Machtworte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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WIE DIE SONNE

(EINE KLEINE GESCHICHTE DER MACHT)

 

Ich, König von Assur

und Herrscher der Welt...

(Wandschrift in Palast von Assur)

Als Phänomen hat die Macht keinen aushliesslichen anthropozentrischen Wert. Sie ist auch im Tierreich gang und gäbe und selbst die Flora kennt die Stärke als Mittel der Durchsetzung und abgesicherten Überlebens: die mächtigsten Bäume ersticken in ihrem Schatten allen anderen Wuchs, erlauben nur den ihnen angepassten Formen ein Überleben. Das sind Erscheinungen, die darauf schliessen lassen, dass die organische Schöpfung grundsätzlich hierarchisch aufgebaut ist. Offensichtlich stellt die Macht eine Universale und eine Grundbedingung des Daseins dar. Es darf behauptet werden, ohne Machtgelüste gäbe es keine höheren, biologischen Formen der Schöpfung. So verwundert die Faszination durch die Macht kaum - sie ist die mystischste aller Tatsachen.

Des Mysteriums ist noch mehr. Beobachtet man die Macht in reinen menschlichen Dimensionen, fällt zunächst auf, dass es in der Geschichte immer einen Staat gab, der mächtiger war als andere Staaten und in der jeweiligen Weltordnung die Rolle des Weltherrn spielte. Beobachtet man nun die Reihenfolge, in der die Weltmacht von einem Staat auf den anderen ging, entdeckt man, dass diese Bewegung keinesfalls eine willkürliche, sondern eine streng geregelte Struktur aufweist. Offenbar besitzt die Macht eine Eigenbewegung, und die ist mit dem Weg der Sonne identisch: vom Osten zum Westen. Nicht von ungefähr also wählten viele Mächtigen die Sonne als Symbol ihrer Allmacht.

Auch ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Macht lässt diese Bewegung einwandfrei erkennen: die ersten Mächte, die über die ganze damals bekannte Welt herrschten, formierten sich im Messopotamien, von da ging die Weltherrschaft auf Ägypten und, nach einem kurzen hellenischen Zwischenspiel unter Alexander, auf Rom über. Der ausgeprägte Bewegungsdrang nach Westen ist nicht zu verkennen. Später wird er nicht nur deutlicher, sondern auch schneller - mit der Zeit bewegt sich auch die Macht immer rasanter.

Nach dem Fall Roms ging die Macht weiter. Zunächst spielte sich das Heilige Römische Reich der Deutschen Nation als Erbe Roms auf, doch mit dem Ende des Mittelalters verwaltete bereits Frankreich alle Macht und Herrlichkeit auf der Erde, beeinflusste mit ihrer Politik und Kultur die Belange der Welt. Noch vor Französischen Revolution machte die Macht einen Sprung über den Kanal, um ein Besitz Grossbritanniens zu werden, das, so ausgestattet, ein Weltimperium schuf, in dem die Sonne in der Tat nie unterging. Zur Zeit ihrer höchsten Gloria, am Anfang des 20. Jahrhunderts, herrschte England über 20% der Erdoberfläche und knapp ein Viertel der Weltbevölkerung.

Da gab es noch eine Machtepisode mit Spanien, die mit der Entdeckung Amerikas und dank der klugen Heiratspolitik mit Burgund/Habsburg so um 1519 tatsächlich in die Lage versetzt wurde, die Nummer eins der Welt zu werden. Doch die Freude Karls V. war von kurzer Dauer. Der Anfang vom vorschnellen Ende macht bereits 1565 Wilhelm von Oranien, der sich gegen Spanier erhob, 1575 erlebte damals reichstes Land der Welt Staatsbankrott und 1588 ging mit der sagenhaften Armada auch der spanische Traum von der Weltmacht unter. (Mit der Zerschlagung Armadas übrigens sicherte sich England die Seemacht, also die Option auf die Weltmacht, da zu der Zeit schon die Seemacht die unbedingte Voraussetzung jeglicher Macht war.)

