E R S T E S  B U C H  /  DIE VERBRECHEN DES DON JUANS

T E I L   I   /   D A S  A C T I O N - T E A M

 

KAPITEL  6

D A S  M E D I U M

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

37. Data-Crop-Circle

38. Die Aufgeschobene Satisfaktion

 

 

 

 

 

 

 

37. DATA-CROP-CIRCLE

Noch am Abend zuvor hatte DJ dem Arco befohlen eine Suite in Danieli Hotel an der Riva Degli Schiavoni zu reservieren. Er brauchte mindestens 3 Schlafzimmer, um seine Leute zu unterbringen, ein für Sam und McGuates, ein für Khaar und Hjalny und ein für sich. Natürlich war DJ auch hier bekannt. Der Empfangschef, im Ehren ergraut, erinnerte sich den Grafen, und zwar mit großer Freude, begrüßte ihn herzlich, dito die strahlende, gutgelaunte Hjalny, in der er scheinbar DJs junge Geliebte vermutete. Sam übersah er beflissentlich, wurde allerdings schlagartig fast bleich, als er Khaar und seinem Hund bemerkte. Professor McGuates sah er nicht sofort, denn der Kleine trottete der Gruppe hinterher. Als der Empfangschef dann auch seinen Wasserkopf sah, resignierte er für einen Augenblick ganz deutlich. Er nahm sich allerdings wieder zusammen: wer die russischen Menschenhändler beherbergen kann, darf auch vor ganz wilden Menschen und freakigen Kinderprofessoren keine Scheu haben. Doch im Gespräch mit DJ sinnierte er nostalgisch von den alten, guten Zeiten, wobei er verstohlen zum Sam blickte, wohl um anzudeuten, daß es in den alten guten Zeiten solche Gäste nicht gab. Zum Khaar und seinem Hund traute er sich ja nicht hinüber zu blicken.

Sie bezogen dann die Suite, und noch am gleichen Abend berief DJ die erste Teamsitzung, um nicht nur Khaar und Hjalny, sondern auch Sam und McGuates näher und detailliert mit dem ganzen Anliegen bekannt zu machen.

Seit dem die Solitäre in die Gruppe aufgenommen wurden, sprachen sie Bimbo miteinander, duzten sich und nannten sich bei Vornamen. Obwohl auch die beiden Solitäre, nach langen Aufenthalten in den Staaten und in Kanada, exzellentes Englisch sprachen, redete man nur noch Bimbo. Das ergab sich so, da Khaar DJ eben im Bimbo angesprochen hatte, so verlief die Konversation ab da ausschließlich in der Weltsprache. DJ war es bekannt, daß die Solitäre auch im Allgemeinen am liebsten Bimbo sprachen.

`Das ist gut, daß es eine Sprache gibt, in der man sich nur duzen kann. Auch Götter duzen sich untereinander.` erzählte Hjalny, als sie sich mit DJ während des Fluges nach Venedig unterhielte.

Zuerst erzählte DJ dem Team, wie er überhaupt dazu kam, auf die Suche zu gehen. Er bemühte sich, möglichst strikt wahrheitsgetreu zu berichten, erwähnte sogar das starke Schamgefühl, das er verspüre, ohne zu wissen warum, erzählte auch von den Schuldgefühlen, die ihn quälen: er fühlte sich so, als hätte er die Welt verraten, ohne sich tatsächlich erinnern zu können, besonders schwer gesündigt zu haben. Er blieb also mit keinem Detail seiner Geschichte hinterm Berg, so daß die anderen Vier nun ein gutes Bild von dem Anliegen hatten und klar wussten, worum es ihm ging.

Dann berichtete noch Sam über seine ersten Schritte, die er eben in Venedig unternommen hatte, über die vage Spur, die in Richtung Fremdenlegion führte, die aber nach Professor Hoffmanns Wünschen erst später verfolgt werden sollte. Auch auf Hoffmann selbst kam man natürlich zu sprechen, wobei sich DJ bemühte, Sams starke Abneigung gegen Professor zu relativieren, zu mildern, ihn eben so darzustellen, wie er selbst ihn sah: ein kleines Bißchen schrullig, an sich aber scheinbar absolut integrer Mensch.

Und schließlich war noch McGuates an der Reihe, doch hatte er am wenigstens zu berichten. Nur das Elaborat über die effizientere Organisation der Gehirnwäsche bei den Massen, das er in dem Ordner mit Hoffmanns Namen fand, war erwähnenswert.

Während der Berichte schwiegen Khaar und Hjalny, waren aber ganz aufmerksame Zuhörer. DJ beobachtete einige Male intensiven Blickaustausch zwischen den beiden Solitären, auch da, als McGuates von dem gehackten Ordner bei der Unesco sprach.

`Andere Ordner kannst du nicht hacken?` fragte Khaar, das heißt, er fragte nur mit der Stimme, mit dem Satz selbst stellte er einfach eine Tatsache fest.

Schon diese Frage war eine Beleidigung für den Größten Hacker der Welt, wie McGuates sich gerne nannte. Noch beleidigender war, daß McGuates sie nicht als Frage empfand, sondern als Zweifel in seine Fähigkeiten. Er war kurz vorm Aufbrausen, mit den Augen suchte er bereits nach einer Holländerschnitte, die er sich sofort beim Einchecken in Hotel besorgt hatte, doch dann entschärfte Hjalny die Bombe, die in der Luft lag. Mag sein, so feinfühlig und sensibel, wie sie schon war, hatte sie die Gefährlichkeit der Situation erkannt, jedenfalls brachte sie einen neuen Aspekt ins Spiel:

`Das könnte dann eine absichtlich gelegte Spur bedeuten.` sagte sie in die Spannung des Raums, die sich sofort beruhigte. Jeder begriff natürlich, was sie sagen wollte: gelingt es eine Datei solchen Inhalts zu hacken, dann gebe es kaum Gründe, die anderen Dateien nicht hacken zu können. Und da es nicht gelingt, weitere Dateien zu hacken, so könnte das leicht sein, sie wurde dem Hacker zum Fraß vorgelegt.

