DE NIHILI

DE DESIDERATIONE

 

 

PARADIGMA TRANSLOGICA

 

(DAS GRUNDPRINZIP DER WELTENTSTEHUNG)

 

Diese Texte, sind im Wesentlichen im Februar 1985 entstanden.

Heute würde ich die Geschichte ziemlich anders erzählen, vor allem nicht so pseudowissenschaftlich, mit betonterem Augenzwinkern. Da ich mich jedoch seit Jahren mit dem Thema nicht mehr beschäftigte, so wäre mir eine Umarbeitung kaum möglich.

Eine solche ist aber auch nicht notwendig. Denn es würde sich ohnehin nur um eine stilistische Modulation der Geschichte handeln, nicht um den tatsächlichen Inhalt.

Denn im Prinzip ist das die einzig mögliche Geschichte, die sich von der Entstehung der Welt erzählen lasse. Sie ist sicher noch viel zu umständlich ausgeführt, grobspachtelig in der Struktur und mit sonstigen Schwächen einer neuen Idee behaftet, aber die Grundzüge der Weltgenese lassen sich anders nicht bestimmen. Es sei denn, natürlich, man glaubt tatsächlich, ein Überwesen hatte die Welt erschaffen.

Ich fühle mich schon kompetent, über das Thema zu reden; auf einer rein phantastischen, also unwissenschaftlichen, Weise, versteht sich. Ich war 4 Jahre alt, als ich mir zum ersten Mal ganz bewusst die Frage bezüglich der Welt stellte. Es waren im Ganzen eigentlich 3 Fragen, die mir angesichts eines Wunder-Sonnenunterganges nach einem Sommersturm in den Sinn kamen: Was ist denn DAS? WO bin ich da geraten? Und WER BIN ICH ÜBERHAUPT?

Seit dem Augenblick bestand meine Existenz als ausschliessliche Bemühung, die Welt zu enträtseln. In meinem Dasein gab es keinen anderen Ehrgeiz, als dahinter zu kommen, was die Sache ist. So hatte mich niemals im Leben etwas ernsthaft interessiert. Weder Bildung, noch Karriere, noch Geld, noch sonst was anderes (selbst die sogenannte Liebe eigentlich nur sporadisch), produktive Arbeit war auch äusserst selten mein Ding, darum könnte ich meine ganze Vitalenergie auf die Beantwortung dieser Grundfrage der Existenz widmen.

Übrigens, eben durch diese Frage nach der Ursprung der Welt, war ich gegen Religion so gut wie absolut immun: Gott als Weltenerschaffer kam für mich niemals als Antwort in Frage. Das wäre mir viel zu einfach, die Ursache auf irgendetwas abzuschieben, was ich im Grunde nicht begreifen kann/darf. Gott war bereits damals, noch bevor ich Teenager wurde, ein Affront gegen meine Denkfähigkeit.

40 Jahre später war die Arbeit getan. In einem verregneten Winter auf den verödeten Stränden am Golf von Castellammar hatte ich diese Geschichte ersonnen. Und da ich heute noch, nach unzähligen Überprüfungen, auf dem Grundgerüst der Geschichte, am blossen Prinzip der Entstehung, keine Schwachstellen erkennen kann, so traue ich mich schon zu behaupten, dass die Frage, wie und warum die Welt überhaupt entstand, jene, wohl die berühmteste Frage der Philosophie:

`Warum gibt es Etwas und warum gibt es vielmehr nicht nur Nichts?`

hiermit einwandfrei beantwortet ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Nichts

 

Once upon the time, im wahrsten Sinn des Wortes, gab es nur das Nichts und das war allumfassend, was mit allmächtig gleichzusetzen ist.

(Mitunter ist zwar auch die Meinung zu vernehmen, dass auch das Nichts ein Etwas ist, doch ist das nur ein Sophismus, denn es handelt sich bei diesen beiden Zuständen um diametrale, absolut gegensätzliche Dinge. Nichts und Etwas sind disjunktiv, was mit mathematischem Symbol 1 ¬ 0 zweifelsfrei ausgedrückt ist.)

Es ist nicht notwendig, die Existenz oder selbst die Entstehung des Nichts nachzuweisen: solange man nicht etwas irgendwo hinstellt, ist auch dort vom Ursprung her nur nichts. Logischerweise also kann das Nichts überhaupt nicht entstanden sein, das heisst, es ist wie Gott - Nichts ist.

Alles ist zuerst Nichts, bis es eine determinative Veränderung erfährt. Ein bestimmtes Etwas muss einen Anfang haben; das Nichts jedoch, ein substanz-, dezidenz- (dezidenz im sinn von irgendwelcher Bestimmung) und relationsfreier `Zustand`, ist, solange es nicht durch irgendwelche Wesenheiten zu einem Etwas definiert wird, schon seiner Natur nach grundsätzlich `existent`, auf jedem Fall vorhanden. In einer saloppen Analogie gesprochen gilt auch ein Sack grundsätzlich als leer, bis man etwas hineintut.

Als Zustand an sich ist das Nichts unbeschreiblich. Seine Qualitäten sind nicht mitteilungsfähig: das Nichts besitzt eine dem menschlichen Denken nicht analoge Ultralogik. Das Denken, auch wenn es auf absolute Weise abstrakt ist, basiert auf Erfahrung, beziehungsweise es liefert die gedanklichen Umschreibungen derselben. Das Nichts ist unerfahrbar, also auch gedanklich nicht erfassbar. Die Transzendenz würde Realität heissen, würden wir sie sensitiv erfahren und beschreiben können.

Will man also das Nichts beschreiben, findet man sich in etwa vor gleichen Schwierigkeiten, wie wenn man einen halluzinogenen Rausch erklären möchte: es fehlen Worte, Begriffe, Bilder, es fehlt an Syntax, Semantik und Semiotik, da es grundsätzlich um einen Zustand handelt, der mit den Zuständen, für welche die konventionelle Kommunikation und ihre Grammatik geschaffen sind, nichts gemeinsam hat.

Was man sich dann unter diesem Nichts vorstellen soll, beziehungsweise darf, definiert `Enuma elisch`, der Schöpfungsmythos der Akkader, als eine `undifferenzierte Totalität`, und Lao Tse beschreibt den Zustand, den er tao nennt, wie folgt:

          Ehe Himmel und Erde bestanden,

          War etwas nebelhaftes:

          Schweigend, abgeschieden,

          Alleinstehend, sich nicht ändernd...

In diesem Sinn darf man sich das Nichts als eine absolute Stille vorstellen. In einem sehr musikalischen Sinn wäre die Stille, eben im Gegensatz zum Ton als (relatives) `Etwas`, das Nichts, was nicht und nirgendwo `ist`.

Einigermassen exakt wäre es als ein unsagbares Neutrum zu deuten, das keinerlei Eigenschaften, Strukturen oder Substanz aufweist. Es ist räumlich in so fern es `überall` `ist`, und in so fern begrenzt, da es keine Ausdehnung besitzt. Es ist dadurch `etwas`, da es überhaupt `ist`, aber nichtsdestoweniger gibt es dieses `etwas` nicht, weil es durch nichts, weder subjektiv noch objektiv noch sonst wie zu erfahren wäre. Es ist ewig, weil `schon immer` vorhanden, besitzt trotzdem keine Dauer - das Nichts ist auch was es die Zeit angeht nur das Nichts. Seine einzige Ähnlichkeit mit einem Zustand besteht darin, dass es einfach `ist`, ohne gleichzeitig (irgend etwas Eigentliches) zu sein. Es ist eine variable Konstante, eine Kontradiktion ohnegleichen; alles in allem ein `nicht-sein`-Zustand in seiner reinsten Aggregation.

Ein Pseudo-`nicht-sein`-Zustand wäre im Vakuum gegeben. Von dem substantiellen Nichts unterscheidet es sich einzig durch seine sowohl räumliche wie zeitliche Dimension. (Wobei diese Dimensionen einzig durch den das Vakuum umgebenden Raum gegeben sind; das Vakuum selbst ist für seine eigene Erfahrungsweise - die es natürlich überhaupt nicht besitzt, aber eben darum - einfach ein `nicht-sein`-Zustand.) Als grundsätzlichen Unterschied besitzt es also zwei Dimensionen mehr als das Anfangssubstantivum, das rein nulldimensional anwesend war; sonst ist auch das Vakuum gegeben, ohne durch irgendwelche Wesenheiten determiniert, meint tatsächlich vorhanden zu sein.

Das Nichts wäre somit ein unklares, weder bestimmbares noch lokalisierbares Pseudo eines Pseudos, ohne Ausdehnung, Energie und Dauer, gleichwohl von einer äusserst strengen, einer unbedingten, Kausalität, die sich aus der Unmöglichkeit solch eines `Zustandes` ergibt (wie wir das gleich sehen werden). Somit bekommt dieses Nichts eine real beschreibbare Substanz: das ist seine transzendentale, ultraphysische Bestehungsunfähigkeit, die sich aus der streng kausalen Tatsache ableiten lasse, dass der Zustand keine Dauer hat.

Dadurch weist der Zustand auch eine Qualität auf, die nur kategorisch (das heisst: menschlich/empirisch) gedacht, irrational anmutet - eine Omnipotenz. Ohne Zweifel hatte das Nichts Null-Ausdehnung, Null-Format/Gestalt, Null-Energie, war folglich - wieder empirisch gedacht - überhaupt nicht vorhanden; gleichzeitig jedoch bedeutete es alles, was es `gab`, und es erfüllte lückenlos den ganzen, noch nicht einmal vorhandenen `Raum`. Und schon aus dem Mangel an irgendwelchen Vergleichsmöglichkeiten war es sowohl das Kleinste wie auch das Grösste was es gab: eine Omnipotenz an und für sich.