Die Macht konnte England trotzdem nicht behalten. Gegen der Ende des 1. Weltkrieges machte diese ihre bislang längste Reise: sie überquerte den Atlantik und nistete sich in den U$A ein. Und hier, in den Staaten, ist die Bewegung der Macht noch deutlicher, da detailliert zu beobachten. Wie eine Stafette bewegte sie sich hier von einer Stadt zur anderen.

Vorneweg gesagt: in noch einer Hinsicht drängt sich der Vergleich der Macht mit der Sonne auf. Ebenso wie die Sonne weist auch die Macht bei ihrem Auf-, beziehungsweise Untergang, eine Dämmerungsperiode auf. Wie sich die Germanen mit ihren ständigen Angriffen auf Rom auf seine Nachfolge vorbereiteten, so wurden in der Neuen Welt mit der Befreiung von Kolonialherrschaft Englands die Weichen für die zukünftige Machtansprüche gestellt. Die Machtablösung ist nie ruckartig und plötzlich. Die alte Macht geht nach einem längeren oder kürzeren Siechtum unter, während die neue allmählich heller erstrahlt. Salopp gesagt: in der Kulturgeschichte der Weltmacht fand je weder ein Umsturz noch eine Pallastrevolution statt.

Nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten wurde es vor allem notwendig, die Erschliessung der riesigen Räume im Inneren und Westen des Kontinents abzusichern. Zu diesem Zweck etablierte sich an der Ostküste die Finanz- und Versicherungsmetropole New York als das erste Machtzentrum Amerikas. Gleichzeitig diente die Stadt als `Einsaugrohr` für die Emigrantenmassen aus der Alten Welt, was ihre Führungsposition in der Neuen noch unterstrich: das Bild und das Verständnis der neuen Heimat, das die Neuankömmlinge nun besassen, war entscheiden von diesen ersten Eindrücken geprägt.

Auf Indianer(kriegs)pfaden, über den Oregon-Trail und der später legendären Route 66 ergossen sich jene Massen wie unaufhaltsame Ströme ins Innere des Landes und gegen Westen. Die zunehmende Erschliessung des Territoriums warf nun die Frage der administrativen Organisation des neuen Staats auf. Dadurch wurde nach dem amerikanischen Bürgerkrieg Washington DC, der administrative Mittelpunkt der USA, zur wichtigsten, das heisst mächtigsten Stadt der Neuen Welt.

Bei dieser Beobachtungen entsteht der Eindruck, dass eine Machtpotenz, sobald sie ihre Aufgabe erledigte unaufhaltsam verfällt und die Führungsposition einem neuen Machtzentrum überlässt, das ausnahmslos weiter westlich liegt. Warum das so ist wird eben hier besonders deutlich: es sind ausnahmslos wirtschaftliche Gründe, die diese Bewegung steuern - wie das die nächste Machtbewegung augenscheinlich macht. Nachdem nämlich die staatliche Organisation der USA durchgeführt wurde und die abgesicherte Ordnung ein Boom der Wirtschaft ermöglichte, benötigte das Land immense Arbeitskräfte. Emsiger als je in der Geschichte Amerikas luden die Transantlantikschiffe neue Menschenmengen auf die Elis-Island ab. Um die Ernährung und Versorgung dieser Armeen sicherzustellen erstrahlte nun Chicago im Glanz der absoluten Macht. Die Gründe für die Vormachtstellung dieser Stadt sind nur unschwer auszumachen: am Rande der grossen Prärien gelegen, wo Weizen gedeiht und riesige Rinderherde gezüchtet wurden, spielte die Stadt mit ihren Schlachthöfen und Warenbörsen die Rolle des `Bauches Amerikas`, wurde dadurch zum mächtigsten Zentrum eines Landes, das sich immer deutlicher als neuer Weltherr aufzuspielen begann.

Und immer schneller bewegte sich die Macht. Zeit ist angeblich Geld, und das scheint schneller als das Licht zu sein. Die wirtschaftliche Prosperität Amerikas verursachte auch Probleme: Probleme wirtschaftlich-technischer Natur, Transportprobleme etwa. Zum Beispiel, wie die an einem Ort nicht mehr benötigten Arbeitskräfte am billigsten, schnellsten und einfachsten an die andere Orte verfrachtet werden können, wo sie dringend benötigt wurden. (Bei Steinbeck [`Die Früchte des Zorns`] haben wir ein Beispiel dafür: die im Zügen der Rationalisierung land- und arbeitslos gewordenen Kleinfarmer Oklahomas, wurden in Kalifornien als Obstpflücker benötigt.) Da solche Wanderungen der Arbeitskräfte auch abseits der Zirkulation des Massentransportmittels Bahn gingen, sich unterwegs in kleinere Gruppen verflüchtigten, erwies sich das Auto als praktischstes Transportmittel.