`Nein, aber warum sollte er das tun?` fragte DJ, der so ein Benehmen des Professors nur als absurd einsehen könnte..

`Well. Weil er ein dreckiges Spiel spielt.` Sam könnte es kaum abwarten, noch eine Salve auf Professor zu feuern, der hatte an Hoffman wahrlich einen Narren gefressen – im negativen Sinn. Dabei machte er ein Gesicht, denn die Menschen damals gerne aufsetzten, als sie über Politik sprachen: eine Mischung aus Ekel und boshafter Häme. Am Sams Gesicht war der Ausdruck besonders gelungen (meiste Amis sind, da in der schieren Heuchelei erzogen, exzellente Schauspieler, und Sam war ein besonders guter), so daß McGuates und Hjalny auflachten, und selbst über Khaars stets überaus ernstes Gesicht etwas huschte, was wie ein Schatten eines Lächelns aussah, während der Hund eine lustig-dumme Schnauze machte, so als wurde auch er lachen.

Nur DJ lachte nicht. Nach seiner Lebenserfahrung und seiner Lebensweisheit war das so ungefähr ziemlich das Abstruseste, was er sich vorstellen könnte. Bis ihm McGuates den Professor als für ihre Suche geeigneten Ultraphysiker vorschlug, hatte er nicht mal gewußt, daß es einen Professor Hofmann gab. Und auch der Professor, möge er über DJ in den einschlägigen Medien auch etwas gelesen haben, so war es schlichtweg unmöglich, daß DJ ihm irgendwie in die Quere kam, und dem Professor einen Grund für irgendwelche Hinterhältigkeiten gab. Und da die Angelegenheit absolut privat ist, so könnte er und könnte nicht einsehen, in wieso Hoffmann überhaupt auf die Idee kommen könnte, die Suche zu hintergehen, ja sogar zu sabotieren.

Er trug seine Bedenke der Gruppe gemessen vor, bemühte sich um möglichst einleuchtenden Wortauswahl. Für ihn war die Logik dahinter granitfest. Aber scheinbar nur für ihn: McGuates hatte da überhaupt keine Meinung, Hjalny und Khaar waren skeptisch, hielten sich beide Alternativen offen, während der Hund natürlich wie immer absolut Khaars Meinung war.

`Unwichtig, was er wollte.` meinte Khaar nach einer kurzen Pause, die DJs vergeblicher Auslegung folgte: `Vielleicht ist Datei eine Falle. Für jede Art von Hackern.`

`War die Datei verwanzt?` fragte Hjalny, worauf der Professor heftig seinen Großkopf schüttelte:

`Nein, ich habe es natürlich überprüft, durch Segmentprobenmethode, durch asymmetrische Vergleiche und natürlich durch kalkulative Spekulation. Die Datei ist sauber.`

Er redete sehr beflissen. Er fand es offensichtlich sehr angenehm, ja geradezu himmlisch, von Hjalny angesprochen zu werden. Von Khar dementgegen möchte er am liebsten weder angesprochen zu werden, noch überhaupt etwas von ihm wissen. Sobald der Solitär auch den Mund aufmachte, fühlte sich McGuates aufs Äußerste provoziert.

`Lassen wir das jetzt. Im Augenblick ist das unwichtig. Wichtiger sind Infos über Hoffmann.`

Sagte er auf seine resolute Weise, blickte dabei McGuates an, der bereits Khaar selbst als Beleidigung seiner Professorenwürde empfand, und jede Bemerkung von ihm nunmehr als ein Affront zu derselben Würde auffassen müsste. Diesmal griff er sogar nach einer Holländerschnitte.

`Professor!` rief DJ schnell, noch bevor McGuates den Kuchen Khaar ins Gesicht werfen könnte. Und er rief ganz resolut, legte seine ganze Autorität als Expeditionsleiter in diesen Ruf hinein, so könnte es selbst für einen unerzogenen Ami-Bengel keinen Zweifel gegeben haben, daß eine gewisse Grenze nicht überschritten werden darf.

Und dieser Appell an seine Professorenwürde wirkte. McGuates ließ den Kuchen stehen, ließ sich vom Helpmates, einen Zitronenwasser-Taschentuch geben, wischte sich verdrießlich die Hände ab. Khaar machte sich natürlich rein gar nichts aus dem ganzen Theater mit McGuates. Er möchte gerne näheres über die Schwierigkeiten wissen, die McGuates mit dem Unesco-Rechner hat.

`Das ist nicht dieser verdammte Scheiß-Unescorechner, Kuhpisse und rostige Mikrochips noch mal. In den scheißverdammten Unesco-Kasten gehe ich ein und aus, wann ich will und wann ich dazu Lust habe, ich. Ja, ich kann das, ich mache das!...` schrie McGuates Khaar an, beleidigt, weil dieser ihn, das Computer-Wunderkind ohnegleiches für so einen blutigen Anfänger hält, das es nicht ein Mal schafft, einen simplen Unesco-Rechner zu hacken. Der kleine Zwerg regte sich so auf, daß es nötig wurde, ihn zum zweiten Mal an seine Professorenwürde zu erinnern. Dann fasste er sich allerdings zusammen und erzählte näheres über die Schwierigkeiten, die es da gab.

Also, Unesco-Rechner ist kein Problem. Auch Hoffmanns Abteilung selbst nicht. Was es aber den `Scheiß-Hoffmann` (wie McGuates das formulierte) selbst angeht, seine Abteilung hat einen Datenverkehr, der den offiziell angegebenen Datenverkehr seines Ressorts stark übersteigt. Analysiert man den Datenverkehr von Unesco (`Ich kann das!` sagte McGuates da und blickte drohend in die Runde, ob sich da etwa Widerspruch regt), dann fällt auf, daß ausschliesslich von Hoffmanns Abteilung, ja Hoffmans persönlichen Rechner ungeheure Mengen von Daten verschoben werden, die mit dem offiziellen Datenverkehr der Unesco nicht übereinstimmen.

`Und zwar in den Millionenpotenzen, ja vielleicht sogar Milliardenpotenzen, ich habe noch viel zu wenig Daten, um das ausrechnen zu können.` dozierte McGuates professorenmäßig.