Omnipotenz vor allem, weil es anhand seiner Bestehungsunfähigkeit eine unheimliche Möglichkeit besass, (irgend)etwas hervorzubringen. Diese Möglichkeit ist durch das unmögliche Wesen des Nichts gegeben, das in noch weitaus höherem Grad bestehungsfähig ist als das Vakuum, also einer unbedingten Veränderung `bedarf `. Die Natur verabscheut das Leere, meinte Descartes; da gibt es auch scholastische Begriffe, wie etwa horror vacui oder natura abhorret vacuum, die solch eine Ahnung von der Unmöglichkeit des Nichts vermitteln. Anhand dieser Möglichkeit darf man die, noch unexistente Urschöpfung, jene substantielle Erwartung, die das Nichts infolge seiner Bestehungsunfähigkeit `an sich selbst stellte`, das allmächtige `Alles(Erschaffende)` in einem theoretischen, keinesfalls theologischen, Sinn als `Keim Gottes` definieren. Mit dem Begriff `Gott` wäre die Allmacht angedeutet, mit `Keim` die Entwicklungsfähigkeit.

Theoretisch und nicht theologisch, weil die Allmacht mit einer wirklichen Potenz, mit einem Willen zum Schaffen, mit einem Gott letztendlich, nichts gemeinsames hat – jene Erschaffungsmöglichkeit ergab sich rein aus sich selbst, als reine Notwendigkeit, was meint, sie war ein absoluter Zufall, so absolut wie Gott. Wie Gott, weil Gott kein Zufall sein kann: Gott ist der absolute Plan. `Auf keinem Fall darf man sich das tao als `Gott` vorstellen, oder in diesem Sinn Gebrauch von ihm machen.` warnt darum J.C. Cooper. Denn: ein Gott vermag zu erschaffen, das Nichts ist – logischerweise! - absolut schaffungsunfähig, oder wie Lao Tse das ausdrückt:

          Das tao tut niemals,

          Aber alles wird durch es getan.

Die Allmacht, ist also auf eine einzige Form reduziert: auf pure Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit, die aus Bestehungsunfähigkeit entsteht und einer Veränderung bedarf, ist als Substanz aller Substanzen zu bezeichnen.

Allerdings ist das eine Notwendigkeit, die nicht nur die Theologie, sondern auch die Philosophie als das Denken an sich ausser Kraft setzt. Unter anderem stellt sie auch den Schopenhauers Satz vom Grunde auf den Kopf. Sie ist weder logisch noch physisch, noch mathematisch und auch moralisch nicht begründet, weil das substantielle Nichts keine Bedingungen aufweist, die man solchen katalogisierten Notwendigkeiten zugrunde legen könnte/dürfte. Vielmehr ist die Notwendigkeit von einer unbedingten Natur, da es ausser dem Nichts keine anderen Bedingungen existieren, und es selbst kaum als Bedingtheit aufgefasst werden kann. In diesem Fall, und nur in diesem, darf man von `un-bedingter (= durch Nichts bedingte) Notwendigkeit` reden, ohne sich damit einem Widerspruch auszusetzen. Überspitzt formuliert darf man behaupten: Notwendig ist Nichts.

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Man muss das Nichts als das Gegenteil jenes ipsum esse-Zustandes auffassen, den Thomas von Aquin als Gott definiert: als der reine Akt des Existierens. Das Nichts existiert weder (tao macht die Dinge zu dem, was sie sind, aber es ist nicht selbst ein Ding.` kommentiert Kuan Chung tzu), noch ist es, da es keine Dauer aufweist, überhaupt einer Existenz fähig (von einer Erschaffungsfähigkeit ganz zu schweigen). Darum ist dieses Nichts keinesfalls als Gott zu definieren. Gott ist fähig, unbegrenzt und ewig - er bleibt auch nachdem er erschaffen hatte. Er ist nicht mehr wandelbar. Er ist, selbst in seiner unsichtbaren Version, eine räumliche Erscheinung, da er den Raum ohne Zweifel beherrscht. Er ist vor allem anthropozentrisch, das heisst nach menschlichem Antlitz erschaffen. Von einigen mythologischen Ideen abgesehen darf man generalisieren: welchen religiösen Vorstellungen ein Gott auch angehört, ist er nur reinste Vermenschlichung der Schöpfung, ihrer ideellen Unterwerfung dem menschenbezogenen Denken und den menschlichen Naturell entspringenden Vorstellungen. Gott ist nicht anders als ein absolutes Symbol des anthropozentrischen Denkens. Gott = Humanethik als Zwang der Schöpfung. Als solcher ist er dann auf die nackte Form des Funktionierens gebracht: er existiert nicht nur, er ist gezwungen, sich bemerkbar/erfahrbar zu machen - ohne seiner Schöpfung, und vor allem ohne den Menschen, durch die er sich zu erfahren vermag, wäre er absolut sinnlos, ja unexistent.

Das Nichts jedoch, das ist auch ohne den Menschen, ja ohne die, von ihm initiierte, Schöpfung, trotzdem Alles.

Darum ist auch die Definition Gottes (will man die Schöpfung unbedingt als Gott ansehen), die Meister Eckhart lieferte, wesentlich näher an die `Realität` angesiedelt: `Gott hat keinen Namen, denn niemand kann etwas von ihm sagen oder verstehen... Wenn ich sage, Gott ist gut, dann ist das nicht wahr - ich bin gut, aber Gott ist nicht gut... Wenn ich sage, Gott ist weise, dann ist das nicht wahr - ich bin klüger als er... Gott ist... über allem Seienden, und eine überessentielle Negation.` Noch näher an die `Wahrheit` reicht theologie apophatike Areopagitas. Eigentlich wird da wortwörtlich ins Schwarze getroffen, da Gott als `ein reines Nichtsein` definiert wird und als `Dunkelheit, die über dem Licht ist.`.

Ein mythologisches Beispiel eines ananthropozentrischen Gottes findet man bei dem paläosibirischen Volk der Jenisseern, das Gott einfach `Es` nennt. Dieses Es weist interessante ultraphysische Eigenschaften auf: es ist in so fern unsichtbar, dass niemand jemals Es gesehen hat und es auch nicht sehen kann. Es ist Schöpfer und Herr des Universums und allmächtig, kümmert sich aber um nichts, kennt keinen Kult, braucht keine Opfer, erhört keine Gebete und sieht keine Sünde. Trotzdem schützt Es die Welt und hilft den Menschen - alles Eigenschaften, die nicht nur jeglicher religiösen Idee widersprechen, sondern auch das Nichts/tao ziemlich genau beschreiben.

Während der theologische, konfessionelle Gott, Gott Aquins zum Beispiel, ohne eine zwingende Notwendigkeit alles frei aus sich selbst erschafft, und zwar aus dem einfachen Grund, dass er erschaffen kann, so ist das Nichts von keiner solchen profanen Demiurgos-Natur. Der nämlich, der nur erschaffen kann, ist noch lange kein Gott, also tatsächlich `über alles`. Nur der ist ein wahrer Schöpfer, der zu seiner Schöpfung angetrieben wird. So ein Schöpfer muss, um etwas erschaffen zu können, zuallererst sich selbst als Etwas erschaffen. Aus dem Blickwinkel ist die Tatsache der ägyptischen Mythologie zu sehen, dass nicht Atum, das (All-)Prinzip (= tao), die Schöpfung vollendet, sondern seine Inkarnation, der Demiurgos Ptah, der Baumeister des Universums.

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Man darf ohne weiteres davon ausgehen, dass die Fähigkeit zur Selbsterschaffung eine unbedingte (notwendige) Voraussetzung ist, eine dauerhafte Spur von sich selbst hinterlassen zu können. Diese Notwendigkeit ist schon in so fern potentiell schöpfungsfähig, in dem sie an sich notwendig ist; ein Zustand also, den man pseudomathematisch als Nn (Notwendigkeit [ist] notwendig) ausdrücken könnte.

Am Beispiel des Vakuums, lasse sich diese Behauptung einigermassen verdeutlichen. Auf einer einfacheren Basis ist auch das Vakuum potentiell schöpferisch: es strebt mit seinem ganzen (eigentlich unexistenten) Wesen begierig danach, sich zu erfüllen, etwas zu werden - und es sind gigantische Kräfte notwendig, um es daran zu hindern. In solcher pseudomathematischen Deskription wäre es wegen seiner Einfachheit als nn (notwendigerweise notwendig) zu bezeichnen.

So ergibt es eine doppelte Notwendigkeit des Nichts, das `da` sein musste, eher es etwas gab: notwendig zu sein, um sich notwendigerweise zu realisieren. Die erste Notwendigkeit ergibt sich, weil es absurd anzunehmen ist, dass es überhaupt etwas geben kann: das Leben ist an sich genauso unlogisch, wie die Materie, Energie, Raum und Zeit selbst - nach strengsten logischen Massstäben wäre das Nichts einzig `denkbarer` Zustand. Darum determiniert die Physikchemie die Werdensphänomene durch eine Evolution zu wenig wahrscheinlichen: die anorganische Materie ist wahrscheinlicher als die organischen Molekülen, diese wiederum als die Zellen, diese als die Mehrzeller... Der Pessimist Schopenhauer argwöhnt den Tod als Folge der Tatsache, dass wir etwas sind, was nicht sein sollte, Teilhard de Chardin meint verwundert: `Der Mensch wird von einem schwindelerregenden Gerüst Unwahrscheinlichkeit getragen, zu dem jede neue Fortschritt ein weiteres Stockwerk beiträgt.`, und von Ditfurth behauptet nüchtern, dass das Leben, statistisch gesehen, ein Zustand ist: `... der um einen geradezu astronomischen Faktor unwahrscheinlicher ist als das Unbelebte.` - nach allem empirischen Ermessen wäre das Nichts einzige Normalität, die es geben sollte.

Das Nichts ist einzig vorstellbarer Zustand: Etwas ist an sich unlogisch; es gibt überhaupt keinen Grund für irgendwelche Existenz. Doch hat das Nichts doch eine Eigenschaft, eine Wesenheit, etwas, ohne was es nicht nur absolut unvorstellbar wäre, sondern auch unerahnbar: das ist ein Postulat der Grundlogik, dass eine Existenz nach irgendeinem Indikator verlangt – was sich nicht bemerkbar machen kann ist unexistent. Und da die einzige Wesenheit des Nichts darin besteht, keine Wesenheit zu haben, kein Attribut, keinen Anzeiger von sich, so ist es nicht existenzfähig, ist, mit anderen Worten ganz und gar unmöglich.

