P R O L O G   /   D I E   B Ü H N E

 

 

 

0. Die Blutepoche

1. Der sterbende Staat

2. Die menschliche Sintflut

3. Die explodierende Menschheit

4. Die Katastrophen

5. Die Multis

6. Die Roboter kommen

7. Religion und Zeitgeist

8. Kunst am Rande des Wahnsinns

9. Bimbo und Bimbo-Bimbo

10.Eine Catilina Welt

 

0. DIE BLUTEPOCHE

 

Man schrieb das Jahr 2030. Das Zeitalter der Kämpfenden Roboter war angebrochen.

Eine Dekade vor und die paar Dezennien nach der Jahrtausendwende wurde von den späteren Kulturhistorikern eigentlich als Blutepoche bezeichnet, doch verstand der Volksmund sich wie stets vortrefflicher auszudrücken, und erfand laufend neue Namen für einzelnen Abschnitte jenes unheilvollen Zeitalters.

Der erste Abschnitt der Blutepoche begann mit einer Reihe der Bürgerkriege. Von den drei Balkankriegen, von Anfang bis Mitte der 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts (und dann ab 2011 immer wieder, zuletzt zwischen 2019 – 2027) über die gegenseitige Palästinenser Abrechnung, Bürgerkriege in Irak, Afghanistan und Pakistan, bis zu den Chinesischen und Südamerikanischen Bürgerkriegen bis schließlich zu dem Grossen Kanadischen Bürgerkrieg, zog sich die Blutspur der Zeit, die vom Volksmund als die Zeit der Kämpfenden Völkerscharen bezeichnet wurde.

Darauf folgte die Zeit der Ölkriege, die mit Amerikanischen Angriff auf Afghanistan und später Irak begann, später auf Iran, Azerbaijan, und andere Ölländer um Kaspischen See übergriff. In diesen Kriegen ging es natürlich vordergründig darum, die mohammedanischen Terrororganisationen zu bekämpfen, was natürlich nur bis in die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts sinnvoll war. Als da mit dem Aufkommen der neuen Glaubenslehren sowohl das Christentum wie der Islam wie das Judentum so gut wie urplötzlich ihre Bedeutung verloren, blieb man trotzdem bei der fadenscheinigen Begründungen. Man sprach immer noch von der islamischen Terrorgefahr, obwohl es diesen überhaupt nicht mehr gab, beziehungsweise nicht auf jenen Gebieten. Und als dann die Amis mit ihren Konsorten auch Nigeria und Venezuela überfielen, da machten sie sich schon überhaupt keine Mühe, irgendwelche Gründe dafür zu erfinden. Es bestand eine politische Notwendigkeit, Truppen und Roboter nach Nigeria und Venezuela zu schicken, sagte der Sprecher der Koalition, ohne auf diese Gründen näher einzugehen.

Und gegen Anfang der zwanziger Jahre, als die OEU, die Osteuropäische Union also, massenhaft Kampfroboter als Bodentruppen gegen die asiatischen Invasoren einsetzte, sprach das Volk ausschliesslich nur noch von der Zeit der Kämpfenden Roboter.

Wie es dem auch sei: die Tage galten als die schwärzesten der Menschheitsgeschichte. Die Tyrannei der so genannten Vernunft, die unerbittliche Herrschaft der Wissenschaft, die unersättliche Machtgier des Geldes, die Sturheit, Borniertheit und Intoleranz der Politik, und die verlogene Moral des religiösen Geistes, hielten die Welt im eisernen Griff und schnürten ihr allmählich den Atem ab. Die Spezialisten und Wissis (wie man da in der Weltsprache `Bimbo` salopp die Wissenschaftler nannte) redeten von `zyklothymen Kreisläufen`, `zerebralen Phänomenen` und `Randstabilisierung der Gesellschaft` an den wahren Problemen kolossal vorbei.

Die Menschheit befand sich in einer Übergangssituation. Das menschliche Wesen war nicht mehr das, was es einmal gewesen war, eindeutig aber auch noch nicht das, was es demnächst werden sollte. Die alten Mächte kämpften für den Erhalt der bisherigen Strukturen und zeigten sich dabei erstaunlich flexibel, obwohl sie freilich gegen die Strömungen des Neuen noch weniger Chancen auf ein Fortbestehen hatten als das Ancien regime gegen die Französische Revolution. Damals nämlich wurden die gesellschaftlichen Strukturen von menschlicher Hand aufgemischt; diesmal war alles nur Schicksal aus dem Hut der Evolution.

Die Zeit mutete jedenfalls an, als würde die Büchse der Pandora eben erst aufgebrochen. Die Welt litt unermesslich unter den Zuckungen eines Veitstanzes, dessen Choreographie direkt der Hölle abstammen dürfte. Nicht die ältesten Menschen konnten sich an schlimmere Zeiten erinnern und selbst die gelehrtesten Köpfe fanden in keinem schlauen Buch Beschreibung eines Zeitalters, das sich im Horror mit diesem messen könnte. Und obwohl die Menschen zu Übertreibungen neigen und für die eigenen Ängste und Probleme gerne imposant klingende Prädikate erfinden, so waren die Zeitzeugen eindeutig im Recht, als sie sich als die leidgeprüftesten Wesen der Geschichte bezeichneten.

Die Schlachtbank Welt glich jener Arena, in die Kaiser Commodus alle Zwergen und Missbildungen und Freaks Roms zusammengetrieben hatte, um Roms Bevölkerung schöner zu machen. Das aber, was Commodus damals nicht gelang, einen schöneren (= besseren) Menschen zu machen, hätte diesmal eine gute Aussicht auf Erfolg. Diesmal nämlich war es nicht von oben angeordnet, sondern ergab es sich von selbst. Diesmal handelte nicht der Kaiser, sondern die Natur, eigentlich der Geist des kollektiven Unterbewussten, das sich eben da in Reines Bewusstsein verwandelte.

Woher kam aber jener Sadismus, jene satanische Lust am Quälen, die man damals als eine wahre Explosion überall in der Welt beobachten konnte? Entsprang diese Bestialität etwa dem Ohnmachtgefühl vor den absoluten Strukturen?

Die Politik spielte sich ja seit dem Zweiten Weltkrieg, seit achtzig Jahren also, als totales Nonplusultra des menschlichen Zusammenlebens und war in dieser Eigenschaft ein unangreifbares Heiligtum. Dabei war sie genauso ein aufgezwungener Imperativ wie jede andere Machtakkumulation. Doch da sie sich als heilig darstellte, liess sie den Menschen nicht den kleinsten Spielraum. Nicht nur die Politik und Polizei, auch die Öffentlichkeit und die Nachbarn passten damals höllisch auf, damit man auf dem `rechten Weg` blieb, obwohl dieser Weg, da aufgezwungen, widernatürlich und an den menschlichen Physiologie vorbeikonstruiert war. Die Zwänge bedeuten nun die Anstauung der Aggressionen. Darum flippen damals die Menschen dermaßen schlimm aus und verwandeln sich in reißende Bestien, sobald sie sich in einer Ausnahmesituation fanden.

Die Zeiten waren kriegerisch. So viele Kriege gab es in der Welt, dass die Friedenstaube von den Künstlern nur noch als Geier dargestellt wurde - meiste entschieden sich dabei für den Weißkopfseeadler. Es kämpfte jeder gegen jeden und alle gegen die Natur. Es ging eben darum, dieser die kläglichen Reste der Ressourcen zu entreißen, letzten Quäntchen der Energie etwa, einzig um wenigstens noch ein paar Tage überleben zu können.

Man lebte also nach der Jakobinerdevise la terreur l'ordre du jour. Nach den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage war das Menschenleben zu einer ungemein billigen Angelegenheit geworden. Unter Berücksichtigung des Welt-Bruttosozialprodukts und aller Menschen rechneten es die Wissis mit 0,13 Golddollar aus - eine Bagatelle sozusagen. In der Wahrheit aber konnte man bereits für eine Handvoll Papierscheine, die noch nicht einmal für einen saftigen McDog, McCat, geschweige denn einen McHorse, reichten, einen Killer mieten.

Die Zeiten waren gefährlich. Und eben das gab ein Bisschen Hoffnung. Unter dem Druck vergaß man schnell die Domestizierung durch die Politik und unter den Menschen gab es immer weniger Massenvieh. Obwohl es überwiegend noch Unbewusstsein in der Welt gab und die Biologie nach wie vor den Geist kontrollierte, liessen sich doch vermehrt die Phänomene beobachten, die davon zeugten, dass manche Menschen tatsächlich erfolgreich über den eigenen Schatten sprangen, der Natur ins Handwerk pfuschten und auf eigenem Level zu funktionieren begannen, und das war ausschliesslich durch das Bewusstsein bedingt.

Da entstanden möglicherweise die Individuen, die den weiteren Weg des Menschen bestimmen sollten.

Die geistige Stimmung der Zeit gab das wichtigste philosophische Werk der Epoche wieder: ein dünnes Büchlein von kaum hundert Seiten - dünn wie eine Rasiermesserklinge! jubelte damals ein begeisterter Kritiker. Das Buch wurde Wirren eines neuen (wievielten schon?) Balkankrieges in wieder einmal belagerten Sarajevo, von Mujo Bigula einem kaum Zwanzigjährigen verfasst, der fast sein ganzes Leben in der Stadt verbracht hatte, in der Horror zum normalen Alltag wurde. Während der endlosen Kämpfe versteckte er sich im Keller der Stadtbibliothek, wo seine Mutter als Bibliothekarin arbeitete, und lass sich satt. Vom vielen Lesen müsste er natürlich auch viel nachdenken, und das Resultat dieses Nachdenkens war das besagte Büchlein.

Das düstere Verzweiflungswerk hieß `Heiligsprechung Kains` und brachte den unumstößlichen Beweis dafür, dass das, was in Form eines brutalen Bürgerkrieges zuerst auf dem Balkan geschah und nach und nach auf die ganze Welt übergriff, weder etwas besonders perverses noch übermäßig absurdes sei, sondern schlicht und einfach in der menschlichen Natur fest verankert, und als solche conditio humana nicht zu verwerfen. Bereits Kain nämlich handelte ausschliesslich aus Motiven, die modernen Bürger- und Nationalkriegen unterstellt werden, also aus Rassismus, religiöser Intoleranz, Konkurrenzneid und Raumnot, behauptete der Autor. Kain war nämlich Rassist, weil er in Abel eine andere Sorte von Mensch erkannte, war religiös intolerant, weil er Abels Gott gnädiger als den eigenen wähnte, hatte ausserdem Angst, mit eigenem Wirken dem Wirken Abels nicht gewachsen zu sein, war also auch neidisch, weil Abel als Viehzüchter fortschrittlicher war, und wohl gab es auf dem kargen Fleckchen Land, wo sich die Familie nach dem Rausschmiss aus dem Garten Eden niedergelassen hatte, nicht genug Platz für Abels Viehzucht und Kains Ackerbau - die Interessenkollision zwischen dem Bauer und dem Hirten waren keinesfalls nur ein Problem des Wilden Westen gewesen.

Also, folgerte der Autor mit mörderischem Scharfsinn, handelte Kain aus den Motiven, die unter den Menschen Kraft der menschlichen Natur üblich und universell gültig sind. Alle Moral, alle Erziehung, alle religiöse Hingabe, der ganze Druck des Staates half nichts - der Mensch muss so sein, wie er ist. Somit war Kain der erste, wirklich moderne Mensch gewesen, ein Prototyp des Homo Sapiens Präsapiens sozusagen.

`Da Abel ja tot war, könnte er keine Kinder hinterlassen, was meint, wir alle sind Kinder Kains und man sollte seine Ahnen ehren.` mit diesen denkwürdigen Worten schließt das Buch ab. Diese provokante Theorie wurde damals viel gelesen und gerne zitiert. Gesellschaftliche Internetforen waren voll davon.

Das war also in ungefähr die Stimmung. Wie sah es aber im Detail aus?...

Obwohl das eigentlich jegliche Vorstellungskraft übersteigern dürfte, versuche man sich die Situation wenigstens annähernd vorzustellen.

 

 

 

 

 

1. DER STERBENDE STAAT

 

Das Staatsgebilde war ruiniert, die Politik mit ihrem Latein am Ende. Als Nietzsche damals meinte, es kommt die Zeit, wo die Politik als Prostitution des Geistes und Politiker als Schimpfwort gelten wird, ahnte er vielleicht nicht, wie schnell das eintreten wurde. Nur gut hundert Jahre nach ihm galten die einstigen Herren eben als das, was sie in der Tat waren: als die allerschlimmsten Stricher und Huren des Menschengeschlechtes. Die Antistaatkampagnen, die man, von der Politik müde, von den Politikern angewidert, gegen Ende des 2. Jahrtausends geführt hatte, erwiesen sich als erstaunlich fruchtbar. Am Ende der ersten Dekade des 3. Jahrtausends kam aus Europa eine neue Bewegung unter dem Motto `Stell dir vor: es sind Wahlen und keiner geht hin! ` auf. Dieser Boykott der Politmafia bezweckt schließlich, dass bereits in der zweiten Dekade des neuen Jahrtausends die Politik nur insofern eine Rolle spielte, weil die Politiosi gut ausgerüstete Schlägerbanden aus so genannten Polizeibeamten unterhielten, die sie vorwiegend gegen das Volk benutzten. Diese brachten die `Wähler` unterm Zwang zu den Urnen, und die Politiosi nahmen das als Legitimation, um weiter zu `herrschen`.