Ja. Das eigentlich Dumme an der ganzen Sache ist es, daß diese ungeheure Datenströme zwar eindeutig durch Hoffmanns Rechner fliessen, aber überhaupt keine Spuren hinterlassen. Auch keine Notiz darüber, kein Memo, keine sonstige Rückschlüsse lassen sich als Beleg für diese ungeheure Datenströme finden.

DJ verstand, was McGuates meinte: das war so, wie ein Fluss in einem Karstgebirge plötzlich versickert, und anderswo wieder auftaucht. Man sieht den Fluß auf einer Seiten untergehen und auf anderer wieder herauskommen, doch dazwischen, also im Hoffmanns Rechner, sieht man nichts von diesem Fluß.

`Und? Wo sind diese Datenmengen jetzt verschwunden? fragte sich McGuates und für einen Augenblick sah er echt wie ein ratloses Kind aus, was er eigentlich auch war.

`Du hast da überhaupt keine Anhaltspunkte?` fragte Hjalny, die nach einer kurzen Augenkommunikation mit Khaar die Befragung von McGuates übernommen hatte, wofür DJ ihr dankbar war, so fühlte sich der kleine Professor nicht ständig provoziert, er könnte also freier reden, was sicher der Kommunikation und Verständigung förderlich war. Tatsächlich vergaß McGuates alle seinen Animositäten, als Hjalny ihn ansprach, wieder fühlte er sich becirct und legte los, und es kam tatsächlich einiges dabei heraus, was McGuates zuerst nicht aufgefallen war.

Ja, erzählte er plötzlich aufgeregt. Da hatte er drin ein Mal etwas ganz seltsames gesehen. Das heisst, er war sich nicht sicher es tatsächlich gesehen zu haben. aber es war ihm wenigstens so, tatsächlich ein von diesen phantastischen DCCs gesehen zu haben.

`Jemand schon von DCCs gehört, ihr Primaten?` fragte McGuates in die Runde, blickte dann zum Khaar hinüber und fragte wieder, nun besonders hämisch: `Du, Khaar? Schon etwas von DCCs gehört?`

O, wie McGuates Gesicht strahlte, als Khaar den Kopf schüttelte, obwohl Khaar den Kopf ziemlich gleichgültig schüttelte:

`Ich kenne das. Ich weiß was das ist. Ich habe es jetzt gesehen. Ich in Unesco-Rechner.`

McGuates war so drauf und dran, eine lange Eloge auf sich selbst loszulassen, daß DJ es nötig fand, mit einem nicht so diskreten Hüsteln ihn zu erinnern, wie es jetzt nicht um ihn, Professor McGuates, sondern um Professor Hoffmann geht, vielmehr um seinen Rechner.

McGuates begriff natürlich den Fingerzeichen, gab sofort klein bei, und erzählte dem Team von diesen sagenhaften DCCs.

Das Neueste, was es überhaupt gab. Er selbst hatte es erst vor 3 Tagen davon erfahren. In einem hochgeheimen Forum erzählte einer, der sich M@rder nennt, das ist eine Abkürzung von `Maskierter Rächer der entrechteten Rechner`, von diesen wundersamen, aus Daten formierten, Gebilden, die wie elektronische Blumen anmuten oder wie Kunst aus den höheren Sphären, als Kunst also, von entschwebten Göttern erschaffen. Er nennt sie Data-Crop-Circles, oder abgekürzt eben DCC, weil diese Objekte irgendwie an die lustigen Crop Circles erinnerten, mit dem die Spaßvögel im vorigen Jahrhundert das Publikum belustigten. Die Daten dieser seltsamen Objekte bilden in den 1/0-Zahlenfeldern nämlich so etwas wie Muster, die jenen in den Kornfeldern gleichen. Allerdings weisen DCC-Objekte eine dreidimensionale Struktur auf. Ihre Muster beschränkten sich also nicht nur auf die Oberfläche der Zahlenfelder, sondern auch auf ihre Tiefe, und die ist bekanntlich grenzenlos und ewig. Dazu noch eine Reihe ganz spezifischer Eigenschaften, die man bis da in der Kybernetik noch niemals beobachtet hatte. So `schweben` diese dreidimensionalen kybernetischen Figuren aus Zahlen im Rechner ganz unbestimmt, so, als hätten sie überhaupt keine Adresse, als wären sie nur als Illusion gespeichert. Sie sind auch kaum sichtbar, also in etwa den durchsichtigen Medusen im Ozean ähnlich, die so vollkommen mit ihren Umgebung verschmelzen, dass sie von dem Wasser kaum zu unterscheiden sind. Und eben wie richtigen Medusen eigentlich nicht greifbar sind, weil sie von den Netzen nur durchsiebt werden, und auch direktes greifen nach ihnen sie zerstört, so sind auch diese DCCs überhaupt nicht greifbar. Diese Muster in den Zahlenfeldern sind also flüchtig: kaum hatte man sie erkannt, schon hatten sie sich weiterverlagert, kaum lokalisiert man sie irgendwo im Speicher, schon verändern sie ihre Form, verschwinden zugleich, zerspringen manchmal wie eine Explosion in Myriaden Minigebilden, die zusammen ein Etwas darstellen könnten, als einzeln aber kaum eine Monade sind, eigentlich nur ein Nichts, das eine einzelne Schwingungsperiode von einem Etwas entfernt ist. M@rder vermutete, diese Gebilden könnten die sagenhafte Grenze der Lichtgeschwindigkeit im Datenverkehr durchbrechen, wodurch praktisch die abgeschickten Daten früher empfangen werden könnten, als man sie abgeschickt hätte, womit der Programmierer dieser DCCs theoretisch die Kontrolle über alle Daten der Welt übernehmen könnte, womit er praktisch eine absolutistische Herrschaft über die ganze Welt erlangen würde.

Ja, und jetzt hatte der `… ich, ich, ich Professor McGuates…`, mit einer ziemlichen Sicherheit so ein DCC im Unesco-Kasten schwebend erspäht.