Eben darum ergibt sich die Notwendigkeit der Transformation des Nichts zum Etwas, seiner Selbstrealisation also: aus der offensichtlichen Absurdität eines `nicht-sein`-Zustandes: ein unvorstellbarer Zustand ist eben unvorstellbar. (Auch für sich selbst wohlgemerkt; wie das in etwa beim Vakuum der Fall ist, das auch nach Kräften zu einer Erfüllung, einer `Realisation` strebt.) Nach jeglicher Vorstellung bedeutet diese Unvorstellbarkeit die Unhaltbarkeit des Zustandes selbst. Ein unhaltbarer Zustand vermag nicht zu bestehen; um weiter zu `existieren` muss er (sich) in eine andere Dimension transformieren, die jenseits der `gegebenen` angesiedelt sein wird. Kurz und gut: es muss zum Etwas werden, es muss transzendieren.

Nur das, was sich bestätigen kann, kann bestehen, und das Nichts ist eben darum nicht bestehungsfähig, weil es sich aufgrund seiner Nichtigkeit keine Bestätigung ist.

Das Nichts hätte also nicht anders `handeln` können: es musste etwas aus sich machen - es musste Etwas aus sich machen. Eine beispiellose Notwendigkeit lag der Schöpfung zugrunde.

(Es wird wohl so sein, dass alle Kausalität, die der Mensch wahrzunehmen glaubt, nur ein Echo dieser Ur-Notwendigkeit ist. Durch ihre Realisation und anschliessende Kontinuität entsteht jener, für die Menschen so zwingend anmutende Eindruck: jegliche lineare Bewegung ist eine Folge sich kettenartig auseinander entwickelter Notwendigkeit, eine Reihe von Folgen, die sich aus den Ursachen ergeben - ein Naturgesetz.)

Für das Nichts gibt es die zwingende Notwendigkeit, sich zu realisieren, wirklich. Noch tiefer gedacht bekommt man hier eine Ahnung von einer umgekehrten Kausalität, wo das Nachfolgephänomen das vorgegangene im eigenen Sinn beeinflusst, wo die Wirkung eigene Ursachen voraussetzt. (Wie es sich, zum Beispiel, leicht nachweisen lasse, hat nicht der Mensch das Auto bedingt, sondern das Auto den Menschen. Aber davon später mehr.) Diese Notwendigkeit äussert sich als eine `primitive` Energieform, als Spannung - auch das Vakuum ist ein sehr `angespannter` Zustand. Vermenschlicht redend, die Symbolfähigkeit des menschlichen Geistes ausnützend, darf man die Situation so beschreiben, dass das Nichts das Verlangen nach einem `besseren` Zustand, nach einem `fähigeren` Etwas spürt. Ägyptische Mythen sprechen dann vom Urgeist als wesentlichem Teil der Urmaterie, der das Verlangen spürt, die Schöpfung zu begründen. Rig Veda beschreibt das Nichts als undifferenziertes Prinzip, als `das Eine`; aus diesem potentiellen `Keim` entwickelt sich das Verlangen (kama) - und aus dem wurde `der erste Samen`.

 

 

 

 

 

 

Die Sehnsucht

 

Genauso wie jene anfängliche Pseudokausalität (die sich aus der Notwendigkeit der Trans-Formation des Nichts ergibt), wird auch das Verlangen des Nichts fortan als Erbteil in allen seinen Metamorphosen, in allen seinen Folgeerscheinungen bleiben. Infolge dieser Vererbung des Ursprungsgefühls wird die Spannung nicht minder zu einem biologischen Phänomen: auch unter den Menschen strebt jede Null dazu, Etwas zu werden.

Natürlich ist diese Spannung noch keine Realität in einem stofflich-energetischen Sinn, obwohl sie durchaus die Potenz ergibt, aus welcher sich die materiellen Formen auszu`bilden` können. Die Spannung äussert sich als eine Art Urenergie; auf einem psychologischen Niveau würden wir ohne weiteres vom Gefühl reden dürfen (wobei das Nichts das Format einer Vorahnung hatte).

Damit wäre auch die Qualität der Spannung, die das Nichts durchdringt (symbolisch dürfte man sagen: die das Nichts spürt) einwandfrei identifizierbar: diese, alles antreibende, Kraft wird von uns Sehnsucht genannt.

Per Definition: die, aus der Bestehungsunfähigkeit des Nichts hervorgegangene, spannungsvolle, veränderungsbedürftige und veränderungsverursachende Negation des (Nicht)Bestehenden heisst Sehnsucht.

Die Sehnsucht... Sie ist eigentlich ein Stiefkind der Philosophie. So viel mir bekannt, erwähnt einzig Spengler die Sehnsucht als eine apodiktische Relation. Andere Denker sprechen ausschliesslich vom Willen, der an sich natürlich nur ein Aggregatzustand, eine Perfektion (eine Degeneration?) der Sehnsucht ist. Fast albern redet Schopenhauer von der `Sehnsucht des Willens` - genauso gut könnte man vom Bangen der Angst reden... Dieses hemmungslose Objekt der Schlagertexter ist das unklarste aller Gefühle. Substantiell ist sie genauso wenig definierbar und fassbar, wie das Nichts selbst. Somit ist sie auch das mystischste aller Gefühle, was darauf hindeutet, dass sie das älteste aller Empfindungen ist, was wiederum besagt, dass sie die Quelle aller anderen Gefühlen ergibt - sowohl jener `positiven` wie auch `negativen`. Meint: ihr entspringen Freude und Liebe genauso wie Trauer und Hass, Vertrauen wie Zweifel, und auch die `vermischte` Gefühle, wie etwa Eifersucht. Weiter ist sie als Basis der Gefühlswelt für jegliche geistige Energetik verantwortlich: ohne eine ausgeprägte Sehnsucht gibt es weder einen starken Willen noch die überragenden geistigen Potenzen, wie etwa die intellektuelle Vernunft.

Eindeutig ist sie der Antrieb der Schöpfung - auch wenn niemand weiss, warum er angetrieben wird. Es ist, wie so oft festgestellt, keinesfalls das Geld an sich, was die Menschen - und auch den schlimmsten Shylock unter ihnen - antreibt, die Reichtümer zu sammeln, und auch nicht der Ruhm allein, der sie - auch einen Einstein, einen Amundsen oder einen Napoleon - zu grossen Taten anspornt: sie würden das in der Regel auch ohne irgendwelchen praktischen Nutzen tun (der ohnehin nur ein Nebenprodukt jeglicher Aktivität ist), wie das aus dem Beispiel der erfolglosen Bemühungen eines Van Goghs extrem deutlich hervorgeht. Teilhard de Chardin spricht darum von einer `... Freude am Tun, ohne die es keine Tat gibt.`. Es ist eben so, wie Goethe das ausdrückt:

          Ein unbegreiflich holdes Sehnen

          Trieb mich...

Hinter allen Aktivitäten steht der, in der Konsequenz paradoxer, Wunsch danach, sich selbst zu realisieren, heisst, Etwas zu bedeuten. Wohl sucht man dadurch das zu erreichen, was der menschliche Geist stellvertretend für die ganze Natur als unio mystica apostrophiert hat, die von den christlichen Mystikern als einzig erstrebenswertes Lebensziel ausgemacht wurde; man sucht in Nirwana aufzugehen. Beide Umschreibungen meinen den gleichen Akt: eine absolute Identifikation mit `Gott`/Ewigkeit, was in diesem Fall nur das Nichts bedeuten kann - der buddhistische Terminus drückt das wesentlich zutreffender als der christliche. Darum also `paradoxer Wunsch` - es ist in der Tat höchst paradox zu streben, etwas zu werden, um reines Nichts (eigentlich: um zeitlos (= ewig) wie Nichts) zu sein.

Die Sehnsucht ist allem immanent, in allem enthalten, ist also keine ausschliessliche Eigenschaft der höchsten Lebensformen (auch Tiere kennen sie, ihre Paarungsrituale beweisen es) ja nicht einmal des Lebens selbst. Lessing lässt uns klar das Sehnen der toten Materie erahnen:

                            ... Der Topf

          Von Eisen will mit einer silbern Zange

          Gerne aus der Glut gehoben sein, um selbst

          Ein Topf von Silber sich zu dünken.

So ist es nicht minder ein Werk der Sehnsucht, wenn die kristallinen Strukturen entstehen oder die Energiepakete zu Materialteilchen und diese zu Atomen zusammenfinden, und selbst die Schwerkraft ist wohl nichts anderes als eine Form der Sehnsucht, welche die Himmelskörper `spüren`.

Folglich ist nichts, was nicht durch Sehnsucht erschaffen wäre. Im Fall des Einzelnen ist das die Sehnsucht (in Form von Liebe) der Eltern, etwas (Besseres) über sich zu erschaffen. In der Regel suchen die Eltern, richtiger: sehnen sich danach, ihren Kindern das bessere Leben zu ermöglichen, was nichts anders als sehnsuchtsvolle Anstrengung bedeutet, die Nachkommen (im Speziellen), die Nachwelt (im Allgemeinen) zu besseren Menschen, meint besserer Schöpfung zu machen.

Im Sinn dieser Erzählung aber darf man die Qualität der menschlichen Sehnsucht keinesfalls ausser Acht lassen. Sie ist eine (fast)abnorm potenzierte Angelegenheit, bereit und fähig, sich selbst gegen die Grundsehnsucht der Schöpfung durchzusetzen und dem Lauf der Zeit seine eigenen Vorstellungen aufzuzwingen! Man darf behaupten, der Mensch wird durch seine aufgepeitschte Sehnsucht gegeben. „Begierde ist des Menschen Wesen selbst.“ heisst es bei Spinoza.

