RE-LIGIO

Eine kurze Genealogie Gottes

 

Warum kam es überhaupt zu Geburt Gottes? Warum erfand der Mensch die Religion? Warum war der Mensch bereit, sich so einer irrealen, also an sich unvernünftigen, Idee zu unterwerfen?

Die Antwort auf alle solche Fragen ist bereits in der Bezeichnung des Phänomens gegeben. Re ligio bedeutet Wiederzusammenführung, und dieser bildhafte Begriff sagt so ziemlich alles über die Bedingungen aus, unter welchen Gott und seine Engelscharen und all seine angebliche Herrlichkeit erfunden wurden.

Mit der Erfindung der Religion wollte man also etwas wieder zusammenführen. Was da zusammengeführt werden sollte, ist klar, das waren die Menschen, das war die Gesellschaft selbst. Doch warum jenes `wieder`?

Dieses `wieder` ist zunächst Antwort auf die Frage, wann es zur Erfindung der Religion kam. Das geschah just in dem Augenblick, als das menschliche Wesen genug Bewusstsein bekam, um sich als Individuum zu definieren, meint, sich klar von der Sippe abzugrenzen, mit der es bis zu dem Augenblick als ein Ganzes funktionierte. In diesem Augenblick musste es zwangsläufig zu den Divergenzen in der Funktionsweise der damaligen Gesellschaft gekommen sein. Diese Divergenzen bedeuteten selbstredend eine Gefahr für die Sippe, die auf das unbedingte Funktionieren ihrer Mitglieder angewiesen war. Und aus dieser Gefahr heraus erfand man eine höhere Instanz, der man sich unbedingt verpflichtet fühlen müsste, meint: man versklavte sich selbst.

Das heisst, die sippenhafte Ansammlung in der damalige Menschen als Rudeltiere lebten, wurde durch die Erscheinung des individuellen Bewusstseins in seiner Funktionalität beeinträchtigt. Der Einzelne begann sich selbst in dem Masse bewusst zu werden, dass er für die Sippe sozusagen verloren war. (Der verlorene Sohn der Bibel dürfte der Erinnerung an jene Zeit entspringen: auch er `vergisst` sozusagen seine gesellschaftliche Bindung.)

Diese zerfallende Gesellschaft bedeutete klare Gefahr für alle Menschen. Ein Einzelindividuum war in jener rauhen, auf keinerlei Weise zivilisierten (= auf menschliche Nezessitäten angepassten), Umgebung unweigerlich zum Untergang verurteilt: die Stärke der aufkeimenden Menschheit war einzig und allen in ihrer Kultur zu suchen, die zunächst (just wie bei jedem Herdentier) klar nur im Zusammenhalt der Gruppe/Sippe bestand. Würde diese also zerfallen, so würde das auch für alle ihre Einzelwesen das Aus bedeuten.

Dieser Gefahr könnte nur so abgeholfen werden, indem man den, durch ihren Bewusstsein entzweiten Menschen, eine neue gemeinsame Perspektive anbot, die nun nicht mehr durch die blosse Praxis des Überlebens bedingt sein wird, sondern vor allem - und das war das Schlaueste an der ganzen Sache - aufgrund jenes aufwachenden Bewusstseins für alle Erfahrbar. Je bewusster ein Mensch ist, um so eher begreift er die Notwendigkeit sich einer höheren Idee zu unterwerfen.

Wohl, weil der Mensch durch das bewusste Denken enorm erfolgreiches Tier wurde, erfolgte das Erwachen des individuellen Bewusstseins viel zu früh: die Strukturen der menschlichen Kultur waren erst angedeutet, keinesfalls genug ausgeprägt, um die Individualisierung der Gesellschaft zu erlauben. Schon wegen der mangelnden Technologie war kein Einzelwesen imstande, rein aus sich selbst zu überleben. Zudem werden die Menschen durch die Individualisation zu Egoisten; das kann man heute, wo sich die moderne Gesellschaft in tollster Zersetzung befindet, augenscheinlich beobachten, wir klagen ja unentwegt über die brutale Selbstsucht der Zeit. Dadurch waren vor allem die Schwächsten in der Gefahr, die, just wie heute, unter Egoismus am schlimmsten zu leiden hatten. Der mystische Zusammenhang des Rudels, dem der Mensch wie jedes Tier bis zu jenem Zeitpunkt absolut unterworfen war, funktionierte nicht mehr. Man musste diese ausgelassenen, in alle Richtungen zielende Pfeilen der individuellen Sehnsucht, wieder zusammen zum gleichen Ziel führen.