Wieder tauschten Khaar und Hjalny einige Blicke, dann fragte Hjalny weiter:

`Könnte das nicht eine vollkommen neue Technologie sein? Eine die noch in Erprobung ist?`

McGuates schüttelte heftig sein Großkopf, obwohl er von Hjalny charmiert wurde, könnte er seine Abneigung gegen die endlose Dummheit der Frauen nicht ganz verdrängen.

`Ich habe nichts davon gehört, und ich hätte etwas davon hören müssen. Ich kenne all die vertraulichen Quellen. Ja, die kenne ich. Ich hacke alle Rechner, ich kenne jede neue Technologie kaum ist sie als Idee abgespeichert. Ich kenne jede Idee. Ich weiß alles… Ich weiß auch, wozu so ein DCC gut ist!`

Denn letzten Satz sprach McGuates mit Ausrufzeichen, so, als wäre er selbst von seinem plötzlichen Wissen überrascht. Dann aber legte er eine Kunstpause ein. Zuerst schaute er sich in der Runde um, ob alle ihm und seiner Geschichte genug Aufmerksamkeiten schenkten, und da das tatsächlich der Fall war, selbst der Hund hing ihm an den Lippen, schwieg er noch einen Augenblick lang, um die Stimmung zu steigern, um dann mit seiner Sensation aufzuwarten. Doch war seine Pause wohl um einen Augenblick zu lang, denn nun redete Khaar und stahl ihn die Pointe:

`Verstehe. Du meinst, die DCCs dienen als Medien. Sie transponieren die Daten zu deinem Unsichtbaren Rechner. Darum kommst du nicht daran. Weil die DCCs nicht zu fassen sind.`

Also, selbst McGuates, der wirklich wegen jeden Scheiß beleidigt wurde, dürfte diese Bemerkung nicht als Beleidigung auffassen: Khaar resümierte nur das Gesagte. Aber er hätte dieses Resümee doch dem Kleinen überlassen sollen. McGuates faßte es also doch als Beleidigung auf, immerhin hatte ihm dieses hohlköpfige Muskelpaket die Pointe seines Lebens vermasselt. Die Enttäuschung war so groß, dass es der kleine Großkopf diesmal nicht aggressiv reagierte. Überraschenderweise wurde er nur traurig und ignorierte den Grobian, der ihm so unverschämt die Show stahl. Wortlos stand er auf und verließ das Team. Während er durch den Raum zum Tür seines Zimmers ging wogte sein Großkopf wie eine groteske Trauerweide hin und her, und der kleine Professor war echt elend anzuschauen.

Hjalny schaute ihm mit dem tiefsten Mitgefühl nach. Zum ersten Mal sah DJ, dass sie doch nicht immer heiter ist, denn diesmal machte sie wirklich ein unglückliches Gesicht.

 

 

 

 

 

38. DIE AUFGESCHOBENE SATISFAKTION

 

Als DJ am nächsten Morgen aus dem Fenster hinunter auf den Ponton blickte, der auf der überfluteten Riva degli Schiavoni aufgebaut war, hatte er einen Grund Augen zu machen. In den Touristenmassen, die sich da unten herumtrieben, sah er plötzlich einen der beiden Kleriker wieder, die ihm bereits in der Diligence von Mailand nach Paris aufgefallen sind, und die er witzigerweise auch neulich bei der WKKG-Newsline sah, wo sie dem Papst bei der Präsentation der neuen Qumranrolle assistierten. Der Mensch ging, vielleicht 20 Meter Luftlinie entfernt, zum Ponton in Richtung Markusplatz. Auch in der Menschenmenge war er klar erkennbar, da er im Gehen zum Hotel blickte und DJ, ein guter Menschenbeobachter, vergaß die Gesichter nicht so leicht. Zumal dieses Gesicht schon wegen seiner simplen Struktur total auffiel. Es war der Ältere der Beiden, nur trug er diesmal kein Klerikerornat. Er war im üblichen Strassenlook gekleidet, so wie sich in etwa zahlreiche Bürokaraten aus der Zeit kleideten, hatte sogar an der Brusttasche seiner Jacke eingewebten Erkennungschip, den so genannten Goldenen Schlüssel, der den Bürokraten gemäss ihrem Rang Zutritt zu den wichtigen Einrichtungen und Daten des Staates verschaffte. Allerdings war es auf diese Entfernung nicht zu erkennen, welcher Klasse der Chip gehörte. Bestimmt war das nur ein Schlüssel mit äusserst niedriger Priorität; die höheren Chargen pflegten niemals ihre Schlüssel so offen zu tragen.

Das war schon ein komisches Gefühl, diesen Menschen wieder zu sehen. Nicht in einem bedeutungsvollem Sinn, nein, das nicht. DJ fand das als eine lächerliche coincidentia oppositorum, ein Zusammenfall von an sich unvereinbarer Gegensätze. Da es aber nun bereits zum dritten Mal vorgekommen ist, daß ihm der Mensch vorkam, entschloss er sich, diese Begegnung beim Frühstück zu Rede zu bringen. Wiederum, nicht so sehr, weil ihm das wichtig erschien, sondern mehr, um dem kleinen Professor ein Erfolgserlebnis zu verschaffen, ihm eigentlich eine Satisfaktion zu geben. Zwar begriff DJ sehr wohl, warum Khaar den kleinen Professor da so grob brüskiert hatte, als er ihm die Pointe vor der Nase wegschnappte, der wollte ihn bloss zum Nachdenken provozieren, trotzdem hatte er Mitgefühl mit dem armen Kind, das sich so extrem gierig nach einer Anerkennung sehnte.