Ja, es ist klar, dass jedes Machtzentrum so lange wie möglich versucht, die Macht zu behalten. So erkannte auch der Mittlere Westen, der mit Chicago zur Macht kam, beizeiten die Tendenzen der Zukunft. Man versuchte sich auch rechtzeitig darauf einzustellen - nicht zufällig also entstand in der Region amerikanische Automobilindustrie. Doch liess sich die Macht trotzdem nicht aufhalten: auch das beste Auto taugt nichts ohne den antreibenden Sprit. Nun kann man Autos überall bauen, der Sprit aber war nur auf den Ölfeldern Texas zu finden. So bekamen die USA zwischen den beiden Kriegen ein neues Machtzentrum - Dallas.

Mit der Macht fliessen enorme Profite in die Staaten hinein. Die ermöglichten sogar, die Menschheit in ein neues Zeitalter zu katapultieren: die Atombombe wurde gezündet, der Mensch entdeckte die Welt der Atomen und Quanten. Diese Entdeckung bedingte gar vielerlei. Vor allem wurde jetzt eine geradezu apokalyptische Zerstörung der Gegner der Macht möglich, was USA am Beispiel Japan sofort eindrucksvoll und mit Sicherheit exemplarisch (vielleicht sogar unbewusst prophylaktisch), als erschreckendes Beispiel, sozusagen, demonstrierten. Die Macht über Atom verlieh den konventionellen Machtäusserungen eine diabolische, beinahe göttliche Dimension. Es war zu erwarten, dass eine solch absolute Gewalt definitiv in der Hand bleibt, die sie besitzt. (Um so eher da die Massenmedien als vielleicht wesentliches Instrument der Macht gerade zu der Zeit von den Amerikanern zu ihrer Perfektion gebracht wurden.)

Weit verfehlt! Die Bewegung der Macht findet sozusagen ausserhalb des menschlichen `Machtbereiches` statt. Die Macht bedingt zwar die Gesellschaft, keinesfalls aber umgekehrt: Mensch kann die Bewegung der Macht nicht beeinflussen. Also war auch die, mit solchen absoluten Attributen ausgestattete Macht, nicht auf der Stelle zu halten, wovon bereits die Bewegung zeugt, die sie innerhalb der Staaten ausführte.

Mit dem Durchbruch in die Mikrodimension der Schöpfung kam es zu einer tiefgreifenden, diesmal wohl definitiven, industriellen Revolution. Mit der Erfindung der High-Tech wurde das Postindustrielle-Zeitalter eingeleitet. Die hohe Technologie unterscheidet sich von der konventionellen auch darin, dass sie weder auf Rohstoffvorkommen noch auf unmittelbare Energiequellen, noch auf sonstige Bedingungen der klassischen Wirtschaftsgeographie angewiesen ist. Sie benötigt aber unbedingt hochspezialisierte Arbeitskräfte, die fähig sind, mit der Transzendenz ins reine zu kommen. Wenigstens Anfangs waren solche Hochspezialisten rar wie die Kostbarkeiten der Märchenreiche. Um sie zu bekommen und um sie bei der Laune zu halten offerierte man ihnen geradezu fabelhafte Arbeitsbedingungen. Auch ihre Arbeitsplätze wurden dort errichtet, wo es am angenehmsten zu leben und arbeiten war. Vor allem wo ein urlaubsreifes Klima einen hohen Freizeitwert bescherte - die postindustrielle Gesellschaft begann bereits, sich in eine Freizeitgesellschaft zu verwandeln: aus dem Arbeitsmagd Aschenbrödel in ein popiges, strahlendes, surfendes, skatendes California-Discogirl. Was Wunder also, dass Silicon Vaily in dem Sonnenland der amerikanischen Sage liegt. Je bedeutender die neue Technologie wurde, um so nachhaltiger verschob sich die Macht von Dallas nach Elej – MS macht’s möglich.