Die Unverschämtesten und Brutalsten aus der Politiker-Zunft nutzte freilich die Schwäche des Staates und separatistische Gelüste des Volkes, um selbst an die Macht zu kommen: die Staaten zerbröckelten regelrecht. Was damals, während der ersten drei Balkankriege in Mode kam, dass sich die einzelne Gebiete, Städte, ja einzelne Strassen, von dem Staat abspalteten und sich zu souverainen Staaten erklärten, das war inzwischen auf dem ganzen Globus Gang und Gäbe: die Separation blühte wie Unkraut. Allein auf dem Balkan gab es sechzehn Staaten, davon sieben auf dem Staatsgebiet von ehemaligen Bosnien und Herzegowina. Selbst Schweiz büsste ihre Kantone ein, weil sich mancher Kantonsherr zum Staatsoberhaupt berufen sah.

Den Vogel aber schoss ein Dorf in Afrika, wo es im Ganzen nur 3 Strassen gab – und jede dieser Strassen erklärte sich 2027 zu einem souverainen Staat.

Nach Abgang solcher machtgeiler Abspalter kam für gewöhnlich die Sintflut über ihre Herrschaftsgebiete.

So existieren da weitaus mehr Staaten als je in der Geschichte. Im Jahr 2025 hatte die UNO sage und schreibe dreihundertsechs Mitglieder. Doch waren diese Staaten keine Machtagglomerationen an sich, sondern lediglich blasse und armselige Karikaturen der einstigen Staatspracht, eigentümliche Terrorapparate, die sich nach Kräften bemühten, ihrer Blutsaugerrolle gerecht zu werden. Ein guter Teil des Volkes wehrte sich natürlich gegen diese Unverschämtheiten, und die Welt brannte und leuchtete düster im Feuer einer einzigen, ununterbrochenen, globalen Revolte. Überall flammten Revolutionen auf, tobten Bürgerkriege und immer neue Putsche raubten die Kräfte der Völker.

Abgesehen von Australien und Neuseeland gab es keinen funktionierenden Staat auf der Welt. Selbst Europa ergab kein, auch nur einigermassen stabiles politische Gebilde. Nachdem man sich schließlich nach viel Ach und Krach durch die Dubrovnik-Konvention im Jahr 2011 von Portugal bis Ural in einer Heimat fand, erwies sich dieser Superstaat als enorm faule Angelegenheit. Bereits nach einigen Jahren zerbrach er in Wirren der Abspaltung der Multis in zwei Reiche. Einer nannte sich Nordeuropäische-Union oder modisch abgekürzt NEU, und der andere, der fortan aus Portugal, Spanien, Italien, Albanien, Griechenland und Türkei bestand, Südeuropäische-Union oder SEU. Dann zerbrach die NEU ihrerseits in drei Gebilde: eine Euroskandinavische Union (ESU) aus Island, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und drei baltischen Ländern, einer Mitteleuropäischen Union (MEU) aus Irland, England, Frankreich, Deutschösterreich, Slowenien, Kroatien, Ungar, Tschechoslowakei und Polen, sowie einer Osteuropäischen-Union (OEU) aus dem Rest der Länder bis zum Ural. Doch alle diese Gebilden - obwohl sie miteinander durchaus im Clinch zu liegen wussten und sich in blutigen Kriegen erbittert bekämpften - traten der übrigen Welt und den Multis auch weiterhin als ein einziger Staat entgegen.

Auch fand niemand etwas merkwürdiges dabei, dass die MEU und die SEU in der UNO durch eine gemeinsame Diplomatie vertreten waren, und anderseits seit bereits sieben Jahren gegeneinander einen Krieg führten, von dem niemand wusste, warum er eigentlich geführt wurde. Der Krieg gegen unsere brüderliche Nachbarsunion ergab sich allein aus der politischen Notwendigkeit! erklärte damals Madame Eleonore von Frankenstein, die First Lady der MEU, in einem Interview an die `Wahnsinn kennt keine Grenzen`-Newsline, ohne freilich im besonderen auf die Natur dieser politischen Notwendigkeit einzugehen. Die böseren Zungen behaupteten, man bekriegte sich wegen dem Ötzi-Mumie, die sowohl von der MEU wie SEU beansprucht wurde.

Übrigens entsprach der Titel der First Lady in der MEU dem ehemaligen Präsidententitel; die MEU hatte im Jahre 2020 im Grundgesetz die Pflicht verankert, nur und ausschliesslich Frauen als Staatsoberhaupte zu wählen, die dann nach Protokoll ausschliesslich mit Madame angeredet werden mussten. Man sprach von Wiedereinführung des Matriarchats und utopischen Zeiten, die bevorstehen, doch das Volk hatte von der Politik schon endgültig die Nase voll, niemand wollte mehr daran glauben - alle wussten, das wäre wieder einmal nichts anders als eine klangvolle und spottbillige politische Finte, die das Volk teuer zu stehen komme.

Obwohl Europa im Vergleich mit anderen Weltteilen noch ziemlich stabil war, gab es aber auch hier, wie überall in der Welt, Wirren, Umstürze und Revolutionen. Diese waren nur in ihrer Anfangsphase aufregend und gaben gute Schlagzeilen, als die Obrigkeit neu aufkeimende Kräfte zu bekämpfen suchte. Erwiesen sich diese Kräfte als zählebiger als man das erwartet hatte, dann wurden sie nicht mehr bekämpft, sondern einfach dadurch korrumpiert, dass man auch sie an der Macht beteiligte und an den Fleischtrog liess. Sie dürften dann das Volk, das sie mit schönen Parolen in die Revolution seiner Lebensbedingungen führten, ein bisschen heftiger ausnehmen, als es die Obrigkeit bisher tat. So waren alle zufrieden, sowohl die Obrigkeit wie die neue Kräfte, und auch das Volk, durch üble Erfahrungen belehrt, dachte nur, dass es auch schlimmer hätte kommen können.

Die UNO dann, die war selbst auch nur eine Ansammlung von Lumpen, Schurken und Banditen, die sich von jedem kaufen liessen; ihre berüchtigte `Blauhelme` nannte das Volk freilich nur `Klauhelme`, weil sie mit Vorliebe plünderten. Trotzdem gelang es der Organisation, sich bereits Ende der ersten Dekade des neuen Jahrtausends als der mächtigste politische Faktor aufzuzwingen. Das Geschah unter der schlauen Politik der UNO-Präsidenten W.C. Cann´bal, eines Politikers aus Burkina Faso, der Anfangs des neuen Jahrtausends Boss der Uno wurde und als seine erste Amtshandlung ein Dekret erließ, nach dem er nun der UNO-Präsident auf Lebenszeit war. Alle wussten, er sei nur ein blutrünstiger Diktator.

Dieser wahnwitzige, zweimeterzwanzig langer Afrikaner, der mit seiner Potenz prahlte, pompöse Auftritte liebte und sich gerne als Weltherr anreden liess, nahm aber die Nationalstaaten in der Tat auf die Kandaren – allerdings freilich nur in eigenem Sinn. Die Welt zerfiel da bereits in eine Unzahl von kleineren Gebilden, und jeder so neu entstandene Staat strebte und lechzte nach Anerkennung, um seiner Existenz wenigstens einen Schein irgendwelcher Legitimität zu verleihen. Dafür erwies sich UNO als am besten geeignet. Jeder von ihr legalisierter Staat musste der Organisation einen bestimmten Tribut zahlen, sowie einen Kontingent an Soldaten zur Verfügung stellen - das war der Preis der Anerkennung. So verfügte die UNO bald sowohl über die Mittel, die ansonsten kein Staat hatte, wie auch über die größte Armee der Welt. Diese Tatsache stieg den UNO-Potentaten zu Kopf, und sie kamen auf die Wahnsinnsidee, sie wären die Herren der Erde. Ab da verstand sich die Organisation als ein Globalstaat, in dem viele kleine Staaten eine Zuflucht gefunden hatten. Das war ein doller Quatsch, denn keiner der UNO-Mitglieder kontrollierte sein Territorium wirklich. Praktisch verfügte UNO also über keinerlei reale Macht, doch sie berief sich auf ihre Armeen und mischte sich überall ein.

 

 

 

 

 

2. DIE MENSCHLICHE SINTFLUT

 

          Ihr habt uns versklavt und ausgebeutet, habt uns alles gestohlen, was nur zu stehlen war, habt unsere Kultur zerstört und uns zu geistigen Krüppeln gemacht, da wir ja in unserer Welt nicht mehr und in eurer noch nicht leben können. Nun kommen wir unseren Gütern nach, die ihr uns beraubt habt.

           (Ultimatum des afrikanischen Invasors Kanga Mussa an die Europäer, das er mit eigenem Blut schrieb)

Das Resultat des politischen Chaos war eine Völkerwanderung von einem Ausmass, das alle Vorstellungen übertraf.

Die fand seit bereits etwa vierzig Jahren statt, seit das erste Boatpeople aus Afrika auf seinen morschen Booten versuchte, die Gestade Europas zu erreichen.

Unübersehbare Menschenmassen befanden sich unter dem Motto `Go West Everyone!` in der pausenlosen, hektischen Bewegung. Nach UNO-Angaben hatten im Jahr 2025 gut sechs Milliarden Menschen weder ein Auskommen, noch eine Wohnung, noch eine Heimat. Vor allem drängten die Menschen aus der 3. Welt nach Norden und Westen. Wie sie das sagten, auf der Suche nach den Schätzen, die Europäer und Gringos ihnen einst gestohlen hatten.

Sechs Milliarden auf der Flucht nach einem sicheren Zufluchtsort zermalmten alles unter sich oder rissen sintflutartig alles mit sich fort - ein einziger reißender Strom.

Zwar war Japan durch seine isolierte Insellage nicht so schwer geprüft; ausserdem besaßen seine Ingenieure den technischen Knowhow, um künstlich den heiligen Kamikaze-Wind herbeizurufen, an dem manche Invasionsflotte elend zugrunde ging. Nordamerika und Europa aber waren durch die Plage der Völkerwanderung extrem schwer getroffen.

Die Grosse Amerikanische Mauer, die von Brownsville am Golf von Mexiko bis nach San Diego am Pazifik quer durch den Kontinent zog, wurde von dem Präsidenten Denis `the Penis` Connroy im Jahren 2012 – 2014 erbaut, um solche Invasionen zu vereiteln. Sie war aus armiertem Beton ausgeführt, war 80 Meter hoch und 25 Meter breit, mit 20 Meter tiefem Graben davor, in dem die mordlüsternen australischen Salzwasser-Krokodille schwammen. Diese Monstermauer war natürlich durch Hightech, durch Alarmanlagen, Giftgas, Minenfeldern, Selbstschussapparaten und Hochvoltaik abgesichert, wurde aber trotzdem von den Menschenmassen aus dem Süden alle paar Augenblicke überrannt.

Das ist so, als können sie fliegen! rief einmal eine Mätresse von Denis-Penis, die bei einer Präsidentenbesprechung anwesend war, wo man eben die Meldung erhielt, dass mehr als tausend Indios die Mauer mit Leichtigkeit überwunden hatten.

In Europa war es nicht viel besser, nur etwas anders.

Da hatten die Besatzungen der Maschinengewehrnester an der Costa del Sol und an der Südküste Siziliens Hände voll zu tun, um die Wellen der schwarzen Leiber niederzumähen, die wie eine Horrorbrandung gegen die lieblichen Küsten Südeuropas prallten.

Aus Afrika war der Ansturm besonders bedrohlich. Inzwischen auf etwa zwei Milliarden angewachsene Bevölkerung Afrikas war zu 75 Prozent bereit, ja wild entschlossen, nach Europa zu gelangen. Das ging natürlich nur per Boot und in ganz Afrika wurden die Boote für die Flüchtlinge organisiert. Windige Geschäftsleute kauften überall in der Welt Boot ein, verfrachten sie nach Afrika, wo sie für sie gutes Geld bekamen. Um den Profit zu maximieren kaufte man natürlich die billigsten Boote ein, die bei erster schwacher Brise auseinander fielen. Täglich ertranken so viele Menschen, als hätte jeden Tag eine Titanic auf irgendeinen Eisberg draufgeknallt. Aber wer scherte sich um die Ertrinkenden – es gab ohnehin viel zu viel Menschen auf der Welt.

Zwar war der Ansturm auf Kanaren nicht mehr so penetrant wie am Anfang des Jahrtausends, da es in Afrika schon herumgesprochen hatte, dass es dort überhaupt keine Chance mehr gibt, ans Land, nach Europa, zu gelangen. Darum war der Druck auf Mittelmeerküsten umso ungehaltener.