Bereits da, als er gestern zum ersten Mal vor dem Team berichtete, war es ihm deutlich anzusehen, wie es ihn störte, mit den leeren Händen zu stehen und als ein elender Versager zu gelten. Selbst einem Amerikaner, der sich nur ungern als Amerikaner sieht, ist es extra unangenehm, zum Versager abgestempelt zu werden, das ist ein Atavismus aus den alten Tagen des Wilden Westens, der Wiege der Amerikanischen Kultur, wo man ganze Kerle brauchte, um in ihren Prärien überleben zu können. Und eben darum wußte DJ nicht so recht, was er von McGuates seltsamen Gebilden, diesen DCCs halten sollte. Das hätte nämlich sehr leicht der Fall sein können, daß sich der Professor diese komischen Gebilden nur ad hoc ausgedacht hatte. Vielleicht gab es bisher diese famosen DCCs überhaupt nicht, vielleicht hatte sie der schlaue amerikanische Kind-Professor gerade im Augenblick zusammenphantasiert, als er von ihnen erzählte, rein nur, um sich wichtig zu machen, um überhaupt etwas zum Vorzeigen zu haben. Eben die Menschen, die nach Annerkennung lechzen, entwickeln eigentümliche Phantasien und erfinden skurrilste Geschichten, um sich endlich in der Anerkennung zu suhlen. Und da McGuates Intelligenz wahrhaft überregend war, könnte er sich sehr wohl auch unwahrscheinlichste Wunder einfallen lassen.

Das war schon bezeichnend, daß er zuerst nicht sicher war, ob er das Objekt gesehen hatte oder nicht, dann aber weiter davon erzählte, als hatte er es tatsächlich gesehen. Und je weiter er auch darüber redete, um so phantastischste Eigenschaften bekam es zugedichtet. Aber das war nicht wichtig, solche Phantasien tun niemandem weh, zumal es auch sicher war, daß der Kleine seine Arbeit doch machen wird. Auch Sam war davon überzeugt.

Also war es dem Kleinen überhaupt nicht zu verdenken, daß er beleidigt wird und phantasiert. Besonders dann nicht, wenn die Jamaikanischen Pralinen, wie DJ sich das leicht ausrechnen könnte, schon alle waren, und der kleine Professor inzwischen an den ziemlichen Entzugserscheinungen leiden müsste. Nach jenem schweinischen Konsum der letzten Wochen so plötzlich trocken zu sein, das muss beim Kind schon richtigen Turkey verursachen, das war sich DJ sicher. Allerdings bewunderte er den Kleinen, der hatte sich schon gut unter Kontrolle. Zu den cholerischen Anfällen tendierte er ohnehin, und man könnte nicht sagen, ob er seit dem sie aus Frankfurt weg waren und er keinen Dope mehr hatte, cholerischer war als sonst.

Da unterschätzte DJ natürlich den amerikanischen Anteil am Professor McGuates aber sehr. McGuates war vielleicht ein sehr unreifer Professor, aber doch nicht dumm. Er haßte zwar Amerika wie die Pest, sah es aber nicht unter seiner Professorenwürde, sich geradezu amerikanisch geschickt zurechtzufinden. Und warum sollte jemand, der die Situation so gut kapiert, wie ein gebildeter Amerikaner, ohne Drogen bleiben, bitteschön?

Bereits beim Einchecken in Danieli hatte sich McGuates mit Nachschub versorgt. Noch während DJ mit seinem Team im Schlepptau zu der Rezeption ging, hatte McGuates, der wie stets etwas hinter der Gruppe trottete, mit dem Pagen ein paar Worte im Bimbo gewechselt, ihm etwas Geld zugesteckt, und noch bevor die Gruppe ihre Suite erreicht hatte, bekam McGuates von einem Helpmate, von einem Roboterdealer sozusagen, ein, nicht einmal so kleines, Päckchen zugesteckt. Damals sind meiste Enddealer, die also die Kunden direkt belieferten, Roboter gewesen, fast in der Regel Helpmates. Das geschah aus Selbstschützes der wahren Dealer. Man könnte das ohne weiteres tun, einem Helpmate ein Drogenpäckchen mit dem Order geben, das Päckchen an einen bestimmten Menschen an einem bestimmten Ort abzuliefern, müsste das Helpmate schon wegen seiner Ethik parieren, die ihm befiel, den Menschen stets zu Diensten zu sein. Maskierte man sich also, bevor man dem Roboter den Auftrag gab, wusste der dämliche Blechkamerad natürlich nicht, wer ihm die Order gegeben hatte. Natürlich speicherte er in seiner Memory das Bild des Maskierten, aber das war auch alles. Die Drogeninquisition könnte also Helpmate erwischen und die Droge konfiszieren, doch der wahre Dealer war in Sicherheit.

Übrigens war im Päckchen, das McGuates von dem Roboter bekam, diesmal keine hart gepreßte Marihuana, harzreicher Haschisch oder sonst eine Hanf-Sorte drin, sondern ein gräuliches, körniges Pulver. Der kleine Professor hatte sich soeben etwas Koks besorgt. Und zwar nicht das, relativ harmloses, Naturkokain, das aus den fermentierten und fein gemahlenen Kokablättern hergestellt wird, sondern die richtige, hoch raffinierte Ware. Na, dann prosit! Der kleine Professor begann scheinbar ein Gefallen an den Drogen zu finden. An vielen Drogen.

Das alles wusste DJ noch nicht, daß soll er erst in den nächsten Wochen und Monaten durch Beobachtung alles erfahren. In dem besagten Augenblick ging es DJ nur darum dem Kleinen eine Gelegenheit zu geben, als strahlender Sieger da zu stehen, und das ging eben mit Hilfe dieser beiden Kleriker. Da hatte er in Frankfurt vor McGuates erwähnt, daß er im Fernsehen zwei Leute gesehen hatte, die ihn gerade bevor er nach Amerika aufbrach über den Weg gelaufen sind. Das brachte McGuates sofort auf seine Hackerfähigkeiten zu sprechen, und er prahlte mit seiner Kenntnissen Vatikans, denn er hatte jede verdammte Datei im Vatikan-Rechner gehackt, sogar die Hochgeheimen Dateien der Prozesse gegen grosse Häretiker und Schismatiker, wie Jan Huss, Girolamo Savonarola und Giordano Bruno. Und da war eben die Gelegenheit, dem kleinen Professor eine Gelegenheit zum Triumph zu geben. Er soll alles Mögliche über die beiden erfahren. Zwar hat das mit der Suche nicht direkt etwas zu tun, aber als Vorübung für seine anstehenden Aufgaben wird das schon gut dienen können

Also begab sich DJ ins Eßzimmer, um mit seinem Team zu frühstücken.