Natürlich war es unmöglich, auf den althergebrachten Strukturen zu pochen und die Individuen auf die tierische (= bewusstlose) Tradition der Sippe festzulegen suchen. Mit dem Aufkeimen des individuellen Bewusstsein war diese Stufe der Evolution ein für alle Male überwunden. Eine retardierende Bewegung ist in der Natur zwar grundsätzlich möglich, doch klar nur in den Fällen, wo dieses vade retro einen Sinn hat und/oder einen Nutzen bringt (so kehrten manche Säugetiere (ja sogar Vögel, wie etwa Pinguine), nachdem sie zunächst auf dem Land (oder in der Luft) lebten, wieder ins Meer zurück - wohl weil auf dem Land in ihrer Überlebensnische die Konkurrenz zu hart war, so war es und ob sinnvoll, zurück ins Meer zu kehren, wo es noch keine ähnlich ausgeartete Tiere gab). In vorliegendem Fall jedoch hätte es wenig Sinn, das Bewusstsein zu einem waschechten individuellen Bewusstsein reifen zu lassen, ihm dann aber keine Möglichkeit der Entfaltung zu geben, zumal diese Nische ein Novum der Schöpfungsgeschichte bedeutet, somit noch absolut konkurrenzfrei. Bereits aus dem Grund waren die Voraussetzungen für eine Wieder-Zusammenführung auf dem überkommen Level einer tierischen Sippe nicht gegeben.

So führte man die Menschen wieder zusammen, indem man die alte, rein atavistische (in diesem Zusammenhang meint atavistisch nur `unorganisiert`), Verehrung der Naturphänomene reorganisierte, das heisst in einer Organisation zusammenfasste, die schon durch ihre Allmächtigkeit und ihre Gebote das Zusammenbleiben der Menschen gewährleisten sollte. Natürlich war das damals ein lobenswertes Vorhaben und darum meint Kritias bei Platon, dass die Religion eine Erfindung kluger Männer ist, die damit die Massen im Zaum halten und erziehen wollten.

Aus dem Grund ist es kaum verwunderlich, dass die erste Göttergestalten strenge Patriarchen gewesen sind, extrem grausame, rachsüchtige und strafende Gestalten, die wie Enlil und Jahwe bis zu Sintflut und Ausrottung aller Menschen gingen, oder wie Moloch und die schreckliche Kali Yuga liebendgerne kleine Kinder frassen: die Angelegenheit war ja für die Gemeinschaft viel zu wichtig, um auf die Einzelnen – auch auf einzelne Kinder! - irgendwelche Rücksicht nehmen zu können. Das Höhere ist immer grausam! – wie Nietzsche das so kristallklar (allerdings auch ganz fälschlich) erkannte.

(Der gleiche Fall trat auch in der befreiten Spanien der Katholischen Könige auf, zu einer Zeit, welche die Inquisition hervorbrachte, deren Grausamkeiten für alle Zeiten ein Begriff bleiben werden. Auch damals ging es um nichts anderes als um eine Zusammenführung: nach der Befreiung von Mauren war Spanien ein Flickenteppich von Interessensphären, Rassen und Religionen, und für Isabella und Ferdinand galt es zunächst einmal, aus diesem äusserst buntem Konglomerat ein vereinigtes Reich zu schmieden. Die Vereinigung all jener Gegensätze und Widersprüche war einzig auf der Basis der stärksten damals existierenden Kraft möglich - auf der Basis der christlichen Religion. Darum wurden die Moslems und Juden und sonstige Heiden verfolgt und zwangsbekehrt oder vernichtet.)

Nun aber steht einer echten Individualisierung der Gesellschaft ausser das bisschen schlechter Politik (wenn man freilich von der Überpopulation absieht) so gut wie nichts im Weg. So muss man nun die Religion aufgeben, um das Individuum zu ermöglichen, um den Menschen endlich frei und selbstständig zu machen, um ihn für die Zukunft zu wappnen.

Darum muss man bedenken:

Nicht die Politik – die Religion ist das Problem der Menschheit. Ebenso, wie es einst schwer war, die Menschen gläubig zu machen, so wird es noch schwerer, sie von dem Glauben abzubringen.

Und sobald man nicht mehr glaubt, sodann hat auch die Politik schnell ausgedient...

 

 

 

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