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Vorhin wurde das Vakuum als ein pseudo-`nicht-sein`-Zustand erwähnt. An seinem Beispiel ist die Sehnsucht des Nichts näher zu bestimmen. Auch das Vakuum zeichnet sich durch eine hohe Unbeständigkeit aus; mit seinem ganzen Wesen strebt es dazu, sich mit Etwas zu erfüllen, eigentlich Etwas zu werden. Interstellares, beziehungsweise intergalaktisches, Vakuum etwa, so unvollkommen es sein mag, würde ohne die Gegenwirkung der Gravitationskräfte die ganze vorhandene Materie des Universums in sich aufsaugen und sie entropisch verteilen. Das Nichts nun, das weder durch die räumliche/zeitliche Dimension bestimmt, noch um sich etwas hat, womit es seine Existenz erfüllen und beweisen könnte, empfindet das Sehnen nach einer Erfüllung um so extremer. Die Sehnsucht wird so stark, dass sie es zu bewirken vermag, das, für eine Erfüllung notwendige, Etwas zu kreieren, um damit die ursprüngliche `Un`-Existenz des Nichts zu beenden. Heine druckt das wesentlich blumiger und pointierter als Goethe aus:

          Warum ich eigentlich erschuf,

          Die Welt, ich will es gerne bekennen:

          Ich fühlte in der Seele brennen,

          Wie Flammenwahnsinn, den Beruf.

Die Sehnsucht ist also Spannung, die das Nichts, aus dem sie hervorgegangen ist, zwingt, sich zu realisieren. Da sie auch nichts anders als das Nichts selbst ist, so ist sie nicht minder jenen paradoxen Zwängen der Wandlung unterworfen. So haben wir nun eine, noch paradoxere Situation erreicht: Das Nichts will etwas werden, und sei es nur die Sehnsucht; dieses `Etwas` strebt nun seinerseits sofort zum Nichts zurück. Diese zwanghafte Paradoxität ergibt sich, wie wir es gesehen haben, aus dem Zustand des `Zustandes` selbst: das Nichts ist angehalten, sich zu wandeln, weil ein `nicht-sein`-Zustand bestehungsunfähig, nicht erhaltbar ist; das, so erschaffene `Etwas`, strebt sofort in die Ursprungsmodifikation - eben in die Nirwana - zurück, weil eben nur das Nichts als einzig `normaler Zustand` anzusehen ist.

Was wir nun haben, sind zwei waschechte Pole. Und die haben, das wissen wir, die Fähigkeit, zwischen sich eine echte, eine energetische Spannung zu erzeugen.

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Im Augenblick als das Nichts Sehnsucht bekam - aufgrund seiner Bestehungsunfähigkeit musste das streng gleichzeitig mit seiner `Entstehung`, seinem Vorhandensein, also `seit immer` geschehen (das Nichts bestand nur in einem Zustand der Kontemporarität) - gab es (fast hätte ich hier `plötzlich` gesagt!) eine `Tatsache`, ein `Etwas`; ein eindeutig definierbares und klar bestimmbares Gefühl. Und genau wie auch bei Menschen ein Gefühl reicht, um den Stein ins Rollen zu bringen, so reichte es auch damals, um den ganzen unfassbaren Kreislauf in Bewegung zu setzen. Wie nichtig so ein Hauch von einem Gefühl auch sein mag: er bedeutete trotzdem ein Gegengewicht zu jenem wahren Nichts. In diesem Gefühl bekam der `nicht-sein`-Zustand einen Gegenpart, eine `nicht-Nichts`-Dimension, durch die es (das heisst seine `Existenz`, sein Vorhandensein) bestätigt wurde. Diese Dualität schuf zugleich die Möglichkeit einer Weiterentwicklung. Wäre das Nichts immer allein geblieben, so bliebe – überlogischerweise! - eben immer und ewig nur das Nichts.

Dieses Gefühl von sich selbst war die erste Stufe auf dem Weg zu einem Etwas. Es ist nahe liegend, und aus sich selbst verständlich, dass sich das Nichts, schon der ungeheuren Kompliziertheit solcher Vorgänge wegen, keinesfalls direkt in Etwas verwandeln könnte. Die Erschaffung von einem tatsächlichen, materiellen und erfahrbaren Etwas musste stufenweise, wenn auch mit fliessenden Übergängen erfolgen, da es in der Wahrheit doch nicht zwei, sondern nur eine einzige `Tatsache` gibt, die sich allmählich (und doch gleich`zeitig`) in andere verwandelte. (Auch die Tatsache des fliessenden Übergangs wird aus dem Urzustand an alles, was nachfolgt, weitervererbt.) In der evolutiven Entwicklung nimmt das Werden grundsätzlich den gleichen Weg: aus der (wesenslosen) Ur-Materie erschafft es sich die physischen Elemente, die sich zu rein chemischen Gemeinschaften verbinden, sich mit einer Membrane von der Aussenwelt abkapseln, irgendwann dann die biologischen Funktionen, wie Zellteilung, erfinden usw.

Nicht anders verläuft die Entwicklung der menschlichen Erfindungen: zuerst wird (im Spiel) das Rad kreiert, daraus ergibt sich (nun schon planmässig) der Wagen, der später (mit Überlegung) mit einem Motor ausgerüstet wird und sich ins Automobil verwandelt, das im Züge der Perfektionisierung (jetzt schon rein artifiziell, ohne Verbindung zur Ursprungsnatur) computerisiert wird und sich (schon mit eigener Sehnsucht ausgerüstet) zu einem absolut selbständigen Vehikel entwickelt, das nunmehr (theoretisch gesehen) weder den Lenker noch die Passagiere zwingend notwendig hat. Das computerisierte Auto jedenfalls ist nichts anderes als pluralisiertes, perfektioniertes und extrem effektiviertes Rad, das – wie grundsätzlich alles in der Natur - zur Selbständigkeit strebt.

Das ganze Streben der Schöpfung - und diese Tatsache sollte man sich merken, denn in ihr ist die eigentliche Bedeutung der, an sich so sinnlosen, Sache enthalten - ist aufgrund der Sehnsucht auf eine, zu einer absoluten Autarkie strebenden, aus sich selbst funktionsfähigen Perfektion ausgerichtet, wobei Perfektion im Sinn von Ewigkeit gemeint ist – nur die Ewigkeit kann perfekt sein.

Die Entstehung der Sehnsucht hat für das Nichts also den Wert eines Acha!-Effekts. Das gleiche lässt sich auf einem einfacheren Niveau erfahren. So von einem Menschen, der längere Zeit in Isolation und da speziell ohne Spiegel verbringt: steht er dann plötzlich vor einem Spiegelbild von sich, wird er sich selbst in einer einzigartigen Weise bestätigt. Etwas ähnliches, sicher unvergleichlich intensiver, passiert nun dem Nichts: ein `Gegenpart` von ihm bestätigt ihm sein eigenes `Vorhandensein` - durch seine Sehnsucht erfährt das Nichts, dass es `da` ist. Gleichwohl und gleichzeitig erfährt sich die Sehnsucht in ihrem Verursacher: durch blosse Bestätigung des Nichts wird auch ihre eigene Existenz bestätigt.

Die Bestätigung der beiden Komponenten ineinander verursacht also etwas, was man, in den logischen Kategorien denkend, Widerspiegelung nennen darf. Anschaulicher wäre es jedoch von einer Albedo zu reden - es gibt ja nichts, was sich tatsächlich ineinander spiegeln würde. Diese Albedo wäre wie folgt zu definieren: die bestätigende Wechselwirkung zweier, sich ineinander erfahrbaren Schöpfungskomponenten, die dadurch selbst eine vollwertige, dritte Komponente ergibt.

Die Albedo, diese Wechselwirkung, ist an sich die allererste Kausalität der Schöpfung. Sie ist eine direkte, durch zwei ultraphysische Ursachen herbeigeführte, Wirkung. Wie zwei formallogische Prämissen, die zu einer Konklusion führen, `gebären` das Nichts und seine Sehnsucht die Albedo. Im Klartext und absolut dogmatisch: sind einmal das Nichts und die Sehnsucht vorhanden, so muss es, aus diesem einfachen Grund ihres Vorhandenseins, zwischen ihnen zu einer Wechselwirkung, zu einer Albedo kommen. Alle spätere Kausalität des Werdens, die natürlich nur logisch-dogmatisch wahrnehmbar, keinesfalls jedoch in transzendentalem Sinn real gegeben, erfolgt, wie oben gesagt, als eine Art von Erinnerung an diese erste und einzig wahre, wirkliche Kausalität der Schöpfung.

Zu `sehen`/erfahren ist auch weiterhin rein gar nichts: immer noch gibt es nichts ausser eben dem Nichts, einem `Gefühl`, das der `nicht sein`-Zustand von sich hat, und einer `Reflexion`, die sie beide ineinander verursachten; man darf von zwei schwarzen Körpern reden, die sich ineinander widerspiegeln, und solche Reflexion kann nur gleich Null sein. Doch genauso wie das Nichts und die Sehnsucht in jener transzendentalen `Realität` vorhanden waren, so gab es auch einen transzendentalen `Widerschein` von ihnen. Symbolisierend, allegorisch gesprochen: nach dem Nichts als quasimateriellen und der Sehnsucht als quasiseelischen Glied der Schöpfung, wurde die Albedo zu den dritten, quasigeistigen, Komponente des perpetuum mobiles, das sich da in Bewegung zu setzen suchte.

Auch für diesen Schritt der Entstehung der Welt, bietet die Mythologie exquisite Umschreibungen. In den ägyptischen Mythen etwa ist von Atum die Rede, der durch die Seele und Geist nun ptah (die Bewegung) realisiert.

Die relative Ungeschicklichkeit dieser Darstellung ist aus den gleichen Gründen verzeihlich, aus welchen auch die mythologischen Darstellungen jener Vorgänge so ungeschickt wirken. Sie ergibt sich nicht nur aus der Natur der Dinge, wenn man paradoxe Erscheinungen logisch behandeln möchte (und Symbole von etwas zwangsläufig symbolisch nehmen muss), sie ergibt sich vor allem aus dem erwähnten Mangel an Zeit, beziehungsweise Chronologie. Die Vorgänge sind lediglich ins Chronologische transponiert, was allerdings eine arge Scheinbarkeit, eine denkerische Fata Morgana abgibt; eine falsche Widerspiegelung einer unexistenten (im Sinn von unsichtbaren) Widerspiegelung, um es phantasievoll auszudrücken. Bei dieser Darstellung handelt es sich eben um keine Zeittafel, sondern um eine, nicht auf der Zeitbasis begründete, Prioritätenliste, um eine `allmähliche` Kulmination des Geschehens. Schopenhauer zum Trotz (`Die Zeit kann keinen Anfang haben und keine Ursache kann die erste sein`) existiert die Zeit noch nicht. Das heisst, die Vorgänge laufen nicht nacheinander ab. Sie sind sicher in so fern synchron aufgebaut, da sie sich auseinander entwickelten, doch laufen sie nicht als logische, zeitbedingte Erscheinungen ab, sondern finden - sozusagen - gleichzeitig statt, ergeben also keine Chronologie als zeitlichen Wert. Oder, besser gesagt, ihre Chronologie ist aus Mangel an einem Zeitfluss nicht enträtselbar; sie sind dermassen paradox-chaotisch, dass man eher von einem Gordischen Knoten der wirr-kausalen Zusammenhängen reden darf, als von einem zeitlich geregelten Beziehungsgefüge.

