag bereits eine kleine Diebin erwischt, und wurde Gemma noch einmal mit ihrer Beute ziehen lassen... Falls doch nicht? Nun, dann mußte sie es eben über sich ergehen lassen - obwohl sie davor richtigen Horror empfand. Aber sie wollte unbedingt wieder an die Gänseleberpastete für die Großmutter kommen.

Als sie ankam stand der häßliche Bückling inmitten seines Supermercatos. Es war ja auch seine Lieblingszeit: nach dem Essen bekam er regelmäßig Lust auf etwas Süßes.

Dreist und mit Mut der Verzweiflung ging Gemma auf ihn zu. Als er sie erblickte bog sie aber sofort in einen Seitengang zwischen den Regalen - geradewegs auf die Konserven zu. Dort blieb sie stehen, um ihn abzuwarten. Da schleimte er bereits um die Ecke, glotzte sie an. Sein Blick brannte vor Gier, sein Mund zitterte und Speichel sabberte auf seine Weste. Er sah ganz anders als beim letzten Mal aus, so wußte Gemma sofort, ihre schlimmsten Befürchtungen wären wahr, die Ausgangssituation war diesmal anders. Trotzdem griff sie zu, ihre Verzweiflung zwang sie dazu. Diesmal nahm sie die Konserven jedoch nicht mehr wahllos, sondern stopfte sich ausschließlich Pasteten, Kalbsfleisch und Huhn in den Umhang. Auf den Greis achtete sie nicht mehr, wurde also beinahe überrascht, als sie seine knochigen Finger ihren Arm in einen klauenhaften Griff nehmen spürte. Er zischte sie an, er hätte sie, die kleine verhurte Diebin, die ihn arm stehlen wollte, also doch noch erwischt... Er laberte lauter Schweinereien. Er wurde ihr all die Konserven in ihre Hurenvotze hineinstopfen, drohte er wüst. Gleichzeitig mahnte er sie, sich ruhig zu verhalten - sie wolle doch nicht, daß jemand die Miliz hole -, und Gemma begriff seine Argumente, ließ sich passiv aus dem Laden führen, über eine Treppe zu einem Kabuff direkt unter dem Dach ziehen. Da langte ihr Reppin sofort unter den Umhang, ließ all jene Herrlichkeiten zum Vorschein kommen, die sich Gemma eingeeignet hatte. Dabei grapschte er an ihrem, für eine zehnjährige eigentlich viel zu vollen und ansonsten geradezu unverschämt schön geformten Busen herum. Gemma ließ das alles zu, obwohl es sie ekelte, seine alte, trockene Haut und seine kalte, knochige Finger überall fummeln zu spüren.

Gleichzeitig schimpfte er mit ihr: sie wäre eine diebische Hure, und er muß sie bestrafen. Er holte eine Rute hervor, ein sehr dünnes und elastisches Ding, legte Gemma sich übers Knie, zog ihren langen Rock hoch und entblößte ihr den Hintern. Gemma lag da, mit dem Kopf nach unten, und überlegte sich, ob sie ihn in die Wade beißen sollte, doch wollte sie nicht auf den Knochen beißen. Als er jedoch ausholte und ihr mit der Rute einen tiefen, blutigen Striemen in die glatte Haut ihrer Pobacken schlug - Gemma spürte den Striemen ganz deutlich - sprang sie auf, wollte wegrennen. Der Alte hielte sie aber in seinem klauenhaften Griff fest:

`Du willst doch nicht, daß ich die Miliz hole und ihnen all das zeige? `

Er blickte zum Tisch, auf dem er ihre Beute aufgestapelt hatte. Gemma überlegte heftig.

`Sie werden dich auch bestrafen. ` redete er weiter und speichelte stark, sein Speichel besprenkelte Gemmas Gesicht, das er ganz nah an seins zog: `Doch sie werden dich nicht so bestrafen, wie ich dich bestrafen will. Sie werden dich so bestrafen, wie die Machos ihre Weiber bestrafen. Und du weißt, wie das geht, nicht wahr? `

Gemma wußte es. Natürlich wußte sie das, das wußte ohnehin jeder, das zeigte man im Fernsehen zu genüge. Ärgerte sich ein Macho über sein Weib, so lädt er viele andere Machos ein, und dann wird die Frau pausenlos und bis zum Tode beschlafen. Gemmas Großmutter wußte darüber grausige Geschichten erzählen.