Da sowohl DJ wie die beiden Solitäre Frühaufsteher gewesen sind und Sam scheinbar niemals schlief, hatte man sich darauf geeinigt, jeden Morgen mit einem gemeinsamen Frühstück zu beginnen, wobei man noch die Aufgaben des Tages besprechen könnte. Professor McGuates liebte es zwar, wie eben alle Kinder, ganz lange zu schlafen, doch Sam hatte das Helpmate angewiesen, den Kleinen unerbittlich um sechs Uhr Morgens aus dem Bett zu werfen, hatte ihm eingeschärft, sich von McGuates nicht umprogrammieren zu lassen, so war der Kleine jeden Morgen fast pünktlich auf der Matte, saß mit allen anderen um halb sieben am Frühstückstisch. Fast pünktlich, wie gesagt, denn obwohl er aufgestanden war, kam er nicht, so schickte Sam das Helpmate, ihn sofort zu holen. Da ging auch Hjalny, so lange man auf den Kleinen wartete, mal weg, ins Bad, um ihre Morgentoilette komplett zu machen. Sie verbrachte scheinbar nicht weniger Zeit im Bad als jede andere Frau, allerdings sah sie niemals irgendwie geschminkt oder sonst unnatürlich aus. Ihr Makeup hatte solche feine Pastelltöne, daß es fast unmöglich war festzustellen, ob sie geschminkt war oder nicht.

Die Helpmates hatten ein prachtvolles Frühstücksbüffet aufgebaut, mit kalten und warmen Speisen und allem drum und dran, natürlich mit Akzent auf Venedig und lokale Küche. So gab es neben dem Schinken aus Parma, San Daniele und Sauris auch den wenig bekannten aber genau so guten Proscuitto Veneto Euganeo Berico, den Schinken der venezianischen Dogen, sowie wenig bekannten Köstlichkeiten der venezianischen Küche wie Kürbis-Gnocchi mit geräucherter Ricotta, marinierte Sardinen genannt Sarde in Saor, mit Kräutern gefüllten und in Nussbutter geschwenkten Teigtaschen Cjalzonz mit Montasio-Käse, mit einer Nuss-Rosinenmasse gefüllten Hefekuchen Gubana und Mürbegebäck Strucchi. Natürlich gab es auch Holländerschnitten. Das auf ausdrücklichen Wünsch von McGuates, der zu jeder Mahlzeit unbedingt Holländerschnitten haben mußte und dazwischen natürlich auch. Die aß er aber nicht wirklich, die dienten ihm, um damit die Helpmates zu bewerfen, sobald er sich ärgerte.

Als DJ unter allen diesen Köstlichkeiten auch Embriago-Käse erblickte kam ihn wieder einmal Tycianna in den Sinn. Diesmal aber erinnerte er sich ihrer nicht in jener tumben, erschrockenen Weise, wie sie ihn bisher jedes Mal in den Sinn kam, mit einem Hintergrund des Horrors und Schreckens. Diesmal erklang das Lachen als Hintergrund, den er erinnerte sich eines Abends, als er Tycianna besuchte und diese gerade Embriago gegessen hatte, und von ihm violett gefärbte Lippen hatte. Der Embriago-Käse, auch eine Köstlichkeit aus Venetien, wird nämlich für einige Tage im Most eingelegt, wovon er violette Rinde bekommt, sowie seinen charakteristischen Weinduft und süß-scharfen Geschmack. Und als Tyciannas violetten Lippen ihn küßten, blieb auch an DJs Mund der violette Abdruck, und Tycianna lachte:

`Jetzt siehst du aus, als hätte dich ein violetter Vampir geküßt.` sagte sie.

Und DJ, der große Frauenkenner, fragte sich natürlich sofort, wieso sie gerade an Vampirkuss kommt. Ebenso gut hätte sie sagen können, er sehe aus, als hätte ihn eine violette Miss World geküßt, oder eine violette Schlampe, doch sie redete vom Vampir.

Und plötzlich, während ihn jene Episode einfiel, wurde ihm so, als würde er eben hier, in dieser Episode vielleicht eine Spur zu dem Schlüssel seiner fehlenden Erinnerung finden können, doch im gleichen Augenblick verlor sich dieser Moment aus seinen Gedanken, denn nun trottete endlich Professor McGuates hinein, noch im Schlafanzug und Pantoffeln auf den Füßen, und gleich nach ihm auch Hjalny-Sonnenschein. Und als wollte sie DJ an sein Vorhaben erinnern, McGuates eine Gelegenheit zum Strahlen zu geben, schnitt Hjalny gerade das Thema an, die DJ selbst angeschnitten hätte. Hjalny kam also aus dem Bad so gutgelaunt wie immer, und am Morgen war sie stets besonders gut gelaunt. Sie blieb an der Tür des Eßzimmers stehen und sprach plötzlich mit einer Stimme, die zu ihrem heiteren Gesicht gar nicht passen wollte, weil sie im Bass sprach, wobei sie die Aussprache besonders drohend und schrecklich modulierte:

`Der Herr sagte zu mir: Im Feuer meines Zorns werdet ihr geschmolzen wie das Metallgemisch im Ofen. Ihr sollt erkennen, daß ich, der Herr, von glühendem Zorn gegen euch erfüllt bin.` sagte sie so drohend, dann lachte sie und sprach weiter mit normaler Stimme: `Ezechiel zweiundzwanzig siebzehn.`

Sie hatte ihre Stimme so geschickt zum Bass verstellt, daß die ganze Gesellschaft inklusive Hund zu ihr hinaufblickte, das heißt, Khaar blickte nicht hin, er war mit seinem Arco beschäftigt und ließ sich bei dieser Beschäftigung nicht einmal von der plötzlich bass sprechenden Hjalny stören.

