KAISERS NEUE KLEIDER

(Ein Märchen über ein Märchen)

 

Ich bin der Geist, der stets verneint.

(Goethe)

Andersens Märchen gleichen Namens unterscheidet sich von allen seinen anderen Märchen, weil es nicht auf die rein individuellen Angelegenheiten eingeht, sondern in Bereichen des kollektiven Belanges angesiedelt ist. Der Held des Märchens ist nicht der Kaiser selbst, er ist nur das Objekt, an dem die Handlung ausgeführt wird, sondern jene windige Kleiderdesigner, die mit einem tolldreisten Trick das Volk reinlegen, und noch mehr das Kind, das sich von dem unverschämten Dreh der Schneidergesellen nicht täuschen lässt. Diese Helden sind jedoch nicht in ihrem persönlichen Schicksal eingefangen, sie agieren als ein Teil der Öffentlichkeit, um die es in diesem Märchen letztendlich geht, weil gerade sie getäuscht werden soll. Der eigentliche Held des Märchens ist also die Öffentlichkeit, beziehungsweise ihr herbes Schicksal, ständig gnadenlos verführt zu werden.

Das Märchen stellt anschaulich die Mühelosigkeit dar, mit welcher selbst die dreisteste Unwahrheit ihr Ziel erreicht und die Öffentlichkeit zum Narren hält. Die Unwahrheit wird als eine Art von Kollektivhypnose beschrieben, der sich keine Einzeleinheit einer Gemeinschaft entziehen kann. Jedenfalls brauchen die tapferen Schneiderleins nichts anderes zu unternehmen, als zu erzählen, sie werden etwas unternehmen. Das Volk, ewig im gleichen Trott verfangen, begrüsst selbst die Andeutung einer Veränderung und, dieser begierig, glaubt ungesehen, obwohl es weder zu sehen noch zu glauben einen Grund gibt. Schon der leiseste Zweifel des Einzelnen, sich kollektivem Glauben zu entziehen, würde ja als Dummheit gedeutet, also sehen tatsächlich alle. Allein das Kind, das vom Trott des Alltags zunächst nichts ahnt, weil es noch in seiner kindlichen, phantastischen Welt lebt, kann an irgendwelche Phantome nicht glauben. Für ihm ist die Wahrheit noch nicht an bestimmte Hoffnungen gebunden, deren blosse Versprechen ihm blenden würde. Es ist also ein vollendeter, perfekter Skeptiker, so sieht es die Blosse und die nackte Hässlichkeit des Kaisers deutlich.

Diese allgemeinbekannte Interpretation ist freilich nur der bunte Lack an der Geschichte; die neuen Kleider sozusagen, die Andersen für sein Märchen geschneidert hatte - möge es für immer in seiner Nacktheit zu bewundern bleiben. Denn hinter dieser bunten Geschichte verbirgt sich eine andere Story; eine, die mit Märchen absolut nichts am Hut hat, sondern sich als knallharte, brutale und perverse Realität entpuppt.

[

Um diese andere Geschichte zu begreifen, müssen wir uns an die Zeit erinnern, in der Andersen lebte. Als er 1805 geboren wurde, war die Französische Revolution bereits zu einer Episode der Geschichte verkommen. Ihre Ideen hatten sich durchgesetzt, das ancien règimee war abgeschafft und auch im übrigen Europa übernahm das Kapital peu á peu die Macht - Napoleon hatte sich als Exponent dieser Macht etabliert. Besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich Europa unter dem Slogan `Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit` in einem euphorischen Aufbruch. Man gierte nach dem besseren, gerechteren und freieren Morgen. Kein Mensch zweifelte, dass die Früchte der Revolution die wunderbarsten Errungenschaften der Menschheit seien, die ein für alle Male die Unbill aus der Welt schaffen werden. Kein Mensch traute sich daran zu zweifeln, denn ein Zweifel in solche menschliche Angelegenheit würde ein Bekenntnis zur Dummheit bedeuten.