Durch diese Tatsache wird die paradoxe Natur des Ganzen noch einmal unterstrichen: in dieser ersten und für immer einzigen wahren Kausalität kann man aus Mangel an Chronologie die Ursache und Wirkung nicht auseinander halten, während man später (als die Kausalität schon aus den Gründen der Zufälligkeit der Vorgänge nicht mehr bestimmbar ist) die (scheinbaren) Ursachen sehr wohl von `ihren` (an sich unabhängigen) Wirkungen ohne weiteres logisch zu unterscheiden vermag, beziehungsweise zu unterscheiden glaubt - allein aufgrund der Tatsache, dass sie chronologisch, also nacheinander stattfinden.

Wie spannungsvoll so ein Zustand an sich auch ist: die Energie der Schöpfung ist noch gebunden - so etwas wie einen Willen, also eine richtige, schaffende Energie, gibt es nicht. Die `Energie` besteht einzig als ein Gefühl einer Spannung, als ein präenergetischer Zustand, der erst einer Entladung bedarf, um eine höhere Existenzstufe zu erreichen, um tatsächlich Energie zu werden. Erst eine erfüllte Spannung, meint eine, die von sich selbst eine Erfahrung besitzt, vermag sich, eben durch diese Erfahrung angereichert, in die Energie des Willens zu verwandeln, die zu Veränderung des Zustandes, zu seiner Perfektionierung, zu Erschaffung (von materiellen Etwas) notwendig ist.

Rein physikalisch, also sehr allegorisch gesprochen: zwei Polen ist es gelungen, etwas über sich zu erschaffen - eine neue Energie, die sich aus der Wechselwirkung zwischen ihnen ergab. Die Mythologie vollzieht den Vorgang der Vorbereitung zur Umformung ganz schlau nach: aus dem Urzustand, aus dem Nichts, entsteht zuerst eine notwendige Spannung. Nach Hesiod war diese zuerst entstandene Tatsache Eros - die Liebe. Damit meinte er nicht jenen boshaften, (arg)listigen Gott, der später diesen Namen bekam, sondern ein abstraktes Prinzip des Verlangens. Als hätten sich jene zwei Pole auf einer höheren Ebene verbunden; gerade wie zwei Menschen, die sich im Liebesakt vereinen (um Nachkommen zu erzeugen), ohne Zweifel keine Menschen in dem Sinn sind, sondern höher angesiedelte Demiurgos - mit der Erschaffung des Kindes `bauen` sie ja eine Neue Welt.

„... der universelle `Motor`...“ nennt Pierre Grimal zusammenfassend dieses mythologische Prinzip: „Diese allumfassend treibende Kraft ruft jene ungeheuerliche Vereinigungen der kosmischen Prinzipien hervor, jene Zeugungsvorgänge, die aller Phantasie spotten und die nichts als eine ungeheure Dialektik der Schöpfung darstellen.“

Und diese Dialektik des Zustandes selbst ist nun diejenige, die den nächsten Schritt zur Entstehung von tatsächlichem Etwas einleitet...

 

 

 

 

 

 

Die Welt

 

Mit der Entstehung der Albedo hat die Schöpfung ihre NN-Stufe (Notwendigkeit als Notwendigkeit) erreicht: mit ihm kam es zu der Trinität, die alles in Bewegung setzen kann; aus zwei Polen sind somit drei Punkte geworden. Und drei Punkte sind die Mindestzahl eines geschlossenen Kreislaufes, das absolute Minimum, um eine Bewegung zu installieren.

Das trinitäre Prinzip lasse sich vorzüglich an dem Phänomen der Zeit erklären. Sie besteht aus Vergangenheit, Jetzt und Zukunft, doch sind nur zwei dieser zeitlichen Dimensionen klar fassbar: früher und später, das Jetzt ist flüchtig. Die beiden feststehenden zeitlichen Tatsachen stellen zwei konträre Pole dar, zwischen welchen die Zeit in Form von unfassbaren Zeitpunkten `fliesst` die wir als Jetzt bezeichnen. Es ist also in etwa das Gleiche, wie wenn das Nichts (das auf jedem Fall so etwas wie Vergangenheit in allen ihren Formen, also auch zeitlichen, darstellt) ein Gegenpart in Form einer Ahnung produziert, einer Ahnung von etwas anderem, also eine Zukunft, und beginnt darauf – im Jetzt/als Albedo - zuzugehen. Das Vergangene ist passe, das Kommende ist wichtig, also bewege man sich darauf zu.

Trotzdem ist nur diese Bewegung, dieses unfassbare Jetzt real. Wir leben ja ausschliesslich im Jetzt, haben immer darin gelebt und werden immer darin leben; einen Übergang aus der Vergangenheit über das Jetzt in die Zukunft ist unmöglich nachzuweisen - ohne die Uhr würden wir das Verrinnen der Zeit einzig in den Naturbewegungen beobachten können, die in der Regel an sich unsichtbar sind und nur durch Zeitraffe und -lupe zu verdeutlichen. Nur der Fluss der Zeitpunkte, die anders als Früher und Später keine Substanz besitzen, darum nicht zu präzisieren sind, schafft Veränderung und verwandelt Zukunft in Vergangenheit. Die beiden Pole gäbe es ohne den Fluss zwischen ihnen überhaupt nicht. Es ist so, als hätte sich der Fluss der Zeit selbst erschaffen, und als Abfallprodukt die zwei Pole installiert. Und doch ist das nur die Vergangenheit, die mit der Entstehung der Sehnsucht keine andere Wahl hatte, als nach der Zukunft zu greifen, und somit die Zeit überhaupt installierte.

Auf das Minimumprinzip (der drei Punkte) ist die Schöpfung schon aus dem Grund gebunden, weil das Nichts, aus dem Alles entstand, keine Energie besitzt, die es verschwenden könnte. Auch dieses Prinzip wird, wie alle schon vorhergegangene und nachfolgende determinative Elemente der Schöpfung, an die zukünftigen Äusserungen von ihr, also an das Werden selbst, vererbt. Wie die Sehnsucht, wie die kausale Dimension und Dissipativität, so werden auch die Minimum- und Trinitätsprinzipien als spezies rerum, als Wesensarten der Dinge, allem was folgt immanent bleiben. Mit allen anderen - vielen uns noch unbekannten - Spezifikationen werden sie jenen allgegenwärtig-universellen morphogenetischen Hintergrund bilden, der den holographischen Aufbau des Werdens ergibt und auf dem sich alles abspielt.

Die Mehrschichtigkeit der Welt versteht sich dann in ihrer Elementarform ausschliesslich als eine Dreischichtigkeit.

Sowohl mytho- wie auch metalogisch ist die Dreifaltigkeit der Schöpfung längst erahnt, durchschaut und beschrieben. Kaum ein Epos, kaum eine Mythologie, kaum eine Kosmogonie, kaum eine Religion, die sich nicht an einer so oder so begründeten Trinität orientiert. Nicht einmal die Primitivmythen (die der altaischen Völker etwa) kommen ohne eine dreigeteilte Einheit aus. Georges Doumezil, der sich mit den verschiedensten Mythenkonzeptionen beschäftigte, hob als eine Gemeinsamkeit besonders das Prinzip der Dreigliederung hervor, das den unzähligen Mythen als Grundlage der Handlung dient. In der ägyptischen Mythologie erfolgt der Schöpfungsakt durch eine göttliche Trinität, Sumerer hatten eine Dreiheit der Hochgötter (En = Himmel, Enlil = Luft, Enki = Erde) und die Hellenen kannten neben drei Generationen der Götter auch drei Formen der Zeit. Masdaismus weist neben drei Arten von Feuer auch die Einteilung der kosmischen Dauer in drei Zeitalter (was in etwa Teilhard de Chardins Einteilung in die Materie-, Biologie- und Denkperiode entspricht), und es sind uns auch die drei Welten der Hindu-Mythen unter dem Namen tripurasura bekannt (was wiederum der modernen Einteilung: Mikrokosmos - Kosmos - Makrokosmos gleichkommt). Mit drei Schritten hat Vishnu den Weltraum durchgemessen, weiss das `Rig Veda` zu berichten.

Ein anderer trinitärer Aspekt bietet sich hier, im Hinduismus, aus der Dualität der Natur und der menschlichen Seele an, die als Korrelat eines dritten Elements bedürfen, der die Beziehung zwischen ihnen aufrecht zu erhalten vermag. Dieses Element ist ein persönlicher (= personifizierter) Gott, der oft selbst als dreigesichtige Gottheit dargestellt wird, als eine Dreieinigkeit von Brahma, Vishnu und Shiva in ihren drei Tätigkeiten: schöpferischen (Nichts), erhaltenden (Albedo) und zerstörenden (Sehnsucht). Diese drei Aspekte sind miteinander untrennbar verbunden, um anzudeuten, dass es in der Welt eine ohne das andere nicht geben kann.

Besondere religiöse Bedeutung erfreut sich die Trinität in den christlichen Vorstellungen, wo sie in der Form von Heiligen Dreieinigkeit aus Gottvater, Gottsohn und Gottheiligergeist zu einem absoluten Postulat erhoben wurde. Interessant ist, dass die christliche Abwandlung dieser Uraltidee ihre eigentliche Fälschung ist. In der Ursprungsversion handelt es sich eindeutig um Vater, Mutter und Kind, wie dies aus der entsprechenden ägyptischen Trias hervorgeht, die, zum Beispiel in den Memphis-Mythen, aus Ptah als Gottvater, Sachmet als Göttinmutter und dem jungen Gott Nefereten bestand. Indem die christliche Lehre alle Göttlichkeitskomponenten auf einem rein männlichen Vektor konzipiert, schliesst sie die Weiblichkeit als einer Göttlichkeit unfähig aus.