Das Mittelmeer war schwarz von den Fischerbooten die mit Flüchtlingen überladen waren. Die kleinen Nachens mit Platz für kaum zehn Personen beforderten bis zu fünfzig Menschen übers Meer. Meiste von diesen morschen, schrecklich überladenen Booten kenterten zwar, doch da sie in schieren Myriaden kamen, so erreichen so viele von ihnen die Küsten Europas, dass man sich da nicht anders zu helfen wusste, als sie per Maschinengewehrfeuer an der Landung zu hindern. Öffentlich wurden Soldaten angewiesen, über, vor, und neben die Boote zu feuern, um sie zum Umkehr zu zwingen, doch wie die Befehle an sie tatsächlich lauteten, weiss nur der Himmel. Tatsache ist, dass kaum einer der Boote umdrehen könnte. Einfach, weil die meiste unter dem furiosen Feuer der Grenzsoldaten untergingen.

Wie hoch der Blutzoll unter den Flüchtlingen war, kann man vielleicht daraus ersehen, dass es im Mittelmeer kaum noch Strandtourismus gab. Niemand traute sich mehr ins Meer, weil es da von den Haien nur so wimmelte. Als hätte sich unter den Haien aller Weltmeere herumgesprochen, dass im Mittelmeer stets eine reichlich gedeckte Haitafel auf sie wartete, jedenfalls müssten sich da die Haie aus der ganzen Welt versammelt haben. Darum blühte der Strandtourismus in Karibik und in Südafrika umso lebhafter, weil es dort praktisch überhaupt keine Haie mehr gab. Der Weiße Hai drohte zu einer endemischen Mittelmeerart zu verkommen.

Doch der Druck aus Afrika war noch auszuhalten, weil die Afrikaner nur als Flüchtlinge nach Europa zu gelangen suchten. Nur einmal versuchte man es mit Gewalt nach Europa zu kommen, als ein Stammeshäuptling aus der Sahelzone den Namen des berühmtesten afrikanischen Eroberers, des Kaisers von Mali, Kanga Mussa annahm und unter diesem symbolträchtigen Namen die Flüchtlingsströme nach Europa zu organisieren und zu politisieren suchte. Mit einer kleinen aber effizienteren Armee gelange es ihm die Pelagischen Inseln einzunehmen. Auf Lampedusa liess er sich nieder und errichtete eine wahre Schreckensherrschaft. Als abschreckendes Beispiel für Europäer liess er jeden Tag 300 Inselbewohner pfählen, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, und liess dieses brutale Schauspiel über Satellit in die ganze Welt übertragen. Als er dann alle 4500 Einwohner Lampedusas gepfählt und auf der Küste aufgestellt hatte, bleib er ohne Geiseln und da griff die SEU hart durch und veränderte mit Napalm, Atomgranaten und Kampfgasen das Gesicht der Insel; man behauptet, das da fast eine Million junger Krieger ihre Leben liessen. Seit dem Vorfall jedenfalls wollte sich niemand mehr auf Lampedusa niederlassen und die militärischen Posten sind das einzige Leben auf der Insel.

Im Osten war die Lage viel, viel schlimmer, da hatte Europa wahrhaft schwer zu schlucken, denn sie kamen alle als Invasoren. Kaum wurde die Invasion Attilas Jr. abgewehrt, schon fiel eine Goldene Horde aus zerlumpten, vor bittren Hunger hysterisch gewordenen Gestalten auf ihren wendigen, zottigen Nippon-Antigravvehikeln in die östliche Provinzen der NEU ein. Auf die folgten wilde Tataren und schließlich gar der sagenbesungene Tamerlan Ze Dong, ein fanatischer Urenkel des Begründers der Mao-Dynastie, der hinter sich gut ein Drittel der drei Milliarden Chinesen wusste.

Aber auch die Massen der vier Milliarden der bilderbuchartigen Parias und Tschandalas aus den Gruselslums der Höllenstädte Indiens befanden sich bereits auf dem Grossen Nordwestlichen Marsch. Im Frühling des Jahres 2030 hieß es, sie hätten schon Hindukush überwunden, Tadschikistan überrannt, die Grenzwüste Kysylkum und den ausgetrockneten Aralsee überquert und fluteten nun über Kasachstan gen Westen.

Wie boshafte Zombies waren lauter Alpträume unterwegs.

 

 

 

 

 

3. DIE EXPLODIERENDE MENSCHHEIT

 

Als Malthus damals zum Schluss kam, die Überpopulation wird die Katastrophe der Menschheit und darum empfahl, die Massen als Tiere zu behandeln, um ihre explosive Vermehrung zu vereiteln, da regten sich die Christen, Humanisten und andere angebliche Menschenfreunde schrecklich auf und schnatterten aufgeregt durcheinander. Friedrich List behauptete, die Lehre Malthus `würde die Herzen der Menschen in Steine verwandeln` und auch Friedell noch sprach dem wackeren Britten jegliche philosophische ja selbst statistische Stichhaltigkeit ab: die Ertragsmöglichkeiten der Erde wären noch lange nicht vollständig ausgenutzt und ausserdem könnten jeden Tag neue Methoden, neue Transportformen, neue Energien entdeckt werden.

Nun aber, da die schieren Unmassen der Menschen eine ausgelaugte, beinahe tote Erde wie rücksichtslos gierige Parasiten ein abgemagertes Wirtstier bedeckten, da alle neue Methoden versagt hatten, neue Transportmöglichkeiten sich als unzulänglich erwiesen und selbst zum Problem wurden - man bedenke nur die schrecklichen Folgen der Massenmotorisation, die in zweiter Hälfte des 20. Jahrhunderts im wahrsten Sinn des Wortes die Erde und Himmel zerstörten -, da neue Energien sich als noch tödlichere Fallen herausstellten, da erst wurden die Herzen der Menschen zu Steinen und Mördergruben und Hassvulkanen, und keine Hölle war noch wert, sie als Vergleich zur Menschensituation heranzuziehen.

Zu der Zeit redeten selbst die notorischen UNO-Lügner von zehn Milliarden Menschen, inoffiziell munkelte man bereits von fünfzehn Milliarden - die Wahrheit lag wohl irgendwo in der Mitte. Jedenfalls war das mehr Mensch als der Planet ernähren, ja ertragen konnte. Ausserdem gab es mannigfaltige psychologische Probleme wegen dem Platzmangel selbst. Alle Menschen wollten nur noch in den Städten leben, das Landleben war gründlich out, und die urbanen Siedlungen platzten aus allen Nähten. Selbstredend wusste da kein Mensch mehr, was der Begriff Intimsphäre bedeutete, zumal man auch selbst in den eigenen vier Wänden ständig unter irgendwelcher Beobachtung stehen könnte – man wusste das nie, ob man abgehört oder abgelichtet wird, also benahm man sich immer so, als wäre man abgehört und abgelichtet. Die Irrenärzte behaupteten, eben das wäre der Grund für die ständige Verblödung der Menschheit.

Ganz seltsam aber mutete die Tatsache an, dass die Anzahl der Menschen einfach nicht abnehmen wollte. Obwohl Hunger herrschte und Epidemien wüteten und neue, unbekannte Seuchen, gegen die es kein Mittel gab, und die alltäglichen Schlachten und Massaker und Selbstmordattentate und sonstige Terrorakte auch ihren Tribut forderten, vermehrte sich die Menschheit in einem hysterischen Tempo weiter - trotz aller Unbill wimmelte es also geradezu von Menschen.

Das kam davon, dass die Menschheit bereits in den neunzigen Jahren des vorigen Jahrhunderts einen point of no return erreicht hatte und nun durch nichts mehr zu reduzieren war. Wie viele von den Brüdern nun auch an Hunger und Kriminalität, Krankheit und Unfall und Krieg starben oder anderswie ins Jenseits befördert wurden, tat das überhaupt nichts zur Sache, man dürfte sich trotzdem eines dicken Geburtenüberschusses sicher sein - es war zum Verzweifeln. Selbst die allerschlimmste Seuche der Blutepoche, jene Epidemie des `Grünen Tinnitus` (Tinnitus viridis), die in Jahren 2014-15 wohl an eine Halbe Milliarde dahinraffte, als die Menschen buchstäblich wie Fliegen am unerträglichen Ohrensausen starben, wobei sie noch intensiv grüne Flecken sahen, vermochte nur die ältesten, schwächsten und anderen ohnehin längst fälligen wegzuputzen: die Übriggebliebenenvermehrten sich nur noch doller.

(Diese schlimme Pandemie die als `Grünrer tinnitus` in die Geschichte der Epidemiologie einging, war, wie die Ärzte und Forscher das herausfanden, eigentlich eine Nervenkrankheit. Vielmehr eine, durch ewigen Lärm bedingte Nervenreaktion, welche die sensitiven Befehle im Körper zunächst verlangsamte, dann unterdrückte, und schließlich total blockierte, weswegen dann die Atmung und die Herztätigkeit aussetzten, wonach man einfach starb.)

Dazu kam noch, dass mit der rasenden Inflation auch die Sitten total verkamen - böse Zungen brachten jedenfalls die beiden Tatsachen in Verbindung -, und bald wie Geld wertlos und wie Sohlenleder derb wurden. Infolge der steten Geschlechtsreize durch viele Pornochanells und CYS-Sites wurden die Hormone geweckt und die Kinder reiften unwahrscheinlich schnell. Bereits im Kindergarten surften Kids mit Vorliebe auf den Schweinesiten und als man sie zur Nachmittagsruhe bettete, so warten sie bis die Tante draußen war, dann ging es im Kindergarten heiss her, weil sie die Sachen, die sie im Netzen gesehen haben, unbedingt selbst nachmachen wollten. Ja, die lieben Kleinen.

Wie es dem auch sei. Mit der Kindergartenreife war selten noch eine Tochter Evas unberührt, mit acht waren sie praktisch schon geschlechtsbereit, mit neun oft bereits gesegnet und mit zehn nicht selten total verzweifelte Mütter.

Allein die so genannten `Serbischen Sex Spiele`, die kriegsbedingten Vergewaltigungen also, vermehrten die Menschheit alljährlich um gute hunderte Millionen. Die Söldner

hatten sich nämlich angewöhnt, den Mädchen und Frauen zuerst eine gute Dosis Östrogene und anderer nützlichen Hormone zu verpassen, und sie erst dann zu vergewaltigen. Dieser Wahnsinn hatte Methode! So präparierten Weibchen erwiesen sich als perfekte Brutmaschinen und sie gebaren selten Drillinge und Vierlinge, oft aber Fünflinge und Sechslinge, und selbst `Zwölf auf einen Streich` war nicht selten. Um es ganz gemein zu machen, liessen die Söldner die schwangeren Frauen nicht eher frei, bis er für eine Abtreibung endgültig zu spät war – dann musste die Frau gebären.

Es war einfach zum Wiehern und nur endlos erbärmlich, so eine beinahe brustlose elfjährige Mutter inmitten ihrer `Alle Neune`-Brut zu sehen - `Wahnsinn kennt keine Grenzen`-Newsline brachte oft solche Szenen in die guten Stuben hinein. Wie eine abgeschundene, magere Katze lag dann solche arme Kreatur da und betrachtete ratlos das vielfältige Lebensgewimmel um sich herum. So kläglich sah sie dabei aus, dass jede geratene Mutter zuerst ihr die Brust des Sättigung und des Trostes gegeben hätte.

Im Verborgenen suchte man freilich verzweifelt nach einer Lösung des Überpopulationsproblems. So gab es Kampfgruppen, die jene, von den Soldaten freigelassene hochschwangere Frauen jagten und liquidierten. Man schlitzte ihnen einfach den Bauch auf; das nannte man dann `Kaiserliche-Radikalabtreibung`. In vielen Entwicklungsländern waren Kastrationskommandos unterwegs, Gruppe aus gewöhnlich zwei Soldaten und einem Sanitäter, die an den Feldern nach geschlechtsbereiten Knaben jagten, um ihnen mit einem simplen Eingriff die Samenleiter durchzutrennen. Dann bekam das Opfer noch ein Pflasterchen draufgepappt – und schon dürfe er weiterziehen. Allerdings, sobald sich das herum gesprochen hatte, arbeitete kein junger Mann alleine auf dem Feld, sondern immer nur gruppenweise.

Verzweifelt, wie gesagt, weil auch die etablierten Zukunftsoasen, die Multis, jene grossen Wirtschaftsansammlungen, in welchen die Idee des Menschen überdauern könnte, in der Gefahr waren, unter dem chaotischen Druck der Megamassen zu zerbrechen; von den Gefahren, die aus dem totalen Zusammenbruch der Ökologie drohten, ganz zu schweigen.

Allerdings behauptete der Populationswissenschaftler Dr. W.U.S.T. Aarr in seinem Aufsehen erregenden Buch `Das Karzinom Mensch`, dass sich global gesehen die Altersgrenze der Menschheit steil senkte. Zuverlässigen Statistiken zufolge lag sie im Jahr 2025 bei etwa fünfundsechzig Jahren, nun galt bereits sechzig als das Durchschnittsalter und es galt als abgesichert, dass sich diese Grenze weiter senken und bereits in den nächsten zwanzig - dreißig Jahren bei etwa fünfundzwanzig Jahren einpendeln wird. Und zwar für so lange, bis sich die Anzahl der Erdbewohner auf ein vernünftiges Mass gesenkt hätte.