Die Drohung schüchterte sie ein. Sein Argument war schwerwiegend genug, um Gemmas Ekel zu neutralisieren. Also ließ sie sich von Reppin entkleiden; ihre beinahe erwachsenen und verteufelt schönen Brüsten hatten es ihm sichtbar und spürbar angetan: er knetet sie schmerzhaft, leckte daran, saugte... Dann entdeckte er ihren unbehaarten stark unterentwickelten Schoß, der nicht größer als bei Babies war und dessen Schamlippen zart wie aus dem Muranoglas angefertigt wirkten: dünn, beinahe durchsichtig, zerbrechlich... Das faszinierte ihn noch mehr. Er schaltete die Tischleuchte ein, einen starken Laserstrahler, um sich an der schimmernden Nacktheit zwischen ihren Beinen satt zu sehen. Er wurde fast verrückt vor Begierde. Unverständliche Stöhnlaute von sich gebend neigte er den Kopf zu ihrem Schoß, küßte sie zwischen die Beine, leckte daran und sabberte sie mit dem Speichel wie mit einem Greisensperma; überall, bis an den Bauch. Er entledigte sich dann auch selbst der Kleider, und sein Körper sah zum Erbarmen aus: ein totes Gerippe, mit der ledernen, pergamentartigen Haut überzogen. Offensichtlich hatte er vor, sich an ihrer kleinen Muschi zu vergehen - etwas, was bei Gemma sowohl aus religiösen wie auch anatomischen Gründen wahren Horror hervorrief. Zum Glück aber war sein Penis dazu nicht imstande, und er wollte, daß sie die Abhilfe schaffe. Er preßte ihren Kopf in sein Schoß hinunter, steckte ihr jenes, kaum andeutungsweise erregierten, vollkommen schwarzen, nur an der Eichel tiefvioletten Stückchen Fleisch in den Mund.

`Sauge! ` stöhnte er und strich ihr mit der Rute derart unbeherrscht über den Hintern, daß sie vor Schmerz beinahe in den Schwanz gebissen hätte.

`Je besser du saugst, umso milder schlage ich dich. ` stöhnte er und keuchte.

Nun war Gemma als eine überzeugte Lingam-Glaubige im Saugen wohl eingeübt; sie kannte alle Kniffe und alle Tricks, und sie wandte sie alle und saugte buchstäblich um das nackte Leben. Noch nie zuvor hatte sie eine solche Angst verspürt, denn sie wußte ganz genau, er war wild entschlossen, mit ihr eben das zu tun, wovon es sie am meisten grauste: ihr den Schwanz zwischen die Beine zu schieben.

Einzige Rettung für sie war, ihn so schnell wie möglich mit dem Mund zu befriedigen, so daß er zu was anderem überhaupt nicht kommen könnte. Also saugte sie wie eine Pumpe, schmatzte eifrig und beflissen, und dankte dabei in Gedanken dem seligen Zio, der ihr darin so eine exzellente Kunstfertigkeit andressiert hatte. Sie war wirklich exzellent gut darin, ihre Bemühungen bekamen dem Greis sichtbar gut. Sein Kümmerglied wurde beinahe steif; er vergaß das Schlagen.

Gemma aber saugte und haßte ihn, wie sie noch nie einen Mann haßte, obwohl sie alle Männer abgrundtief, geradezu grenzenlos haßte. Dabei schielte sie zu ihm hoch. Auf seinem Gesicht konnte sie erkennen, wie erfolgreich sie war; sie wollte ihm so schnell wie möglich zum Spritzen bringen. Das wurde dann bedeuten, daß ihre Arbeit beendet war, und er sich nicht an ihrer Muschi vergehen wurde - das hätte Gemma ohnehin nicht überlebt. Also wollte sie es beenden, und dann wegrennen. Ihr war es klar, daß er ihr nicht erlauben wurde, wenigstens einen Teil ihrer Beute mitzunehmen. Kein von den Mädchen, die von ihm kamen, hatte etwas von der gestohlenen Ware mit; nachdem er befriedigt wurde, nahm Reppins Gier nach dem Geld die Überhand.

Aber das war Gemma nunmehr ganz gleich.