Weiter ist auch nach der alchemistischen Ansicht der Körper ein Extrakt aus dem göttlichen Wort und der himmlischen Sophia; das heisst: der Stoff als das Eine, besteht aus der Seele als Zweiten und dem Geist als Dritten. Das ist also ungefähr das gleiche Prinzip das auch Lao Tse postuliert, als er das himmlische yang Prinzip von und irdisches von yin im tao zusammenfügt, aus dem die beide entwickelt sind (worin eigentlich schon eine leise Ahnung vom Einsteinschen `gekrümmten Raum` erhalten ist). Am weitesten mit der Trinität trieb es wohl die Metaphysik der Pythagoreer, welche die Drei nicht nur als heilige Zahl verehrte, sondern sie auch als Symbol der Zeugung überhaupt ansah.

Ausserhalb der Religion finden wir die Idee der Dreieinigkeit der Welt in (fast) jedem, auf dem (Nach)Denken (über die Schöpfungsgeheimnisse) basierenden, schöpferischen Aspekt der menschlichen Äusserungen. Nietzsche fand selbst in der Philosophie solch eine Trinität - er sagt das auf seine Weise: `In jeder philosophischen Secte folgen drei Denker in diesem Verhältnisse aufeinander: der erste erzeugt aus sich den Saft und Samen, der zweite zieht ihn zu Fäden aus und spinnt ein künstliches Netz, der dritte lauert in diesem Netz auf Opfer, die sich hier verfangen - und sucht von der Philosophie zu leben.`.

Was ihm aber entgangen war: er selbst war der dritte in der Konstellation Kant - Schopenhauer - Nietzsche; ohne Kant nämlich wäre Schopenhauer genauso wenig vorstellbar, wie Nietzsche ohne Schopenhauer. Auch in der Antike ist solch eine Denkertroika nachweisbar, die aus Sokrates, Platon und Aristoteles bestand. Interessanterweise aber funktionierte die moderne Troika der antiken entgegengesetzt: hier nämlich spielte Kant die Rolle des Systematikers, die Aristoteles damals spielte, und Nietzsche die geschwätzige, analytische Rolle Sokrates, während Schopenhauer und Platon so etwas wie Albedo, die Brücken, die Übergänge zwischen zwei Polen bildeten.

Eben aber am Beispiel dieser philosophischen Troikas wird die Funktionalität der Dreipunkt-Systeme extrem gut sichtbar: die antike Trias beherrschte den Geist bis in die Aufklärung hinein und bedingte schliesslich die Revolution, während die ungeheure Veränderungen, in welchen die Gesellschaft gegenwärtig steckt, beziehungsweise die noch zu erwarten sind, eindeutig von dem modernen Dreipunkt-Kreis initiiert worden sind. (Wobei es noch anzumerken ist, dass es sehr wohl auch fehlerhaft installierter Kreise geben kann, wie das aus dem Beispiel der Hegel/Marx/Lenin-Katastrophe hervorgeht.)

Nicht minder zollt die Praxis ihren Tribut an die Trinität. Im Volk genoss die Zahl Drei schon immer eine besondere Behandlung, wie dies aus den Versen Heines hervorgeht:

          Die Drei sei eine fromme Trulle

          verehrt von unseren Vätern...

Nicht zuletzt belegen die drei Gesellschaftsschichten selbst die Ahnung von dem Aufbau der Schöpfung. Wie die Trinität dem Weltbau zugrunde liegt, so ist die Gesellschaft durch ihre ganze Geschichte grundsätzlich in drei Klassen gespalten gewesen, die jede ihre eigenen Funktionen ausübte und dadurch die anderen zwei in ihren Funktionen erhielte. So heisst es im Mittelalter:

          Gott hât driu leben geschaffen,

          Geûbre, Ritter, phaffen.

Diese Einteilung, die sich auch in der Hindu-Klassifikation als brâhmanas, ksatrya und vaisya findet, ist bis heute in unseren Begriffen von Eliten/Upperclass, Mittelstand und Massen erhalten geblieben. Und es ist kaum anzunehmen, dass es der Gesellschaft je gelingen wird, daraus auszubrechen, es sei denn - und darauf werden zukünftige soziologische Bemühungen wohl allesamt hinauslaufen - uns gelingt es eine neue Dreiteilung zu spezifizieren; etwa eine, die nicht schichtweise, also unter-, beziehungsweise übereinander funktionieren, sondern (irgendwie) nebeneinander. Die Grundlage für jeden Aspekt des Werdens ist nun mal dieses bewegungswichtige Dreipunkt-System, und nichts, was funktionsfähig bleiben möchte, kann darauf verzichten.

      Zu dieser Aussage stehe ich heute (2005) allerdings nicht mehr. Drei Punkte sind ja die primitivste Form der Energie, die es überhaupt geben kann - darum bricht jede Welterscheinung, die daran basiert, sofort in sich zusammen. Die künstliche Schöpfung muss als ein unendlicher Kreis aufgebaut werden, also aus einer endlosen Anzahl von Punkten, denn nur so kann sie einen Anspruch auf die Ewigkeit erheben.

      1985 wusste ich dass noch nicht, was verständlich ist, meine Arbeit befand sich da eben in dem allerersten Aufbau.

Die drei Komponenten in ihrer Grundausführung - das Nichts, die Sehnsucht und die Albedo - ergeben also eine funktionsfähige Einheit: eine Kraft, die fähig ist, etwas hervorzubringen. Indem sich das Nichts verdoppelte wurde es drei, und daraus ist dann eine ganze Welt geworden. Eine intelligible Welt, die als Grundlage dienen wird, eine sensitive zu erschaffen.

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Mit dem Vorhandensein von Albedo, mit dieser Wechselwirkung zwischen zwei Urkomponenten der Schöpfung, war die dritte Kraft geboren. In etwa, vage symbolisch, darf man sich jene Wechselwirkung als einen Kampf vorstellen: die Spannung, welche die Sehnsucht an sich bedeutet, will sich `erfüllen`, was im Endeffekt nichts anderes bedeutet, als aufhören zu bestehen - erfüllte Sehnsucht ist nicht mehr. Die Bestrebung ist allerdings zwecklos: das Nichts selbst ist ja nicht existenzfähig. Also werden diese Entladungsversuche in Form von Albedo sofort zurückgeworfen, was die Sehnsucht verstärkt; die Sache `schaukelt` sich immer höher.

Der `Kampf` des Nichts und der Sehnsucht ist der Anfang des Werdens und der sichtbaren Welt. (`... wenn kein Streit zwischen den Dingen wäre, wäre alles eins...` sagt Empedokeles; die Antinomie ist ein fester Bestandteil der Schöpfung: ohne sie gäbe es nur eins - das Nichts.) Denn die Bewegung selbst, die durch jene `imaginäre` Wechselwirkung zustande kam, die war schon etwas sehr reales. Mögen die Komponenten, die sie verursacht haben, nach unserem Ermessen unexistent gewesen sein, so war eine Relation zwischen ihnen doch vorhanden (- ebenso wie das Jetzt zwischen an sich unexistenten Früher und Später vorhanden ist). Und mögen sie selbst noch so unerfahrbar gewesen, so wurde ihr Erfahrungsaustausch - die Bewegung vielmehr, die sich als eine Art eines Austausch von Erfahrung ergab - ein eigentlicher, meint substantieller, Wert an sich: erstes reales, das heisst `nach aussen` erfahrbares, Phänomen. Durch die gegenseitige Albedo wurde die Spannung innerhalb Nichts-Sehnsucht-Gefüges dermassen `hochgestaut`, dass es zu einer `Entladung nach Aussen` kommen musste: die angedeutete Energie, die in der Spannung steckte, materialisierte in eine richtige Energie.

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Die Monadenlehre Leibniz’ bringt in etwa die gleiche Erklärung für die Entstehung der Welt. Die Theorie geht davon aus, dass eine Substanz allein keine Ausdehnung haben kann. Die Ausdehnung verlangt nach Mehrfachen, kann folglich nur einer Anhäufung von Substanzen zugehörig sein. Das meint: unendlich viele Substanzen, jede unausgedehnt und deshalb immateriell.

Das ist einwandfreie Erklärung für die technische Verwandlung des Nichts in Etwas. Eine Substanz allein bezweckt nichts, zwei können schon eine dritte Verursachen – und das genügt.

Irgendwann dann wird es in der Welt tatsächlich unendlich viele Substanzen geben, unendlich viele Erfahrungen, und das wird dann das Ende der Welt bedeuten, der eingestammten Welt freilich, denn in jenem Augenblick wird eine Transzendierung in die Ewigkeitsdimension erfolgen: die alte Welt wird nicht mehr.

(Obwohl es dazu vielleicht überhaupt nicht kommen wird. Der Mensch hatte die Schöpfungsbewegung kurzgeschlossen, ihr den eigenen Willen aufgezwungen. Vielleicht wird sein superiorer Nachkomme es tatsächlich schaffen eine künstliche Ewigkeit / End- und Grenzenlosigkeit zu installieren.)

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Jenes `nach aussen` bedeutet: ausserhalb des eigentlichen Beziehungsgefüges. Das heisst, die Summe der Erfahrungen der Einzelkomponenten voneinander war fähig, Etwas zu ergeben, denn diese Summe war mehr, eine Dimension mehr, als die zwei Komponenten. So ergeben 1+1+1 auch hier nur 3 als Resultat, doch ist diese 3 (schon von der Benennung her) etwas ganz anders als 1+1+1. Und da sie eine Einheit jener drei Dimensionen bildete, so kommt hier noch ein Mehr, eben ein Etwas dazu.