Es gibt keine Zweifel, dass sich das Problem irgendwann erledigen wird, meinte der Wissenschaftler, die bange Frage bleibt aber, ob das noch rechtzeitig geschehen wird?

 

 

 

 

 

4. DIE KATASTROPHEN

 

Ja, der Planet hatte schon sein Kreuz mit den Menschen und er stöhnte und ächzte schwer unter der pyramidalen Last. Eine Naturkatastrophe jagte die andere und wahre

Fluten von schlimmen Nachrichten ergossen sich aus den elektronischen Medien mal von dort, mal von da, mal von überall her. Überschwemmungen und Klimaanomalien, Erdbeben und Vulkanausbrüche und Lawinen, Dürrekatastrophen und Heuschreckenplagen und Epidemien und vor allem die, durch den Menschen selbst verursachte Katastrophen (GAUs, Tankerhavarien, Chemo- und Gen-Desasters), waren an der Tagesordnung.

Naturmässig gab es auf dem Planeten nichts, was nicht im Argen lag. Die Ozonschicht war endgültig zerstört, der Himmel dreckiggrün wie Jade. Die Eismassen der Polarregionen und die Gletscher der Hochgebirge schwanden mit einer quälend-langsamen Unerbittlichkeit dahin. Als Folgen des ansteigenden Meeresspiegels waren die Küstenregionen nicht mehr zu erkennen; jedes Jahr mussten neue Karten davon erstellt werden, was allerdings nicht so schwer fiel, denn die Geodäsiesatelliten machten das automatisch und sozusagen mit links. Der Mutterboden war entweder desertifiziert oder verkarstet, oder aber dermaßen überdüngt und chemisch vergiftet, dass eine klassische Landwirtschaft praktisch als unmöglich galt; einzig noch die Nahrungsilos der Chemiker waren die Brotkörbe der Menschheit. Auch die Haustiere, überzüchtet und überdomestiziert, lieferten Produkte ab, die einer zeitgeistigen Redewendung zufolge wie rostige Mikrochips und gebrauchte Kondome schmeckten.

Das extrem rare Trinkwasser stank wie Kuhpisse - man konnte es praktisch nur in Form von Cola und anderen popigen Getränken genießen.

Manch eine Katastrophe war eindeutig selbstverschuldet. Nachdem man durch Not und Verzweiflung getrieben die unkontrollierbaren Atomabfälle per Großraumraketen auf der Sonne endzulagern begann, verstärkte das Muttergestirn plötzlich seine Aktivität... Es war schier unglaublich, dass das lächerliche Strahlungsquantum mehr die Funktionen des Sterns beeinflussen konnte - Wissis rechnete damals diese Chance als nur 1:30300 aus. Dieser unerwartet rare Fall trat aber eindeutig ein. Nun war die Sonne bereits seit einigen Jahren beim Auf-, beziehungsweise Untergang, gar schrecklich anzusehen: wie ein unerbittlicher, zornentflammter Dämon bedeckte sie mit ihrem aufgeblähten Leib den Grossteil des Himmels. Ihre Strahlungsabgabe wuchs täglich, der Sonnenwind hatte bereits die Stärke 8 erreicht. Man befürchtete ernsthaft, sie würde sich immer weiter bis zum Format einer monströsen Supernova aufblähen.

Auch die Weltwirtschaft lag - anders wäre es kaum zu erwarten gewesen - nur noch im Argen; soweit man überhaupt von einer Wirtschaft reden durfte, seit sich jene Wirtschaftsgiganten, die Multis, von der übrigen Gesellschaft losgesagt hatten. Freilich existierte auch ausserhalb ihrer Strukturen noch genug Porduktionskapazitäten, doch liessen ihre Eigentümer ausschliesslich Roboter für sich arbeiten. Darum redete man selbst in den wenig entwickelten Gegenden von einer Arbeitslosenquote in Höhe von fünfundsiebzig Prozent - in den ehemaligen Industrienationen lag sie ungelogen bei neunzig Prozent und darüber. Die Inflation war dermaßen hoch, dass die Geldscheine mit schieren Phantasiezahlen bedrückt wurden. Es gab Banknoten von zu 106 bis zu zehn-hoch-zehn-hoch-zehn der Geldeinheit. Mit dem eigentlichen, mathematisch ausgedrückten Wert des Geldes kannte sich ausser einigen genialen Mathematikern kein Schwanz aus, was freilich niemanden daran hinderte, seine Geschäfte zu machen.

Übrigens kam wieder die Goldwährung in Mode. Eigentlich keine richtige Goldwährung, sondern fälschungssichere Kreditchips der Multis, die so sicher wie Gold waren. Da sie stets auf einen bestimmten Betrag lauten, der eben einem bestimmten Wert entsprach, nannte man sie Goldtaler. Ausserdem gab es auch Silber und Kupferwährung, wo die Chips eben etwas weniger wert waren, sowie Platintaler, die in etwa 10 Goldtaler wert gewesen sind. Das war das `Geld` das die Multis im Verkehr mit der Außenwelt benutzten, und mit welchen sie eine bestimmte Waren- oder Leistungsmenge garantierten. Die Goldstücke hießen Golddollar, Goldeuro und Goldyen. Ein Goldeuro war zwei Goldyen oder fünf Golddollars wert.

Bei diesem Stand der Dinge erscheint es wie ein Wunder, dass die Hungerkatastrophen keine biblischen Ausmaße erreichten, doch war das leicht zu erklären. Im Norden, in der ehemaligen Ersten Welt, wurden die Massen mit jenem preiswerten bis kostenlosen, biotonischen Kartoffeln und Gemüse, Sojafleisch und Fischmehlbrot abgespeist, die die Multis spendierten, um sich den Mob vom Leibe zu halten. Das Fischmehlbrot, übrigens, produzierte man bereits seit Jahren, seit man eine Möglichkeit gefunden hatte, jene Unmassen an Krill, die die Weltmeere nun als beinahe einzige Lebewesen bewohnten, dem menschlichen Geschmack anzupassen.

Natürlich übergab man sich schon angesichts dieser Nahrungsmittel, aber was hätte man machen sollen / können? Man musste es essen. Man aß es also und benutzte den schwarzen Humor, um sich von dem Mist abzulenken. Bei dem Gen-Salat etwa pflegte man zu scherzen, sie wäre wie die deutsche Jugend unter Hitler: zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und treu wie der Deutsche Schäferhund. Nun ist das mit zäh und hart schon zu verstehen, was aber sollte das mit der Hundetreue? Dieser Witz galt den Verdauungsproblemen, die man mit den Salaten hatte. Das war nämlich so, als ob wollte jene, überaus robuste Pflanze den Magensäften auf gar keinen Fall nachgeben und sie wochenlang weigerte, den Verdauungstrakt zu verlassen.

Im Süden aber, in der Trostlosigkeit der einstigen Dritten Welt, ernährte man sich fast ausschliesslich von Insekten, die ohnehin eine unerhörte Plage darstellten, so dass man sich mit ihnen tatsächlich den Magen voll schlagen konnte. Die Indios Südamerika erinnerten sich einer alten Survivaltechnik ihrer Vorfahren und ernährten sich praktisch von Coca-Blättern und nahrhaften und mineralienreichen Tonerde.

Zudem wurde in den entlegeneren und weniger zivilisierten Gegenden Kannibalismus Gang und Gäbe. Schlaue Spekulanten, Glücksritter und Abenteurer versorgten die Märkte der südlichen Hemisphäre mit nie versiegendem Nachschub an Menschenkadavern, die tagtäglich an den zahllosen Schlachtfeldern der Welt anfielen. Als besonderer Leckerbissen erachtete man dort das Kinderfleisch, das angeblich auch das beste Kalbfleisch in der Zartheit betraf. Das Kinderfleisch freilich war sauteuer, nur die Reichen konnten sich solche Delikatesse leisten. Darauf übrigens, war für die Menschenfleischhändler am meisten zu verdienen, so dass sogar der, ansonsten als äusserst seriös geltende Wall Street Chanel regelmässig als schwarzes Humor getarnt, die Preisentwicklung an den Kinderfleischmärkten Afrikas, Asiens und Südamerikas kommentierte. Es gingen auch die Gerüchte um, dass die skrupellosen Kinderfleischhändler ihre Einkäufer bereits in der Nordamerika, Europa und Asien tätig sein liessen, wo sie den verelendeten Opfern der grossen Allroundkatastrophen ihre überzähligen Kinder abkauften. Die lieben Kleinen landeten dann in Form von Sonntagsbraten auf den Tafeln der einigermassen begüterten der Dritten Welt. Manche Kinderreiche Familie im Norden aber schöpfte da neue Hoffnungen.

Was Wunder also, dass sich die Menschen zuhauf zu den Söldner- und Raubbanden zusammentaten. Die Überfielen dann Reisenden, Lager- und Markthallen und Produktionsbetriebe und plünderten sie gründlich aus. So viele Banken, wie man da gerne ausgeraubt hätte, gab es überhaupt nicht. Besonders Schrottdiebstahl war beliebt. Man stahl Eisenbahnschienen und Überlandleitungen, man stahl die Geräte von den Spielplätzen, man nahm alles mit, was nur mitgenommen werden könnte. Selbst auf den Friedhöfen war man tätig, stahl den metallenen Grabschmuck, besonders gerne, wenn es da um Kupfer- oder Bronzeschmuck handelte, man schlug die wertvollen Inschriften von den Gedenksteinen ab. Nicht mal vor den Heiligtümern machte man halt und stahl Regenrinnen, ja sogar die ganzen Kupferdächer von den Kirchen und Kapellen.

Für die Massen war die Kriminalität die einzige Überlebenschance. Kriminalität lohnte sich ohnehin, da sich die Staatsmächte damit begnügten, die gröbsten Riots unter Kontrolle zu halten; ansonsten trieben sie nur ihre horrenden Steuern ein. Zu dem Zweck unterhielten sie blendend ausgerüstete Banden aus beamteten Schergen und Schlägern. Mit der Steuereintreibung waren die Staaten jedenfalls dermaßen beschäftigt, dass sie kaum die Zeit fanden, untereinander Kriege zu führen; von irgendwelcher Kriminalitätsbekämpfung hätte da schon keine Rede sein können. Also blühte die Kriminalität; man durfte bereits von einer Kultur der Kriminalität reden: Straßenräuber avancierte zu einem ehrenwerten Beruf - sozusagen ehrenwerter als der eines Politikers - und an den Untergrund-Universitäten, besonders in dem ehemaligen Ostblock oder in der Südeuropäischer Union, in der SEU also, bildeten die Fachkräfte den Nachwuchs auf unwahrscheinlich hohem pädagogischen Niveau aus.

 

 

 

 

 

5. DIE MULTIS

 

Die einzig noch funktionierenden Sozialgebilde sind wie gesagt die so genannten Multis gewesen. Jene gigantischen Agglomerationen von Wirtschaftspotenz, die sich bereits in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herausgebildet hatten, sagten sich nach dem Zusammenbruch der einstigen EU von dem Staat los und existierten in eigener Regie weiter. Da jeder solcher Multi in seinen Strukturen von der Nahrungsmittelproduktion bis zu der Raumfahrt alles aufzubieten hatte, war man so gut wie absolut autark und auf den zerfallenden Staat nicht angewiesen. Ihre Aktionäre und Angestellten zogen sich mitsamt Kind und Kegel in die Enklaven zurück, die sie Domänen nannten und die zu uneinnehmbaren Trutzburgen ausgebaut wurden, welchen nicht einmal mit Atomwaffen beizukommen war, denn ihre Satellitenabwehr funktionierte prächtig.

Da suchte man auf einem apolitischen Weg und sehr vorsichtig nach den neuen Formen einer Zukunftsgesellschaft.

`Wir müssen alle Beziehungen zum Staat kappen. Wir wollen ja nicht in den Wirren seines Untergangs selbst untergehen.` begründete Dr. Gerard Fickmeyer, der Vorstandssprecher des GUTEN STERNS die Entscheidung des Vorstandes, sich vom Staat loszusagen.

Natürlich gab es da Säbelrasseln seitens des Staates, sobald es bekannt wurde, dass die Multis den Staat seinem Schicksal überlassen wollen. Besonders die drei Ami-Präsidenten gaben sich kriegerisch gelaunt, doch da sie ohnehin niemals einig werden könnten, und da sie eh wussten, dass sie den Multis nicht gewachsen sind, beruhigten sie sich schnell. Nun suchten die Multis den Frieden zu erhalten, indem ihre Überschusse an die UNO auslieferten, die sie auf ihre Mitglieder verteilen sollte. Sie betonten aber, das sei eine ausschliesslich freiwillige Leistung, mit dem Zweck, die Massen von dem Krieg gegen Multis abzuhalten.

Im Grossen und Ganzen gab es drei solche Wirtschaftsriesen, die sich vom Terror des sterbenden Staates befreiten.