`Nanu!` wunderte sich DJ, der trotz Hjalnys drohender Stimme natürlich wußte, daß sie nur Schabernack trieb: `Eine Solitärin und Bibel. Wie paßt das zusammen?`

`Gut paßt das zusammen, wenn man sich beim Nasepudern die WKKG-Newsline reinzieht.` lachte Hjalny nun wieder ganz normal, ihre Stimme klang wie immer, klang wie heiteres Geläute der Maiglöckchen. Sie erzählte, wie der Papst Pädophil I. gerade vorhin gegen den Unglauben wetteiferte und der Menschheit mit seinem Macho-Gott drohte, wobei er eine Fülle von solchen schrecklichen Bibel-Sätzen zitierte, die schon immer davon zeugten, Jahwe sei keinesfalls ein Gott der Nächstenliebe, sondern ein Gott der Rache und Intoleranz und Schreckens.

`Na, in dem Fall würde ich nicht gerne die Jungfrau Maria gewesen sein, über die dieser schreckliche Machogott herfiel.` kicherte sie zum DJ herüber, der tatsächlich gerade in dem Augenblick an die erste Nachricht dachte, die er in Albergo del Elefante über den Macho-Gott mitbekommen hatte, wo es hieß, die Jungfrau Maria wurde eigentlich vergewaltigt. Erst einen Augenblick später wir es DJ klar werden, daß die junge Solitärin in seinen Gedanken gelesen hatte. Sie war in der Tat eine vorzügliche Gedankenleserin.

`Ja. Als ich das hörte, Mack, dachte ich, deine phantastischen DCC-Objekte könnten das erste Werk unseres neuen Macho-Gottes sein, mit dem er an uns eine schreckliche Rache nehmen will.` lachte Hjalny lieb zum McGuates. Sicher hatte sie auch vor, den Kleinen zu ermuntern, um ihn von dem Reinfall abzulenken, den er am Abend zuvor mit seiner Prahlerei hatte. Dabei nannte sie ihn mit der intimen Anrede, die Sam benutzte, der sich irgendwie als die Vaterfigur des Professors sah. (Eigentlich mehr wie ein älterer Bruder, denn an sich war es ihm ganz schnuppe, wie es dem Professor ging und was er so tat.) So wie Hjalny da diese Anrede benutzte, müßte McGuates eigentlich verstehen, daß sie ihm Freundschaft anbot, dachte sich DJ, dem Hjalnys Lachen eigentlich galt. Sie lachte ihn an, weil sie wußte, er hatte es gerade kapiert, daß sie in seine Gedanken gelesen hatte.

Doch DJ hatte sich bereits darauf konzentriert, seine Geschichte zum Besten zu geben, und da dieser Auftritt von Hjalny gerade der Einstig war, den er suchte, legte er los. Während man sich von den Helpmates die besten Stücke vom Frühstücksbüfett servieren ließ und sich an den Leckereien gütlich tat, könnte er seine Geschichte loslassen. Er wäre irgendwie am Rande in diese Machogott-Geschichte involviert. Könnte man so sagen. Seit er sich nämlich auf dieser Suche befindet, laufen ihn ständig so zwei Kleriker über den Weg, die möglicherweise etwas mit dieser Vatikan-Geschichte zu tun haben können.

Er erzählte von der gemeinsamen Reise von Mailand nach Paris, von ihrem Auftritt mit dem Papst in der EKKG-Newsline, und von seiner Beobachtung vom gleichen Morgen.

Seine Geschichte erwirkte im Team großes Interesse. Besonders McGuates, der sofort bei Erwähnung von Vatikan kapiert hatte, daß er da zu tun bekommen wird, könnte es kaum erwarten, daß DJ zu Ende kommt, damit er in Aktion treten kann. Doch verschlang er trotzdem sein Frühstück mit dem Appetit eines frischen Drogenusers. Seit dem sie die Staaten verlassen, hatten sich McGuates Eßgewohnheiten total verändert. Während er zu Hause praktisch von Gummibärchen und Holländerschnitten und fast rohen Steaks lebte, entwickelte es sich nach und nach zu einem Feinschmecker. Er wollte, mal dies, mal das haben, so daß die Helpmates ganz schön zwischen ihm und Büffet zu fetzen hatten, um ihn zufrieden zu stellen. Dazu trank er ein unmögliches Gemisch, ein richtig schreckliches amerikanisches Getränk aus frischen Orangensaft, Tomatenjuce und Milch. Er hatte auch seine Eyescreen-Brille aufgesetzt, und während er aß flimmerte sein Augenmonitor, was meinte, neben Essen und Zuhören arbeitete das kleine Genie auch noch am Rechner.

Was DJ wunderte, als er den Kleinen sah: der war absolut in keiner schlechten Verfassung, Und das war zu befürchten, nach der Brüskierung, die Khaar ihm gestern zugefügt hatte. Doch nein, DJ war echt überrascht, wie gut der Kleine diesen, vermeintlichen, Tort weggesteckt hatte. DJ hatte natürlich keine Ahnung von den drei vollen Nasen, die sich das Computergenie reingezogen hatte, nachdem das Helpmate ihn aus dem Bett geworfen hatte. Mit so übervoller Nase hatte der überhaupt keine Chance, auf den Trübsalblasen. Allerdings war der Kleine doch zu bewundern, trotz der hohen Dosis beherrschte er sich perfekt, DJ wäre nie darauf gekommen, er läuft mit voller Nase herum. In der Wahrheit, das wird DJ später erkennen, hätte er sofort erkennen müssen, daß der Kleine schweinisch gedopt sei: sich gleichzeitig auf drei Sachen zu konzentrieren, dafür braucht man ja einen extrem klaren Kopf, und den bekommt ja nur durch Drogen, das hätte dem drogenerfahrenen DJ natürlich sofort auffallen können.

Hjalny hing an DJs Lippen, und da sie ohnehin die beste Zuhörerin war richtete DJ seine Geschichte eigentlich an sie. Und während DJ ihr die Geschichte erzählte, stellte er zum ersten Mal fest, was für ungewöhnliche Essensgewohnheiten das Mädchen hatte: sie aß fast ausschließlich Kuchen und Obst, höchstens noch einen Müsli oder Pasta mit Tomatensoße, und nur zu den Honigmelonen nahm sie etwas von rohen Schinken. Sie trank Milch und gerne auch einen Kaffee, den sie aber nicht mit Zucker, sondern mit den Atemgoldbonbons süßte, um ihm einen Mentholgeschmack zu geben.