Die Schöpfung bestätigt somit jenes mathematische Axiom `das Ganze ist allen Teilen zusammengenommen gleich` nicht. Sie ist eindeutig eine `Mehr-sein-als-Schein`-Angelegenheit. Sie funktionierte eben nur dadurch, dass die Summe ihrer Teile um eine ganze Dimension grösser ist, als die Teile zusammen ergeben. Um diesen Synergieeffekt zu verdeutlichen bedienen wir uns einer Art von Mengenlehre: eine Birne + ein Apfel + ein Pfirsich ergeben nicht nur drei Früchte, sondern auch eine Marmelade, also etwas, was sowohl die Summe aller drei Früchte ist, wie auch etwas einzelnes, spezifisches, ganz neues. Natürlich ist die Bewegung an sich immer noch kein Etwas. Rein praktisch ist sie solange ein Nonsens, bis sie keine Dauer hat, beziehungsweise von keinem räumlichen Körper realisiert wird, beziehungsweise beides zusammen. Sie dürfte genauso gut überhaupt nicht vorhanden sein, doch sie ist nunmal vorhanden - das Nichts und die Sehnsucht spiegeln sich ja ineinander -, und das ist ein ebenso unhaltbarer Zustand, wie die Existenz des reinen Nichts. Und genauso sehnsuchtsvoll wie damals das Nichts seine Identität zu bestätigen suchte, so strebt auch diese Bewegung zu ihrer Realisation. Die angestaute Spannung der Bewegung ergibt darum als eigener Gegenpol die reale Energie. Die Bipolarität zwischen der energetischen Spannung des ursprünglichen Gefüges und realer Energie führt nun zu einer neuen Albedo.

Diese Albedo ist dann bereits eine reale Erscheinung: die Energie materialisiert, wird körnig, womit die Bewegung sowohl körperlich wie dauerhaft (= zeitlich) realisiert wird. Das kann man auch bildlich verstehen, in etwa am Beispiel der Milch, die unter bestimmten Bedingungen gerinnt, somit aus einem flüssigen (= nicht festen) Zustand in ein fester transzendiert. Die bestimmten Bedingungen lagen auch in diesem Fall vor: sonst hätte sich die Schöpfung ohne Zweifel zu einer anderen Schöpfung entwickelt...

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Körnige Energie ist ein Übergangsstadium, der in sich alles enthält: sowohl das Vergangene wie das Kommende. Alle Modi des zukünftigen Universums sind darin eingespeichert. Diese Urpartikelchen entsprechen wohl den Monaden Brunos und Leibniz’: jede ein ganzes Universum an sich, jede das ganze Universum, alles andere enthaltend.

Es gibt aber nur eine einzige Monade, die sich unzählige Male in sich selbst widerspiegelt und jede dieser Widerspiegelungen ist anders.

Monaden sind also die zuerst entstandenen körnigen Teilchen. In ihnen sind die Prinzipien der Entstehung eingespeichert, nach welchen sich nun alles zu entwickeln hat. Nach Rupert Sheldrake sind die Monaden das Denken und die Gedächtnis der Schöpfung. Auch das so genannte `Gesetz der Serie` ist wohl eine Auswirkung der Morphogenetik, die `durch Erfahrung` `lernt`, und bestimmte Muster wiederholt.

Morphogenetische Felder ergeben sich aus den Wechselwirkungen, welche die Monaden untereinander eingehen. Die Schöpfung ist ein Netz aus Variablen, die sich jedes Augenblicks neu aus sich selbst ergeben, dabei eine Zunahme an Komplexität erfahren.

Höhere Komplexität bedeutet eine Zunahme an Sehnsucht, weil die Komplexität eben die Zunahme an Monaden bedeutet. Da die Monaden so etwas wie Keimträger der Schöpfungsidee sind (jede trägt so etwas wie einen ideellen genetischen Strang in sich) so bedeutet ihre Kumulierung zugleich auch höhere, stärkere Sehnsucht.

In jeder dieser Substanzen war die ganze Substanz des Werdens eingefangen, alle Prinzipien. Hiermit bekommt Schopenhauer mit seiner Behauptung („Die Zeit kann keinen Anfang haben und keine Ursache kann die erste sein“) also doch recht: keine Ursache war die erste (weil das Nichts keine Ursache ist), und auch die Zeit hatte keinen Anfang, weil sie sich mit den aufkommenden Ursachen zusammenentwickelte.

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... Körnige Energie, das bedeutet in der Sprache der Physik so etwas, wie Energiepakete. Diese haben nur noch halbwegs etwas mit dem Gefühl und der Idee gemeinsam, die sie hervorgebracht hatte: mit anderem Bein befinden sich diese wahrhaftigen Phantomgebilden bereits in der realen, materiellen Welt, die sich nun in einer relativ beeindruckenden Eruption selbst erschafft, indem sie jene Energiepakete zu ersten Teilchen und Atomen zusammenbackt, gleichzeitig den, dafür notwendigen, Raum um sich `erschaffend`.

Diese Bivalenz, die Doppelwertigkeit der Teilchenerscheinung, die dem Nichts und der ideellen Welt verhaftet, doch trotzdem die reale Welt bilden, ist wohl an der Unschärfe-Relation Heisenbergs `schuldig`: man kann sie eben entweder in der diesseitigen Welt als Materie erfahren - da aber rein statisch -, oder aber transzendental als Energie erahnen – als eine substanzlose Bewegung also. Dieses Phänomen liegt gleichfalls dem fliessenden Prinzip der Schöpfung zugrunde, wo auch nichts eindeutig bestimmt sein kann und sich ständig im Übergangsstadium befindet. So darf man behaupten, weder die ideelle, noch die materielle Welt sei real, sondern einzig diese flüchtige, durch nichts nachweisbare, uneinsehbare Welt des ständigen Übergangs. Das gleiche, wir erinnern uns, ist auch mit der Zeit der Fall: das unfassbare Jetzt ist die einzige Realität, die es gibt.

Gelegentlich der Weltentstehung ist es übrigens kaum angebracht, von einer Explosion zu reden. Die Dissipativität des Vorgangs/der Vorgänge kann nur innerhalb eines kulminativen Kontinuums gewährleistet bleiben, auch diese Entstehung geschah rein evolutiv. Konrad Lorenz benutzt dafür einen Terminus der theistischen Philosophie: fulguratio, was `Blitzstrahl` bedeutet. Noch zutreffender wäre vielleicht von einem Springbrunnen zu reden, der drei Wasserbilder - gleichzeitig aber auseinander entwickelt - von sich selbst produziert, eher er zurück in sich zusammenbricht.

Diese drei Bilder sind ein Tribut an die trinitär aufgebaute Bewegungsenergie des perpetuum mobiles der Schöpfung. Durch die Materialisation formierte die Schöpfungsbewegung - wie gesagt: zugleich aber auseinander entwickelt - drei Räume in der Zeit, durch die sie sich bis zum Ausgangspunkt vorwärts fortpflanzen kann. Auf der Ebene der reinen Materie formierte sich der Mikrokosmos, ein Paneel auf dem die Atome als Systeme erscheinen, mit dem Kern als Sonne und Elektronen als Planeten. Spekulativ wäre anzunehmen, dass diese Dimension, genauso wie die makrokosmische, keine Zeit kennt: die Materie sollte ja, ebenso wie der Raum und im Gegensatz zur eigentlichen, biologischen Bewegung, ewig sein. Die Zeit dimensioniert und beeinflusst erst die nächst höhere Schöpfungsebene, wo alle wirkliche Bewegung stattfindet, wo das Werden und Vergehen nur auf der Basis der Zeit möglich sind: der Kosmos, die sichtbare, erfahrbare, sensitive Welt in der wir leben (- und sterben), die Welt des fliessenden Überganges. Der eigentliche Raum, das Makrokosmos, ist dann wieder der ursprüngliche Mikrokosmos, nun von der anderen Seite gesehen (Gekrümmter Raum), wo die Sonnen die Atomkerne abgeben, während die Planeten die Elektronen darstellen. In dieser Welt sind die Galaxien folglich Molekülen, ihre Ansammlungen in Form von Galaxienhaufen bilden Zellen, während die Clusters die Organe des Schöpfungkörpers darstellen.

Eine Ahnung von solchem Aufbau der Welt geistert schon seit langem durch die Köpfe der Menschheit. In seiner Kosmologie fragt sich Kant ob die Sternenansammlungen höher organisierte Körper bilden, Dostojewski meint, dass die Sternbilder vielleicht nur chemische Molekülen sind, und Teilhard de Chardin stellt fest, dass die Sternemassen „... jene ungeheuren Einheiten...“ sich „...gewissermassen wie Atome verhalten.“

Die Spekulation über die Unwirksamkeit der Zeit in der unter- und übergeordneten Dimension gründet sich übrigens auf der Tatsache, dass die Temporarität des Mikro- und Makrokosmos scheinbar synchron mit der des Kosmos abläuft, was an sich nicht der Fall sein sollte, weil sich die Physik der beiden Dimensionen sowohl von der Physik unserer Dimension wie auch untereinander unterscheiden. So darf man annehmen, dass ihre Zeit einfach von dem Kosmos `ausgeliehen` ist.

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Sobald der Schöpfungskreislauf durch erreichen, beziehungsweise durch erschaffen des, dazu notwendigen, dritten Punktes geschlossen wird, `fällt` er wieder in sich zusammen, wird zum ursprünglichen Nichts - das muss einfach so sein, weil es keine wirkliche Energie gibt, die zum Fortwähren eines ewigen Kontinuums nötig ist (– die Energie eines Nichts ist nicht wirklich, sie kann nur phantomhaft sein, darum ist auch die, auf der Basis entstandene, Schöpfung nur ein Phantom).

Nun geht es wieder von vorne: eine neue Sehnsucht wächst, produziert und steigert die Spannung, bis es wieder zu neuem Impuls zur Erschaffung einer neuen, erfahrbaren Realität kommt, die sich begibt, einen neuen, `ewigen` Kreis auszuführen - so lange ihr Impuls reicht, bis wieder ins Nichts hinein. Und dann wieder vom Neuen: neue Sehnsucht, neuer Impuls, neue Welt... Bis in alle Ewigkeit. Jedenfalls entsteht auf jedem Punkt der Bewegung eine neue Welt, und die ist um eine Idee perfekter und komplexer als die Welt davor. (Das ist also in etwa so, wie wenn ein Lichtstrahl die Zeilen einer Bildröhre `abtastet`, um dadurch ein Bild zu produzieren, um wieder von vorne zu beginnen, und so fort, wobei die Handlung, die sich aus den Bildern ergibt, zunehmend kompliziert.) Wie `Völuspa` es verkündet, kommt aus dem, aus der Götterdämmerung und Weltuntergang entstandenen Nichts, sofort eine neue Welt hervor.