Einer entstand in Ost- und Südasien. Praktisch wurde er von dem verselbstständigten japanischer Ministry of International Trade and Industry, abgekürzt MITI, ehemaligen Mitsubishi- und Honda-Konzernen, sowie noch einigen solchen asiatischen Riesen und einem Konsortium Hongkonger Banken ins Leben gerufen und trug den Namen GROSSER BUDDHA. Der zweite war der berühmte Daimler-Benz-Multi, der GUTE STERN, wie ihn seine Mitglieder liebevoll nannten, die grösste und leistungsstärkste Wirtschaftsorganisation der Welt. Auf der Stammbasis der europäischen Wirtschaft aufgebaut, sagte sich GUTER STERN als erste Multi im Jahre 2015 von der zerfallenen EU los und etablierte sich als eine Utopia realis, worauf ihm BIG BLUE folgte, der unter der Federführung von IBM und Microsoft aus der panamerikanischen Industrie entstand.

Dazu gab es noch einige hundert kleinere Multis, die sich zunächst zu behaupten suchten, doch in der Wirrnis der Zeit und unter dem Druck des Allgemeinchaos der Reihe nach aufgaben, um in den sicheren Strukturen der grossen Drei aufzugehen. Schließlich verblieb nur ein von solchen übrig, der so genannte ISLAND MULTI, der auf Jamaika seinen Sitz hatte und sich praktisch auf Karibik beschränkte, obwohl er extrem starke Handelsbeziehungen mit der ganzen Welt hatte.

Multi Gesellschaft war mehr oder weniger kommunistisch, weil man sich das leisten könnte. Das heißt auch, daß die Multis über keine Regierungen verfügten und über klassische Politik betrieben.

Was es der Leitung anging, suchte man sie auf einer offenen Basis aufzubauen. Natürlich hatten nicht alle Mitglieder eines Multis Zutritt zu allen Daten desselben, doch genug, um die Vorgänge in der `Politik` des Unternehmens kontrollieren zu können. Und da ausserdem so gut wie alle Mitglieder eines Multis mindestens einen akademischen Titel hatten, so ließe sich die Belegschaft kaum manipulieren. Rein Technisch stand dem Multi ein Rat vor, der so genannte Big Dozen. Das war eine Körperschaft von 12 Direktoren, die eigentlich Strategen genannt wurden, weil ihre Hauptaufgabe darin bestand, die Strategien der Zukunft zu entwickeln. Die Körperschaft trat unter dem Vorsitz eines so genannten Primus inter Pares auf. Dieser Titel entsprach in etwa der früheren Position des Vorsitzenden des Aufsichtrates.

Praktisch könnte jedes Mitglied eines jeden Multis zum Big Dozen aufsteigen, da seine Mitglieder kybernetisch gewählt wurden. Alle Multi-Mitglieder könnten ihre Arbeiten bewerten lassen, und würden diese aufgrund fester, mathematischen Regeln als ausreichend gut gefunden, stieg man auf. Eine Begrenzung gab es doch: um zum Big Dozen zu gehören musste man (mindestens) drei akademische Titel haben. Und da meiste solcher Professoren, Doktoren und Ingenieure waren, so lautete auch der halboffizielle Titel der Mitglieder im Zwölferrat Prodring, was eben aus Professor, Doktor und Ingenieur gebildet wurde.

Da es zunächst kaum 10% Multi-Mitglieder war, die über drei Titel verfügten, sorgte man sich zunächst, das sich da eine neue Elite ausbilden könnte, doch die Sorge erwies sich schnell als unbegründet. In den angenehmen und unbürokratisch geregelten Bildungssystemen, der Multis erwarb man akademische Titel mit links, und , kaum 10 Jahre nach der Gründung von Guter Stern hatte bereits 27 Prozent seiner Mitglieder 3 Titel, während sogar 65 Prozent von ihnen über 2 Titel verfügte und nur 7 Prozent der Belegschaft, durchwegs ältere Menschen, sind einfache Akademiker gewesen.

Leider fanden nicht allzu viele Erdenbürger die Zuflucht in diesen Asylen der wahren Humanität. GROSSER BUDDHA, zahlenmäßig größter von ihnen, hatte ungefähr hundert Millionen Mitglieder, GUTER STERN knapp neunzig Millionen und BIG BLUE kaum siebzig Millionen. Das war auch bei großzügigster Schätzung nicht viel mehr als zwei Prozent der Weltbevölkerung.

Sparen wir uns zunächst die komplizierte Geschichte der Entstehung der Multis; sie reichte jedenfalls bis zu den Anfängen des XVII Jahrhunderts, zu den sagenhaften Ostindischen Kompanien, eigentlich auch noch darüber hinaus, zu den mächtigen Imperium der Fugger, ja vielleicht noch ins 13. Jahrhundert und zu den Templern... Daran kommen wir noch zu sprechen. Erwähnen wir aber, dass die Multis, abgesehen von den ökologischen Problemen infolge der Überpopulation, die Kurve zu bekommen schienen. Um die wertvolle Zukunftsexperimente nicht zu gefährden, kapselten sie sich zunehmend von dem Rest der Menschheit ab. Man verkehrte untereinander nur über Satellit, reiste per Hubschrauber und Supersonic, und der Warenaustausch zwischen ihnen fand nur unter martialischen Sicherheitsvorkehrungen statt.

 

 

 

 

 

 

6. DIE ROBOTER KOMMEN

 

Die Entwicklung aber, welche die Technologie in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends gemacht hatte, die sei einfach mit nichts zu beschreiben, so total, so allumfassend, so

durchdringend war die Revolution, die die Hochtechnik der Menschheit brachte. Hier genüge es wahrhaft nicht zu sagen, dass die Geschirrspülmittel mit immer mehr Power auf den Markt kamen und dass auch das altbewährte Aspirin nach seiner Turbo- nun auch eine Superturbo-Version bekam. Obwohl auch das für jene Zeit typisch war, so musste man doch etwas weiter ausholen.

Um sich aber nicht in den schwärmerischen Beschreibung des enormen Fortschritts zu verlieren, beschränken wir uns darauf, ein paar Worte über ganz speziellen und sehr charakteristischen Gebiet der Hightech zu sagen, über Computer und Kybernetik im Allgemeinen und Roboterbau im Speziellen.

Computer zunächst. Lassen wir hier die speziellen Großcomputer ausser Acht und reden nur über den Volkscomputer, also das Ding, das jeden Menschen etwas anging. Den Arco haben wir schon erwähnt. Er wurde auch einfach Abc genannt, nach dem ersten kommunikationsfähigen armbanduhrgroßen PC von BIG BLUE. Das sei so ungefähr das populärste Ding im ganzen Universum, behauptete Tashiro O'Shea, ein Amerikaner japanisch-irischer Abstammung, der Primus inter Pares bei BIG BLUE war. (Primus inter Pares war übrigens ein Titel bei den Multis, entsprach in etwa früheren Position des Vorsitzenden des Aufsichtrates.) So gut wie achtzig Prozent aller Menschen hatten so ein Ding am Handgelenk. Die Minderheit ohne Arcos wurde als Acompis verachtet, eine Bezeichnung, die ungefähr dem früheren Analphabet entsprach.

Allerdings muss man zugeben, dass Arco enorm praktisch war dank ihm hatte man nicht nur einen leistungsfähigen PC am Handgelenk sondern auch ein Multimediaprojektor in Kristall-3D-Technik und war überdies mit ganzer Welt im CYS verbunden. Und da sich damals bereit so ungefähr alles auf den Breitband-Dataways abspielte, so war man ohne diesen `Fenster in die Noosphäre` (BIG BLUE-Werbung) in der Tat in ungefähr so aufgeschmissen, wie früher ohne Führerschein oder noch früher ohne Beine.

Die Entwicklung aber, die Roboter gemacht hatten, die war noch imposanter. Als wollte sie mit ihrem barbarischen Wüten unter den Menschen den Platz für neue Kreaturen erschaffen, bedeutete die Blutepoche eine wahre Brutstätte der intelligenten Maschinen. Bereits Ende des vorigen Jahrhunderts kamen die ersten von ihnen auf den Markt, doch erst im Jahre 2009 gelang der endgültige Durchbruch auf diesem Sektor, denn da schenkte ein Kybernetiker-Team des Roboterproduzentes KUKA den Robis einen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn in Form eines simplen Laser-Kreisels, was die Blechkameraden endlich zu richtigen, wendigen und flinken Zweibeinern machte. Nun explodierte die Roboterproduktion wie eine Supernova und boomte wirklich beispiellos in der Geschichte der Volkswirtschaft.

Besonders beeindruckend waren hier die so genannten Indis - Indianer, nannte sie das Volk -, Industrieroboter also, fleißige und unermüdliche Schwerstarbeiter, die man in einigen Grundserien und einer Unzahl von Varianten baute.

Folgend einige der populärsten und bekanntesten Indi-Serien:

GOLEM - entwickelt für Schwerstarbeit. In der Grundserien von zwanzig bis hundertzwanzig Meter hoch, meist auf Raupen, doch auch auf zwei, vier und sechs Beinen, und mit bis zu acht Tentakeln ausgestattet, die unter anderen auch als Kräne, Schaufelbagger, Presslufthammer, Kettensägen und anderes verwendet werden könnten. Eine Meute der grössten Golems konnte in einer absoluten Präzisionsarbeit einen Wolkenkratzer von seinem früheren Fundament abheben und ihn auf neue Grundmauern stellen, ohne dass die Gebäude auch das Minimalste beschädig wurde. In einer Schauaktion des GUTEN STERNS baute ein Arbeitstrupp aus zwei Dutzend der grössten Golems in einer einzigen Woche eine getreue Nachbildung der Pyramide des Cheops, und zwar komplett: vom Steinebrechen bis zum Belegen mit weißen Marmorplatten.

FRANKENSTEIN - für Arbeiten in Gefahrenzonen (in AKWs, Giftmüll-Deponien, unterirdischen Chemofabriken und ähnlichen). Sie selbst nannten sich stolz und wehmütig `Einsamste Roboter der Welt`, weil es ihnen wegen möglicher Kontamination mit gefährlichen Substanzen verboten war, in den Kontakt mit Menschen und anderen Robis zu treten. Die Frankensteins waren wie Leprakranke und Parias, so eine Art von unberührbaren Wesen der Robi-Schöpfung. Sie hatten unter anderen auch den Radarsinn und sobald sich jemand ihnen näherte hätten sie ihn mit ihren skurrilen, blutfrierenden Stimmen, die nackte Gefahr signalisierten, umgehend und deutlich zu warnen.

(Ja, das war wahrhaft ein hartes Schicksal, ewig Aussätziger zu sein, und nur von Robis einigermassen klaglos zu ertragen.)

NAUTILUS - (im Volksmund auch `Weißer Hai` oder auch `Jaws` genannt) für Arbeiten in grossen Tiefen. Im Jahre 2035 bohrte gerade ein Trupp Nautiluse in der absoluten Tiefsee des Mariannengrabens probeweise nach Öl.

DR. SCHWEIZER - OP-Robis, die von zugewachsenen Zehnägel über Blinddarm und Bypass bis zu der Lobotomie und Anlegen von Compi-Anschlüssen im Gehirn jede Operation völlig selbstständig durchführen konnten, ohne dabei auch das Geringste zu pfuschen.

ARNOLD - (auch `Der Germane` oder `Terminator` genannt) Industriemäßiger Guardian-Engel-Robi. Absolut zuverlässig da nicht korrupt und ausserdem angstlos.

Natürlich zeigten die Artefakten der künstlichen Intelligenz - und das war besonders bei anderen, privaten Robis, bei jenen Helpmates also, der Fall - bereits eine breite Palette von Eigentümlichkeiten auf, die sie als Individuen charakterisierten, doch wurden diese ihnen ausschliesslich durch die Software aufgedrückt, bedeuteten also keinesfalls eine echte Persönlichkeitsentfaltung und eine individuelle Revolution bei den Robis. War ein Robi also ein kleiner Hippie und Schlamperle, so dürfte man nicht nur sicher sein, dass alle Roboter der gleichen Serie das gleiche Benehmen an den Tag legten, sondern auch, dass der Schöpfer seiner Software selbst ein Hippie war und gar zu oft dies oder jenes in seinem Leben verschlampte. Ja, zunächst schien es, die biologische Schöpfung würde auch ihre Unzulänglichkeiten wie eine schwere Erblast weiter an die kybernetische geben.

So gab es wirklich boshafte Robis, die sich mit Vorliebe im dunklen Flur versteckten, um dort die Kids zu überfallen, die vor dem Schlafengehen aus dem Bad kamen, und sie mit einem grausigen `Buuuh!` zu erschrecken. Die armen Kindleins schwitzten dann vor Angst so sehr, dass man sie gut sofort wieder baden könnte, und das war schon sehr ärgerlich.

Sicher gab es auch viele Robis, die es auf frauenfeindlich machten. Beim Frühstück etwa pflegten sie sich dem Herrn des Hauses und allem Männlichen zu widmen, während sie die Weibsen grundsätzlich links liegen liessen, oder gemeinerweise ihre Spiegeleier glatt verkohlt servierten.

`Well done!` verkündigten sie dann mit einer Süffisanz, die alle Damen einfach beleidigte.