Nun ist es nicht schwer, sich die zukünftige Bewegung der Macht auszumalen. Bevor wir uns aber mit dieser Zukunft beschäftigen, werfen wir noch einen Blick auf die Instrumente der Durchsetzung der Macht. Vor allem ist ihr Wandel interessant. Am Anfang gab es auf diesem Gebiet freilich nichts als blanke Gewalt. Die erste Grossmächte Messopotamiens etablierten sich, weil sie eine für damalige Zeiten schreckliche Waffe in Form von Streitwagen hatten. Der Streitwagen überrannte jeden Gegner, zermalmte alles unter sich, vernichtete alle Widerstände. Auch Ägypten noch, dessen Armeen vor allem dank dem Eisenschwert brillierten, das das Bronzeschwert ablöste, und die Mazedonier dank dem strategischen Vorteil ihrer gut gedrillten Phalanxformation, setzten auf brachiale Gewalt. Bereits mit Rom vollzieht sich aber der erste Wandel: nebst gefürchteter Legionen bediente man sich hier bereits einer Administration und einer Diplomatie um die Macht zu verwalten. Die effektive Staatsverwaltung und dazu notwendiges Rechtssystem wurden zunehmend wichtiger, um, spätestens zur Zeit Frankreichs als Weltmacht, gleichberechtigt mit der Militärpotenz zu werden. (Die Brillanz der französischen Administration spiegelte sich übrigens in der Tatsache, dass Französisch bis nach dem 2. Weltkrieg noch die ausschliessliche Sprache der Diplomatie war.)

Inzwischen aber kam es zu einer echten Neuerung in der Verwaltung der Macht. Während des Mittelalters erlebte der Staat die einzige und gründlichste Reformation seiner Geschichte. Als Robert Guiscard das Königreich beider Sizilien etablierte veränderte er nebenbei auch das Wesen des Staates. Bis zu dem Zeitpunkt war der Staat stark am Grundbesitz und weniger an Geldwerten begründet. Nun entstand der moderne Staat, der sich ausschliesslich aus erhobenen Steuern finanziert und seine Gunst nicht mehr in einem Lehen, sondern in Geldzuwendungen bezeugt. Die Mobilität und praktische Handhabung des Geldes setzten sich schnell gegen das Feudalsystem durch, und bereits England, das nicht nur durch Fleiss ihrer Menschen, sondern auch dank den kolonialen Eroberungen enorm reich wurde, perfektionierte, vor allem im Krieg gegen Napoleon, des neue Machtinstrument. Die USA dann, die sich zunächst durch das Reichtum des Landes, dann aus wirtschaftlichen Gründen (Amerikaner waren es eben, die in der ganzen Welt das Wort Business verbreitet haben), zu der reichsten Nation der Welt musterten, finalisierten schliesslich die Benutzung des Geldes für die Zwecken der Macht, indem sie ihre Verbündeten während des 2. Weltkrieges buchstäblich am Leben erhielten. Als (wohl nicht nur vorläufig) letztes Instrument der Machthabung, kam dann mit der High-Tech und Globalkommunikation die lückenlose Manipulation durch die Massenmedien hinzu.

Was es die Expansion der Macht anbetrifft: jede neue Weltmacht expandiert (vorwiegend) nach Osten. Warum das so ist, ist klar: im Osten lag die alte Macht, die es immer noch bis zum Äussersten zu bekämpfen gilt. Wie verbissen bekämpfte England Frankreich; da war der Hundertjährige Krieg nur ein Vorspiel und eine Vorbereitung für die Napoleonische Kriege, welche die tatsächliche Entscheidung über die künftige Weltmacht erbrachten. Nicht zufällig stellt England Lord Nelson auf derart hohen Podest im Herzen Londons auf. Eben er und seine Kapitäne, haben den hochmütigen Willen Albions der ganzen Welt aufgezwungen.