In der ägyptischen Mythologie gibt es eine Episode, die tiefe diesbezügliche Kenntnisse der verborgenen Zusammenhänge verrät. Da wird der tote Osiris von seinem Sohn Horus zu neuem Leben erweckt - genauso wird das, nach der Geburt einer Welt `gestorbene`, Nichts, der `Vater` des Werdens, gerade von ihm zu neuem Leben `erweckt`, zur neuen Schöpfung angeregt.

Eigentliche Situation ist freilich um einiges verzwickter, was Lao Tse zu einer an sich paradoxen Überlegung veranlasst: wenn es einen Anfang gegeben hat, dann hat es auch eine Zeit vor diesem Anfang gegeben, und wenn es eine Zeit gegeben hat, in der das Nichts vorhanden war, muss es auch eine Zeit gegeben haben, in der nicht einmal dieses Nichts vorhanden war. So paradox, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist die Überlegung nicht. Lao Tse hatte hiermit das Prinzip erfasst, das wir `pulsierendes Universum` nennen: der Zustand, in dem nicht einmal Nichts da war, war eben der Zustand, wo Etwas da war.

In so fern irrte die ägyptische Mythologie: die Schöpfung ist mitnichten (nur) der Sohn, sie ist zugleich der Vater des Nichts. Auch diese so verzwickt anmutende Situation ist bei weitem nicht so verzwickt und leicht erklärbar; wie wir gesehen haben, ist der Makrokosmos, von einem anderen Standpunkt gesehen, zugleich das, was wir als Mikrokosmos bezeichnen. Diese Ambivalenz leitet sich aus der Paradoxa des geschlossenen Kreises (das man sich in etwa als einen komplizierten, rund um in sich geschlossenen, Möbiusschen Band vorstellen muss - Einstein nannte das Phänomen `gekrümmter Raum`), wo Eins zweipolig wird, um dadurch das Dritte, die Schöpfung, die Welt, zu erschaffen. Omnia in duos, duo in unum, unum in nihili! hiess es in einem alchemistischen Diktum.

Ohne ein Werden, das ist absolut sicher, gäbe es auch kein Nichts; eine Behauptung, die ihrerseits dadurch belegt ist, dass es ohne ein Nichts genauso wenig ein Etwas geben kann, wie ohne Etwas ein Nichts. Sie bedingen sich wie Auge und Sehen. Gäbe es das Etwas nicht, so gäbe es in der Tat nur nichts, dann wäre auch die Idee unvorstellbar. Da aber eine Unvorstellbarkeit eben unvorstellbar ist, so muss es sowohl Idee, wie Nichts und Etwas geben. Darum ist eine andere Konstellation der ägyptischen Mythologie wesentlich exakter, wenn es darum geht, die wahren Zustände aufzudecken. Da wird die Morgensonne, die sich beim Aufgang in ihrer neugeborenen Form manifestiert, als chepre bezeichnet (abgeleitet vom Verbum cheper - werden), und die Abendsonne, die ihren Lauf vollendet hat, als atum, der als Prinzip des Neuanfangs galt: indem die Sonne stirbt, bedingt sie einen Neuanfang. Auch die Upanishaden stellen das Eine, das Absolute, bald manifest, bald nicht. Indem der Zustand eintritt, wo alles brâhma ist, wird die Welt erschaffen, anderseits existiert die Welt nicht. Der Vorgang ist zyklisch.

Von der Wissenschaft erarbeitetes Modell des pulsierenden Weltalls schätzt eine Pulsationsdauer auf etwa achtzig Milliarden Jahre. So lange dauert in einer rein zeitlichen Dimension eine Reifereise einer Schöpfungsinertion durch eine Linearwelt (wobei diese Linearwelt wegen des Zeitflusses als euklidisch definierte Linie, als eine `Länge ohne Breite` angesehen werden darf). Die Linearität unserer, zeitlichen, Welt wird wohl die Ursache dafür sein, dass die Welt, in der wir leben, nicht als gekrümmter Raum erlebt werden kann. Erst alle drei Welten/Räume ergeben die, uns bekannte Dreidimensionalität und als (für uns unfassbare) summa summarum, die Multidimensionalität, in der sich alle tatsächlichen Schöpfungsvorgänge (absolut gleichzeitig) abspielen.

Für das Nichts, das zwischen zwei seiner fulguratios zeitlos unexistent ist, erfolgt aus Mangels an Zeit eine fulguratio auf andere; es pulsiert immer und ewig: Nichts-Etwas-Nichts-Etwas-Nichts-Etwas... Usw. usf... Immer dieses 0 ¬ 1... Ein sinnloser, gnadenloser Computer. Der Paradoxie dieser sinnmissenden `Maschinerie` entsprechend, existiert diese, nacheinander pulsierende Linearität keinesfalls hintereinander. Weil dem Nichts weder die Zeit, noch eine Chronologie (im Sinn von ihrem Verlauf) Begriffe sind, verlaufen die Pulsationen als Bewegung parallel ab - müssen sie gleichzeitig ablaufen.

Denn auch das Etwas ist ohne eine eigentliche Dauer. Die Zeit ergibt sich nur innerhalb des Phänomens infolge der chronologischen Ausbreitung des Raums. Von `Aussen` ist davon nichts zu sehen: das Etwas vergeht in gleicher Weise wie das Nichts auch - sobald es entsteht. In dieser Überlegung dürfte man dann noch eine Bestätigung der Vermutung sehen, dass das Universum pulsiert.

Ein Etwas ohne Dauer ergibt nun geradezu groteske Vorstellungen, so von der Gleichzeitigkeit aller historischen Ereignisse. Im gleichen Augenblick, in dem die Quanten entstehen, produzieren sie die Materie, die sich, absolut synchron, zu den Sternen klumpt, die sofort auch die Bedingungen der Perfektionierung besitzen, erste kristalline Formen Aminosäure `erfinden`, das Leben erscheint und blüht, Neandertaler kämpft in Bosnien, Kosovo und Tschetschenien (sic!) und so weiter... Kann man sich vorstellen, dass in einer anderen Wirklichkeit, eben in diesem Augenblick, eben auf dieser Stelle hier auf dem Sofa gegenüber, unserer urzeitlicher Urahn vor seinem gemütlichen Sippenfeuer sitzt?

Das ist der Grund für die Ambivalenz der Welt und für die Tatsache, dass sie gleichzeitig sowohl existiert, wie auch nicht. Das ist auch der Grund, dass es eine Zeit eigentlich nicht gibt: sie ist eine physikalische Illusion, von der Bewegung als Hilfsmittel ihrer Ausbreitung aufgestellt. Eigentlich erinnert das Ding ans Kino, wo in einer Endlospulsation von Licht (fulguratio) und Dunkel (Zusammenbruch), eine Illusion einer Bewegung, eines zeitlichen Ablaufes entsteht.

Mit anderen Worten: uns scheint es nur, dass seit der Entstehung der Welt fünfzehn Milliarden Jahre vergangen sind; das ist nur die aktuelle Dauer der diesseitigen Bewegung. Mit der wahren Dauer der ganzen Sache hat das Null zu tun: an sich haben weder Diesseits noch Jenseits irgendeine Dauer, sie sind nur zwei Ansichten des Nichts, und das ist zeitlos.

Übrigens: von dieser Tatsache ausgehend lasse sich die Konstruktion der zukünftigen, menschlichen Schöpfung bestimmen: sie wird in einer Realzeit ewig, das heisst, sie wird ohne irgendeine periodische Unterbrechung (wie Tod oder Teufel oder sonst was) einfach dauern. Dadurch aber eben wird sie einen realen Unterschied zu dem zeitlosen Nichts ergeben, es somit überflüssig machend.

Das unscheinbare Nichts hatte sich also hier dreidimensional mit Hilfe von einer vierten Dimension zu einem multidimensionalen, scheinbaren Etwas aufgebauscht, um jenseits der Lichtgeschwindigkeit, jenseits der Illusion der Zeit also, zu verglühen und in der eigenen Transzendenz unterzugehen, um wieder im Nichts zu versinken, um wiederum ein Etwas initiieren zu können. In etwa so, wie ra von atum und dieser wieder von ra abgelöst wird, wie die Sonne, die tagaus-tagein auf- und untergeht.

Eine halbstarke Idee, möchte man spotten, entliess ein paradoxer (Alp-)Traum von sich selbst - aber total: im nuancierten Technicolor, Dolby-Multisound, vieldimensionalen Circarama und mit Aroma aller Gewürzinseln angereichert. Denn diese grossartige Illusion der Allmacht, die da auf die Reise geht, muss keine allzu imposante Erscheinung sein; nach einem hypothetischen, übergeordneten Massstab müsste sie nicht einmal das Format und die Kraft eines mikroskopischen Seifenbläschens haben - woher könnte ein absolutes Nichts die Energie für etwas Grossartigeres aufbringen? (Cusanus meinte, die Welt wäre wie ein ausdehnungsloser Punkt unsichtbar, wäre es nur möglich, einen Standort ausserhalb ihr zu finden.) Dass es uns als eine ungeheure Allmacht erscheint, ergibt sich aus unserer untergeordneten Rolle innerhalb des Ganzen. In dem Bläschen eingeschlossen, selbst noch viel weniger als ein Nichts, sind wir nur ahnungslose Objekte dieser skurrilen Idee: ohne Überblick, ohne irgendeine tatsächliche Ahnung.

Die ganze Erscheinung präsentiert sich zudem als eine arme Waise: sich selbst überlassen kennt sie weder Furcht noch Trost, noch Moral noch anders ausgeartete Ethik. So sinnlos funktionell, so heiter traurig, so real eingebildet, läuft sie wie auf einen wahnwitzigen LSD-Trip `ihre Zeit` ab, kollabiert dann von einer Explosion des Lichtes begleitet in sich zusammen, zum unfassbaren Nichts zurück, um gleichzeitig, wie ein Vogel Phönix, aus eigener Asche wiederzuerstehen...

Das Universum: eine Ausgeburt des Wahn(Nichts)sinns(Etwas)?

 

 

 

 

 

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