Diese Frauenfeindlichkeit der Maschinen käme nur davon, dass meiste Kybernetiker und Roboteringenieure Männer seien, behaupteten die fortschrittlich denkenden Frauen. Und da diese Emmas damals enormen Einfluss hatten, gelang es ihnen schließlich eine Quoten-Regelung durchzusetzen. Doch die `Weibis`, wie man die von Damen entworfene drum sozusagen weibliche Roboter nannte, waren auch nicht gerade das Gelbe vom Ei. Sie taugten kaum für eine andere Tätigkeit als zur Agitation, und machten sich schlichtweg lächerlich bei Versuchen `andersgeschlechtlichen` Robotern zu beweisen, dass sie eine bessere Schöpfung seien.

Die witzigsten aller Helpmates waren freilich die Haushaltsroboter. Besonders beliebt waren die so genannte `Spezialisten`, also Robis, die ganz spezielle Aufgaben hatten. Butler, Zimmermädchen, Koch, Friseur, Masseuse...

Bald ähnelten die Haushalte den römischen Häusern, wo man für jede Handreichung einen Sklaven hatte... Man lud die Gesellschaft ein und liess sie von Roboter-Butler bedienen und durch Entertainer-Roboter unterhalten; man hatte an der Fensterbank einige Blumentöpfe stehen und überließ diese Blütenpracht natürlich den grünen Daumen eines Gärtnerroboters. Frau brauchte ein neues Kleid und hatte dies nur ihrem Roboter-Schneider mitzuteilen.

Doch damit war es noch nicht genug des Wahnsinns. Nun warf man weitere Spezialitäten auf den Mark. So wie früher jedes Haushalt eine Kaffeemaschine hatte, so musste es jetzt unbedingt und definitiv seinen Kaffeekoch haben.

Diese Roboter hatten das befremdliche Aussehen der mobilen Espressomaschinen mit Sensoren und Tentakeln, waren auf äußerste Treue programmiert und folgten ihren Herren mit einer rührender Anhänglichkeit selbst auf die Toilette, und der brauchte nur die Hand auszustrecken; sofort bekam er eine Tasse frisch gebrühten Kaffe nach Lust und Laune eingeschenkt: Mocca, Espresso oder au lait, süss oder ganz bitter, schwarz oder mit Sahne, ja selbst mit Vogelmilch, wobei er noch, falls gewünscht, vom Kaffeekoch mit den interessanten Details aus der Kulturgeschichte dieses Kultgetränks, mit Gesprächen über Sport, Wetter und Gesellschaftsklatsch, oder einfach mit dreckigen Witzen unterhalten werden konnte.

Die einprogrammierte Anhänglichkeit dieser Roboter war natürlich nicht ganz zufällig, denn ihr Produzent, GUTER STERN, kontrollierte bekanntlich die Kaffeeproduktion der Welt, und mit dem Erscheinen von Coffie-Boys schnellte der Kaffeeverbrauch gewaltig in die Höhe. (Damit freilich auch die Anzahl der Herzinfarkte, doch darüber redete man nicht gerne, am allerwenigsten der GUTE STERN – zumal die meiste Arzt-Roboter auch von dort kamen.)

Oder die Mikrowellen-Robis, die darum sorgten, dass man seinen offenfrischen Pizza und sonstigen Snack jederzeit in seiner Nähe hatte, und ein Verkaufshit von BIG BLUE waren. Doch hatten eben diese Roboter eine Macke im System. Wohl waren sie von einem Team programmiert, der aus lauter griesgrämigen, schlechtgelaunten Bösewichten bestand, denn sie quälten gerne Katzen, Hamster, Wellensittiche und sonstiges kleineres Hausgetier. Mit irgendeinen Leckerbissen köderten diese intelligenten Bestien das dumme Vieh in ihren Ofen hinein, sperrten es da ein, aktivierten ganz kurz den Mikrowellen-Sender und lachten sich anschließend von den sonnigen Höhen ihrer überlegenen Intelligenz tierisch mitleidslos einen ab, wenn dann so ein zerwühlter, verbeulter und total entsetzter Hamster, wie eine Rakete aus dem Ofen rausgeschossen kam.

Die ulkigste aller Helpmates aber waren mit Abstand die Bleistiftspitzer-Robis. Also die waren so was von süss und putzig und gut drauf! Sie waren klitzeklein und niedlich wie neugeborene Küken (man färbte sie sogar mit Vorliebe im Kükengelb), aber sie entwickelten eine entsetzlich wirkende Emsigkeit - kein Bleistift war vor ihnen sicher. Wie in Akten einer rituell anmutenden Sinnlosigkeit spitzten sie die Bleistifte so lange, bis von diesen nur unbrauchbare Stummelchen übrig blieben. Schimpfte man mit ihnen wegen ihrer Gefräßigkeit, dann standen sie ganz erbärmlich und zerknirscht da, schämten sich so offensichtlich, dass man mit ihnen unweigerlich Mitleid bekam. Drehte man ihnen aber den Rücken zu, so waren sie augenblicklich wieder am Werk und bearbeiteten mit hämischem Grinsen jeden Bleistift, der in die Reichweite ihrer Sensoren geriet. (Es war aber bekannt, dass auch diese Emsigkeit nicht zufällig,

sondern von ihren Programmierern beabsichtigt wurde. Bevor GROSSER BUDDHA diese Robis auf den Markt brachte, kaufte er GUTEM STERN die gesamte Bleistiftproduktion ab, spielte nun Big Boss auf dem Weltmarkt und freute sich natürlich schweinisch über ansetzende Bleistiftverschwendung.)

Natürlich brauchte kein Mensch einen Bleistift mehr, wo man doch mit seinem Computer nur verbal, ja bereits ansatzweise per Gedanken kommunizierte. Allerdings musste man unbedingt irgendwo ein paar Bleistifte haben, das war ein Anzeichen der Kultur. Und das nutzten die kleinen Bleistiftspitzer natürlich ganz schamlos aus.

 

 

 

 

 

7. RELIGION UND ZEITGEIST

 

Kurz: all das, worauf der Mensch seit Jahrtausenden baute, verlor Anfang des neuen Millenniums jegliche Gültigkeit.

Nun gab es keine festen Werte mehr, keine Orientierung, keine Hoffnung. Selbst der Glaube verwandelte sich in eine Absurdität zurück, in jene Angst also, die er damals war, bevor ihn die Domestikation des Urmenschen zum absolutes Imperativ aufstellte. Da es trotz Hightech auf der Welt noch übermäßig viel Mensch gab, der über diesen Level des domestizierten Urmenschen nicht hinausging, und die Zeit überdies enorm chaotisch war, blühten die Religionen in seltener Pracht, zugleich aber in seltsamen, skurrilen Blüten, die sich die neurotische Phantasie nur auszudenken vermag. Das heisst, die einstigen, klassischen Religionen verloren fast vollständig ihre Bedeutung. Das war am besten am Beispiel Islam zu beobachten, wo die Massen, die noch bis in die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts tief in dem mittelalterlichen Glaube verharrten, urplötzlich, fast über Nacht ihre religiöse Bindung vergaßen und sich neuen Götzen zuwendeten. Von den etwa 1,3 Milliarden Moslems in den Zwanziger Jahren blieb in den Dreißigern kaum noch ein Viertel in den Moscheen. Der Rest wurde, wie alle übrigen Massen übrigens auch, begeisterter Anhänger einer neuen, soeben aufkeimenden Religion.

Bereits Anfang der Zwanziger Jahren kamen ganz neue Formen der Verankerung im Glauben auf. Eine von ihnen war Lingam, eine vollkommen neu kreierte Religion, die sich aus der Marienverehrung und der Geburtenkontrolle unter den in die ehemaligen USA eingewanderten Latinos entwickelt hatte, um genauso schnell und gründlich mit dem Christentum aufzuräumen, wie dieser einst im Rom mit dem Mitras-Kult und anderen antiken Ideen Gottes aufräumte.

Dank der, am Anfang des neuen Jahrtausends bereits weltweit funktionierenden Noosphäre, dank dem Kabel, Satellit, Internet und sonstigen Massmedien also, wurde Lingam, kaum wurde er kreiert in nur einigen Jahren zu einer richtigen Massenreligion, besonders unter Frauen beliebt, und hatte enormen Zulauf, egal ob in Europa, Amerika, Asien oder Afrika, gleich ob bisheriger Gott Jahwe, Christus oder Allah hieß. In den romanischen Ländern verehrte man Godemiche, in angelsächsischen Dildo, in Amerika und Afrika Mandingo, in Europa und Asien Lingam, was natürlich gehupft wie gesprungen war, denn es handelte sich immer nur um den heiligen Phallus. Doch war der kein Gott dieser Religion, sondern nur ein Werkzeug Gottes. Der eigentliche Gott, vielmehr Göttin, war aber die Jungfrau Maria, mit der zum ersten Mal in der Geschichte des Monotheismus eine Frauengestalt den Himmelsthron bestieg. Man verehrte sie aber nicht in dem Sinn, wie man früher ihren Sohn verehrte, sondern mehr so, wie man einst Demeter huldigte. (In dieser Tatsache sahen die Kritiker der Religion einen unumstößlichen Beweis dafür, wie wenig die Religion Menschen tatsächlich helfen kann. Religion ist ein Irrgarten, behaupten sie: man kommt immer auf den gleichen Punkt, aber nie hinaus.)

Die Gläubigen des Lingams nannten sich `Heilige des reinen Schosses` - die Frauen nämlich, die dem Glauben anhingen, weigerten sich strikt, den Mann anders als mit dem Mund zu empfangen und liessen sich grundsätzlich nur von heiligem Lingam oder einer Zunge (besser noch von zweien) befriedigen. Einerseits weil die Muttergöttin (womit freilich die Jungfrau Maria gemeint war) ja auch nie den Schwanz in der Scheide hatte, und anderseits weil man fest überzeugt war, mit dieser Massnahme die Population des Planeten in den Griff zu bekommen. Wünschte sich eine Lingam-Frau ein Kind, so nahm sie eine Zuflucht in die künstliche Besamung, die übrigens umso beliebter war, da es der Gentechnik bereits seit geräumiger Zeit ein Leichtes war, die Eigenschaften des Kindes von vorneherein festzulegen.

Die Riten selbst, in welchen Lingam ausgelebt wurde, waren nichts als wüste Orgien, bei welchen es sich - sofern man den Berichten des letzten Christen glauben darf -, nur unnatürlich pervers abging. In der Tat endete jede Lingam-Liturgie in einer sexuellen Gruppenvereinigung der Gläubigen, doch die Liturgie selbst war mehr in einem aufklärerischen Stil gehalten. Die Predigten der PriesterInnen behandelten dann vor allem die, zum absoluten Heiligtum erhobene Empfängnisverhütung.

Wie gesagt war der Lingam in der ganzen Welt extrem erfolgreich, nur in die Multi-Gesellschaft, die der Religion abgeschworen hatte, fand er keinen Zutritt, da bekam man bereits den Zufall in den Griff, dort brauchte man eigentlich keine Religion mehr. Zu der Zeit aber war es bereits deutlich geworden, dass sich dort eine Religion völlig neuen Stils und Sinns entwickelte: bei den Multis nämlich etablierte sich die Wissenschaft endgültig als eine Sakrosanz. Diese neue Form des Glaubens keimte bereits im 19 Jahrhundert auf, wurde dann, ohne das dies sofort bemerkt wurde, mit der Konstruktion der ersten Atombombe und dem Flug zum Mond salonfähig, um mit der Entstehung der Multi-Gesellschaft schließlich zu einem, sozusagen ernsthaften Glauben. Dieser Glauben kannte keine(n) eigentliche(n) Gottheit(en). Curies, Einstein, Heisenberg und andere grosse Wissenschaftler waren freilich keine Götter, sondern praktizierende Großpriester dieser seltsamen Religion. Aber die Labors und andere wissenschaftlichen Einrichtungen waren an sich nichts als Kapellen, Kirchen und Dome dieses neuen Glaubens, und bereits am Anfang des 3. Jahrtausend kristallisierten sich die ersten Riten - die Plasmadämmungversuche, etwa -, die liturgische Ausmasse annahmen. (Dieser Glauben war übrigens derart fest, dass sich die führenden Theoretiker der Multis bereits Sorgen darüber machten, da sie darin die Gefahr einer neuen Politisierung der Multi-Gesellschaft erkannten.)

Als zweite solche Religion mit absolut neuen Qualität war das Lebensgefühl anzusehen, das man den Massen mit medialen Mittel implantierte und das als absolut sakrosankt galt: eine Religion ohne eigentlichen Credo - eine l' art pour l' art-Religion sozusagen - aber nicht minder imperativ als das Christentum in seinen schwärzesten Tagen. Man nannte das Mickey Mouse-Religion, oder Mickeymouseismus. Nicht etwa, dass man das Mickey Mouse verehrte; in dieser Religion verehrte man rein gar nichts, man glaubte einfach. Man glaubte an Konsum, an Zeitgeist, an Pop, an Design, Digest und sogar an Donald Duck.