Erst der Dampfer und Telegraf beendete diese einseitige Expansion zur See, denn sie ermöglichten der Macht überall präsent zu sein. Zunächst mit einigen Verzögerung, doch wurde diese bald durch Flugzeug minimalisiert. Jets schliesslich, Langstreckenwaffen, (Spionage)Sateliten-Navigation und die immer perfekter werdende Noosphäre um den Planet ermöglichten nun die gleichzeitige Präsenz der Macht - auf dem Balkan wird sie deutlich vorgeführt. Die Macht ist ubiquitär, somit omnipotent. Der alte Traum jenes Rudels blonder Raubtiere, die sich einst begaben, die Welt zu erobern, war somit in Erfüllung gegangen.

Angesicht der Tatsache, dass sich die Macht immer weniger auf die Militär- und zunehmend auf die Finanzstärke und Beeinflussung stützt, darf man also erwarten, die nächste Weltmacht wird mehr ein Wirtschaftsriese als eine kriegerische Potenz.

Im milden kalifornischen Klima erleben wir also nur ein vorläufiges Ende der Machtgeschichte. Die Fortsetzung kündigt sich bereits an, und uns ist gestattet, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Zu einem verfallen bereits die, gerade in Kalifornien wie nirgendwo sonst auf der Welt, angehäuften Konglommerationen von Macht und Reichtum in einer spätrömischen Dekadenz, anderseits verschiebt sich mit der endgültigen Verwandlung der USA in eine Freizeitgesellschaft das Zentrum der Macht zunehmend in Richtung Hawaii, und drittens sind eben diese Passatinseln bereits fest in der japanischen Hand. Was die Mitshubishi-Bombern Admirals Yamamoto damals nicht erreichten, namentlich Pearl Harbour zu nipponisieren, das schafft heute enorme Geldpotenz Japans mühelos. Die japanische Eroberung Hawaiis ist freilich kein Zufall, da ist hochwertige Symbolik drin; was es Finanzpotenz angeht, läuft Japan zunehmend den USA den Rang ab, stellt damit den Anspruch auf den Thron des Weltherrschers auf. Wie die USA damals, als England im Zenit ihrer Macht war, insgeheim, also durch den Handel und merkantile Erschliessung, allmählich die Weltherrschaft an sich rissen, so beherrscht heute bereits Japan die Welt, die angeblich noch unter den Fittichen der USA steht. Japanisches Management (eine höhere, effizientere Stufe der Administration) ist dem der USA weit überlegen, finanziell dürfte Japan die Staaten auch schon überflügelt haben (2 weltgrösste Versicherungen, 3 umsatzhöchste Unternehmen und sogar 5 kapitalstärkste Banken sind japanisch), und die emsige Plutoniumeinkäufe Japans lassen vielleicht darauf schliessen, dass der Reich der soeben aufgehenden Sonne der Macht entschlossen ist, auch in den konventionellen Machtäusserungen Nr. 1 der Welt zu werden. Jedenfalls ist Japan heute, nach USA und Russland, Welt drittgrösster Besitzer von waffenfähigen Plutonium. Und die Bombe, muss man nicht unbedingt auf primitive Weise testen; Japaner haben sicher ausgezeichnete Rechner dafür.

Vielleicht liegt also das Rätsel des ungeheuren japanischen Erfolges weder in einer fabelhaften Mentalität der Japaner, die die Unterordnung in hierarchische Strukturen erleichtert, noch in der Disziplin und Aufopferungsbereitschaft des Volkes, noch in ausgesprochenen Fleiss und Produktivität, noch in besonders klugen Strategien. Mögen alle diese Eigenschaften in der Tat typisch japanisch sein: den Erfolg bringen sie nicht, denn es gibt nicht wenige Nationen, die solchen, ähnlichen oder sogar überlegeneren Eigenschaften aufweisen. Die Lösung wäre hier eben die mystische Eigenbewegung der Macht, die auf ihrer Reise um die Welt soeben Japan erreicht hat.

(Dass die USA sich dieser Gefahr durchaus bewusst sind, bezeugen die finanziellen Turbulenzen auf den Börsen Japans und anderen fernöstlichen Ländern. Durch solche Finten sollte die finanzielle Potenz, die Grundlage der Macht, erschüttert werden, womit dem fernöstlichen Prätendent auf die Macht noch vor seinem Antritt der finanzielle Rückgrat gebrochen werden soll.)