Das heisst: kein nüchterner (= erwachsener) Mensch könnte daran zweifeln; der Mensch also, der fähig war, die Einfachheit, Klarheit und Selbstverständlichkeit der revolutionären Ideen nachzuvollziehen. Denn das leuchtete allen ein, und vor allem den Weisesten, dass, wenn wir uns zusammentun, wir auch stark sein werden, und wenn wir dann jemanden aus unserer Mitte zum primus inter pares erwählen, so muss er geradezu und gezwungenermassen nach unseren Wünschen funktionieren, so werden wir alle Brüder und gleich und frei sein - einfach wunderbar!

Die Revolutionäre erzählten ja eben das. Schaut, sagten sie, wir nehmen die Macht in eigene Hände, dann kann niemand über sie verfügen, sie wird gemeinsames Eigentum und alle werden glücklich sein - nur ein Dummkopf kann das nicht einsehen. O fein! freute sich das Volk, das keinesfalls als Depp dastehen wollte: darauf haben wir ja die ganze Zeit gewartet, dass wir alle gleich und unsere eigenen Herren werden und sozusagen frei, dann werden wir auch alle Brüder sein, denn keiner wurde keinen unterdrücken.

Eben das also, was sich das, der ewigen Unterdrückung müde, Volk am meisten wünschte, versprachen ihm die Revolutionäre. Die Macht, erzählten sie, die Macht bekommt vollkommen neue Kleider, und die werden so wunderbar und grossartig sein, dass wir alle von dieser Schönheit für immer und ewig verblendet und glücklich und sonstwas sein werden. Hoisiana! freute sich da das Volk: werden wir es unter so einer schön gekleideten Macht aber schön haben!...

Nur der Märchenerzähler wollte irgendwie an solch eine tolle Errungenschaft nicht glauben. Man muss nämlich wissen, dass die Märchenerzähler schon ein seltsames Volk sind: sie sehen immer alles, nichts entgeht ihrem Blick. Und das kommt davon, dass sie ihr Leben lang arglose Kinder geblieben sind - sie müssen Kinder bleiben, sonst könnten sie keine Märchen erzählen. Und Kinder sind anderseits die ehrlichsten Skeptiker, weil sie noch keine Vorurteile ausgebildet haben und mit reinen Herzen urteilen. So besah er sich diese Grossartigkeit und es wurde ihm sofort klar: der olle Kaiser Macht war keinesfalls besonders schön angezogen. O nein! Er trug nicht einmal die Lumpen der Gnade, Nächstenliebe und Barmherzigkeit, die er als Macht des Adels trug - er war schlicht und einfach nackt und in seiner Nacktheit brutal hässlich.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind, im Gegensatz zu Kaisers alten Lumpen aus durchweg praktizierbaren christlichen Tugenden, letztendlich doch nur unerreichbare Illusionen.

[

Das Ende der Geschichte hat Andersen natürlich verhauen – wohl aus seiner reinen Menschenliebe, die zur Illusion verleitet. Das Ende würde in der Wirklichkeit in etwa so verlaufen:

“Der Kaiser ist nackt!” schrie das Kind.

“Ach, was redest du da für dummes Zeug, Kind!” sagten sie alle erstaunt: “Siehst du denn nicht, wie kleidsam unserem Herren Kaiser dieser elegante Armani-Outfit passt!?”

Und alle lachten nachsichtig, da das doch nur ein unwissender Kindskopf war, den man nicht gut für verrückt erklären könnte.

Wenn es erwachsen ist, wird es auch lernen, richtig hinzusehen! hofften sie alle zuversichtlich in den Gedanken, jedenfalls hatten sie alle vor, nach dem Umzug des Kaisers zum Vater des Kindes zu gehen, um ihm anzuraten, dem unartigen Knaben eine gute Tracht Prügel zu verpassen, damit der Bengel endlich lerne, richtig hinzusehen.

 

 

 

 

 

Foto: ap

 

 

 

 

 

 

 

nach oben

 

 

 

 

Online Counter