Die Unsicherheit der Zeit und die Verzweiflung der Menschen spiegelten sich noch deutlicher im Chaos der obskursten Bewegungen wieder, die nicht selten reinster Nonsens waren. Solche `Heilslehren` gab es überall in der Welt; sie entstanden, wirkten kürzer oder länger, wurden dann vergessen. So kam zuerst in Europa, dann überall in der Welt, eine neue politische Partei auf, die Partei der `Umweltschweine`. Die ultrarechte, radikal-faschistische Bewegung bildete sich als Gegengewicht zu den linksfaschistischen Umweltschutzparteien. Die Umweltschweine vertraten die These, die Umwelt wäre ohnehin viel zu kaputt, um noch gerettet werden zu können, also wäre es vorteilhafter und geboten, ihr so schnell wie möglich den Garaus zu machen, damit sich die Menschen schnellstmöglich neuen Bedingungen anpassen könnten - die Menschen freilich, die dazu taugen. Dass einige dazu taugen werden, ist nicht abzustreiten, behaupteten die Ideologen der Partei. Auch unter Tieren und Pflanzen, meinte man, würden sich solche Überlebenskünstler finden.

Sehr interessant war auch die Bewegung für Wiederaufführung der Sklaverei in Südamerika. Der Initiator und Anführer, Afrobrasilianer Namens Francisco da Silva war ein legitimer Nachkomme des berühmten Sklavenhändlers gleichen Namens aus der Blütezeit des klassischen Sklavenhandels. Er entwarf nun die Theorie, dass die verwahrlosten, verwilderten und von der endlosen Gehirnwäsche halbverrückten Massen einzig noch in der Sklaverei eine Zukunft hätten.

 `Die Abschaffung der Sklaverei ist schuld daran, dass die Welt vor die Hunde gegangen ist.` schrieb da Silva auf seiner Site, die unterm Motto `Sklaverei als Vorbestimmung der Massen` aufgemacht wurde. Und er setzt fort: `Warum der Norden der USA dem Süden Bürgerkrieg aufgezwungen hatte? Weil die erblühende Industrie des Nordens, vor allem die der Bodenbearbeitungsgeräte, neue Absatzmärkte brauchte. Die grossen Latifundien, brauchten keine Sklaven mehr und die Zerstörung der Umwelt durch die Maschinen nahm ihren Lauf.`

Seine Ansichten waren wirklich gut, daran gab es nichts auszusetzen, allein gab es absolut niemanden, der noch Sklavenhalter spielen wollte. Die Politiosi, die brauchten keine Sklaven, sondern Steuerzahler, und die, die über die Produktionsmittel verfügten, setzten längst auf Roboter. Sie behaupteten, Roboter wären billiger, praktischer und problemloser, als Sklaven es je sein könnten. Und obwohl da Silva und seine Agitatoren heftig widersprachen und plausible Rechnungen aufmachten, die das Gegenteil bewiesen, liess sich niemand erweichen. Trotzdem bereitete sich die Bewegung in der Windeseile um die Welt, und die Popularität da Silvas übertraf schließlich jene Abraham Lincolns um ein vielfaches.

Ja, ja, sagte man, alles ist relativ.

 

 

 

 

 

8. KUNST AM RANDE DES WAHNSINNS

 

Merkwürdigerweise war die Technologie nicht das einzige, was damals wirklich Hochkonjunktur hatte. Auch die Kunst blühte in jenen unseligen, düsteren und traurigen Zeiten. Nun zeigte es sich, dass der alte Spruch inter armas silent musae keine universelle Gültigkeit besaß. In diesem globalen `Jeder gegen jeden`-Krieg schrieen die Musen wie am Spieß, und wohl noch nie in der Geschichte blühte der menschliche Geist in einem solchen Reichtum der Formen, Ideen und Vorstellungen. So gab es keinen der vielen Networks, der nicht mindestens ein Channel betrieb, der ausschliesslich der Kunst gewidmet wurde. Natürlich war das meist nur Kulturmüll - die Hochzivilisation versaute nicht nur die Umwelt, sondern auch den Geist – aber diese ungeheure Quantität brachte auch eine erlesene Qualität mit.

Wohl waren die neuen Medien die Ursache solches Booms. Durch die ungeahnten Möglichkeiten hochgekitzelt, explodierte die Kreativität. Vor allem war globaler Cyber-Raum, der mit dem Abkürzungs-Symbol CyS (für Cyberspace) bezeichnet wurde, eine einzige Kunstweide. Die höherentwickelte Version des einstigen Internets, das sich bereits Anfang des neuen Jahrtausends mit dem Mobiltelefon verband, in den zwanzigen Jahren dann als dreidimensionales Bild im virtuellen Raum projizierbar wurde, wobei sich die Hardware bereits in einem Armbandcomputer unterbringen liess, den man eben Arco nannte und den man anstelle der einstigen Chronometer am Arm trug. Dieses seltsame Medium bot Möglichkeiten für künstlerische Betätigung, von welchen man früher nicht mal träumte. Per CyS könnte man nämlich nicht nur kommunizieren und projizieren, sondern auch aufnehmen, Effekte produzieren, Musik machen, malen und einiges mehr.

Nun wurde ein jeder Nutzer des künstlichen Raums ein Künstler. Mit CyS verlor die Literatur ebenso ihren Sinn, wie der klassische Film, klassisches Theater, klassische Musik und Malerei, wie alles klassische eben, aber es entstanden vollkommen neue Arten der Darstellung, die sich rein aus der Natur des künstlichen, dreidimensionalen Raums ergaben, der nun was ganz anderes war, als die klassischen zweidimensionale Bilder, klassischer Ton (der immer von der Position des Ohres zu der Tonquelle abhing), klassisches Kino (wo der Film vor den Zuschauer projiziert wurde: die CyS-Filme, die wurden um den Zuschauer herum projiziert.

Auch das Fernsehen wandelte sich in den Wirren der chaotischen Zeiten und in diesem universellen CyS fast tagtäglich. Genauso, wie sich die Wissenschaft in eine Religion zu verwandeln drohte, so wurde das Fernsehen zu reiner Kunst. Es hatte sich endlich von seinen Vorbildern Theater und Kino emanzipiert, was es freier für Experimenten machte, so wurde es zu einer sui generis Kunst, zu einem Art von Gesamtprogramm, in dem Information nahtlos in Werbung überging, diese genauso unbemerkt in pure Unterhaltung und schieren Geistesgenuss.

Übrigens gab es da bereits keine Werbung im klassischen Sinn. Die Werbespots von anno dazumal verwandelten sich schon Anfangs des neuen Jahrtausends in zweckentfremdete Kunstwerke und -objekte, die einzig noch in einem altruistischen Sinn wirkten. Die Firmen, die sie an die Werbeagenturen in Auftrag gaben, betrachteten sich nur als Sponsoren und Mäzenen an. Die eigentliche Werbung aber war da viel fieser und hinterfotziger als je, denn sie funktionierte auf einer tiefpsychologischen Basis. Sie erfolgte mittels Einzelbilder, die in normale Programme eingebetet waren. Nahm man solche `normale` Sendung auf Video auf und spielte sie Bild für Bild ab, fand man einzelne Bilder, die mit Sendung selbst nichts zu tun hatten, die als Beeinflussung dienten, und die das Publikum willenloser machten als jede andere Werbemethode. Diese Werbemethode nannte man `Wanzen`, weil die Einzelbilder eben wie kleinen Wanzen im Programm waren. Später, mit der Perfektionierung dieser Werbetechnik, wurden die Werbe-Einzelbilder so kodiert, dass sie von den Videomaschinen nicht mehr aufgenommen wurden. Nur an den kurzen Aussetzern, die die Aufnahmegeräte hier und da machten, konnte man bemerken, dass wieder eine Einzelbildwerbung über den Äther und in die Augen und Hirne des Publikums eingedrungen war.

Noch später aber perfektionierte man auch die Aufnahmetechnik, und die Maschinen nahmen nun weder die Werbebilder auf, noch setzten sie während der Aufnahme aus.

Solche Beeinflussung gab es in allen so genannten `öffentlichen`, also staatlichen Sendern, und in allen Privaten, von den Multis unabhängigen Sendern. Die Multisender selbst waren weder werbeverwanzt noch irgendwie zensiert, oder gar ausgewogen. Dort wurde jede und auch noch so skurrile Idee zugelassen. Allerdings wurden die Sender der Multis kaum beachtet, da das Publikum den Multis ihre Sicherheit neidete, darum auch ihre Fernsehprogramme überzogen und verweichlicht fand.

Die Fernsehunterhaltung der Massen bestand vor allem aus Film, Game-Shows und viel Sport, wobei die Game-Shows durchwegs als Action konzipiert waren und im Sport übergingen. Sowohl die Shows wie der Sport waren aber dem Zeitgeist entsprechend, äusserst derbe, rohe, blutige, nicht selten tödliche Angelegenheiten. Gladiatorenkämpfe, wo Mensch sowohl gegen Mensch wie auch gegen Tier - Kampfhunde waren in diesem Zusammenhang besonders beliebt - oder selbst gegen Roboter kämpfen musste, waren freilich die Renner, und die so genannte `Blood-Channels`, die ausschliesslich schreckliche Gemetzel ausstrahlten, erreichten geradezu astronomische Einschaltquoten. Übrigens waren solche Kämpfe genauso verboten wie ihre Ausstrahlung, doch never mind! Die Channels wussten sich da zu helfen, und sie strahlten solche Kämpfe nur in Form von Live-Reportagen, um quasi ihrem Publikum zu zeigen, wie roh, verdorben und bestialisch manche Menschen so seien.

Das Fernsehen war zu der Zeit tatsächlich das, zum Bild gewordenes Leben, das die Menschheit total beeinflusste, und es war eine schwere gesellschaftliche Verfehlung, sich nicht so zu benehmen, als agiere man im Fernsehen. Daraus entstand schließlich ein ganzer Benimm-Kodex, wobei sich innerhalb diesen eine Unzahl von verschiedenen Stilrichtungen gab, und ein Multi-Angehöriger benahm sich freilich ganz anders, als ein Private-Businessman, ein Künstler oder ein Söldner.

 

 

 

 

 

9. BIMBO UND BIMBO-BIMBO

 

Unter diesem ständigen Durchmischen der Population, und noch mehr aus der Notwendigkeit, sich in den Net-Communities problemlos verständigen zu können, ging da, in kaum zwanzig Jahren, ein alter Traum der Menschheit in Erfüllung: vorwiegend in den Kommunikationsnetzen entstand endlich eine Weltsprache, die so gut wie ein jeder Weltbewohner verstand und sprach.

Eigentlich begann sich diese Sprache sofort mit der Inbetriebnahme des Internets abzuzeichnen. In den ersten zehn Jahren des Internets passierte noch nicht viel, man blieb sprachlich unter seinesgleichen. Bereits da aber begann man in den Diskussionsforen eine gewisse Standarisierung der Ausdrucke zu beobachten, die von vielen Kürzungen und einer gewissen Vereinfachung der Grammatik begleitet war. Das führte bereits Anfang des neuen Jahrtausends dazu, dass die Foren und Communities nicht mehr ausschliesslich von den Menschen einer Sprache oder Sprachgruppe benutzt wurden, sondern richtig global. Da begegneten sich dann die Menschen verschiedenster Sprachen, die aber gleiche Interessen, Vorlieben und Hobbys hatten. Dann dauerte es nicht mehr lange: bereits in den späten Zwanziger warne die alten, nationalen Sprachen im Internet nur in den Nischen gebräuchlich.

Jene standarisierten Ausdrücke kamen zu einem grossen Teil natürlich aus dem amerikanischen Englisch, aber auch aus der anderen Sprachen kamen typischen Ausdrücke hinzu, die von den Mehrheit der User beherrscht wurden. Besonders Japanisch lieferte neben dem Deutsch viele Ausdrücke. Nicht nur `Samurai`, `Ninja`, `Kamikaze` und sonstige marcial-art Wörter, sondern und vor allem Ausdrücke, welche die Popkultur des neuen Jahrtausends betrafen. Deutsch wiederum lieferte viele Begriffe aus Geisteswissenschaft und Technik, aber auch aus normalen Alltag der Kultur: Kindergarten war auch früher bereits ein globaler Begriff, nun wurde er in der Manier dieser neuen Sprache abgekürzt, und sagte irgendjemand `Kindi`, so wusste buchstäblich die ganze Welt, was damit gemeint war. Weiter steuerte Französisch viele begriffe der kultivierten Lebensäusserungen bei (Essen, zum Beispiel, oder raffinierte Liebesspiele). Auch andere Kultursprachen wie Italienisch und Spanisch setzen sich in diesem Konglomerat durch. Dazu natürlich noch Russisch, Arabisch und Mandarin, und ausserdem aus fast jede Sprache der Welt wurde mindestens ein Begriff übernommen. Selbst die Aborigines oder Eskimos lieferten charakteristische, endogene Ausdrücke ihrer Kultur bei: Boomerang und Didjereedoo, oder Iglu, Anorak und Kajak, und selbst aus den schon längst toten Sprachen gelang es diesem oder jenen Ausdruck in dieser neuen Sprache, in dieser Weltsprache, zu überleben. Das, schon beinahe vergessene, Sanskrit war hier direkt vertreten, es lieferte ein der allerwichtigsten Ausdrücke des Zeitalters: das Symbol der neuen Religion wurde mit dem Sanskrit-Wort `Lingam` bezeichnet.