Ob Japan aber seine Weltherrschaft lange behalten, ja ob er sie überhaupt antreten wird, steht allerdings in den Sternen. Wie schon erwähnt: je älter die Macht wird, um so schneller bewegt sie sich. Die ersten Weltmächte hielten sich noch für ein Jahrtausend; auch Rom und seine beiden Nachfolger behielten ihre Positionen für lange Jahrhunderte. England aber führte die Welt nicht einmal 200 Jahre lang und die USA gar nur einige Zig-Jahren. Vieles deutet daraufhin, dass die Macht den letzten Drittel ihrer Weltreise in einem chaotischen, rasanten Veitstanz verbringen wird. Ihre letzte, ihre endgültige Dämmerung?

Schauen wir: in der zweiten Hälfte ihrer Weltherrschaft sind auch die USA keinesfalls unangefochtene Weltherrn gewesen. Nun lauert westlich Japans ein anderer, äusserst potenter, Kandidat auf den Weltthron: China. Hypothetische Machtpotenzen des Riesenreiches übersteigen freilich alles bisher dagewesene. Die Machtbewegung konnte leicht bedingen, dass China den Weg aus der hemmender Isolation des Totalitarismus findet und das freie Spiel der Marktkräfte die Geister wachrüttelt. Dann dürfte Japan als Weltmacht in Vergessenheit geraten, ehe er als solche überhaupt in Erscheinung trat. Allerdings wächst auch dem gelben Drachen eine ernstzunehmende Konkurrenz: westlich davon wird Indien bereits in dem ersten Drittel dieses Jahrtausends China in der Bevölkerungsanzahl überrunden; dürfte ausserdem, dank dem Erbe der Kolonialherrschaft Britanniens, den Sprung zu einer postindustriellen Nation schneller schaffen als China.

Es wäre also leicht vorstellbar, dass Japan, China und Indien sogar nebeneinander und gleichzeitig eine diffuse, senile Macht verwalten, die, weil in ihrem endgültigen Untergang begriffen, alt und zahnlos, kaum ein Schatten davon ist, was sie einmal gewesen. Sie werden dann die Weltmächte, nur was es Wirtschaftspotenz und Finanzstärke angeht, keinesfalls jedoch die omnipotente Weltpolizisten, Kulturbegründer und Taktgeber des Lebensrhythmus, was die Weltmächte seit den Tagen Roms gewesen sind. Das Siechtum und Untergang scheinen die unabwendbare Zukunft der Macht zu sein. Es scheint unumgänglich, dass die Macht, wie man sie bisher kannte, bald der Vergangenheit gehören wird.

Wie alles andere in der Schöpfung beschreibt auch die Macht keinesfalls einen perfekten Kreis; auch ihre Bahn verläuft spiralförmig. An den Ausgangspunkt zurückgekehrt wird sie in neuen, höheren Dimensionen weilen. High-Tech-Revolution betätigt sich vor allem evolutiv: sie verändert die Gesellschaft dermassen, dass diese unter alten Machtbedingungen und -ansprüchen nicht mehr funktionieren kann. Wie die neuen Formen der Macht aber aussehen und in welchen Dimensionen sie sich bewegen werden, ist kaum zu erahnen. Die Umstrukturierung der Gesellschaft hat noch nicht einmal richtig begonnen, alle Wege stehen noch offen. Sicher ist nur, dass sich mit der Gesellschaft auch die Macht enorm wandeln wird.

Diese Entwicklung ist natürlich irreversibel. Aufzuhalten wäre sie ohnehin nur, indem man die Macht entgegen ihrer Eigenbewegung von West nach Ost zurückholen könnte, und das ist eine Sache des Unmöglichen. Für die Vergeblichkeit solcher Versuche gibt es anschauliche Beispiele aus der Vergangenheit. So bemühte sich Hitler, die Macht, die damals bereits jenseits des Ozeans weilte, zurück nach Europa zu bringen. Obwohl die Chancen an sich nicht schlecht gewesen sind - Deutschland entwickelte damals erstaunlichen militärischen und wirtschaftlichen Power - misslang dieser Versuch. Machtpolitisch gesehen handelte Hitler einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

 

 

 

 

 

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