Auch Khaar hörte extrem aufmerksam, geradezu bedächtig zu, obwohl er scheinbar nur mit dem Essen beschäftigt war und ruhig wie immer, scheinbar unbeteiligt, sein Frühstück einnahm. Er begnügte sich mit klassischem Frühstück, aus Frühstücksei, Brötchen mit Schinken, Wurst und Käse, Marmelade und Honig. Das aber in rauen Mengen. DJ erinnerte sich, irgendwo gelesen zu haben, daß das Neue Denken, das ungefähr Mitte der zweiten Dekade des Jahrhunderts also zusammen mit den Solitären aufkam, ebenso viele Kalorien verbraucht wie die schwerste physische Arbeit des Homo Sapiens. Wenn das stimmt, dann müßte der Riese aber verdammt viel mit Denken beschäftigt sein, denn seine Körperübungen, die er alltäglich machte, sind doch nicht so anstrengend gewesen, um jene Menge an Kalorien zu verbrennen, die Khaar zu sich nahm. Und irgendwo müßten sie ja verschwinden, jedenfalls setzte Khaar kein Gramm Fett an und sein Körper war nur muskulös. So aß er ruhig weiter, und nur an dem Hund war es zu ersehen, wie aufmerksam er DJs Erzählung lauscht. Als ob würde er stellvertretend für seinen Herr lauschen, lag dieser direkt vor DJ am Boden, mit erhobenen Kopf ließ er DJ nicht aus den Augen und verlor kein Wort. Er spürte natürlich, wie sehr sich sein zweibeiniger Kumpel für die Geschichte interessiert, und da sie ohnehin so gut wie eins waren, zumal in den Augen des Hundes, so interessierte ihn die Geschichte natürlich auch über aller Maßen.

Sam, schließlich, war ohnehin kein besonderer Esser. Ihm reichte ein Hotdog zum Frühstück und ein Hamburger zu Abend, oder auch umgekehrt, um gut satt zu sein, er ernährte sich ja praktisch vom Alkohol. Auch jetzt aß er ganz wenig, nur einen Hotdog und ein Frühstücksei mit Toast, das war alles. Zudem hörte er zuweilen sogar mit dem Essen auf, nur um besser zuhören zu können Offensichtlich witterte er hinter dieser, für DJ total belanglosen Geschichte, eine Spur, oder wenigstens einen vagen Hinweis. Wie ein Pointer beim Erspähen des Wildes, mit nach vorne gerichtetem Kopf, sog er jedes Wort von DJ ein. Und er war auch, der als erster sprach, nachdem DJ beendet hatte.

`Das ist wohl irgendein dummer Zufall, jedenfalls hatte ich auch soeben, direkt nach dem Aufstehen, einen von ihnen gesehen.` beendete DJ. Und er hatte noch nicht richtig beendet, seine Stimme lag noch in der Luft, schon sprach Sam, noch bevor McGuates den Mund aufmachen könnte.

`Well. Es gibt keine Zufälle, DJ.` lachte er trocken, ganz müde und bitter, so wie das schon seine Art war, erinnerte DJ in dem Augenblick wahrhaft an Humphrey Bogart und seine zynischen Grimmassen. Obwohl natürlich alles als Zufall ausschaut, meinte Sam weiter. Allerdings hatte ihn seine fast dreißigjährige Erfahrung mit der menschlichen Natur, vor allem mit ihren Abgründen, gut belehrt, daß alles irgendwie miteinander in Beziehung steht. Vielleicht ergibt es sich also gerade aus dieser belanglosen Episode eine Spur für sie.

Er hatte es auch gewußt, warum DJ die Geschichte eigentlich erzählt. Er hatte auch nicht vor, dem McGuates den Auftritt zu vermasseln, er wollte nur eben diesem andeuten, daß ihn die Sache sehr interessiert, daß er sich also besondere Mühe geben sollte, denn noch während er sprach blickte er fragend zu McGuates hinüber. Dieser wähnte sich schon wieder um einen Triumph gebracht, war schon bereit, trotz seiner vollen Nase zu schmollen, doch da servierte ihm Sam den Triumph sozusagen auf einem Silbertablett, und McGuates Stimme überschlug sich vor Eifer, den Triumph anzunehmen. Sofort öffnete er den CyS Raum, hatte bereits im Archiv des Senders den Film gefunden, den sich DJ in Frankfurt bei der WKKG-Newsline angeschaut hatte, alles in einem aberwitzigen Wahnsinnstempo, war gerade dabei, das Video zu zeigen, als Khaar seine Vorstellung beendete.

`Nein!` sagte Khaar. Dieser verdammte Khaar! McGuates Blick glänzte vor Hass, als er zuerst zum Khaar und dann zur Hjalny blickte. Auf der Platte vor Hjalny lagen auch ein paar Holländerschnitten, und die hätte McGuates jetzt aber nur allzu gerne jenem Khaar in das dumme, feige Gesicht geworfen. Der ungehobelte Grobian war gerade zum zweiten Mal dabei, ihm eine Pointe zu vermasseln. Er griff bereits nach der Platte, doch war Hjalny schneller, eine kurze Bewegung vor ihr und die Platte lag in Sicherheit vor McGuates Zugriff.

Khaar aber redete weiter: `Damit verlieren wir Zeit. Jetzt suchen wir nach dem Mädchen. Mack besorgt inzwischen alle Infos. Über die beiden und über die Rolle. Am Abend besprechen wir das.`

Als er beendete, blickte er zum Sam hinüber, und der begriff.

`Geht das in Ordnung, Mack?` fragte Sam, um alles zu klären. McGuates nickte, ihm war sowieso immer alles klar. Und da er begriffen hatte, daß sein Triumph nur aufgeschoben, nicht aufgehoben wurde, war er sowieso zufrieden.

Nachdem so alles besprochen und das Frühstück beendet war, ging das Team an die Arbeit. Man ging die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen, wie Hjalny das formulierte.

 

 

 

(wird fortgesetzt)

 

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