Und nicht nur die Sprachen, selbst die Literatur bereicherte die Ausdrucksmöglichkeiten der neuen Sprache. Wollte man irgendeinen superlativen Zustand ausdrücken, sagte man nicht mehr `total` oder `geil` oder sonst was in diese Richtung, was man früher in seiner Muttersprache sagte, sondern benutzte man einfach den Begriff `doppeltplusgut` aus Orwells `Big Brother`. Allerdings verkürzte man das, wie alles in dieser neuen Sprache abgekürzt wurde, und sagte einfach und salopp `doplug`.

Jedenfalls gab es bereits Anfang der zwanziger Jahre die ersten Blogs, die in diesem Kauderwelsch geschrieben wurden, was der Ausbreitung dieser neuen Sprache sehr förderlich war: am Ende der zwanziger Jahre war Internet ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellbar. Ab da begann man seine Websites fast ausschliesslich nur noch in Bimbo zu produzieren, wie man diese seltsame Sprache nannte, da sie buchstäblich von jedem Bimbo verstanden wurde.

Natürlich hätte sich das Bimbo ohne Arco nicht so schnell verbreitet. Aber eben die Erscheinung von Armbandcomputer, der bald so billig wurde, dass ihn nun jeder am Handgelenk tragen könnte, explodierte Bimbo und da, Ende der 30-er Jahren, gab es wohl keinen Menschen, der die Regeln dieser Einfachstsprache nicht beherrschen wurde.

Wer zuerst den Ausdruck `Bimbo` für diese Globalsprache verwendete, ist nicht bekannt. Zwar haben die Linguisten versucht, im Netz nach den Spuren zu suchen, doch das war eine verlorene Mühe, da die brutale Unzahl der Webforen und –blogs einfach zu unübersehbar war, zumal in den Wirren der Endzeit viele Spüren vernichtet wurden. Also gab man es auf.

Eigentlich gab es nicht nur eine, sondern zwei Bimbo-Sprachen.

Einmal war da normales Bimbo, das im Internet gebräuchlich war und sich nach und nach zu einer richtigen Schriftsprache entwickelte. In diesem Bimbo verkehrten sowohl die Intellektuellen wie die Multis, und es gab bereits erste literarische Erzeugnisse in Bimbo. Als allererster bekannter Roman war da ein Roboter-Schelmenroman `Die lustigen Abenteuer eines dusseligen Robis`, der online und in Fortsetzungen erschien und ein ganzes Genre begründete. Die Roboterschelmenromanen wurden enorm beliebt und viel gelesen, jedoch erreichte keiner von ihnen jene Frische der `Lustigen Abenteuern…`, wo der Clou eben darin war, dass der Robi mitnichten dusselig war, sondern sich nur verstellte und Einfalt mimte, um die Menschis (wie Robis im Bimbo die Menschen nannten) in der besten Tradition der Schelmenromane vorführen zu können.

Das zweite Bimbo sprachen die Massen. Dank inzwischen beinahe hundertjährigen Bestrahlung mit der TV bekamen selbst die Yanomamis in ihren Dschungel, Inuits auf ihren Eisbergen und die Andamanenpygmäen hier und da ein paar englische Ausdrücke mit, die sie nun in Begegnung mit allem Fremdsprachlichen nach besten Wissen und Gewissen kommunikativ zu verwenden suchten. Diese Abart der Globalsprache wurde `Bimbo-Bimbo` genannt, was in Bimbo eben `Bimbo für Bimbos` bedeutete.

Nebst Abkürzungen war es für Bimbo symptomatisch, dass es absolut keine Grammatik kannte, also von einem absolut einfachen Aufbau war. Im Gegensatz dazu hatte es aber eine extrem komplizierte Rechtsschreibung, aber das kümmerte keinen Menschen, denn kein Mensch schrieb noch etwas. Man erzählte das, was geschrieben werden sollte, seinem Arco, und der kümmerte sich schon selbst um die Rechtsschreibung. Die Maschine könnte das ohnehin viel besser als Mensch, sie kannte alle Regeln und selbst in den Zweifellsfällen, die selbst den ergrauten Professoren der Linguistik den Schweiß auf die Stirn treiben würden, ganz genau die richtige Alternative.

Wie einfach dieses Bimbo struktuiert war, lasse sich an einem Beispiel erörtern.

Sagte man, zum Beispiel: Speak Bimbo!, so könnte das alles Mögliche bedeuten. Sowohl Bekenntnis `ich (du / er / sie / es/ wir / ihr) spreche Bimbo`, wie Frage `sprichst du Bimbo?`, oder auch `sprich Bimbo!` als Aufforderung, Klartext zu reden, und noch Unzahl anderer Bedeutungen. Es hing nur von der Situation und Umständen ab, wie man das verstand.

Und eben im Bimbo-Bimbo war diese Vereinfachung drastisch, denn, wie Forscher es schnell herausfanden, benutzte man in Bimbo-Bimbo eigentlich nur etwa siebzig Begriffe, die aber in unzähligen Kombinationen geradezu die Beredsamkeit Shakespeares ermöglichten.

Die zu lang geratenen Begriffe wurden in der Regel gekürzt. Um die obigen Beispiele zu nehmen, aus Boomerang wurde ein einfache `Boomg` und aus Didjereedoo `Didju`, später sogar `Dju`. Aber auch alle Alltagsbegriffe wurden gnadenlos gekürzt. Niemand sagte mehr Computer, Roboter oder Wissenschaftler, nun sind `Compi`, `Robi` und `Wissi` gebräuchlich gewesen.

Manchmal ergaben sich die Bimbo-Ausdrücke durch Verwendung zweier Begriffe. Aus dem Begriff `Politiker` und `Mafioso` schweisste man diese beiden, ohnehin beinahe identischen; Berufe in dem Begriff `Politioso` zusammen.

Interessanterweise gab es im Bimbo-Bimbo diesen Ausdruck aber nicht. Da nannte man alles, was in Verbindung mit der Politik und Staat und Organisation stand einfach `Schwein`, beziehungsweise natürlich `pig`. Also bezeichnete `pig` sowohl Politiker, wie Polizist (wie sonstiger Beamte) wie Pfaffe und Papst, wie jede Form von irgendwelcher Autorität und Herrschaft. Alles aus dieser Kategorien war einfach `pig`.

Natürlich gab es auch, sobald Bimbo auftauchte, die ersten Theorien dieser Sprache. Die interessanteste war die eines Teams chinesischer Linguisten, das seine Arbeiten, die alle im Bimbo abgefasst wurden, unterm Bimbo-Namen `EastKilld` (`Osten ist tot`) veröffentlichte. In ihrem Werk `BimboRootsHist` (übersetzt etwa `Die Geschichte der historischen Wurzeln der Bimbo-Sprache`) gingen die EastKillds von der Babelgeschichte aus, die als Anfang aller sprachlichen Missverständnisse gilt.

In der Tat, meinten die EastKillds, war der vorgeschichtliche Mensch, so wie er in der Zeit vor Babel war, ein weitgehendes Naturkind, verfügte also über eine natürliche Kommunikation, die sich mit der Evolution entwickelt hatte und das Überleben der Arten ungemein vereinfachte. Zwei Tiere von ganz verschiedenen Arten benutzen zwar nicht die gleiche Kommunikation, doch sie `verstehen` sich trotzdem anhand der universellen Kommunikationssignalen richtig prächtig: Drohgebärden, Aufgeregtheit, Aggression sind ebenso unmissverständlich von jedem Tier, egal welcher Art, erkennbar, wie etwa Warnfarben.

Allerdings gab es da für Menschen ein Problem: wollte er weiter auf seinem Weg der Entwicklung des Geistes fortschreiten, müsste er unbedingt eine höhere Kommunikation entwickeln, die weniger universell, um so aber präziser und unmissverständlicher sein müsste. Dazu müsste er zuerst die ursprüngliche, native Kommunikation verlernen und vergessen, meint, von der intuitiven Kommunikation abkommen und eine rein bewusste Verständigungsmöglichkeit kreieren. Diesen Umbruch fanden die Jungs von EastKilld in der Babel-Geschichte symbolisiert.

Natürlich aber bestand auch weiterhin eine unbedingte Notwendigkeit einer universellen Sprache, diesmal auf etwas höherem Niveau als die universelle Sprache der Natur. Darum gab es nach einer Zeit, wo sie die Sprachen immer weiter voneinander entfernten, durch Erfindung der Schrift, der Zeitung, des Telegraphs usw., eine entgegen gesetzte Bewegung, die dann mit Internet und Arco endlich die lang erwartete Universalsprache brachte.

Das war ungefähr die Theorie der EastKillds, und ausser ein paar ewigen Nörglern fanden alle diese Theorie richtig gut.

Auf jedem Fall fanden es sogar die ewigen Nörgler gut, dass man nun, egal wo man auch kam, sofort verstand und verstanden wurde. Besonders im Krieg oder bei sonstigen Konfrontationen war das praktisch, da man sich im Bimbo so herrlich gegenseitig beschimpfen könnte.

Übrigens kannte Bimbo ein Überfluss an Schimpfwörtern. Besonders populär wurden aber die Schimpfwörter vom Balkan, da sie, so ordinär und schweinisch, wie sie schon sind, mit dem ordinären und schweinischen Zeitgeist besonders kompatibel gewesen sind.

 

 

 

 

 

10. EINE CATILINA WELT

 

Bei solchem Chaos und Abwechslungen war es kein Wunder, dass sich die Geschichte in einer rasenden Geschwindigkeit bewegte, sich dabei fortwährend und auf überraschende Weise in bizarrste Formen und durch skurrilste Einfälle verändernd - wie das Bild in einem, sich hektisch bewegenden Kaleidoskop. Kaum war die Hochzivilisation zu Ende, schon war das kurze, tragische Intermezzo der Kämpfenden Völkerscharen angebrochen, als sofort und ohne Übergang das Zeitalter der Kämpfenden Roboter folgte. Und während die Hochzivilisation noch ihre zweihundert Jahre dauerte, so dauerte die Epoche der Kämpfenden Völkerscharen kaum noch dreißig Jahre, und die Ära der Kämpfender Roboter wurde kaum zehn Jahre dauern. Man war sich sicher, dass die Rhythmen der Geschichte für die biologische Schöpfung bald viel zu rasend, viel zu hektisch, viel zu stressig werden würden, um darin aushalten zu können. Bald würde die Postbiologie die Erde genauso beherrschen, wie sie einst von Menschen und davor von den Sauriern beherrscht wurde, und nur noch die stärksten Exemplare der Biologie würden in dieser, so wunderlich elektronisierten und kybernetisierten, vollkommen verkabelten Welt mit ihren sonderbaren emsigen Maschinen, die scheinbar sinnlose, ihnen selbst aber nützliche Handlungen ausführen, ein Schattendasein fristen, einer neuen Chance entgegensehend, die gewiss nie, nie, nie kommen wird.

Ja, das waren seltsam raue Zeiten. Man musste entweder enorm stark sein und viel Kraft aufbieten, oder aber ein verklärtes Auge für die Gesellschaft und Geschichte haben, um von der allgemeinen Endzeitstimmung nicht mitgerissen zu werden. Am besten freilich waren jene dran, die zuverlässig wussten, dass die Menschheit schon oft in ihrer Geschichte von aussichtslosen Krisen heimgesucht wurde, und dann regelmässig neuen Schritt fasste. Manche dieser Besonnenen suchten sogar Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen, dadurch dem Volke etwas Zuversicht zu geben, doch waren ihre Stimmen, wie in solchen Zeiten üblich, lauter Rufe in der Wüste, die niemand hören konnte...

Uralte Chroniken und Sagen der Zukunft werden aber jenes knapp halbes Jahrhundert auch als interessanteste der rekonstruierten Geschichte ansehen. Wie der Kulturhistoriker das herausfand, konnte man da den Menschen `... alles erdenklich Schlechte nachsagen, dass wir albern, roh, beschränkt, eitel, boshaft habgierig ja sogar teuflisch waren; nur eins nicht: dass es uns jemals langweilig war.`

Und das stimmte uneingeschränkt! Das Leben war damals ein würziges Abenteuer und alle wussten das. Kaum jemand hatte etwas zu verlieren und auch diese Tatsache war allgemein bekannt - dadurch herrschte in der Welt eine äusserst gesunde Catillina-Stimmung. Obwohl also (oder eben weil) das Blut reichlich floss, man sich seines Lebens nicht im Geringsten sicher war und die so genannte Lebensqualität alles andere als gerade diese Bezeichnung verdient hätte, so durfte sich in der Tat niemand beklagen, die Zeit wäre arm an unerwarteten Abwechslungen. Obgleich es, rein erfahrungsgemäß, selbst solche dummen Nörgler gab.

An bizarren Kreaturen gab es ohnehin kein Mangel. Interessante Zeiten gebären bekanntlich interessante Kinder.

Nie, nicht einmal damals, als der Schwarze Tod mit dem Mittelalter `aufräumte`, war die Gesellschaft so bunt und barock, so plastisch, wie nun, bei dem Untergang der (un)christlichen Zivilisation.

Man kann sich also ohne weiteres vorstellen, dass auch die Gäste des Albergo del Elefante ein einziges Sammelsurium von Gesichtern, Gestalten und Charakteren gewesen sind, das jedes Panoptikum der Skurrilitäten ehren, und sehenswert machen würden...

 

pfeil045

 

 

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