Doch da wurde sie sich zum ersten Mal der verheerenden Wirkung ihres Blickes bewußt. Als sie so zu ihm hinaufblickte begegneten sich ihre Augen für einen kurzen Moment. Zwar schloß er die Augen beinahe sofort wieder, als könnte er all die Blitze und Haß in ihrem Blick nicht ertragen; doch stöhnte er dabei bereits, plötzlich und laut, ganz, ganz laut, tierisch laut. Gemma wußte nun, daß sie am Ziel war, freute sich, die Halbleiche endlich so weit zu haben, fühlte aber merkwürdigerweise auch selbst die Erleichterung und jenes süße Feuer im Bäuchlein. Das vergaß sie aber sofort wieder, denn Reppin war nun seltsam still und unbeweglich, während sein Sperma Gemmas Mund überflutete, obwohl es nur einige kümmerliche Tröpfchen waren, die nach Gelatine, ranzigem Öl und bitter schmeckten... Einfach widerlich! Im Vergleich dazu schmeckte Zios Sperma glatt wie Früchtepudding...

Und Reppin rührte sich jetzt überhaupt nicht mehr, kein Ton kam über seine Lippen, eine unheimliche Stille bereitete sich im Raum aus, als senkte sich ein schweres Nebel des Vergessens herab, und Gemma wusste plötzlich, dass sei das Geruch des Todes. Da begriff sie auch, dass Reppin tot ist. Sie suchte nun sein, nunmehr bereits wieder ganz verwelktes Glied auszuspucken, doch war das nicht so einfach, denn seine Rechte preßte ihren Kopf immer noch mit erstaunlicher Kraft, obwohl er bereits tot war, das wußte Gemma genau. Mit Aufbietung aller ihrer Kräfte gelang es Gemma endlich doch, sich jenes Griffes zu entledigen.

Gemma starrte die Leiche an und empfand einen ungeheuren Triumph. Sie war sich sicher: ihre Augen hatten ihn getötet.

Nun sprang sie auf, spuckte die Bitterkeit des Spermas aus, wischte sich den Mund an ihrem Cape ab, zog sich schnell an. Dann machte sie sich unerschrocken an die Leiche und fledderte sie gründlich aus. Sie verschmähte die altmodische, silberne und bestimmt sehr kostbare Taschenuhr, nahm auch weder seinen Arco noch den schweren Siegelring mit, sie wusste, dass sie das nicht zu Geld machen könnte. Aber die pralle Geldbörse leerte sie in die Taschen ihres Capes. Als sie die Geldbörse aufmachte erschrak sie beinahe: außer vielen großen Banknoten hatte Reppin auch einige Goldeuros darin. Das war bestimmt die größte Menge Euros, die sich Gemma überhaupt vorstellen könnte - ein ungeheueres Reichtum.

Trotzdem vergaß sie auch die Konserven nicht. Sobald sie diese in den Umhang verstaut hatte zog sie den Tisch unter das Oberlichtfenster, machte es auf und schlang sich durch die enge Öffnung auf den Dach. Durch den Laden wollte sie keinesfalls hinausgehen, draußen war es sicherer, zumal es bereits dunkel war, so bestand keine Gefahr, daß jemand sie sehen könnte. Es war ihr leicht an dem Gerüst, das das Haus vor dem Auflosen in den Fluten schützen sollte, auf den Straßenponton hinunter zu klettern.

Als sie dann über die Hängebrücke zum Markusplatz eilte, wo sie das Boot nehmen wollte, um nach Hause zu fahren, wurde sie von einem seltsamen Mann, das einen altmodischen Mantel und einen sehr komischen Hut trug, beinahe überrannt. Sie blickte ihn gehässig an, doch war sie wegen der Geschehnisse des Tages dermaßen aufgeregt, daß ihr Blick diesmal nicht so brutal ausfiel als sonst.

Später dann, nachdem sie die Großmutter bereits gefüttert hatte, und sie beiden im Bett lagen, da bemerkte sie, daß sie sich ganz anders fühle als sonst, und daß ihr der seltsame Fremde von der Hängebrücke nicht mehr aus dem Kopf ging...

Plötzlich wußte sie, sie wird ihn wieder begegnen, und er wird sie dann aus dieser verhaßten Stadt wegbringen.

 

 

 

pfeil047

 

Online Counter